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Willkommen auf meinem Blog, der Vernetzung von „Kulturgut 文化财富“ mit dem täglichen Leben, einer Ergänzung zu meiner Webseite. Hier finden Sie regelmäßig meine Sicht des Lebens in Beijing und China, in Hamburg und Deutschland – rein subjektiv und selektiv. Ich schreibe meist auf Deutsch, setze aber auf die internationale Sprache der Bilder, weshalb auch die Tags zweisprachig sind.

Viel Spaß wünscht Stefanie Thiedig.

欢迎访问我的博客,它不仅是"Kulturgut 文化财富"与日常生活的网络展现,同时也是对我个人主页的补充。在这里我会定期地以纯粹主观并带有选择性地的视角来观察北京和中国。大部分的时候我是用德语来撰写文字,但同时对图片也加注国际语言已达到标签双语效果。

由甲祝您好!

Dienstag, 4. Januar 2022
Hamburg: Benin-Kunst und China-Porzellan, Winter 2021/22

Gedenkkopf eines Königs Uhunmwun Elao | Commemorative Head of a King Uhunmwun Elao. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Detail, Gelbguss, 19. Jh.; Ankauf von J. F. Blech, 1898.

Raubkunst aus Benin

Zehn deutsche Museen sind mit 1163 Artefakten der Benin-Bronzen aktuell auf der Website der Ende 2019 beschlossenen und Mitte 2020 eingerichteten Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland gelistet. Drei Jahre soll die Kontaktstelle als Pilotprojekt vorerst laufen. Einige der Museen präsentieren aus diesem Anlass gegenwärtig ihre Sammlungsobjekte insbesondere der prominenten Benin-Bronzen. Die größte Sammlung befindet sich im Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, weitere Werke sind in Dresden, Köln, Stuttgart, Bremen usw.

179 Kunstwerke besitzt das Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt (MARKK, bis 2018 Völkerkundemuseum Hamburg), die jetzt ausgestellt sind in Benin: Geraubte Geschichte, 17.12.2021 bis voraussichtlich Ende 2022, wenn spätestens restituiert werden soll.

Zu sehen gibt es Gedenkköpfe, Zeremonienstäbe, Relieftafeln und vieles mehr. Ich habe Pfeilspitzen und Speere, Krüge und weitere Utensilien übersprungen und mich von den Tier- und Menschenfiguren einfangen lassen.


Gedenkkopf im Udo-Stil | Commemorative Head in Udo-Style. Unbekannte Bronzegießerwerkstatt Udo, Königreich Benin (?), Nigeria; Gelbguss, 16. Jh.; Ankauf von Adolf Heemke, 1904.


(Rechts) Gedenkkopf eines Königs Uhunmwun Elao | Commemorative Head of a King Uhunmwun Elao. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 19. Jh.; Ankauf von J. F. Blech, 1898.
(Links) Sorry, habe die Daten für die Gefährtin(?) nicht mit aufgenommen, ich war zu fasziniert von den Klangstöckchen für die königlichen Pupillen; Detail s. erstes Bild dieses Blogposts.


Köpfchen mit drei Füßen | Small Head with three Feet. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 16./17. Jh.; Ankauf von John Paul Frisch, 1903.


Fehlguss eines Leoparden | Miscast of a Leopard. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 19. Jh.; Ankauf von Hugo Warnholtz, 1901.


Osun-Stab | Osun Staff. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Detail, Gelbguss, 18. Jh.; Ankauf von Friedrich Erdmann, 1898.

Die folgenden Figuren habe ich aus ihrer Ausstellungsreihenfolge entnommen und zusammengestellt, weil sie alle einen wundersamen Ansatz auf dem Kopf tragen. Dieser wird jeweils in den Begleittexten der Ausstellungsschilder ganz unterschiedlich interpretiert, als Dorn mit unbekannter Bedeutung, als Ritus, als Frisur oder Stützsporn. Vielleicht handelt es sich einfach um die bildliche Erhöhung einer Persönlichkeit wie bei Polizeimützen oder Pickelhauben?


Gedenkkopf mit Dornfortsatz | Commemorative Head with Protrusion. Unbekannte Bronzegießerwerkstatt, Königreich Mahin (?), Nigeria; Gelbguss, 16./17. Jh.; Ankauf von John Paul Frisch, 1903.

Im Werkstitel als „Dornfortsatz“ bezeichnet, heißt es im Begleittext: „Heute erinnern sich weder Angehörige des Königshauses noch weise Ältere an solche Köpfe.“


Bronzehorn mit Beilklingen | Bronze Horn with Axe Blades. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 18. Jh.; Ankauf von Oskar Kaiser, 1904.

Hier heißt es im Begleittext: „Das schwere Horn ist wohl keine ‚Zeremonialkeule für Menschenopfer’, wie man im frühen 20. Jh., den vorherrschenden Vorurteilen entsprechend, angenommen hatte. Es diente vermutlich auch nicht als Blasinstrument, sondern für einen anderen rituellen Zweck.“


Stab mit Reiterfigur | Hand-Held Clapper with Horserider Figure. Unbekannter Künstler der Elfenbeinschnitzergilde Igbesanmwan, Königreich Benin, Nigeria; Elfenbein, 18. Jh.; Ankauf von Fritz Lüttge, 1901.

Im Begleittext wird nur auf den Stab an sich (hier ist der Haltegriff nur im Ansatz unten abgelichtet) und auf seine zeremonielle Bedeutung eingegangen, nicht auf den Pinökel auf dem Kopf der Figur.


(V. l. n. r.)
– Figur eines Oba mit Eben-Schwert | Figure of an Oba with Eben Sword. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 18./19. Jh.; Ankauf vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 1899.
– Figur einer Königinmutter | Figure of a Queen Mother. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 18. Jh.; Ankauf von Albert Engelhardt, 1904.
– Fragment eines Altarstückes mit Kriegern | Altar Piece (Fragment): Group of Warriors. Unbekannte Bronzegießerwerkstatt, Königreich Benin (?), Nigeria; Gelbguss, 15./16. Jh. (?); Ankauf von Adolf Heemke, 1904.
– Kleine Frauenfigur mit Pfeife | Figurine of a Woman with a Pipe. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 19. Jh.; Ankauf von Tierexport Theodor Knywel, 1911.

Im Begleittext heißt es zur Königinmutter (2. v. l.): „Charakteristisch für Darstellungen der Königinmutter ist die hohe, leicht nach vorne gebogene und mit einem Korallennetz überzogene Frisur.“


Altarfigur eines Königs | Altar Figure of a King. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 19. Jh.; Ankauf vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 1898.

Dieser ist noch am einleuchtendsten, weil einfach pragmatisch: „In der höfischen Kunst Benins gibt es kaum freistehende Königsfiguren. Diese beschädigte Figur entspricht einer Gruppe von Königsfiguren, die allesamt mit einem Sporn versehen sind. Mit diesem wurden sie vermutlich in den Lehmaltar gesteckt, um auf diese Weise eine Verbindung zum Inneren desselben herzustellen.“


Altarglocke mit menschlichem Gesicht | Altar Bell with Human Face. Unbekannte Bronzegießerwerkstatt, Niger Delta, Königreich Benin (?), Küstenregion (?), Nigeria; Gelbguss, 18./19. Jh.; Ankauf von Friedrich Erdmann, 1898.


Hängelampe | Fendant Lamp. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 18./19. Jh.; Ankauf von John Lembcke, 1905.


Kleiner Leopard an Kette mit Haken | Small Leopard on Chain with a Hook. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 18./19. Jh. (?); Ankauf von Friedrich Erdmann, 1898.


Holzschachtel in Form eines Welses | Mudfish Box. Unbekannter Omada-Künstler, Königreich Benin, Nigeria; Holz, 19. Jh.; Ankauf von W. D. Webster, 1900.


Deckelgefäß in Form eines Antilopenkopfes | Lidded Box in the Shape of an Antelope Head. Unbekannter Omada-Künstler, Königreich Benin, Nigeria; Holz und Messingnägel, 16./17. Jh.; Ankauf von Fritz Lüttge, 1901.


Gefäß in Form einer knienden Figur | Flask: Kneeling Figure. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 18./19. Jh.; Ankauf von F. W. Reichert, 1903.


(V. l. n. r.)
– Kleine Hahnenfigur | Rooster Figurine. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 19. Jh.; Ankauf vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 1898.
– Kleine Vogelfigur | Bird Figurine. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 19. Jh.; Ankauf von John Lembcke, 1899.
– Anhängerfigur eines Wahrsagevogels | Pendant Figurine: Bird of Prophecy. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 19. Jh.; Ankauf von John Lembcke, 1899.
– Tontöpfchen | Small Clay Pot. Unbekannte Werkstatt, Königreich Benin, Nigeria; Keramik, 19. Jh.; Ankauf vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 1898.


(V. l. n. r.)
– Oberkörper einer männlichen Figur mit Opferfrucht (Fehlguss) | Torso of a Man with Sacrificial Fruit (Miscast). Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 19. Jh.; Ankauf von Julius Konietzko, 1911.
– Kleine Figur eines Kriegsherrn | Figurine of a Warrior Chief. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 18./19. Jh.; Ankauf von John Lembcke, 1899.
– Fehlguss eines Würdenträgers | Miscast of a Dignitary. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 19. Jh.; Ankauf von John Lembcke, 1899.


Aquamanille in Gestalt eines sitzenden Leoparden | Aquamanile in the Shape of a Seated Leopard. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 16.–18. Jh.; Ankauf von John Lembcke, 1899.


Klangstab mit Wahrsagevogel (Fragment) | Staff with Bird of Prophecy (Fragment). Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 18./19. Jh.; Ankauf vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 1899.


Figurengruppe: König mit zwei Begleitern | Figure Group: King with two Attendants. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, spätes 19./ frühes 20. Jh.; Ankauf 1968.


Figurengruppe: Oba mit zwei Würdenträgern | Figure Group: Oba with two Dignitaries. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 16./17. Jh.; Ankauf von Friedrich Erdmann, 1898.


Armmanschette mit Portugiesendarstellungen | Armcuff with Portuguese Heads. Unbekannte Werkstatt der Elfenbeinschnitzergilde Igbesanmwan, Königreich Benin, Nigeria; Elfenbein, 18./19. Jh. (?); Ankauf vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 1898.


Anhänger mit zwei Portugiesen und Leopardenkopf | Pendant: Two Portuguese and a Leopard Head. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 16./17. Jh.; Ankauf von John Lembcke, 1899.

Über der Wand mit der ausgestellten Reihe Reliefplatten ist ein Zitat angebracht:

„‚Er ist in viele feine Paläste, Häuser und Räume für Höflinge unterteilt, und besitzt schöne rechteckige Laubengänge in vergleichbarer Größe zur Börse von Amsterdam, manche größer als andere, getragen von hölzernen Säulen, die von oben bis unten mit gegossenem Kupfer überzogen sind, auf denen die Kriegstaten und Kampfszenen geschnitzt sind.’
Über das königliche Palast-Gelände (Dapper 1668)“


Reliefplatte: Szene des Idah-Krieges | Relief Plaque: Idah War Scene. Meister der Schlachten, unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 16./17. Jh.; Ankauf vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 2021.


Ebd., Detail.
Das Schlachtpferd ragt etwa fünf Zentimeter aus dem Relief heraus, sehr beeindruckend ist auch, wie der Krieger von der Seite auf dem Pferdehals zu sitzen scheint und von vorne wie im direkten Angriff wirkt.


Reliefplatte mit Osuan und zwei Emuru | Relief Plaque: Osuan with two Emuru. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 16./17. Jh.; Ankauf vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 2021.


Reliefplatte: König mit zwei Würdenträgern | Relief Plaque: Oba with two Dignitaries. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 16./17. Jh.; Ankauf von John Lembcke, 1900.

Dazu wurde hinten und im Zentrum der Ausstellung ein zeitgenössisches Werk präsentiert, die Leihgabe eines Künstlers aus dem ehemaligen Benin. Kann man machen, netter wäre wohl noch gewesen, hätte man die Arbeit erstanden. Aber auch ich muss um Entschuldigung bitten, weil das Bild unscharf geworden ist:


Victor Ehikhamenor: Ich bin Ogiso, der König vom Himmel | I am Ogiso, the King from Heaven. Rosenkranzperlen und Faden auf Spitzentextil, 2017.


Kopf und Körperteil einer Schlangenskulptur | Body Fragment and Head of a Snake Sculpture. Unbekannte Werkstatt der Bronzegießergilde Igun Eronmwon, Königreich Benin, Nigeria; Gelbguss, 17./18. Jh.; Ankauf von Fritz Stahl, 1903, und Oskar Kaiser, 1904.

Die Artefakte lassen mich an die aus Sanxingdui 三星堆 des alten Shu-Königreichs in der Nähe des heutigen Chengdu von ein paar Jahrtausenden zuvor denken. Besonders die mysteriösen Kopferweiterungen der Benin erinnern mich in ihrer Unbegreiflichkeit an die hervorstehenden Augen der Shu.

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Figurenpaar Hehe Erxian | A Pair of Figures of Hehe Erxian. Porzellan mit Aufglasurfarben auf unglasiertem Scherben (émail sur biscuit), China, Kangxi-Ära (1662–1772); Schenkung von Harold und Ingeborg Hartog, Hamburg (2008).

Porzellan aus China

Im Museum für Kunst und Gewerbe läuft Made in China! Porzellan, 2.10.2020 bis Oktober 2023 (verlängert).

Ich nehme natürlich alles mit, wo China draufsteht, um wenigstens mit den Augen reisen zu können. Gezeigt werden Porzellane aus China aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Es geht insbesondere um solche mit kaiserlichen Insignien, außerdem um einige speziell für den Export hergestellte Waren. Auch hier geht es um Provenienzen, mit einem kurzen Verweis zwischendurch und Angaben auf den Ausstellungsschildern. Dazu gibt es eine übersichtliche Zeitleiste, die die Entwicklung von Porzellan schildert, in China und Europa gegliedert. Dort ist etwa für 1871 zu lesen: „Der französische Sammler Albert Jacquemart unterteilt chinesische Porzellane mit Aufglasurfarben entsprechend der dominierenden Farbe in: famille verte (grüne Familie), famille jaune (gelbe Familie), famille noire (schwarze Familie) und famille rose (rosa Familie). Diese Begriffe werden heute neben chinesischen Begriffen wie doucai [斗彩, Kobaltblau], wucai [五彩, steht heute für bunt, damit sind die fünf chinesischen Hauptfarben gemeint: weiß, schwarz, rot, gelb und blau], yangcai [洋彩, ausländische Farben] etc. verwendet.“ Das gilt natürlich für das heimische Publikum.

Aus der Ming-Dynastie (1368–1644; ohne genauere Angaben):


Deckeltopf | Lidded Jar. Porzellan mit Bemalung in Kobaltblau unter der Glasur und Deckel aus Ebenholz; Vorbesitz: Dr. E. A. Voretzsch, Hamburg (1912).

Aus der Xuande-Ära (1426–35):


Vase mit Qilin in Wellen | Vase with Qilin Between Waves. Porzellan mit Bemalung in Kobaltblau und Kupferrot unter der Glasur; Schenkung von Jan Philipp Reemtsma, Hamburg (1996).

Aus der Jiajing-Ära (1522–66):


Topf mit Drachen über dem Weltberg | Jar with Dragons above World Mountain. Porzellan mit gelber Emailfarbe und Aufglasurfarben in Schwarz und Rot. Schenkung von I. Salomonsen (1878).


Teller mit Wellen | Dish with Waves. Porzellan mit Bemalung in Kobaltblau unter der Glasur. Schenkung von Jan Philipp Reemtsma, Hamburg (1996).

Aus der Wanlin-Ära (1573–1620):


Teller mit Zhong Kui | Plate with Zhong Kui. Porzellan mit Bemalung in Kobaltblau unter der Glasur und Aufglasurfarben (wucai); Schenkung von Harold und Ingeborg Hartog, Hamburg (1990).


Ein Paar Luohan-Figuren | A Pair of Luohan Figures. Porzellan mit Aufglasurfarben auf unglasiertem Scherben (émail sur biscuit), späte Ming-, frühe Qing-Dynastie; Schenkung von Harold und Ingeborg Hartog, Hamburg (2008).
Die linke Figur sieht ein bisschen aus wie Uli Sigg, oder?

Aus der Kangxi-Ära (1662–1722):


Kachel mit Flusslandschaft | Tile with River Landscape. Porzellan mit Aufglasurfarben der famille verte; Vorbesitz unbekannt (1986), alter Bestand.


Vase mit mythischen Tieren in Wellen | Vase with Mythical Creatures between Waves. Porzellan mit Bemalung in Kobaltblau unter der Glasur; Schenkung von Legat Amsinck, Vorbesitz: Rolf Pilster, Berlin (1946).


Schalenpaar mit Gottheiten | A Pair of Bowls with Deities. Porzellan mit Aufglasurfarben; Schenkung von Harold und Ingeborg Hartog, Hamburg (1989).

Aus der Yongzheng-Ära (1723–35):


Ein Paar Chicken Cups | A Pair of Chicken Cups. Porzellan mit Bemalung in Kobaltblau unter der Glasur und Aufglasurfarben (doucai); Schenkung von Harold und Ingeborg Hartog, Hamburg (2012).


Teller mit Pfirsichen und Fledermäusen | Dish with Peaches and Bats. Porzellan mit Aufglasurfarben der famille rose; Schenkung von Harold und Ingeborg Hartog, Hamburg (2008).


Tellerpaar mit Schmetterlingen | Pair of Plates with Butterflies. Porzellan mit Aufglasurfarben der famille rose; Schenkung von Harold und Ingeborg Hartog, Hamburg (2008).


Zwei Teller mit europäischen Paaren | Two Plates with European Couples. Porzellan mit Aufglasurfarben der famille rose; Schenkung von Harold und Ingeborg Hartog, Hamburg (2008).

Aus der Qianlong-Ära (1736–95):


Schale mit Landschaften der vier Jahreszeiten | Bowl with Landscapes of the Four Seasons. Porzellan mit Aufglasurfarben und Ritzdekor in der Glasur; Vorbesitz unbekannt.
Weil mich die Landschaft mehr als das Siegel interessiert, ist das Bild umgedreht.

Aus der Qing-Dynastie (1644–1911; ohne genauere Angaben):


Schale | Bowl. Porzellan mit Bemalung in Kobaltblau unter der Glasur. Vorbesitz: H. Rozendaal, Zwolle (1881).


Teller mit floralem Dekor | Dish with Floral Decoration. Porzellan mit Bemalung in Kobaltblau unter und Grün auf der Glasur, 18. Jh.; Vorbesitz unbekannt (2005), alter Bestand.


Kanne in Pfirsichform | Peach-Shaped Pot. Porzellan mit Aufglasurfarben, 19. Jh.; Schenkung von Johanna Schaab, Hamburg (2005), alter Bestand.
Diese Teekanne erscheint mir äußerst raffiniert, weil ich sie nicht verstehe, was vermutlich daran liegen mag, dass ich sie nicht in die Hand nehmen konnte: Sie hat keinen mir ersichtlichen Deckel. Die grobe Linie oben scheint mir ein gekitteter Riss zu sein, zumindest sah es nicht so aus, als könne man dort einen Deckel lüpfen. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass es auf diesem Stück so eine schludrige Linie gegeben habe soll.

Dazu war Geschirr in Monochromfarben ausgestellt, in Grünblau, Rot, Gelb und Weiß:


(V. l. n. r.)
– Tuschewassergefäss | Ink Wash Bowl. Porzellan mit Mondscheinglasur (claur de lune) und eingeritztem Dekor (anhua), Kangxi-Ära; Vorbesitz: Dr. Ernst Hauswedell & Co., Hamburg (1962).
– Flaschenvase | Bottled Vase. Glasiertes Porzellan, Kangxi-Ära; Schenkung von Jan Philipp Reemtsma, Hamburg (1996).
– Balusterförmige Vase | Baluseter-Shaped Vase. Porzellan mit Kupferglasur, Yongzheng-Ära; Schenkung von Jan Philipp Reemtsma, Hamburg (1996).
– Flaschenförmige Vase | Bottle-Shaped Vase. Porzellan mit Kupferglasur, 18. Jh.; Schenkung von Jan Philipp Reemtsma, Hamburg (1996).


(Oben) Tuschwassergefässe und Deckeldosen für Tusche | Ink Wash Bowls and Ink Bowls with Lid. Kangxi- und Qianlong-Ära; div. Schenkungen.
(Unten) Teller | Plates. Yongzheng- und Qianlong-Ära; div. Schenkungen.


Vasen, Teller und Dose | Vases, Dish and Box. Jiajing- und Kangxi-Ära bis Qing-Dynastie; div. Schenkungen.


Fußschalen und Trankopferbecher | Stem Cups and Libation Cups. Qianlong-Ära und allgemein Qing-Dynastie; div. Schenkungen.

Ganz am Ende steht die folgende monumentale Vase neben zwei Qing-Holzstühlen von Ai Weiwei, die er während seines Auftritts auf der Documenta 12, 2007, verwendet hat. Der Qing-Bezug ist offensichtlich, vielleicht waren sie genauso wie ein Teppich im Vorraum als Auflockerung gedacht, vielleicht kann das Museums nichts dafür, dass ich dabei Aversionen kriege, vielleicht könnte man die fortwährenden Ai-Huldigungen, nur weil man mal einen Fehlkauf vorgenommen hat, aber auch einfach sein lassen. Doch die Vase ist großartig:


Monumentalvase mit höfischen Szenen | Monumental Vase with Court Scenes. Detail, Porzellan mit Aufglasurfarben, zweite Hälfte 19. Jh.; Vorbesitz unbekannt (2017), alter Bestand.


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Abschließend noch eine Buchempfehlung:



Kathrin Enzel, Oliver Hahn, Susanne Knödel und Jochen Schlüter (Hgg.) (2021): Farbe trifft Landkarte | Colour Meets Map. Ausst.kat., Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt, Hamburg, 27.8.2021–30.1.2022. Hamburg: Center for the Study of Manuscript Cultures.

Zeitgleich zur Beninschau läuft bis Ende Januar 2022 im MARKK die Ausstellung Farbe trifft Landkarte, die erste Ergebnisse eines dreijährigen Forschungsprojektes über das Kolorieren von Landkarten vorstellt. Es handelt sich um eine Betrachtung zweier Kartensammlungen vom 15. bis 20. Jahrhundert. Zum einen werden europäische Landkarten aus der Sammlung der Stiftung Hanseatisches Wirtschaftsarchiv und der Commerzbibliothek vorgestellt, zum anderen ostasiatische Landkarten aus der Sammlung des MARKK. An dem Projekt arbeiten Geistes- und Naturwissenschaften der Universität Hamburg interdisziplinär miteinander, das Centre for the Study of Manuscript Cultures und das Mineralogische Museum des Centrums für Naturkunde. Mit Kolorierungshandbüchern aus Europa sowie Malereihandbüchern aus Ostasien wird eine kulturvergleichende Analyse eines, so der Begleittext, kaum erforschten Themenfeldes präsentiert. Bisher seien hauptsächlich geographisches Fachwissen der Schwerpunkt von Landkartenuntersuchungen gewesen und Kolorierungstraditionen erstaunlicherweise kaum betrachtet worden. Doch würden diese besonderen Aufschluss geben über „verschiedene Weltsichten“, „strategische Interessen“ und „die Wahrnehmung der eigenen Position in Beziehung zur Umwelt und anderen Gesellschaften“ (S. 10). Anhand der verwendeten Pigmente, Farbschemata und -kodes, Drucke oder Handzeichnungen und vielem mehr können „je nach Kultur, Kartierungsart oder Epoche“ „kulturelle Wechselwirkungen und Wandel“ verfolgt werden (S. 16). Es werden Bedeutungen erkundet und politische Macht- und Besitzansprüche von Grenzstreitigkeiten über Steuereinnahmen entschlüsselt. Begleitet wird das Projekt von Provenienzstudien, die aber in dieser Publikation, soweit ich sie überblicke, keinen Eingang gefunden haben.

Der knapp vierhundert Seiten starke, im wissenschaftlichen A4-Format gedruckte Ausstellungskatalog ist eine wahre Fundgrube und wird mit den fast auf jeder Seite abgebildeten bunten Landkarten zu einem wunderbaren Bilderbuch. Nach einer gut hundertseitigen Einführung in das Thema, mit Materialwissenschaft, Methodik und Technologie, folgen gut 170 Seiten europäische und knapp 80 Seiten ostasiatische Karten mit vielen aufschlussreichen Einzelthemen. Die eine Karte von Beijing aus dem späten 19., frühen 20. Jahrhundert ist leider unkoloriert, aber unbedingt spannend (S. 350f). Zu entdecken sind etwa kleine Figuren wie drei Plünderer. Wer sich für weitere Karten aus Beijing interessiert, der und dem seien das sich selbst als „Public History Space“ bezeichnende Beijing Postcards des Teams um Lars Ulrik Thom empfohlen. Hier ein erster Einblick in die Publikation von „Farbe trifft Landkarte“.


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Montag, 3. Januar 2022
Toulouse 法国图卢兹


Zwischen den Jahren war ich in Toulouse. In Europa habe ich wahrlich noch einige interessante Orte nachzuholen, und in Südfrankreich war ich gar bislang noch in keiner Großstadt. Hier ist alles pastellfarben, selbst die Leute kommen mir zuckerwattiger vor, vielleicht waren sie aber auch nur wie ich in Urlaubslaune. Auf die Dauer würde mir die lokalkalorierte Sanftheit vermutlich zu Kopfe steigen, doch für eine Woche ist es sehr einlullend. Toulouse gilt wegen seiner Gebäude aus rosafarbenem Backstein als „la ville rose“, die rosafarbene Stadt. Auch viele der Neubauten greifen das Farbschema auf, besonders sehenswert sind aber die zahlreichen Altbauten, die schmalen Gässchen der Altstadt, die vielen Kirchen und häufig auf Rondellen und Plätzen und in Parkstreifen platzierten Skulpturen. Neben Rosa ist Pastellblau die Farbe, die die Stadt Ende der Renaissance ab Mitte des 15. Jahrhunderts zu Reichtum gebracht hat – viele der Fensterläden sind in diesem oder ähnlichem Blau bemalt.

In der Regionalsprache Okzitanisch auch Tolosa genannt, war die Stadt unter dem Namen Tolose eine wichtige gallische Stadt, datierbar auf um 100 v. Chr. Durchzogen ist sie von der Garonne und dem 1681 fertiggestellten Canal du Midi, der seit 1996 Weltkulturerbe ist. Auf beiden Wassern kann man die Bateaux Toulousains nehmen, die Toulouser Lastkähne, allerdings nicht im Winter. Dann soll man an ein paar der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbeischippern. Dazu kommt ein Seitenkanal der Garonne, besonders gut gefällt mir, dass die Kanäle die Stadt mit dem Mittelmeer und dem Atlantik verbinden. Zu beiden Meeren kommt man von hier aus auch so gut hin, dazu in die Pyrenäen, nach Andorra, auf den Jakobsweg und Charly machte uns darauf aufmerksam, dass auf der Autobahn gen Mittelmeer bereits Barcelona ausgeschildert steht. Toulouse pflegt unter anderem seit 1982 eine Städtepartnerschaft mit Chongqing. Davon war vor Ort nichts zu entdecken, ich werde die Augen offenhalten, wenn ich das nächstes Mal dort bin, ob dies in Chongqing anders gehandhabt wird.








Hôtel d‘Assézat.


Im Innenhof vom Hôtel d‘Assézat.


Ebd.


Französische Balkone, wie kann man sie nicht lieben.








Etwas schwer zu erkennen, aber hier ist vorne links eine Statue von Amor, der soeben seinen Pfeil abgeschossen hat. Geschätzt zwanzig Meter weiter steht hinten rechts eine Statue mit einem innig in sich selbst verschlungenen Liebespaar. Fand ich sehr charmant.


Statuen und riesige Bäume, manchmal kamen sie sogar zusammen, hier ein Jüngling mitten im Grün.


Und ein Kaki-Baum, der einen Beijing ersehnen lässt, hier leider unten nur als Mus.


Pont Neuf ist die älteste bis heute erhaltene Brücke über die Garonne, erbaut 1543–1632. Warum man damals allerdings neunzig Jahre an einer Brücke herumwerkelte, hat sich mir nicht erschlossen.
Links unten im Brückenbogen sitzt eine der über die Stadt verteilten roten Figuren von James Colomina, diese mit dem Namen: L'enfant au bonnet d'âne (Das Kind mit der Eselsmütze). O. J.


Von der Pont Neuf gen Norden links das Hôpital de la Grave aus dem 12. Jahrhundert mit anliegendem Hôtel-Dieu Saint-Jacques aus dem 14. Jahrhundert. Beide Gebäudekomplexe kümmern sich bis heute um die Versorgung und Betreuung von Bedürftigen, Pilger·innen und ausgesetzten Neugeborenen.


Pont Neuf von der Sonnenseite …


… und von dort die Stadtsilhouette den Grünstreifen entlang.








Hausboote am Canal du Midi.

Zwischendurch ein paar Kirchblicke:


Cathédrale Saint-Étienne.


Ebd.


Basilika Saint-Sernin, ein romanischer Bau, 11.–12. Jahrhundert, seit 1998 Welterbe.


Ebd. an einer Außenfassade. Vielleicht ist mir der biblische Kontext entgangen, andererseits würde es mich auch sehr erfreuen, Feldarbeit sakralisiert zu verstehen.


Aus der Rue des Arts mit Blick auf das Musée des Augustins.

Selbst Graffiti und Loggia-Bepflanzungen halten sich an das Farbschema der Stadt:






An Museen wird einem online zunächst das Flugzeugmuseum angepriesen, ansonsten ist Airbus nicht übermäßig präsent. Dazu gibt es noch ein Wissenschaftsmuseum, ein Naturkundemuseum, einen Technologiepark und einige Spezialmuseen wie ein Maschinen-, ein Medizinmuseum, aber auch ein Museum der Resistance und allerlei historische Museen. Viele der letzten Kategorie sind in alten Gebäuden untergebracht, in ehemaligen romanischen Klöstern oder angegliedert in als Hotels umgewandelten Patrizierhäusern im Renaissancestil. Viele waren über die Feiertage geschlossen oder nutzen wahrscheinlich weiterhin die Coronazeit für Renovierungsarbeiten. In ein paar konnte ich hineinschauen:

Zunächst ging es ins Les Abattoirs. Dafür wandelt man über die dieses Mal nebelverhangene Pont Neuf und ein Stück weiter hinter das Krankenhaus Hôpital de la Grave.


Das Krankenhaus von der Pont Neuf aus.


Das hier ist, wenn mich nicht alles täuscht, das Hauptgebäude der Kunstakademie auf der östlichen Seite der Garonne an der Pont Neuf.


Zufahrtsstraße zum Hôpital de la Grave.


Im angrenzenden Park des Abattoirs mit der Pont Saint-Pierre im Hintergrund rechts.


Les Abattoirs – Toulouse Modern and Contemporary Art Centre

Les Abattoirs ist die wohl sehenswerteste Anlage für Gegenwartskunst in Toulouse, ein im Jahr 2000 eröffnetes Kunstzentrum auf 3000m2 in einem ehemaligen Schlachthof von 1831. Aktuell liefen vier Ausstellungen.

Die beste Ausstellung wurde im Untergeschoss gezeigt, La Dame à la Licorne: Medieval and So Contemporary, 30.10.2021–16.1.2022. Sechs spätmittelalterliche Wandteppiche wurden mit mir leider sprachlich unverständlichen Interpretationen präsentiert. „Die Dame und das Einhorn“ lautet der Titel, die unterschiedlichen Damen wurden klassifiziert in so etwas wie Berührung, Geschmack, Geruch, Gehör, Blick (Original: le toucher, le gôut, l‘odorat, l‘ouïe, la vue, mon seul désir). Dazu wurden zahlreiche der dargestellten Tiere und Pflanzen einzeln vorgestellt. Und dann ging es mit der Gegenwart los. Zunächst gab es einen Wandteppich in aktualisierter Anlehnung an die mittelalten, s. u. von Husky, und daraufhin traten alle möglichen Einhörner in die Hallen. Ich war beeindruckt, wie unverfroren spielerisch hier der teils wildeste Kitsch ausgepackt wurde – beim Großteil sah ich mich außerstande, ihn abzulichten. Außerdem fand ich interessant, und das gilt für alle besuchten Ausstellungen, dass zu den Künstler·innen stets die Geburtsdaten angegeben wurden, dafür selten die Größenangaben. Die Materialangaben musste ich weggelassen, mein Schulfranzösisch ist leider längst vergessen. Zurück zu den Damen.

Zunächst die Wandteppiche, da viel zu groß für meine Linse, jeweils als Detail, um 1500:












Suzanne Husky (*1975): La Noble Pastorale. Wandteppich (Edition 2 von 18), 202x243cm, 2017.


Maïder Fortuné (*1973): Licorne. Videostill, 2005.


Pablo Picasso (1881–1973): La dépouille du Minotaure en costume d‘Arlequin (Rideau de scène pour le 14 juillet de Romain Rolland Réalisé à Paris). Detail, 1936.
Malerei in Kollaboration mit Luis Fernandez nach einem Gouache von Picasso, o. J.


Southway Studio, Bella Hunt & Ddc: Henri II – Roi Sorcier. 65x35x21cm, 2021.


Im Erdgeschoss lief La Déconniatrie: Art, Exile and Psychiatry around François Tosquelles, 14.10.2021–6.3.2022. Mit Dekoniatrie, Geburtshilfe, sind Werke der Art Brut gemeint, als deren Ausgangspunkt die Ansätze des katalanischen Psychiaters François Tosquelles (1912–1994) mit den Arbeiten seiner Patient·innen dargestellt wurden.


Antonin Artaud (1896–1948): La Révolution des anges sortis des limbes. 1946.


Léon Schwarz-Abrys (1905–1990) (alle drei): Sans titre. Ca. 1940.


Gyula Halász, dit Brassaï (1899–1984): Graffiti, La Magie, „Démon“, Belleville, Paris. 1955.


Jean Dubuffet (1901–1985): Pisseur en face I. 1961.


Im Obergeschoss wurden präsentiert:

Mezzanine Sud: Prix des Amis des Abattoirs“, 16.12.2020–9.5.2021 (verlängert).


Anna Solal (*1988): Tournesol. 2019.


Naomi Maury (*1991): The Song of a Phantom Limb. 2021.


Maxim Sanchez (*1992): Grolem. 2021.

„Artiste / Artisan? Nouvelle présentation de la collection Daniel Cordier“ (1920–2020), ohne Zeitangabe.


Katinka Bock (*1976): Sechs Prozent flüchtige Bestandteile – Ensemble 2. 2007.


Yolande Fièvre (1907–1982): Plan d‘une vieille cité pour rêver. 1960.


Louise Nevelson (1899–1988): Sans titre. 1959.


Artist unknown, France: Gouttières en imitation de tige de bambou. 19. Jahrhundert.


Daniel Dewar (*1976) und Grégory Gicquel (*1975): Legs. Videostill, 2009.


Musée des Augustins

Ein Großteil der hiesigen Ausstellungsfläche ist wegen Renovierung bis 2023 geschlossen. Es handelt sich um ein altes Augustinerkloster im gotischen Baustil, 14.–15. Jahrhundert, das 1793 als Museum eröffnete. Die aktuell nicht zugängliche Sammlung besteht aus Werken aus dem Mittelalter, historischen Architekturfragmenten sowie Gemälden und Skulpturen, 17.–20. Jahrhundert von Delacroix und anderen.





Um den Innenhof war eine Reihe von Wasserspeiern aufgestellt. Wikipedia sagt, dass die französische Bezeichnung „Gargouille“ lautet und lautmalerisch mit deutsch Gurgeln verwandt ist. Für mich waren es bislang Dämonen, die den Teufel von Kirchen abwehren sollen, und ich war sehr begeistert, sie von nahem sehen zu dürfen.







Dazu und hauptsächlich lief Théodule Ribot (1823–1891): A Delightful Darkness, 16.10.2021–10.1.2022.

Es ging um Ribot, seine Einflüsse und Zeitgenossen. Zur Unterscheidung der Werke wurden Ribots Arbeiten auf schwarzem Hintergrund präsentiert, die anderen auf blauem. Dazu gab es die Ausstellungsschilder von Arbeiten aus dem 17. und 18. Jahrhundert in Grün, die von Ribots Zeitgenossen in Rosa – so dezent wie hilfreich. Die Unterteilung verlief in Kategorien wie Küche, Porträts, Musiker·innen, Landschaft, Gemarterte (torturer) und Intellektuelle. Der dargestellte Realismus verlief meist ohne viel und auf dunklem Hintergrund. Die gelegentlich fotografische Unschärfe ist meine Schuld, pardon – allerdings war ich fasziniert von den malerischen Unschärfen in den Bildern mit den Asterisken (s. u. *), die dadurch etwas Cinematisches aufweisen.


Théodule Ribot: Autoportrait. Oil on canvas, ca. 1887–1890.


Théodule Ribot: Un gigot. Oil on canvas, o. J.


Théodule Ribot: Nature morte à la citrouille et aux prunes, cerises et figues avec pot. Oil on canvas, estimated 1850s.
Es soll in Korrespondenz mit dem Folgenden gestanden haben:


Eugène Boudin (1824–1898): Nature morte au potiron. Oil on canvas, o. J.


Joseph Bail (1862–1921): Marmiton portant des rougets. Oil on cardboard, 1887.


Théodule Ribot: Le Mitron. Oil on canvas, o. J.


Joseph Bail: Les Joueurs de cartes. Oil on canvas, 1897.


Ebd., Detail.


Théodule Ribot: Portrait de la mère de l‘artiste. Oil on canvas, o. J.


Théodule Ribot: La Charbonnière. Oil on canvas, 1880.


Théodule Ribot: Le Flûteur, dit La Recette. Oil on canvas, 1865.


Théodule Ribot: Les Empiriques. Oil on canvas, o. J.
(*, die Figur hinten rechts ist im Gegensatz zu den vorderen beiden unscharf, fast schon leicht verwischt gemalt.)


Alfred Philippe Roll (1846–1919): Tête de mineur. Oil on canvas, 1880.


Théodule Ribot: La Comptabilité. Oil on canvas, o. J.


Théodule Ribot: Paysage. Oil on canvas, o. J.


Gustave Courbet (1819–1877): Paysage aux lavandières. Oil on canvas, o. J.


Théodule Ribot: La Chorale. Oil on canvas, o. J.
(*, die Figur vorne rechts ist scharf gemalt, die beiden im Hintergrund sind auffällig unscharf.)


Théodule Ribot: Le Bon Samaritain. Oil on canvas, 1870.


Théodule Ribot: Trois vieux juifs. Oil on canvas, 1880.


Théodule Ribot: Les Philosophes. Oil on canvas, 1869.
(*, auch hier sind die beiden Figuren im Hintergrund, rechts im Bild, leicht unscharf gemalt, wobei die ganz rechte Figur auch in skeptischer Mimik begriffen sein könnten.)


Théodule Ribot: Héraclite. Oil on canvas, o. J.

In derselben Halle ist ein kleiner Teil der Museumssammlung zu sehen:


François Lucas (1736–1813) (Skulptur in der Mitte vorne): Jean Charles Ledesmé, baron of Saint-Élix (1721–1806). 1762.


Marx Arcis (1652–1739) (Figuren vorne, v. l. n. r., alle: after 1691(?)):
Saint Simon Stock. Elijah. Elisha. Agabus.




Galerie Le Château d‘Eau

Die staatlich unterstützte Kunstgalerie mit Schwerpunkt Fotografie befindet sich in einem ehemaligen Wasserturm aus dem 19. Jahrhundert, eröffnet 1974. In den angrenzenden Räumen scheint sich mir, zumindest auf den schnellen Blick, eine gutsortierte Bibliothek über Fotografie zu befinden. Die Website der Galerie ist abgelaufen, es werden wohl vermehrt Facebook und Instagram genutzt, hier der Wiki-Link (fr.).

Aktuell läuft: Nicholas Nixon: Une infime distance, 3.11.2021–16.1.2022.


The Brown Sisters. 1975–2021.
Dieses sind die letzten drei Bilder von 2019 bis 2021. Das Bild von 2020 musste wegen der Pandemie in vier Bildern, vermutlich sogar per Videoanruf geknipst werden.


Leider ohne Angabe, meine Schuld, sorry.


Außerdem haben wir einen Tagesausflug nach Narbonne ans Mittelmeer gemacht.




Als Lenticularis, linsenförmig, werden diese Wolkenformationen bezeichnet.


Hier wurde man gleich mit mehreren Wirbellinsen beglückt.




Und bis in ein grandioses Sonnenuntergangsszenario hinein.










Um nicht allzu himmlisch-harmonisch zu enden: Charlys Kinder machten mich gleich zu Beginn meiner Ankunft eindringlich darauf aufmerksam, bitte nicht ständig nur die Häuserfassaden hochzublicken. Denn obwohl überall Kottütchen hängen, nehmen es die Toulouser·innen scheinbar nicht so genau mit der Entsorgung beim Gassigehen. Die pastellene Lieblichkeit hat also ihre Grenzen, was ich wiederum als gerechten Ausgleich empfinde.




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Freitag, 17. Dezember 2021
Buchempfehlungen: China, Politik 2021
Meine Chinaliste der Orte und Besorgungen wird länger und länger, meine Reisehoffnungen für 2022 schwinden mehr und mehr. Aber auch wer aktuell nicht nach China reisen kann, kann doch über China lesen. Hier zwei schnelle Buchempfehlungen, gerade noch aus diesem Jahr:



Desmond Shum (2021): Red Roulette: An Insider‘s Story of Wealth, Power, Corruption and Vengeance in Today‘s China. London, Sydney und Neu Delhi: Simon & Schuster.

Die Geschichte eines Insiders, skeptisch und doch voller Erwartung reibt man sich da gleich die Hände. Desmond Shum (Shen Dong 沈栋, *ca. 1969) stammt aus Shanghai, ist in Hongkong aufgewachsen, studierte in den USA, verdiente besonders in den 2000er Jahren und vor allem in Beijing insgesamt umgerechnet 2,5 Milliarden USD (S. 1) und geriet dann mit seiner damaligen Frau Whitney Duan (Duan Weihong 段伟红) in die Fänge von „Macht, Korruption und Rache“.

„Am 5.9.2017 verschwand Whitney Duan im Alter von fünfzig Jahren von den Straßen Beijings“, so beginnt dieses Buch. Dieses Ereignis nimmt Shum zum Anlass, um über sein und Duans Leben zu schreiben und einen in das tiefe, politisch und wirtschaftlich motivierte Machtgeflecht in der Volksrepublik zu ziehen. Ob man Shum seinen gelegentlich durchschimmernden und in Kapitel zwölf dargestellten Philanthropismus nun abnimmt oder das Gewicht doch eher in seiner Partizipation sieht und ihn damit als Enthusiasten des gesellschaftlichen Aufschwungs des Landes oder einfach nur als Opportunisten unter vielen in den 1990er und 2000er Jahren, mag jeder/m selbst überlassen sein. Seine enttäuschten Hoffnungen auf eine offenere, freiere Gesellschaft fußten auf einem weitverbreiteten Optimismus. Das von ihm beschworene Ansinnen, etwas mit Bestand bauen zu wollen, kann eine eigene Hinterlassenschaft beinhalten und gleichzeitig ein guter Bau sein. Wenn man die Schaffung von Arbeitsplätzen nicht einbezieht, sehe ich als einziges Beispiel seiner vielen Unterfangen die Bibliothek der Qinghua Universität. Immerhin. Auf jeden Fall birgt Shums Geschichte spannende Einsichten.

Die Time berichtete am 13.10.2021 in Why the Ex-Husband of a Missing Chinese Billionaire Is Risking All to Tell Their Story, dass Whitney Duan ihn kurz nach Bekanntgabe der anstehenden Veröffentlichung aus China anrief, um diese zu verhindern. Zumindest weiß er dadurch, dass sie noch lebt.




Timothy Cheek, Klaus Mühlhahn und Hans van de Ven (Hgg.) (2021): The Chinese Communist Party: A Century in Ten Lives. Cambridge: Cambridge UP.

Die Kommunistische Partei China (KPCh) feierte dieses Jahr, am 23.7.2021, ihr hundertjähriges Bestehen. In Beijing gab es Militärparaden und Reden, in ganz China wurde die glorreiche Geschichte auf allen Kanälen das gesamte Jahr über aus offizieller und damit gültiger Parteisicht erzählt. In Ausstellungen, Filmen, Fernsehserien, Theaterstücken und Opern, auf Plakatwänden und öffentlichen Bildschirmen, am Himmel und in Blumenteppichen, you name it. Aus nicht nur einer Perspektive lassen die Historiker und Sinologen Cheek et al. zehn Stimmen zu Wort kommen, die das Jahrhundert in ihren einzelnen Jahrzehnten durchschreiten. Jede/r Autor·in schildert ihr oder sein jeweiliges Jahrzehnt anhand einer Person des öffentlichen Lebens aus Politik, Kunst und Kultur oder dem Leben von Intellektuellen. Diese persönlichen Geschichten bilden eine kleine Facette des Lebens mit und unter dem sich aufbauenden Parteiapparat vom anfänglichen Enthusiasmus über den individuellen Aufstieg und Fall, dem Hin und Her zwischen Maßnahmen und Richtungswechseln, in sich aufzeigenden Möglichkeiten und zerschlagenden Hoffnungen, immer aber unter dem schlussendlich schonungslosen Diktat und Machtstreben der Partei. Den einzelnen Kapitel ist jeweils ein kurzer Überblick vorangestellt, der die skizzierte Person in ihr Jahrzehnt einordnet. Besonders gefallen hat mir das Kapitel zu den 1990er Jahren von einem der beiden Historiker dieses Bandes, die in der Volksrepublik tätig sind, Xu Jilin: Wang Yuanhua: A Party Intellectual Reflects. Hier geht es nicht um einen Dissidenten, sondern um eine moderate Stimme, die ihren Weg zu finden sucht.


Etwas älter, aber in diesem Zusammenhang erwähnenswert sind:

– Kai Strittmatter (2018): Die Neuerfindung der Diktatur: Wie China den digitalen Überwachungsstaat aufbaut und uns damit herausfordert. München: Piper.
– Richard McGregor (2013 [2010]): Der rote Apparat: Chinas Kommunisten (Original: The Party. The Secret World of China‘s Communist Rulers). Übs.: Ilse Utz. Berlin: Matthes & Seitz.


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Sonntag, 21. November 2021
Hamburg und ein wenig München: Kunst 2021
Dieses Jahr habe ich offline extrem wenig Kunst gesehen. Unten gibt es eine Stippvisite nach München, in Hamburg liefen und laufen:

Tom Sachs

In den Deichtorhallen läuft Tom Sachs Space Program: Rare Earths (Seltene Erden), Halle für aktuelle Kunst, 19.9.2021–10.4.2022.


Hauptraum (Mitte): Landing Excursion Module (LEM) – Landefähre. Stahl, Sperrholz, Epoxidharz, verschiedene Materialien – steel, plywood, epoxy resin, mixed media, 703,5x668x668cm, 2007.

Aus Alltagsmaterialien hat Sachs hier sein NASA-Space Program nachgebaut – die hohe Deckenkonstruktion aus Stahl und Glas ist wie so häufig ideal für diese Bespielung der gesamten Halle. Im Eingangsbereich betritt man bereits das „Welcome Center“, der Hauptraum ist in verschiedene Szenarien unterteilt, hinten finden sich Extraräume, das „Anechoic Chamber“ (der schalldichte Raum), das „Museum of the Moon“ mit 16 Exponaten und das „Re-education Center“ mit sieben verschiedenen Videos. Ein weiterer Raum neben dem Eingang nennt sich „Indoctrination“, wo selbst gebastelt werden kann. Eine großartige Show, gestört haben mich einzig die überall angebrachten rüden Abweisungen wie „Don‘t fucking touch“, ich werde nicht so gerne angeraunzt.


(Mitte 中间) Mission Control Center (MCC). Verschiedene Materialien | mixed media, 297,9x490,4x151,8, 2007–16.
(Vorne 前面) MCC Console. Verschiedene Materialien | mixed media, 78,7x60,9x30,4cm, 2012.
(Links 左边) Male Fragility. Verschiedene Materialien | mixed media, 157,4x81,2x86,3, 2020.
(Links und rechts 左右边) Euronor (Set of 2 Speakers). Sperrholz, verschiedene Materialien | plywood, mixed media, 365,7x152,4x147,3cm, 2012.


Im Raum „Transubstantiation“: Transubstantiation. Verschiedene Materialien | mixed media, 430,4x269x90,2cm, Detail, 2021.


Im Raum „Museum of the Moon“: Doctor. Schichtholz, verschiedene Materialien | plywood, mixed media, 215,9x139,7x44,5cm, 2009–11.


Vehicle Assembly Building (VAB). Sperrholz, Latexfarbe, Stahlbeschläge | plywood, latex paint, steel hardware, 398,7x685,8x673,1cm, 2020.
Zwei wichtige Inspirationsquellen scheinen für Sachs Yoda und Jack Daniel‘s zu sein, die häufig in seine Werken eingebaut sind. Einer Yoda-Figur von etwa fünf Zentimetern ist hier gar ein eigener Raum in kompletter Finsternis mit beleuchtetem Altar gewidmet, vermutlich als Mausoleum für das „Golden Idol“ gemeint. Im Begleitheft ist zu lesen, dass „nur die tief Gläubigen und Indoktrinierten teilnehmen“ dürften.




Das Haus der Photographie der Deichtorhallen wird bis voraussichtlich 2024 saniert und umgebaut. Dafür eröffneten am 29.9.2021 die temporären Container mit Namen „PHOXXI“, was „Photographie“ plus „21. Jahrhundert“ bedeuten soll.




Werner Büttner

In der Hamburger Kunsthalle läuft Werner Büttner: Last Lecture Show, 15.10.2021–16.1.2022. Dem Malereiprofessor der HbK ist zum Abschied in den Ruhestand eine Retrospektive gewidmet. Daniel Richter studierte bei ihm und auch Jonathan Meese hat bei ihm gelernt. Mir gefallen insbesondere die Bildtitel.


Antagonismushaken | Antagonism Hook. Öl auf Leinwand | oil on canvas, 1997.


Russische Hochzeit | Russian Wedding. Öl auf Leinwand | oil on canvas, 1986.


Entrücktheit für Fortgeschrittene | Advanced Other-Worldliness. Öl auf Leinwand | oil on canvas, 2011.


Der Ursprung des Landlebens | The Origin of the Country Life. Öl auf Leinwand | oil on canvas, 2007.


Anpfiff zur Biographie | Starting Whistle for Biography. Öl auf Leinwand | oil on canvas, 1998.


Whirling Weltgeist. Öl auf Leinwand | oil on canvas, 2020.


Ausgebrannter Hengst | Burned-Out Stud. Öl auf Leinwand | oil on canvas, 2018.

Zu den Collagen wurde nur die Angabe „aus den frühen 1980er Jahren“ gegeben:


„Fatal orientierte Blechbläser“.


„Wenn das Böse siegt, ist dann endlich Ruhe?“


„Nur die Wirklichkeit darf es wagen, so zu sein“.


„Portrait einer Tante“.

Update, 13.12.2021: Der als „renitent“ (SZ) beschriebene Büttner, der „über das jämmerliche Patriarchat spottete“ (Zeit) musste sein Bild „Büttner geht von Bord“, 2020, abhängen, weil er es – noch streiten die Anwälte – von seiner ehemaligen Studentin Meng Yin plagiiert habe, s. Das verschwundene Bild, Zeit Online, 11.12.2021.


Raffael


Raffael: Kopf eines Cherubs | Head of a Cherub. Kohlezeichnung | charcoal, ca. 1509.

Ebenda lief Raffael: Wirkung eines Genies, Hamburger Kunsthalle, 2.7.–3.10.2021.

So wie bereits im Sommer 2019 von der Kunsthalle vier Skizzen von Leonardo da Vinci präsentiert wurden (von mir hier untergebracht, mit Strg.+f im unteren Drittel), waren nun drei Zeichnungen aus der hauseigenen Sammlung von Raffael Anlass einer Ausstellung. Auch bei Raffael ging es um Hommagen, nun allerdings sinnvollerweise bereits im Titel. Eine nette Ausstellung, die Postkarten des Engelskopfes waren sofort vergriffen.


Francois Perrier: Merkur schwebt vom Olymp herab | Mercury Descending from Olympus. Radierung | etching, ca. 1641.


Impressionismus

Außerdem läuft in der Hamburger Kunsthalle Impressionismus: Deutsch-französische Begegnungen, 29.10.2021–31.12.2023.

Die Verbindung mit Frankreich als Ursprung des Impressionismus macht natürlich Sinn. Es werden Kategorien wie Landschaft, Porträt, Stillleben, Pastelle und Stadtansichten, diese vor allem wegen einiger Auftragsarbeiten von 1889 des ersten Kunsthallendirektors, durchgegangen. Dann ist Max Liebermann (1847–1935) ein eigener Raum mit dem Titel „Vom Realismus zum Impressionismus“ gewidmet. Ein weiterer Raum beschäftigt sich mit der „Zeitenwende“ um 1900 (s. u.: Munch, Hodler), am Ende wird der Kubismus gestreift.


Max Beckmann: Große graue Wellen | Large Grey Waves. Öl auf Leinwand | oil on canvas, 1905.


Pierre Bonnard: Abend am Uhlenhorster Fährhaus | Evening at the Uhlenhorster Fährhaus. Öl auf Leinwand | oil on canvas, 1913.


Max Liebermann: Abend am Uhlenhorster Fährhaus | Evening at the Uhlenhorster Fährhaus. Öl auf Leinwand | oil on canvas, 1910.


Max Liebermann: Die Netzflickerinnen (Ölstudie) | The Net Menders (oil study). Öl auf Pappe | oil on cardboard, 1887.


Ebd.: Studie zu den Netzflickerinnen | Study to The Net Menders. Öl auf Karton auf Holz | oil on cardboard on wood, 1887.


Ebd.: Die Netzflickerinnen | The Net Menders. Öl auf Leinwand | oil on canvas, 1887/89.


Edvard Munch: Mädchen am Meer | Girls on the Shore. Mischtechnik auf Leinwand | mixed media on canvas, 1906/07.


Ferdinand Hodler: Thunersee mit Stockhornkette | Lake Thun with the Stockhorn Mountain Range. Öl auf Leinwand | oil on canvas, ca. 1910.


Ebd.: Blick ins Unendliche | View into Infinity. Öl auf Leinwand | oil on canvas, ca. 1903.


Lyonell Feininger: Regamündung III | Mouth of the Rega III. Öl auf Leinwand | oil on canvas, 1929/30.




Dazu leuchtet von Moritz Frei: I Don‘t Believe In Dinosaurs, 2017/ 2021, oben auf der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle, März 2021 bis voraussichtlich Mai 2022. Zwar dem Altbau zugewandt, sieht man die Lichtinstallation nur mit diesem im Rücken, mit einem gedanklichen Dreher mehr würde es aber auch so funktionieren, oben auf der dicken Kunsthalle sitzend zu den Gegenwartsgrößen von: Ich seh euch nicht, ich glaub nicht an euch; hin in Richtung der Altmeister: Ich seh euch und glaub erst recht nicht an euch.


Emil Nolde

Nolde und der Norden, Bucerius Kunst Forum, 16.10.2021–23.1.2022.

Hier darf leider nicht fotografiert werden, Auflage der Sammler⋅innen für die Leihgaben. Eine eher merkwürdige Ausstellungskuration. Noldes Antisemitismus und NSDAP-Mitgliedschaft sowie anschließende Leugnung aufgrund des Beleges, dass er 1941 als entartet gewertet wurde, müssen natürlich thematisiert werden – werden es allerdings nur im Einführungstext mit der abschließenden Aufforderung „zur Diskussion“. Vielleicht folgt mehr in dem einstündigen Dokumentarfilm hinten im separaten Raum; in der knappen halben Stunde, die ich gesehen habe, kam es nicht zur Sprache. Gut, an diesem Thema kann man fast nur scheitern. Auch die titelgebende Gegenüberstellung mit weiteren Werken dänischer Zeitgenossen ist legitim, sie hat sich mir nur nicht erschlossen. Die Werke aus den etwa 1880er bis 1940er Jahren sind nicht chronologisch, sondern im Ansatz thematisch gehängt (Porträts, Interieur, Landschaft, Dorfleben), was prinzipiell ebenfalls vollkommen zu rechtfertigen ist. Aber was nur soll es einem sagen, dass impressionistische, realistische und expressionistische Arbeiten wild durcheinander angebracht sind? Dass es diese Strömungen gab und sie ihn beeinflussten? Dass das Leben aus Chaos besteht?

Zumindest wird deutlich, dass Nolde nicht nur in seinen Anfangsjahren, dort aber bildlich nachweisbar, mit seinen inneren Dämonen gekämpft haben muss – in einem Raum hinten links geht es von seinen Räuberbildern zu selbsterdachten, mythisch angehauchten Fabelwesen. Aber auch in späteren Bildern tritt seine Zerrissenheit hervor, die nicht nur an den harschen nordischen Wetterverhältnissen gelegen haben kann, und in ihrer Bandbreite von himmelhoch leuchtend bis zu Tode trüb alles aufweisen. Spannend bleibt die reiche Facette seiner Farbpalette, sein Umgang mit Licht und Schatten und die verschieden aufgegriffenen Malrichtungen.


München: Haus der Kunst

Im Haus der Kunst läuft Heidi Bucher: Metamorphosen, 17.9.2021–13.2.2022.


Bodyshells. 1-Kanal16mm-Film, digitalisiert, Farbe | single-channel 16mm film, digitised, colour, 1‘57‘‘, Filmstill, 1972.


Kleines Glasportal (Sanatorium Bellevue, Kreuzlingen) | Small Glass Portal (Bellevue Sanatorium, Kreuzlingen. Baumwolle, Fischleim, Latex | cotton gauze, fish glue, latex, 1988.


Ebd., Detail.


Hautraum (Ricks Kinderzimmer, Lindgut Winterthur) | Skin Room (Rick‘s Nursery, Linggut Winterthur. Gaze, Fischleim, Latex, Bamburg, Draht | gauze, fish glue, latex, bamboo, wire, 1987.


Räume sind Hüllen, sind Häute | Rooms Are Shells, Are Skins. 1-Kanal16mm-Film, digitalisiert, Farbe, Ton | single-channel 16mm film, digitised, colour, sound, 33‘, Filmstill, 1981.


Menhaut | Men Skin. Gaze, Latex, Haare | gauze, latex, hair, 1986.


Im oberen Stockwerk wird die Gruppenausstellung Sweat gezeigt, Haus der Kunst, 11.6.2021–9.1.2022.


Daniel Lind-Ramos: Con-junto (The Ensemble) | Mit-einander (Das Ensemble). Mixed Media, 2015.


Tschabalala Self: Loveseat Prototype 1–3 | Liebessitz Prototyp 1–3. Gipsabdruck, Hausfarbe | plaster cast, house paint, 2020.


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Vielleicht für die eine oder den anderen von Interesse: 2021–22 begleite ich das Projekt „Deutsch-chinesischen Museumsgespräche“ für das Goethe-Institut China, chinesisch unter: 中德美术馆对话, wir organisieren Workshops, Open Calls und andere Veranstaltungen, schaut gerne einmal vorbei.


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Samstag, 13. November 2021
Nord und Süd: Sylt und Allgäu 2021
In diesem Jahr war ich sehr wenig unterwegs. Hauptsächlich habe ich mich an meinem Schreibtisch aufgehalten, in meiner Wohnung, die ich seit Coronabeginn als woyou shi 卧游室, Kammer des Zuhausebleibenden Umherwandelns, bezeichne. Im September war ich dann aber gleich auf zwei Reisen und endlich einmal wieder ausgeflogen.

Im Norden auf Sylt



Pfeifender Wind, die schnurgerade Horizontlinie stets im Visier, kilometerlange Sandstrände und entsprechend endlose Spaziergänge, Dünen und diese halten zu versuchendes Gestrüpp, Gezeiten, ziemlich salziges Salzwasser mit Brechern, gegen die man sich herrlich werfen, in die man eintauchen, von denen man sich verwirbeln lassen kann. Und das Ganze nur gute drei Stunden in direkter Zugverbindung von Hamburg entfernt.






Der als Überblick von der Uwedüne. Im Flachland werden Höhenmeter mit Kommazahlen angegeben, Erhebungen als Dünen bezeichnet, von 52,5m ist dies der Blick gen Norden, im Hintergrund ist oben die dänische Insel Rømø zu sehen.






Land(wieder)gewinnungsversuche, die links mit Sand saugenden Rohren noch hunderte Meter in die Nordsee hinein weitergingen.


Im Süden im Allgäu















Die Farben wirken hier so unglaubwürdig gesättigt, dass man sie hinterher am Rechner drosselt. Ouh, aber dann kommt Nebel auf ?








Neuschwanstein

Meine chinesischen Freund⋅innen waren, wenn in Deutschland, alle schon hier, das Marketing funktioniert in Absprache mit Disney und seinem Logo perfekt. Unter Coronabedingungen ist es zu ertragen, aber die Massenbewältigung mit ihren breiten, abgezäunten Wegen bleibt, ja, verständlich, mache ich in China auch alles mit, aber hierzulande ist es gruselig. Und an Schlössern gibt es in Deutschland bestimmt interessantere und schönere, auch abgesehen von meine vermutlich urdeutsch verklärte Seele reizenderen Ruinengebilden. Man kann sich diesen Pilgergang wirklich schenken. Eigentlich bin ich sogar ein wenig sauer auf mich, dass ich mich habe verlocken lassen. Gut, ich kann hier mal wieder ein bisschen stänkern, ich konnte Kitsch knipsen und habe jetzt die unnötige Gewissheit, dass man nicht jedem Werbegag folgen muss, und natürlich ist es immer nett, mit lieben Menschen einen Tag zu verbringen, aber für letzteres gibt es wahrlich andere Gelegenheiten.


Genau im Bildzentrum findet sich des Schlosses Zipfel, von der niedrigen Auflösung hier zerfressen, aber macht nichts, gleich gehts los.


Ein wenig widersprüchlich ist meine Anzahl der den Ergüssen König Ludwigs Nummer Zwoi von Bayern gewidmeten Bilder. Nichts gegen Exzentrik, deren Betrachtung genieße ich gerne und in vollen Zügen, wenn man mit ihnen nicht Menschen und Geldtöpfe ausgeblutet hat. Aber leider ist dieses Schloss auch rein ästhetisch von innen wie außen ein Reinfall. Ein Bild von meiner Seite hätte allemal gereicht, ein komplettes Verschweigen wäre mehr als gerechtfertigt. Wenn ich Sachen aus meinem Haushalt versehentlich zerstöre, Porzellan zerschlage oder Pflanzen aus unerfindlichen Gründen eingehen lasse, verstöre ich mich damit, sie mir als kleine Mahnmale über Monate hinweg in mein Blickfeld zu stellen. So ähnlich kann wohl die Zurschaustellung der hiesigen Fotos verstanden werden.


War alles gesperrt, diese Brücke genauso wie ein angepriesener Wasserfall in der Nähe. Sah man sich natürlich trotzdem aus der Ferne an, wegen der Anreise und des zugewiesenen Timeslots um 16 Uhr irgendwas.






Doch eine durch Wolken berstende Sonne vertreibt selbst den muffeligsten Graupel am Ende.


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Reisen benötigen Bücher, hier drei Romanempfehlungen:



Jonathan D. Spence (2005 [2001]): Verräterische Bücher: Eine Verschwörung im alten China (Original: Treason by the Book). Übs.: Susanne Hornfeck. München und Wien: Hanser.

Literarisch aufgearbeitet liest sich Spence‘ Recherche wie ein Roman. Anhand von Originalquellen verfolgt der altehrwürdige Sinologe und Historiker einen Brief, der einen General Anfang des 18. Jahrhunderts zur Rebellion aufrief. Es entspinnt sich eine Staatsaffäre, die, von einem unbedeutenden Übermittler ausgelöst, tief in die bürokratische Apparatur der Qing-Dynastie führt. Um der eigenen Anklage zu entgehen, muss sich General Yue Zhongqi (1686–1754), ein Nachfahre von Yue Fei (s. Kay unten), dieses Falles annehmen. Beschrieben werden die staatliche Überwachungsmechanismen bis in die hintersten provinziellen Verwaltungseinheiten des Landes, der Aufbau eines Regierungssystems mit Angst und Gehorsamkeit in ihren historisch gewachsenen Ausmaßen mit der steten Gefahr der Verbannung in malariaverseuchte Gebiete. Geboten werden Einblicke in die Komplexität der chinesischen Gesetze bis in ihre Hundertsten Paragraphen hinein, in das Berichtssystem und die Vorschriften des Protokolls zwischen Kaiser Yongzheng (1678–1735) und seinen Magistraten sowie in die Geschwindigkeit der Übermittlung von Botschaften. Thematisiert werden immer wieder ethnische Zugehörigkeiten und die damit einhergehenden Vorbehalte, etwa in der kaiserlichen Abneigung gegenüber Menschen aus Zhejiang, die der Mandschu Yongzheng für „arrogant und boshaft“ hält (S. 38). Es geht um Militärstrategien, um Probleme der Steuereintreibung, um die Überwachung der Moslems in Gansu und die Handhabung gegenüber Vertretern des Dalai Lama. Ein großartiger Fundus!




Guy Gavriel Kay (2017 [2013]): Am Fluss der Sterne (Original: River of Stars). Übs.: Ulrike Brauns. Frankfurt: Fischer Tor.

Der zweite Band aus dem fiktiven Reich Kitai ist ans Ende der chinesischen Nördlichen Song-Dynastie (960–1126) verlegt und folgt dem ersten Teil, „Im Schatten des Himmels“ von 2016 (Original: Under Heaven, 2010), der in der Tang-Dynastie bis zur An Lushan-Rebellion (8. Jh.) spielt.

Es geht um die Rückeroberung verlorener Gebiete an die nördlichen Barbaren, die Jurchen, Vorfahren der Mandschus, hier Altai genannt, und schließlich um den Verlust von weit mehr Territorium hin zum Untergang der Nördlichen Song. Mit magisch-fantastischen Elementen allgegenwärtiger Erwähnungen von Geistern, dann der Figur eines Fuchsgeistes, mit den literarischen Anleihen Gesetzloser in den Sumpfgebieten aus dem Shuihu zhuan (auf Deutsch: Die Räuber vom Liangshan-Moor, 14. Jh., spielt um 1120), verknüpft mit der Geschichte des historischen Heerführers Yue Fei (1103–1142), besticht Kay mit etlichen überlieferten Referenzen. Dabei kommt er angenehmerweise ganz ohne Erklärungen aus. Es geht um Hofintrigen von Ministern und Eunuchen, um Verbannungen von Dichtern und Gelehrten. Der Aberglauben von Kaiser Huizong, der hier Wenzong heißt, und der verbreitete Geisterglaube werden nie ins Lächerliche gezogen, sondern als zu jener Zeit selbstverständlich dargestellt. Den Beschreibungen beispielsweise von Kaiser Huizongs Vorlieben der Kunst vor seinen Staatsgeschäften, von seinem kalligrafischen Stil des schlanken Goldes, seines Gartenbaus und daoistischen Umgangs mit Konkubinen, der Vermessung seiner Handlänge für Musikreformen und ihrer Aufnahme durch seine Untertanen fehlt es dabei nicht an Witz, selbst wenn man die Bezüge nicht kennt oder einem etliche entgehen. Gerade gegen Ende wird die wiederholte Erwähnung des Verfahrens von Geschichtsschreibern etwas ermüdend. Aber es ist ein wunderbar kurzweiliges Vergnügen, von Action bis Romance ist hier alles enthalten, was einen Hollywood-Blockbuster ausmacht.




Viet Thanh Nguyen (2017 [2015]): Der Sympathisant (Original: The Sympathizer). Übs.: Wolfgang Müller. München: Blessing.

Einer der besten Romane, die ich seit langem gelesen habe. Mit diesem, seinem ersten Roman erhielt der vietnamesisch-US-amerikanische Schriftsteller Nguyen 2016 wohlverdient den Pulitzer-Preis für Belletristik.

Die Hauptthemen dieses Werkes, der Vietnamkrieg und die US-Migration in der selten dargelegten vietnamesische Perspektive, wären wohl kaum zu ertragen, wenn die Hauptfigur besonders in ihren nebensächlichen Anmerkungen nicht so unglaublich witzig wäre, um nicht zu sagen sympathisch. Wobei hier mit Sympathien die für den Kommunismus gemeint sind, als Sympathisanten bezeichnet sich der unzuverlässige Erzähler selbst, weil er mit zwei Perspektiven sehen kann. Die Verlagsbeschreibung des Romans als Politthriller, Spionageroman, historisches Kriegsdrama, politische Migrantengeschichte, im Englischen noch als Metafiktion, gibt sich ziemlich übertrieben. Und doch ist es all dies. Es handelt sich um die anonymen Aufzeichnungen eines erzwungenen Geständnisses von einem politischen Gefangenen, einem nordvietnamesisch-kommunistischen Spion in der südvietnamesischen Armee, der in der südvietnamesischen Exilgemeinde in Los Angeles landet. In rasantem Tempo erzählt der darüber hinaus noch mit der Problematik eines französischen katholischen Priesters als Vater beglückte Protagonist von seinen Erlebnissen seit dem Fall von Saigon 1975 und kommentiert diese Ereignisse unverfroren ehrlich in ihren politischen und in seinen persönlichen Widersprüchen. Die eindimensionale amerikanische Sicht auf den Vietnamkrieg wird etwa besonders deutlich in einem Nebenjob der Hauptfigur als Vermittler für einen amerikanischen Film zu diesem Thema beschrieben. Die Fortsetzung ist bestellt: Die Idealisten (Original: The Committed), beide 2021.


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Freitag, 12. November 2021
Hamburg: Unterwegs 2021
Was treibt man eigentlich so, wenn man hinaus möchte und sich weiterhin ein wenig im Sozialisierungsschockzustand suhlt?

Freiluftmusik



Musik ist nicht so mein Ding, aber die Ankündigung von Freiluftmusik, besonders die eines Orchesters auf einer Hochhaussiedlung hörte sich interessant an. Einen schönen Titel gab es dazu, es spielten die Dresdner Sinfoniker: Himmel über Hamburg, organisiert von Kampnagel und der Elbphilharmonie, auf den Hochhäusern in der Lenzsiedlung, Eimsbüttel, 17.7.2021.

Es war beeindruckend, was ein Aufwand getrieben wurde, kilometerlange Kabeltrassen wanden sich die Plattenbauten hoch, jedem Musiker standen Rigger und sonst nicht welche Schutzmaßnahmen zur Verfügung. Das Ganze fand auf dem wiederum verkabelten Sportplatz davor statt – der mit Granulat unterfütterte Plastikrasen tat schon vom Hinsehen weh, hier kann man sich als Siedlungskind nur schreiende Knieverbrennungen abholen, dass so etwas noch erlaubt ist? Musikalisch kann ich nur mit Laienunverständnis herangehen. Tatsächlich war es wohl egal, dass über einem gespielt wurde. Alle Töne liefen über je Musiker⋅in ein Mikro in ein Mischpult, das diese aufeinander abgestimmt in die unten aufgestellten Boxen übertrug. Das fand ich doch etwas schade. Natürlich ist jeder Ton je nach Entfernung unterschiedlich lang und je nach Windrichtung unterschiedlich wirr unterwegs, Gleichzeitigkeit würde ein Chaos verursachen. Ich hatte mir dennoch eher etwas wie ein Gipfelduett mit Ansprache, Hall, Horchen, Antwort vorgestellt. Gut gefallen haben mir die chinesischen Trommler⋅innen auf dem Sportplatz, die ebenfalls in ihre Mikros wummerten, aber deren Echos zusätzlich von den Platten zu einem herüberschwangen. Die wohl für das Berggefühl gewählten Alphörner versuchten ähnliches, einige unten auf dem Platz, andere oben auf den Häusern. Ich muss gestehen, dass ich zuvor noch keine Alphörner gehört hatte. Schon merkwürdig, klangen die nur in meinen Ohren wie Sirenen, so wie ich mir die Fabelwesengeräusche vorstelle, oder teils wie Unterwassertiere, wie diffuse Wahlklänge? Definitiv nicht so meins. Auch die sonst ausgewählten Stücke waren für meinen Geschmack etwas grotesk ausgewählt, ich würde sie als barocke Marschmusik bezeichnen, aber wie gesagt, ich habe keine Ahnung von Musik. Immerhin stimmte das Wetter.






Freiluftkino



Freiluft ist schon eine gute Corona-Maßnahme. Wie letztes Jahr fanden auch in diesem Openair-Kinoschauen statt, etwa das OpenAir Kino, veranstaltet vom Filmraum, im Stadtpark Eimsbüttel, 1.7.–4.9.2021, oder die Filmnächte, vom 3001, im Schanzenpark, 9.–25.7.2021.

Auf Alles ist eins. Außer der 0., der Doku über den CCC, hatte ich mich sehr gefreut. Ich weiß es nicht, vielleicht lag es an der langen Kulturpause, vielleicht waren meine Erwartungen dadurch übermäßig überhöht. Dachte ich doch, auch alle anderen hätten so lange nichts zeigen wie ich sehen können. Und weiß ich doch gleichzeitig, dass es immer nur gelegentliche Perlen zu entdecken gibt (auch wenn ich an objektive Kunstwertigkeit glaube, meinetwegen gerne mit subjektiven Tendenzen). Diesen Film empfand ich wie die Himmelsklänge über den Platten leider als eher enttäuschend. Klar, es gab den einen oder anderen Lacher, einige neue Informationen, der Film war auch ganz gut zusammengeschnitten mit altem Doku- und aktuellem Interviewmaterial, die Katze durchs Bild als Schrödingers, meinetwegen. Aber mir war er zu langatmig und mit Vanessa stimme ich überein, dass sich die Regisseure ruhig auf die Anfänge hätten beschränken können. Die Jahre nach 2000 wurden am Ende auf die Schnelle abgehakt, noch kurz dazugepresst und dadurch vielmehr marginalisiert. Ein zweiter Teil wäre auch in Ordnung gewesen, der Fokus auf Gründungslegende Wau Holland hätte nach seinem Tod 2001 gut enden können. Außerdem war es wahrlich gruselig zu sehen, wie wenig Frauen auftauchten. Ich erinnere mich nur noch an die fraglos großartige Constanze Kurz, aber das kann doch nicht alles sein.


Nostalgie: Blaues Wunder



Die Cremonbrücke, auch „das blaue Wunder“ genannt, über die Willy-Brandt-Straße, ganz in der Nähe des chinesischen Visa-Servicebüros, wurde inzwischen (Ende Oktober 2021) abgerissen. Im Endeffekt stand sie neuen Immobilien im Wege, die Barrierefreiheit mit ständig defekten, wartungsintensiven Außenrolltreppen musste als Argument herhalten. Ich mochte sie.




HafenCity


Joiri Minaya: Die Verhüllung. Intervention an der Kornhausbrücke beim Zollkanal gen HafenCity, 4.6.–30.9.2021.

Auf den Brückenpfeilern sind normalerweise die Statuen von Kolumbus und Vasco da Gama zu sehen. Für das Stadtentwicklungsprojekts „Imagine the City“ wurden im Sommer 2021 16 Künstler⋅innen eingeladen.


Jungfernstieg: U1



Noch frisch und neu blinkt es, von chinesischen Restaurants wissen wir, dass Spiegel an den Wänden besonders gerne schmale Räume optisch vergrößern. Das Design stammt von WRS, ich finde es für die Ecke Hamburgs passend. Ob das empfindliche Schwarz und Weiß die beste Wahl sind, mag im nächsten Jahr bewertet werden. Achja, und der Jungfernstieg wurde/ wird ja auch neugestaltet, attraktiver, autofrei, die Perspektiven gehen auseinander – mir gefällt es radelnd.



Ewig schon möchte ich nach Moskau, um mir dort die alten U-Bahnstationen anzusehen. Irgendwann einmal.


Prismatischer Blick: Alter Wall



Zu Olafur Eliasson habe ich ein sehr gespaltenes Verhältnis. Sein physikalischer Ansatz der Arbeiten etwa in seiner Ausstellung 2018 im Red Brick Art Museum 红砖美术馆 ist umwerfend. Dann wieder gibt es Lächerlichkeiten bis Monstrositäten von Pseudo-Gutmenschentum wie seine Show in der Fondation Beyerler, die Farbe in Wasser kippen, um – ist richtig – auf Verschmutzung aufmerksam machen zu wollen, oder wie seine Little Sun-Solarlampen, die Afrika mit Plastikschrott zumüllen. Naja, auf jeden Fall hat ihm der Alte Wall in Hamburg bestimmt einiges mehr in die Kassen gespült für seinen sogenannten „Gesellschaftsspiegel“. Die angedeutete Gesellschaftskritik im Titel kann man sich getrost schenken, da kann ich ihn tatsächlich nicht ernstnehmen. In die beiden Säulen, eine vorne am Rathausmarkt Nähe Bucerius Kunst Forum, eine hinten weiter die Straße hoch, kann man trotzdem einmal hochschauen.




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Dienstag, 15. Juni 2021
Buchempfehlungen: China, Gegenwartskunst
Weiterhin bin ich etwas zaghaft öffentlich unterwegs. Um aber endlich wieder einmal etwas zu posten, stelle ich hier den Teil meiner Lockdown-Lektüre vor, der sich mit Gegenwartskunst in China beschäftigt. Es handelt sich um deutsch- oder englischsprachige Werke und um Übersetzungen. Dazu streife ich den einen oder anderen Randbereich. Die Reihenfolge ist alphabetisch nach Autor:innen geordnet, unterteilt in zunächst die Sachbücher und unten zusätzlich ein paar Romane.

Diese Liste ist natürlich längst nicht als erschöpfend, sondern als (relativ oder immer noch) aktuelle Auswahl zu begreifen.


Sachbücher: Kunst in China



Cheek, Timothy (2015): The Intellectual in Modern Chinese History. Cambridge: Cambridge UP.

Dem Alphabet folgend, beginnt diese Liste mit einem der Randbereiche für die Gegenwartskunst in China, mit den chronologisch beschriebenen Diskursen der Intellektuellen von 1895 bis 2015, von der Niederlage im Sino-japanischen Krieg bis zum Aufschwung im Zuge der Olympischen Spiele 2008 und ihren Nachklängen. Cheeks Inhaltsverzeichnis ist sehr aussagekräftig, weshalb ich es hier wiedergebe. In Zwanzigjahresschritten sind stets ein Umbruch und ein Motto genannt, die sich auf die politische Situation beziehen. Cheek beginnt mit China in den 1910er Jahren: „Reform: making China fit the world“, die 1930er nennt er: „Revolution: awakening New China“, die 1950er: „Rejuvenation: organizing China“, die 1970er: „Revolutionary revival: overthrowing the lords of nation-building“, die 1990er: „Reviving reform: correcting revolutionary errors“ und endet mit den 2010er Jahren: „Rejuvenation: securing the Chinese Dream“. Die Darstellung folgt den wichtigsten Protagonisten, ihren Ideen und Begrifflichkeiten sowie ihren Ansätzen und Aktionen auf Grundlage der politischen Lage.

Für den Anschluss an diese Abhandlung möchte ich gerne auf Minzners unten empfohlenes Werk „End of an Era“ verweisen.




Cheng, François (2004 [1991]): Fülle und Leere. Die Sprache der chinesischen Malerei (Original: Vide et plein. Le langage pictural chinois). Berlin: Merve.

Chengs „Fülle und Leere“ ist hier, genauso wie Lis „Path of Beauty“ und Zhus „Philosophie der chinesischen Kunst“, als Ergänzung zum Verständnis der Gegenwartskunst aufgenommen.

Bei Cheng geht es um den bis heute wichtigen traditionellen Begriff der Leere im Verhältnis von Mensch und Universum als Theorie in der chinesischen Philosophie und als praktische Anwendung in der Malerei. Nach einer Einführung von der Tang- bis zur Qing-Dynastie werden das grundlegende Konzept der Leere und die grundlegenden Begriffe der traditionellen chinesischen Malerei vorgestellt. Mit anschaulichen Bildbeispielen werden die verschiedenen Pinselführungen genauso beschrieben wie Form und Volumen, Verhältnis und Proportion und die drei Perspektiven der Malerei. Es folgt eine Zusammenfassung der Fachbegriffe der verschiedenen Ebenen: „Pinsel-Tusche“, „Dunkel-Hell“, „Berg-Wasser“, „Mensch-Himmel“ und „Die fünfte Dimension“, also die Leerheit (S. 126–132). Das letzte Viertel des kleinformatigen, 180 Seiten umfassenden Buches ist beispielhaft der Malerei von Shi Tao 石涛 (ca. 1641– ca. 1707) aus Wuzhou, Guangxi gewidmet.




Gladston, Paul (2016): Deconstructing Contemporary Chinese Art: Selected Critical Writings and Conversations, 2007–2014. Berlin und Heidelberg: Springer.

Ganz witzig finde ich, dass diese Ausgabe das Format meines alten Diercke Weltatlas hat, leider fällt dieses Buch im Gegensatz zum Diercke schnell auseinander. Es handelt sich um eine Ausgabe der „Chinese Contemporary Art Series“, von 2015 bis heute, der China Academy of Fine Arts (CAFA) in Beijing, in der der Australier Paul Gladston die stellvertretende Chefredaktion innehat. Nach Gladstons „Contemporary Chinese Art: A Critical History“, London: Reaktion Books 2014, sowie etlichen anderen Büchern und Artikeln aus seiner Feder, handelt es sich hier um eine Zusammenstellung verschiedener seiner Schriften, Gespräche und Ausstellungsbeschreibungen zwischen 2007 und 2014 und basiert insbesondere auf seinem Aufenthalt in China 2005–2010. Dargestellt wird die chinesische und internationale Entwicklung der Gegenwartskunst in China. Dies geschieht etwa unter Aspekten der Modernität und Tradition, der kuratorischen Praxis und der internationalen Problematik der Deterritorialisierung von Identitätsausstellungen, der Avantgardekunst, der kulturellen Übersetzbarkeit und des intellektuellen Dünkels, des Kults um Ai Weiwei – sehr zu empfehlen.




Harris, Jonathan (2017): The Global Contemporary Art World. Hoboken, NJ: Wiley.

Der Brite Jonathan Harris müsste etwa Jahrgang 1960 sein, er versteht sich als Autor, Kritiker und Historiker mit dem Fokus auf moderne und Gegenwartskunst und war an verschiedenen Universitäten tätig, zuletzt leitete er die Birmingham School of Art der Birmingham City University. Seit über dreißig Jahren ist Harris schreibend und unterrichtend, wie er sagt: „weltweit“ unterwegs. Genaue Zeitangaben macht er nicht, aber da er von 2011–15 an der Winchester School of Art der University of Southampton tätig war, muss es in diesem Zeitraum gewesen sein, dass er deren Partnerprogramm mit der Dalian Polytechnic University begleitete und in dem Zuge in China war (vgl. S. 130–32).

Sein „Global Contemporary Art World“ versteht Harris als dritten Teil „in my trilogy exploring the character, history and meaning of art made in the 20th and 21st centuries“ (S. 5), nach „Globalization and Contemporary Art“ von 2011 und „The Utopian Globalists: Artists of Worldwide Revolution, 1919–2009“ von 2013 (vgl. S. 5–7). Ähnlich ambitioniert, wie das Gesamtunterfangen klingt, ist auch diese Abhandlung. Nach einer Einleitung bespricht er in sechs Kapiteln die fünf Kunstwelten von Hongkong, Südkorea, Indien, China und Palästina. Es folgt ein Fazit als Abschlusskapitel. In dem Kapitel über China (S. 127–154) geht er auf das Bildungssystem und den, wie er es nennt, „Contemporary Chinese Art Marketed for Global Consumption“ ein. Stets ist er bemüht, die Hintergründe aufzuzeigen. Seine Vermittlung springt von einem zum anderen Großbereich und bleibt recht oberflächlich. Nicht ganz sicher bin ich mir, ob er die Verwendung chinesischer Namen einfach missversteht oder tatsächlich Ai Weiwei durch die Benennung von „Weiwei“ als seinen Buddy ansieht. Beides würde ich ihm nach der Lektüre zutrauen. Das Kapitel über Hongkong (S. 35–64) beschäftigt sich insbesondere mit dem Kunstmarkt und geht im Zuge des M+ Museums auch auf Privatmuseen vor allem in Shanghai ein (S. 48–50). Dieses Buch kann nur unter Vorbehalt empfohlen werden, ist aber als subjektive Einschätzung des Autors durchaus interessant. Sympathisch bleibt, dass Harris Utopien nachzujagen scheint.




Koch, Franziska (2016): Die „chinesische Avantgarde“ und das Dispositiv der Ausstellung. Konstruktionen chinesischer Gegenwartskunst im Spannungsfeld der Globalisierung. Bielefeld: transcript.

Dieses Buch umfasst 742 Seiten, es ist größer als die Standardgröße bei Transcript und recht eng bedruckt. Es handelt sich um die kunsthistorische Dissertation von Franziska Koch, die sie 2012 im Fachbereich Germanistik und Kunstwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg abgegeben hat. Es gab eine Druckkostenförderung, aber ich bin immer wieder begeistert, was für Nischenprodukte beim Transcript Verlag zu finden sind. Die ebenfalls dort publizierte Dissertation von Meng Schmidt-Yin (2019): „Private Museen für Gegenwartskunst in China: Museumsentwicklung in der chinesischen Kultur- und Gesellschaftstransformation“ kann man sich leider getrost schenken. Doch Kochs „Dispositiv der Ausstellung“ ist eine echte Perle.

Es handelt sich um eine Untersuchung von zwanzig Großausstellung zur chinesischen Gegenwartskunst von 1982 bis 2014, die außerhalb von China im Westen stattgefunden haben. Sie stellt die jeweiligen, wie sie sie nennt, Agenten vor, ihre Institutionen und Diskurse und setzt die Ausstellungen ins Verhältnis zur innerchinesischen Entwicklung. Sie macht kleine Fehler und ihr unterlaufen marginale Ungenauigkeiten, die man bemerkt, wenn man eine Sache selbst recherchiert hat. Aber im Großen und Ganzen ist dies ein fulminant gelungenes Nachschlagewerk relevanter Ausstellungen und ihrer, wie ich sie nenne, Akteure.




Kraus, Richard Curt (2004): The Party and the Arty in China: The New Politics of Culture. Lanham, Maryland: Rowman & Littlefield.

Seit Erscheinen dieses Bandes 2004 hat sich natürlich einiges verändert. Dieses Buch bleibt dennoch relevant für die direkte Verbindung von Kunst und Politik und für das Verhältnis zwischen Künstler:innen und der Politik. Richard Kraus ist inzwischen emeritierter Professor der Politikwissenschaften für Asienstudien der University of Oregon. Sein Fokus waren die vergleichenden Politikwissenschaften, chinesische Politik und Kulturpolitik.

Kraus beschreibt die Kulturpolitik in China in ihrem Wandel von der Zeit unter Mao als Staatskunst über die Reform- und Öffnungspolitik unter Deng Xiaoping hin zur Marktwirtschaft. Der Boom des Kunstmarktes hatte 2005/06 seinen ersten Höhepunkt, der mit der Weltwirtschaftskrise 2008 nicht wirklich einbrach – zwar zogen sich die Sammler aus dem Westen zurück, aber dafür betraten die chinesischen Sammler das Feld, alsbald danach auch das internationale. 2004 war Kraus diesem Phänomen bereits auf der Spur, es muss in der Luft gelegen haben, die Nullerjahre, so auch Karen Smith in „Art Unlimited?“ (s. unten Schultheis et al., S. 81), „the first decade of the 21st century was all about economics“. Kraus geht von drei Thesen aus: erstens der intellektuellen Liberalisierung durch Kommerzialisierung, die gleichzeitig Künstler:innen vor wachsende Herausforderungen stellte; zweitens dem Wandel zu einem gemischten System privater und öffentlicher Förderung – auf öffentlicher Ebene steht leider immer noch einiges aus –, wobei sein Punkt eher ist, dass Wirtschaftsreformen ernsthafte politische Reformen bedeuteten; und – mittlerweile relativiert – die westliche Anerkennung der Reformen in China, die – wobei, weiterhin vorhanden – in der Westperspektive durch eine Kombination aus „ignorance, ideological barriers, and foreign policy rivalry“ (S. vii) verschleiert betrachtet werde. Außerdem geht er Fragen der Ideologie, Propaganda und vor allem der Zensur nach. Sein ganzes Kapitel zur Nacktheit mutet etwas überholt an, ist als Hintergrund aber sinnvoll. Es bleibt ein Werk, das gut gealtert ist und in dem man weiterhin einiges nachschlagen kann.




Leduc, Marie (2018): Dissidence: The Rise of Chinese Contemporary Art in the West. Cambridge, Mass.: MIT.

„Dissidence“, Opposition und Widerspruch klingen als Übersetzung eher harmlos, Dissens von Dissident:innen, es handelt sich um einen Begriff, mit dem man in Bezug auf restriktive Systeme stets Aufmerksamkeit erwecken möchte und der deshalb diesem Beigeschmack nicht entrinnen kann. Noch schlimmer ist Dissidentenkunst, aber über Ai Weiwei sind wir ja auch hierzulande nach seinem Berlinaufenthalt glücklicherweise hinweg. Nicht, dass ich gegen Konfrontation wäre, beileibe nicht. Sie findet in China nur anders statt, auch, aber nicht immer so direkt-plakativ, dass man sie im Westen sofort versteht, traditionell sowieso eher zwischen den Zeilen. Marie Leduc spricht dieses Thema nicht so platt abwertend wie ich an, aber auch ihr geht es um die Sehnsucht des Westens nach politischer Provokation, die nach dem Tian‘anmen Massaker 1989 begann und sich daraufhin verstärkte. Dafür steht der Verweis des Emblems auf dem Cover, das von der „China/Avant-Garde“-Ausstellung 1989 in Beijing stammt, im Februar, als man sich noch frei wähnte und die Avantgarde war. Ab Juni 1989 wurde der Westen aufmerksam, in China selbst zog man sich vermehrt zurück. Zunächst fragt Leduc nach dem Wert des Dissens in der Kunst und stellt Künstler:innen vor, die als Dissident:innen bekannt wurden. Sie untersucht die Ausstellung „Magiciens de la Terre“ von 1989 im Centre Pompidou, einer frühen Ausstellung gegen die eurozentrische Perspektive mit Arbeiten von hundert zeitgenössischen Künstler:innen aus aller Welt – nagut, immer noch eher Künstlern, aus China waren Huang Yongping, Gu Dexin und Yang Jiechang dabei. Mit dem Vermächtnis auch dieser drei als der Avantgarde hinterfragt sie weitere Themen wie Kunst und Revolution (als Dissens), freie Meinungsäußerung und Gegenwartskunst im Zuge der Globalisierung. Ich bin des Themas ein wenig müde, es bleibt leider weiterhin notwendig, dafür gibt es zu wenige – jetzt möchte ich Direktheit – Primärstimmen aus China.




Li Zehou 李泽厚 (1994 [1981]): The Path of Beauty: A Study of Chinese Aesthetics (Original: 美的历程). Übersetzung: Gong Lizeng. Hongkong und New York: Oxford UP.
Li Zehou (1992): Der Weg des Schönen: Wesen und Geschichte der chinesischen Kultur und Ästhetik. Übersetzung: Karl-Heinz Pohl und Gudrun Wacker. Freiburg im Breisgau u. a.: Herder.

Es gibt wirklich hässliche Coverdesigns. Li Zehou trifft keine Schuld, alle chinesischen Versionen sind um Meilen angenehmer, so auch die deutsche Ausgabe von 1992 und das englische Hardcover von 1989. Nur noch antiquarisch und einigermaßen erschwinglich blieb mir dieses ehemalige Bibliotheksexemplar. Kann das irgendjemand ernst meinen, selbst Mitte der 1990er Jahre, selbst als akademische Publikation, vor allem aber bei einem Buch über Ästhetik? Wenigstens existiert kein Hinweis auf das Grafikbüro. Es handelt sich um ein Standardwerk, das nicht wegen des Covers, sondern seines Inhalts gekauft werden sollte. Man muss sich nur überwinden, es aufzuklappen, dann verschwindet die hellbraune Verstörung von selbst.

Wie oben Chengs „Fülle und Leere“ und unten Zhus „Philosophie“ habe ich Lis „Path“ als Hintergrund hier aufgenommen, der dabei hilft, durch die Tradition die Gegenwart einzuordnen. Es existieren etliche wunderbare Abhandlungen zur traditionellen chinesischen Malerei, allgemeine Sammelbände über Kunst in China, häufig in gewaltigen Schritten durch die einzelnen Kaiserreiche schreitend. Diese drei exemplarischen Werke ermöglichen einen Einblick in die Gedankenwelt des alten China und dessen künstlerische Herangehensweisen, die chinesischen Künstler:innen auch heute noch präsent sind.

Chronologisch aufgebaut, beginnt diese Abhandlung mit dem mythologischen Zeitalter der „Drachen und Phönixe“, der Bronzezeit und Prä-Qin bis zur Einigung des Landes unter dem ersten Kaiser. Stets kunsthistorisch, also mit historischen Hintergründen und sozialen Veränderungen, begibt Li sich dann in die Zeit, die er die „Romantik der Chu und Han“ nennt. Durch die Epochen wandernd, sortiert er unterschiedliche Stilrichtungen, bespricht buddhistische Einflüsse, die Hochphase der Tang, die Vorstellung von Rhythmus und wie damit umgegangen, darüber hinausgegangen wird, wie es zur wichtigen Phase der Landschaftsmalerei der Song kam. Kunst und Literatur als Künste zusammen betrachtend, schließt Li mit den Haupttrends in der Ming- und Qing-Dynastie, er endet mit dem Ende des Kaiserreiches mit den Einflüssen der Umgangssprache und reflektiert über die Kunst als Handwerk. Die nur gut 230 Seiten liefern eine empfehlenswerte Grundlage zum Verständnis von Kontext und Entwicklung der Künste.




McIntyre, Sophie (2018): Imagining Taiwan. The Role of Art in Taiwan‘s Quest for Identity (1987–2010). Leiden und Boston: Brill.

Selbst war ich noch nie auf Taiwan und habe keine Ahnung von dem Land. Eine Übersetzung für das Palastmuseum in Taipei war bislang mein einziger direkter Kontakt mit der abtrünnigen Insel aus meiner Festlandsperspektive. Letztens meinte eine Freundin, sie würde gerne hin, wenn das Reisen denn wieder möglich wird, solange Taiwan, so ergänzte sie quasi prä-nostalgisch, noch Taiwan sei. Die Australierin Sophie McIntyre kennt Taiwan. Sie ist Kuratorin und Dozentin an der Queensland University of Technology. „Imagining Taiwan“ basiert auf ihrer Dissertation, die sie, eine Jahresangabe ist nicht zu finden, an der Australian National University eingereicht hat. Die vorliegende Abhandlung habe sich über zwanzig Jahren hinweg entwickelt. Es geht um die Kunst taiwanesischer Künstler:innen, um Museumspolitik, Identität und Anerkennung, anhand von Fallstudien um die Dekonstruktion, die Erzählbarkeit, um die Identitätsbildung und Entmythologisierung des Begriffs und Verständnisses von Nation. Weiter geht es um den Aufstieg Chinas und die Notwendigkeit der Neuorientierung Taiwans, hier werden etwa die Biennalen in Taipei und Venedig gegenübergestellt. Das Buch hat beinahe das Format eines Ausstellungskataloges, es ist reich bebildert und man merkt ihm die Kuratorin an.




Minzner, Carl (2018): End of an Era: How China‘s Authoritarian Revival is Undermining Its Rise. New York: Oxford UP.

Auch dieses Werk bietet einen Hintergrund, in diesem Fall einen politisch-gesellschaftlichen. Mit dem titelgebenden Ende einer Ära ist die unter Deng Xiaoping begonnene Reformära gemeint, und da jedem Ende ein Anfang innewohnt, bezieht sich dieser gleichzeitig auf den Beginn der Neuen Ära von Xi Jinping. Der amerikanische Juraprofessor Carl Minzner ist auf chinesisches Recht und Governance in China spezialisiert und charakterisiert hier die Kernfaktoren im Wandel von Ende und Anfang. Diese beinhalten politische Stabilität, ideologische Öffnung und rasantes Wirtschaftswachstum. An der Oberfläche erscheine es, dass Chinas Führung sich einer tiefgreifenden Reform seit den 1990ern verweigert habe. Während um das Land und weltweit Aufruhr herrsche, erscheine China als stabil und in stetigem Aufschwung. Doch seit den letzten dreißig Jahren habe ein erstarrtes politisches System die fest verwurzelten Interessen innerhalb der KPCh und die systematisch unterentwickelten Regierungsinstitutionen angetrieben. Wirtschaftliche Spaltungen haben sich genauso vermehrt wie soziale Unruhen und ideologische Polarisierung. Der Umgang damit sei ein progressives Ausschlachten institutioneller Normen und Praktiken von Seiten der Führungsebene. Die technokratische Führung weiche dem, was Minzner Blackbox-Säuberungen nennt, und das kollektive Regieren falle zurück auf eine Ein-Personen-Herrschaft. Die Reformära der Öffnungen sei beendet, China mache dicht. Minzner betrachtet dies unter den Aspekten Gesellschaft und Wirtschaft, Politik, Religion und Ideologie sowie in vergleichender Perspektive insbesondere zu Taiwan und Südkorea. China stehe an einem gefährlichen Wendepunkt. Am Ende seines Buches spielt Minzner mögliche Zukunftsszenarien durch, den Untergang des liberalen Traums, die Weiterführung autoritärer Führung, die Verstärkung des Nationalpopulismus, eine Wiederbelebung des dynastischen Zirkels, einen Zusammenbruch des Regimes und verschiedene Möglichkeiten weltweiten Umgangs damit.




Phillips, Christopher und Wu Hung (Hgg.) (2018): Life and Dreams: Contemporary Chinese Photography and Media Art. New York und Göttingen: The Walther Collection und Steidl.

Vor mir liegt ein sehr schöner, dicker Bildband mit einer Zusammenstellung von knapp fünfzig Fotograf:innen. Es handelt sich insbesondere um bekannte Namen wie Cang Xin, Cao Fei, Hong Hao, Rong Rong, Song Dong, Sun Xun, Wang Gongxin, Yang Fudong, Zhang Dali, Zhang Peili, Zhou Tiehai, Zhuang Hui und vielen mehr. Jede/r Fotograf:in erhält meist drei, mal eins, mal fünf Bilder Platz, die Titel finden sich gesondert am Ende, wodurch keine Ablenkung von den Bildern entsteht. Wie es sich gehört, finden sich ebenfalls am Ende die Biografien der vorgestellten Künstler:innen. Ergänzt wird dieser Band mit einer Reihe von Essays, etwa von Wu Hung mit seinem Ruinenansatz, Rong Rong zur Avantgarde-Fotografie, Karen Smith über Aufklärung durch die Linse, Lu Yang zu neuen Medien und anderen. Es sind keine neuen Positionen zu erwarten, aber ein guter Überblick des Bekannten.




Pollack, Barbara (2018): Brand New Art from China: A Generation on the Rise. London und New York: I.B. Tauris.

Barbara Pollack, Journalistin (New York Times, ARTnews), Kunstkritikerin und Kuratorin (in China etwa im Yuz Museum und im Long Museum), schreibt neben anderen Themen seit gut fünfzehn Jahren über die Kunstszene in China. So verfasst sie seit Mitte der 2000er Artikel über Ai Weiwei – weshalb vermutlich ein Zitat von ihm ihr „Brand New Art“-Cover ziert. Davon sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen. Mit teils etwas rudimentären, aber anschaulichen Einschätzungen zur kulturellen, politischen und gelegentlich historischen Lage, vor allem aber mit vielen Beispielen von Künstler:innen ab der 1980-Generation basiert Pollacks Buch auf Gesprächen mit den Akteur:innen der Szene. Die thematische Unterteilung ist grob chronologisch und beschäftigt sich etwa mit Chineseness, Abstraktion, Post-Truth und Post-Internet Kunst und endet in New York. Ai kommt auch vor, der Fokus richtet sich aber auf die Generation von Cao Fei und jünger. Pollacks Darstellung bietet eine kurzweilige Momentaufnahme insbesondere der Metropolkunst in China der 2010er Jahre.




Schultheis, Franz, Erwin Single, Raphaela Köfeler und Thomas Mazzurana (2016): Art Unlimited? Dynamics and Paradoxes of a Globalizing Art World. Bielefeld: transcript.

Man ist doch immer wieder überrascht, wie viele Leute ohne jegliches Vorwissen in ein fremdes Land gehen, sich dort ein paar Monate oder ein Jahr aufhalten und dann ein Buch darüber schreiben. Häufig erschauern einen die getroffenen Aussagen, genauso häufig ist man erstaunt, wie viele der relevanten Kontakte ausfindig gemacht wurden. Vermutlich ist die Szene wirklich so klein, die leichte oder schwierige Zugänglichkeit mag eine Charakterfrage sein – oder berufsbedingt.

Die Autoren dieses Bandes sind alle Soziologen, die sich offensichtlich erstmals mit China beschäftigen. Es handelt sich um eine Sammlung von Interviews mit Kurator:innen, Galerist:innen, Sammler:innen und ähnlichen Akteuren, die 2013/14 im Zuge eines Studienprojektes der Universität St. Gallen geführt wurden. Es ist ganz lustig, wie immer wieder ähnliche Fragen gestellt werden. Offensichtlich sind die Autor:innen die gesamte Zeit dabei, das Phänomen zu verkraften, dass chinesische Sammler:innen, zumindest wenn sie gerade mit dem Sammeln beginnen, sich zunächst über die Auktionshäuser – und nicht wie im Westen primär über Galerien – dem Markt nähern. Auch sonst drehen sich viele Fragen um das Marktverständnis. Die Autor:innen scheinen ihren Hauptzugang über die Art Basel in Hongkong erhalten zu haben und von dort losgezogen zu sein. Lesenswert sind besonders die Interviews mit Karen Smith (damals Beijing, heute Xi‘an, vermutlich bald Shanghai), Robin Peckham (damals Hongkong), Colin Chinnery (Beijing) und Tobias Berger (damals Hongkong). Vor allem Meg Maggio (Beijing) und Gu Ling (damals Shanghai) setzen einiges an Westlerperspektive der Autor:innen zurecht, was sich ganz amüsant liest.

Um die bei Kraus oben bereits zitierte Stelle von Karen Smith aufzugreifen, hier ihre sehr schön prägnante Einordnung der jeweiligen Dekaden (S. 81): „The 80s was pervaded by a kind of freedom; the 1990s was very political. Suddenly, the first decade of the 21st century was all about economics. This second decade feels rather flat. Perhaps it is needed as a period to reflect and put everything in perspective. Out of that, some new, stronger contemporary cultural identity will emerge for the 2020s, which will be tied to what will happen in China as China‘s position in geopolitics becomes ever more clearly defined.“




Wang, Peggy (2020): The Future History of Contemporary Chinese Art. Minneapolis: University of Minnesota Press.

Der Ansatz von Peggy Wang ist ganz interessant. Hier geht es um die international renommierten Künstler:innen der 1950er/1960er-Generation Zhang Xiaogang, Wang Guangyi, Sui Jianguo, Zhang Peili und Lin Tianmiao. Auch hier geht es (wie oben bei Leduc) zunächst, da auf Englisch und entsprechend hauptsächlich für ein westliches Publikum geschrieben, nicht um, sondern gegen die westliche Suche nach Sozial- und Politikkritik bei Dissidenten. Diese ist in den besprochenen Kunstwerken auch vorhanden, aber natürlich steckt viel mehr dahinter. Als „Zukunftsgeschichte“ bezeichnet Wang ihre Neuinterpretationen in Form, Bedeutung und Möglichkeiten der Werke für sich und in Bezug auf die Kunstgeschichte in China und global. Sie legt die häufigen Fehllesungen dar, auch der Künstler:innen selbst, etwa in Bezug auf den Westen. Außerdem geht es gelegentlich um die Einflüsse, die diese fünf Künstler:innen auf andere genommen haben.




Welland, Sasha Su-Ling (2018): Experimental Beijing: Gender and Globalization in Chinese Contemporary Art. Durham und London: Duke UP.

Als ethnografische Feldarbeit beschreibt Sasha Welland ihre Untersuchung, die sie unter der Prämisse der Kommerzialisierung besonders von experimenteller Kunst vorgenommen und seit und auf die Olympischen Spiele 2008 zugehend wahrgenommen hat. Entsprechend lässt sie Stimmen von Künstler:innen, Kurator:innen, von offizieller Seite und von Stadtplaner:innen zu Wort kommen. Diese tarieren die soziale Rolle von Kunst aus und beschäftigen sich mit dem Aufbau neuer Kulturinstitutionen. Welland vertritt die These, dass Genderthemen ein verändertes Bewusstsein der Kunstgeschichte in China herbeiführen würden, die Globalisierung scheint als Dialog gemeint. Klar, für China nicht aber doch recht gewagt? Da mir genderspezifische Themen in China bislang nur eher am Rande untergekommen waren, lese ich natürlich gerne mehr davon. Vor allem ihre Einordnung von Begriffen und besonderen Pop-up-Phänomenen finde ich ganz interessant.

Zu dieser Druckversion hat Welland ein kleines digitales Kompendium geschaffen.




Wu, Weiping und Piper Rae Gaubatz (2013): The Chinese City. London und New York: Routledge.

Hier geht es nicht um Kunst, sondern um Stadtentwicklung in China – einem äußerst wichtigen, da lebensessentiellen Thema der chinesischen Gegenwart und damit in der Gegenwartskunst und deshalb eine passende Ergänzung in dieser Liste. Obwohl diese Abhandlung bereits ein wenig älter ist und etwa die Abrisswucht unter Xi Jinping insbesondere von 2017 in Beijing noch nicht miterleben musste (s. als Beispiele aus Beijing hier, hier oder hier), bietet sie reichlich Material zum strukturellen Verständnis chinesischer Städteplanung. Wu und Gaubatz liefern fundierte Hintergründe, nicht nur, aber auch an historischem Kontext und geografischer Kulisse. Mit zahlreichen Statistiken, meist von 1949 bis 2009, beleuchten sie das Urbanisierungsphänomen, die Entwicklung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformation, der Infrastruktur sowie der Land- und Hausreformen und -bedingungen. Sie hinterfragen den urbanen Lebensstandard unter zivilgesellschaftlichen Gesichtspunkten und die urbane Governance. Ich habe bereits die eher architektonische Sicht von Dieter Hassenpflug (2009): „Der urbane Code Chinas“, Basel und Berlin: Birkhäuser, mit Gewinn gelesen, es gibt auf diesem Gebiet natürlich zahlreiche Essays und für mich handelt es sich eher um ein Hobbythema, dennoch finde ich, dass Wu und Gaubatz hier ein bemerkenswertes Fundament bieten.




Xu Yong 徐勇 (2015): Negatives. Dortmund: Kettler.

Gerade jährte sich das Tian‘anmen Massaker am 4.6.2021 zum 32. Mal. Zum ersten Mal gab es dieses Jahr kein offenkundig öffentliches Mahnmal in Hongkong. Der Fotograf Xu Yong hatte 1989 etliche Filmrollen auf dem Platz des Himmlischen Friedens belichtet. Er ließ sie über zwanzig Jahre in den Tiefen seiner Schubladen ruhen. Auch für diese Publikation im Ausland von 2015 wählte er nicht den direkten Weg der Positiventwicklung, das Thema war und ist einfach noch viel zu heikel. Mit einer einfachen Einstellung lassen sich die Bilder auf dem Handy im Positiv betrachten, tatsächlich changieren aber die negative Fotoästhetik und der dadurch gewonnene Abstand auf ihrer ganz eigenen Skala von Schönheit und Grauen.




Zhu Zhirong 朱志荣 (2020 [2012, 1997]): Philosophie der chinesischen Kunst (Original: 中国艺术哲学). Übersetzung: Eva Lüdi Kong. Berlin: LIT.

Wie oben bereits geschrieben, habe ich diese Abhandlung genauso wie Chengs „Fülle und Leere“ und Lis „Path of Beauty“ mit aufgenommen, weil sich Gegenwarten durch Blicke auf Vergangenheiten und ihre Traditionen erhellen.

Man könnte sagen, dass es sich um die Neuauflage von Lis „Path of Beauty“ handelt. Hier erfolgt allerdings anstelle der chronologischen eine thematische Unterteilung. Diese ist sehr detailliert, was den großen Reiz des Buches ausmacht. Allein durch das ausschweifende Inhaltsverzeichnis erhält man einen guten Einblick in das Themenfeld der chinesischen Ästhetik und Gedankenwelt.

Die Einordnungen „zur energetischen Wirkung und geistigen Ausstrahlung“ seien von daoistischen und konfuzianischen Weltanschauungen durchdrungen, weshalb diese Abhandlung mit „Philosophie der chinesischen Kunst“ betitelt sei (S. i). Die Kunsttheorie des alten China wird mit ihren eigenen Kategorien dargestellt. Die fünf Kapitel („Das künstlerische Selbst“, „Kunst an sich“, „Besondere Eigenschaften“, „Geistiger Ausdruck“ und „Entwicklungsgeschichte“) sind in angenehme kleine Häppchen unterteilt. Nach der Herangehensweise, den schöpferischen Quellen, dem Umgang mit Ruhe, Erkennen und Vitalität, werden Bedeutung, Form, Struktur, Rhythmus, Bildgestalt, Resonanz und vieles mehr behandelt. Zhu geht auf das Verständnis von Zeit und Raum, Innen- und Außenwelt, Subjekt und Objekt ein, und es folgen immer wieder Abschnitte zu den grundlegenden Eigenschaften. Die zahlreichen Zitate der Dichter und Denker werden stets in Kontext gesetzt und bilden mit der poetischen Denkweise der Dichtkunst die Basis zu den Erklärungen und Einordnungen. Die Begriffe, Personen und Werke sind durchweg auch auf Chinesisch wiedergegeben, Eva Lüdi Kong lebe hoch. Leider muss dieses Buch ganz ohne Abbildungen auskommen.


Romane aus und über China

Ich behaupte immer, nie Krimis zu lesen, und auch Scifis machen bei mir normalerweise keine 4/5-Romanration aus. Hier gibt es von mir einen Krimi und vier Sciencefiction-Romane, alle fünf taugen genauso wunderbar als Lockdown- wie als sommerliche Urlaubslektüre.




Dath, Dietmar (2019): Neptunation. Frankfurt a. M.: Fischer Tor.

In diesem Scifi bricht ein deutsch-chinesisches Rettungsteam dreißig Jahre nach Ende des Kalten Krieges auf, um dem Signal einer damals von der Sowjetunion und der DDR entsendeten Mission nachzugehen.

Neben der marxistischen Grundeinstellung hat mich besonders gefreut, dass der Beijinger Künstler Wang Guangle hier einen kurzen Auftritt hat, S. 290f. Es geht bei der „schwebende[n], konvex elliptische[n] Form aus weißer Farbe“ um Wangs Arbeit, die er 2011 in der Beijing Commune im 798 ausgestellt hat (s. hier). Einerseits soll die Arbeit nicht interpretiert werden, „also bitte keine Kunstvorträge jetzt von Cordula, dass das irgendwie das Unbewusste der Macht oder die Dialektik der Arbeitsteilung oder so was darstellt“, andererseits erinnere diese Arbeit „uns nicht an das, was wir sind, sondern lässt uns vergessen, wo wir sind: im Weltraum, wo es nicht nur keine Kunst gibt, sondern nicht mal was zu essen“. Den einen oder anderen Dath kann man sich unbedingt gelegentlich gönnen.

Passenderweise lief kürzlich ebenda wieder eine Soloshow von Wang: „Wang Guangle 王光乐: Waves 波浪“, in: Beijing Commune 北京公社, 15.4.–28.5.2021.




French, Paul (2012 [2011]): Midnight in Peking. The Murder That Haunted the Last Days of Old China. London: Penguin.

Der Brite Paul French lebte um 2010 zehn Jahre in Shanghai, spricht Chinesisch (das muss leider immer noch gesagt werden) und schreibt als Journalist und Schriftsteller über Gesellschaft und Geschichte in China, mit Fokus auf das Ende des Kaiserreichs und die Republikzeit. „Midnight in Peking“ ist eine Dokufiktion über den unaufgeklärten Mord an der jungen Britin Pamela Werner im Jahr 1937 im Gesandschaftsviertel von Beijing. Es geht um das Leben der damaligen Expats, um Gesandte, Händler und andere Lebenskünstler, in Konfrontation mit der chinesischen Polizei zu Beginn der japanischen Invasion vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Mit, so Frenchs Erzähler, bislang unbekannten Dokumenten wird der Mord gar aufgedeckt ? Wie auch in seinen anderen Büchern, scheint French den Duktus der damaligen Zeit glaubwürdig zu beherrschen. Es ist ein Genuss, ihm durch die Hutongs und die Stadtmauern entlang zu folgen.

Berichten zufolge (Forbes 2012, 澎湃 2019) wird gelegentlich über eine Verfilmung von „Midnight in Peking“ spekuliert – ich würde mich sehr darüber freuen.




Lao She 老舍 (1985 [1933]): Die Stadt der Katzen (Original: 猫城记). Übersetzung: Volker Klöpsch. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Wer noch nichts von Lao She gelesen hat, dem sei besonders dieser Scifi empfohlen – oder auch Gesellschaftsroman, darüber streiten sich die Geister. Zumindest spielt er auf einem fernen Planeten mit Katzen als Bewohnern. Das Gesellschaftsbild ist so wunderbar auf Lao Shes Zeit übertragbar wie auf die heutige, aber das soll bei Scifis ja gelegentlich auch der Fall sein.




Liu, Cixin 刘慈欣 (2017 [2006]): Die drei Sonnen (Original: 三体). Übersetzung: Martina Hasse. München: Heyne.
Teil 1 der Trilogie.
Teil 2: Der dunkle Wald (2018 [Original: 黑暗森林, 2008]), Übersetzung: Karin Betz.
Teil 3: Jenseits der Zeit (2019 [Original: 死神永生, 2010]), Übersetzung: Karin Betz.

Liu Cixins Trilogie braucht kaum noch eine Vorstellung, so allgemein bekannt ist dieser Scifi. Der dritte Teil erschien mit einer leider immer holpriger werdenden Übersetzung auf Deutsch bereits vor Corona, ich habe ihn damals natürlich sofort gelesen. Der erste Teil bleibt der stärkste und, wenn man Cliffhängern widerstehen kann, besonders lesenswert. Andererseits sollte dazu unbedingt der zweite Teil gelesen werden, denn wer möchte schon die Theorie des dunklen Waldes in seinem Leben missen? Wer auf sich aufmerksam macht, wird angegriffen, bevor er/sie angreifen kann – gibt es in Lius Version natürlich um Seiten länger und Bildlängen grandioser.

Als Einschätzung aus sehr deutscher Perspektive sei die Podcastfolge von Kapitel Eins: Die drei Sonnen von 2018 empfohlen.




Robinson, Kim Stanley (2019 [2018]): Roter Mond (Original: Red Moon). München: Heyne.

Leider sollten Scifis (zumindest die von Heyne publizierten?) wohl im Original gelesen werden, kein Wunder, dass das Genre nicht als Hochliteratur bekannt ist. Aber wenn man sich durch den gruseligen Anfang gebissen hat, weil man wieder zu faul war, sich technischen Erklärungen auf Englisch, geschweige denn auf Chinesisch zu stellen, dann hat man sich an die Schreibe gewöhnt und kann über Hunderte von Seiten in fremde Welten abtauchen.

2048 hat China hier die Vorherrschaft in der Kolonisierung des Mondes übernommen, weshalb er der Rote Mond genannt wird. Vielleicht haben Xi Jinpings Taikonauten Robinson gelesen, bevor sie Anfang 2019 auf der Schattenseite unseres Trabanten landeten – dieser Plan war wahrscheinlich bereits vorher gereift, aber auch verkündet? Und was haben sie dort wirklich angestellt? Bei Robinson befindet sich auf der Schattenseite des Mondes etwa ein unterirdisches, einem traditionellen chinesischen Landschaftsgemälde nachempfundenes Gelände. Die Chinesen wissen hier einfach nicht mehr, wohin mit ihrem Geld. Ein Mord auf dem Mond verbindet einen alten chinesischen Dichter, der inzwischen nur noch Videoblogs publiziert, eine chinesische Kadertochter und einen amerikanischen Techy miteinander. Natürlich geht es auch hier letztendlich um die Rettung der Welt.

„Inzwischen waren die Generationen, die bis zur ersten um Mao zurückreichten und zu der Zhou Enlai, Deng Xiaoping und die anderen Acht Unsterblichen gehört hatten, eher eine nominelle Angelegenheit. Die Folgegenerationen wurden lediglich anhand der jeweiligen Generalsekretäre, der Parteikongresse und des gesetzlichen Rücktrittsalters durchnummeriert. Unterm Strich kam dabei heraus, dass heutzutage alle zehn bis zwanzig Jahre eine neue Führungsgeneration antrat. Im Prinzip handelte es sich um einen ziemlich konstruierten Begriff, aber trotzdem wurde er oft verwendet und kombinierte die chinesische Vorliebe für nummerierte Listen mit einem allgemeineren menschlichen Bedürfnis nach einer Periodisierung der Geschichte, in dem hoffnungslosen Versuch, den menschlichen Geschicken einen Sinn abzuringen, indem man eine Art Feng Shui mit der Zeit betrieb.“ (S. 182f.)

Im Prinzip erwarte ich eher, dass Xi bis 2048 durchregiert, dann wäre er 95 Jahre alt, das halte ich nicht für abwegig. Und ist eine generative Nummerierung spezifisch chinesisch? Andrew Batson ist in „How plausible is the China in Kim Stanley Robinson‘s *Red Moon*?“, 2.3.2019, nicht überzeugt von Robinsons China-Vision, die er mehr als heutige Version mit etlichen Fehlern liest. Ich mochte das Buch trotzdem und fand es gerade wegen der Zustandsbeschreibungen von China aus amerikanischer Sicht interessant.

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Aktuell werde ich gut unterhalten von Dana Spiottas (2008 [2006]): „Eat the Document“, Köln: KiWi; ohne China-Bezug.


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Donnerstag, 4. Juni 2020
Hamburg: Kunst im Frühjahr 2020
Zurück zur Kunst. Gerade noch kurz vor Corona liefen drei beachtenswerte Ausstellungen in Hamburg an, sie laufen bis in den Sommer.

Jetzt! Junge Malerei in Deutschland, Deichtorhallen, 14.2.–6.9.2020 (verlängert).


Mona Ardeleanu: Kuro 2018/IV. 2018.


David Lehmann: Waste Land. 2014–15.

Merkwürdigerweise nicht im Katalog gelandet ist Stefanie Heinze, weshalb es von mir alle drei ihrer ausgestellten Bilder gibt:


Stefanie Heinze: a 2 sie. 2018–19.


Ebd.: Caress. 2019.


Ebd.: Silver Lining (Steady Downpour Infusions). 2019.

Einer der Kuratoren muss ein Faible für Morbides und Dystopien haben, die meisten waren mir etwas arg schreiend, dieses Bild fand ich ganz witzig:


Laura Link: Badass Nails. 2018.


Stefan Vogel: Ach- sowieso-- genau--. Detail. 2015.


Moritz Neuhoff: brushstrokes (gray on white). 2019


Simon Modersohn: Heckenschütze. 2019.


Markus Saile: Ohne Titel. 2016.


Ebd.: Ohne Titel. 2019.


Li-Wen Kuo: Pars pro Toto. 2019.


Anna Nero: UFO. 2016.


Installationen aus 25 Jahren Sammlung Falckenberg, Sammlung Falckenberg, 30.11.2019–30.8.2020.


Martin Kippenberger: Was ist der Unterschied zwischen Casanova und Jesus: Der Gesichtsausdruck beim Nageln = Fred the frog rings the bell. 1990.


Atelier van Lieshout: Hanging Michelangelo. 2004.


Nicole Eisenmann: Hoegarden! 2012.


Paul Thek: Tar Baby. 1975–76.


Nam June Paik: Video Scooter. 1994.


Ebd.: TV-Buddha. 1997.


Erwin Wurm: Sonniger Morgen. 1984.


Rebecca Warren: Family Badge. 2004.


John Bock: Klappdiagramm. 2013.


Jimmie Durham: Contemporary Gargoyle for Home or Office. 2007.


Ebd.: Baby, please don’t go. 2000.


C. O. Paeffgen: Brüsseler Spitze. 1976.


David Hockney: Die Tate zu Gast, Bucerius Kunst Forum, 1.2.–13.9.2020 (verlängert).


The Berliner and the Bavarian. 1962.


Lithographic Water Made of Lines, Crayon and Two Blue Washes Without Green Wash. 1978–80.


Red Celia. 1984.


The Wave, a Lithograph. 1990.


Eine (Part 1). 1991.


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Hamburg: Auf der Suche nach Badeseen
Schon während meiner Studienzeit musste ich mit Bedauern feststellen, dass es keinen Badesee in Hamburg gibt. Wasser und Parkerholung sind reichlich vorhanden und werden weidlich genutzt, aber wo schwimmt der Hamburger? Nicht in Bädern, denn seit meiner Erinnerung nach Mitte der 2000er Jahre Bäderland die Schwimmbadwelt fast, es scheint mir komplett übernommen hat, soll man in dieser Stadt Wellness betreiben – das mag gelegentlich ganz nett sein, ist aber zum Bahnenziehen nicht von Vorteil.

Badeseen gab es auch damals schon nicht. Es könnte sein, dass der Stadtparksee mittlerweile etwas sauberer geworden ist, aber mit seinem engen Gafferkäfig bietet er keine Alternative. Ins Brackwasser am Elbstrand mag ich nicht, vielleicht stelle ich mich an, aber die Wasserqualität wird auch weiterhin nicht lobend hervorgehoben. Eine schöne Flussmöglichkeit ist knapp 20km die Elbe runter die Regattastrecke am Allermöher Deich – der Vorteil von Fließgewässern ist, dass man im Gegenstrom auf der Stelle schwimmen kann.

Aber eigentlich hätte ich gerne einen See in Fahrraderreichbarkeit – Kinderjahre seien Katzenjahre, heißt es, es muss nicht gleich der Neversdorfer oder der Mözener See sein, selbst einer wie der als sumpfig verschrieene Poggensee wäre schon in Ordnung. Während sich die Stadt wieder locker macht und Corona abschüttelt, treibe ich noch in meinem Hypochonderdasein. Doch da Bewegung nach Monaten nun nicht die schlechteste Idee ist und es langsam warm wird, machte ich mich kürzlich aus dem Gewusel hinaus auf die Suche nach Seen. Leider habe ich keinen mit Badeerlaubnis gefunden – und mit näherem Blick scheint mir Wildbaden meist eher nicht erstrebenswert. Immerhin kommt man raus und ein wenig herum und kann Grün atmen.

In Halstenbek, schon in Schleswig-Holstein, doch noch kurz hinter der Grenze von Hamburg, liegt der Krupunder See (Wiki-Link mit netten Entstehungssagen).


Krupunder See, Halstenbek.

Allgemein alles sehr kindgerecht, überall gibt es Spielplätze und umzäunt veranschaulichende Ameisen- oder Asthaufen – für meinen Geschmack etwas zu didaktisch, aber ich gehöre schließlich nicht zur Zielgruppe. Zumindest kommt man einmal um den schönen, kleinen See und hat so wenigstens seinen Biathlon in der Tasche.

Weiter nordnordwestlich, bereits in Pinneberg, liegt der See an den Funktürmen, auch Wollnysee genannt. Allerdings machen zwei Namen keinen besseren See, wie der Blick durch den himmelblauen Spiegel außerhalb des Fotos offenbarte.


See an den Funktürmen, Pinneberg.

Darauf habe ich mein Glück weiter im Osten versucht. Der Ziegelteich lag auf dem Weg und ist eine kleine Oase unterhalb der Gleisüberbrückung am Holstenkamp.


Ziegelteich, Holstenkamp.

Da ich mit der Karte von Outdooractive unterwegs war (der Dank für den Hinweis gilt Andi), wurden mir attraktivere als die Google-Routen vorgeschlagen, und so kam ich auf dem Weg zu meiner nächsten Station durch den wunderschönen Lutherpark in Bahrenfeld. Es gibt tatsächlich Hügelungen in Hamburg.


Lutherpark, Bahrenfeld.

Der Helmuth-Schack-See im Bornpark liegt an der Grenze zu Schleswig-Holstein in Lurup. Der angrenzende Angelsee ist nur für Vereinsmitglieder zugänglich. Dies war der einzige braune See, den ich traf.


Helmuth-Schack-See, Lurup.

So groß die Badelust sein mag, jeder Pfütze muss man nun nicht hinterherjagen.



Allerdings gibt es an jeder Ecke Grün und Erholung vor Teich.



Beim Hinausfahren gefällt mir, wenn am Horizont vor weiter Flur Platten platziert sind:





Für die nächste Radroute setzte ich auf das, was Hamburg wirklich gut kann: Alsterkanäle. Sehr schön finde ich die Strecke Richtung Ohlsdorf hinauf.


Alster, Ecke Eppendorf.

Dort kommt man Eppendorfer Moor vorbei – das war das idyllischste Fleckchen Wasser, an dem ich auf diesen Stichproben vorbeikam.


Eppendorfer Moor, Groß Borstel.

Aber ich gebe ich nicht auf, Hamburg hat schließlich viel Wasser zu bieten. Mit Mein Badesee: Hamburg bin ich noch nicht durch …


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Freitag, 27. März 2020
2020 KW12: Mal kurz Kippen holen


Heute musste ich aus dem Haus. Leider kann ich nicht ohne Erkältung mit dem Rauchen aufhören, aber auf die habe ich momentan nun gar keine Lust. Also musste ich Kippen kaufen gehen – dafür habe ich nicht mal nach Lieferanten gesucht, es wäre mir doch sehr unangenehm, für diese Sucht jemand anderen laufen zu lassen. Außerdem konnten beim Ausgang auch gleich der Gemüse- und Obstvorrat aufgefüllt werden – der einzige Biokisten-Lieferant, der in Hamburg noch Neukunden aufnimmt (Biokiste Hamburg) wird erst in einer Woche kommen können. Als Weinlieferanten habe ich einen alten Bekannten aus Oldesloe gefunden und damit Alexander Eick von Jacques’ Barmbek-Depot auserkoren – ich empfehle den Weißen Vernaccia di San Gimignano.

Seit zehn Tagen sah ich mir das zwar abnehmende, aber weiterhin rege Treiben draußen nur durchs Fenster und täglich eine Stunde Vitamin D tankend vom Balkon aus an. Gestern ließ ich mich von Kaijin beraten, wann und wie ich am besten unter Menschen trete. Früh morgens war definitiv ein guter Rat, nachdem ich aus dem doch schon recht vollen Edeka trat, wartete davor eine 50 Meter lange Schlange Menschen, wenns hoch kommt mit einem halben Meter Abstand dazwischen. Neben meinem selbstgenähten, vierlagigen DIY-Mundschutz (ohne Nähmaschine habe ich fünf Stunden daran gefrickelt), einem Schal für die Haare und Einmalhandschuhen, empfahl Kaijin eine Regenjacke wegen glatter Oberfläche. Das ist wahrscheinlich wieder nicht Drosten-verifiziert, aber der bezweifelt schließlich auch den Schutz von Masken abgesehen von einem auslösenden Abstandsreflex. Immerhin kommt aus der Bundesärztekammer mittlerweile der Rat Masken zu tragen, Stand: 26.3.2020. Und immerhin hat mein Aufzug Abstand ausgelöst. Außer bei den Alten, und das hat mich doch gewundert, noch mehr hat mich allerdings gewundert, sie überhaupt draußen zu sehen. Immer wieder lief mir eine kleine, alte Dame geradlinig vor sich hinstarrend in den Wagen oder wollte sich an einem vorbeiquetschen, man konnte kaum schnell genug in den Regalen verschwinden. Ansonsten lief es beim Edeka ganz gesittet ab und die meisten waren auf Abstand bedacht.

Abgesehen von den Plexiglasscheiben vor den Kassen, bei der Apotheke glatt einer dreiseitigen Box und Markierungen vor den Märkten scheint der Ernst der Lage jedoch noch nicht recht angekommen. Es ist weniger los, aber wenig nun auch nicht. Und ok, es gibt alleinerziehende Eltern, aber muss man einen ungeschützten Säugling Supermarktreihen aussetzen, kann man nicht jemanden um Hilfe bitten? Und müssen selbst um neun Uhr morgens die Typen beim Kippenmann rumhängen? Warum trägt nicht mal eine Apothekenhilfe einen Mundschutz? Warum hat abgesehen von mir nur eine Frau pseudomäßig ein Tuch vor den Mund gehalten? Warum ist nicht Handcreme ausverkauft, wäscht sich hier keiner die Hände? Und warum müssen Schuhkay und Blume 2000 noch geöffnet haben? Wenn wir schon mal dabei sind: Warum hält der DHL-Bote einem eigentlich weiterhin seinen Stift entgegen? Wann gibt es endlich mehr Gehalt statt Applaus …?

In der Apotheke gab es übrigens nur Wund-Desinfektionsspray für 7 Euro/ 30ml. Dafür findet man bei der WHO (H=Health) eine Anleitung zum Selbermachen von Desinfektionsmitteln, momentan wird man wohl nicht des Terrors verdächtigt, wenn man sich Glycerin bestellt. Ansonsten kann ich gut noch die Folge Corona: Hygienemaßnahmen von Tim Pritlove auf seinem Kanal UKW empfehlen.

Ich habe mir Tabak gekauft und hoffe auf weniger Konsum durchs Drehen.

Bleibt alle gesund und vielleicht doch auch mal in euren vier Wänden.


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Sonntag, 16. Februar 2020
2020 KW7: Was hat er nun wieder gemacht?

Ai Weiwei: Safety Jackets Zipped the Other Way. Screenshot aus: Hornbach: Bauanleitung Demokratische Kunst.

Ich frage mich immer wieder, warum wir ständig über ihn schreiben? Normalerweise versuche ich, dem PR-Gig Ai Weiwei aus dem Weg zu gehen. In den letzten zwei Wochen bin ich jedoch glatt drei Mal auf Herrn Ai gestoßen worden – und seinen letzten Coup finde ich zu skurril, um ihn unerwähnt zu lassen. Er widerspricht sich selbst einfach zu schön, um nicht gelegentlich den Finger hineinzubohren und ihn dreckig auszulachen. Nebenbei bietet er Abwechslung zum allgegenwärtigen Virus.

Zunächst schickte Alice die erste Aische Schimpftirade im Guardian: Ai Weiwei On His New Life In Britain: “People are at least polite. In Germany, they weren’t”, von Simon Hattenstone, 21.1.2020.

Ai hat also vor ein paar Monaten Berlin verlassen, ist nach Cambridge gezogen und weint sich bei den Britten über das blöde Deutschland, die gemeinen Deutschen aus. Zwar fragt der rasende Reporter, ob Ai meine, die Britten „will prove a haven of tolerance?“, lässt ihn aber seinen Rant austoben: „“in Germany you have to speak German (…) very rude”“, und widersprüchlich werden: „For 15 years, he adds, the world has treated his work with respect, and that is never good for creativity.“ – nun hat sich das in Deutschland geändert und er keift beleidigt herum. Nicht, dass in Deutschland alles rosig wäre, ganz im Gegenteil und gerade für Ausländer. Ein chinesischer Freund von mir meinte einmal, dass unter Ausländern in Deutschland gesagt wird, wenn du es in Deutschland schaffst, kannst du es überall schaffen; dass es einem die Deutschen also wahrlich nicht leicht machten. Und Ai hat nicht einmal in Rostock gelebt.

Dass der Autor der Selfie-Tradition, so mag man sie fast schon bezeichnen, mit Ai erliegt, sei ihm verziehen, meinetwegen für sein Instagram auch vergönnt. Aber das Buddy-mäßige Arm um Schulter und dann auch noch Kopf Anlehnen zeugt nicht gerade von journalistischer Raffinesse.

Mehr gab es bald darauf im Perlentaucher: „Ai Weiwei wütet …“, Zusammenfassung vom 12.2.2020 aus Berliner Zeitung und Der Tagesspiegel, die ich hier, weil so schön und schön kurz, komplett zitiere:

„Kunst
Ai Weiwei wütet in einem wirklich anstrengenden Interview mit Susanne Lenz in der Berliner Zeitung gegen Berlin, "die langweiligste, hässlichste Stadt, die es gibt", gegen die Berlinale, die schon wieder seinen Film nicht ins Programm genommen hat, gegen die faulen Studenten, das korrupte System und überhaupt die chinahörigen Deutschen. Ernst nehmen kann man das Rumgemotze nicht: "Ich könnte ein ganzes Buch über Deutschland schreiben. - Tun Sie das doch. - Ich bin zu beschäftigt. Es gibt Wichtigeres als Deutschland. Genießt doch eure Berlinale, oder wie das heißt. - Werden Sie Ihr Studio hier behalten? - Wenn die Deutschen mich weiter unter Druck setzen, muss ich es aufgeben. - Wer setzt Sie unter Druck? - Das möchte ich Ihnen nicht sagen. Ich werde von der deutschen Gesellschaft unter Druck gesetzt. Das ist okay. Ich kenne ihre Geschichte, weiß, wer ihre Großeltern sind. (Eigene Hervorhebung.)" Ach ja, und noch nie hat ihn die deutsche Presse nach seiner Meinung gefragt, wie eine kleine Stichprobe beim Perlentaucher, ähem, nicht bestätigt! Im Tagesspiegel versucht Birgit Rieger, angesichts von Ai Weiweis Tiraden fair zu bleiben.“

Das Beste zum Schluss. Christine leitete mir dann diesen Beitrag von Page Online weiter: Ach du meine Güte! Ai Weiwei für Hornbach, von Sabine Danek, 14.2.2020.

Ai kam also für ein paar Tage nach Berlin zurück, um seine neuste Aktion zu bewerben, verschlagwortet mit „Kunst für alle“ oder auch „Demokratische Kunst“. Prinzipiell halte ich das Projekt für gar keine so schlechte Idee: Ein Ai zum Einkaufspreis für jedermann. Bei Hornbach kann man sich ein Ai-Kunstwerk zusammenbasteln und, aus verschiedenen Versionen wählend, sich etwa für die „Stand-Version“ ein Set von 6 Warnjacken (Stück: 36 Euro) und 4 Stahlrohren (Stück: 67,96 Euro) plus Kabelbinder kaufen, dazu einen Katalog mit Bauanleitung und Interview Ai-Obrist (18 Euro oder als kostenloser Download ohne Interview). Das Ganze nennt sich „Safety Jackets Zipped the Other Way“. Dann hat man: Ritterlich hoch hinaus aufgespießte, mit Reißverschlüssen innig vereinte Arbeitshäute?

Ai bezeichnet sich im Hornbach-Werbeclip als „Realist“, als volksnah – oder so ähnlich, ich kann mir das Video kein zweites Mal antun. In jedem Fall solle das einfache Volk einmal in der Lage sein, sich einen echten Ai Weiwei zu kaufen. Ob die Arbeiterklasse, die Ai hier als Kundschaft im Visier zu haben scheint, sich so plakativ mit ihrem eigenen Material abspeisen lassen will, bleibt zumindest in Bezug auf die Auswahl fragwürdig. Das Selbstbauen als eigenes Hand an Kunst Legen finde ich eigentlich nicht dumm, aber die neun Arbeitsschritte können genauso gut als Verhöhnung verstanden werden. Was man sich jedoch wirklich fragt: Wer außer Sammlern hat Platz für 4,10m Höhe und 2,60m Breite – wollte man seinen Ai nicht draußen im Vorgarten, Schrebergarten, Hinterhof im Regen stehen lassen, was unser PR-Gig wahrscheinlich brilliant fände im Sinne der Realität ausgesetzt und solch Trallala, siehe Documenta 12. Schickt ihm über Hornbach Fotos und Videomaterial davon, dann kann er gleich weitere Kunst draus schaffen und ihr werdet ein Teil davon und … Endlosschleife.

Im Guardian schimpft er übrigens, dass er drei Mal aus Berliner Taxis geworfen wurde, weil die Fahrer nicht wollten wie er, die Dienstleister also nicht wie in China alles erduldeten und kuschten, wie dem zahlenden Herrn es gemach. Noch einmal aus dem Guardian: „“I don’t like a state or culture that so obeys authority.”“ Widersetzen soll sich das Volke wohl nur abstrakten Staatsgebilden, nicht Ai, nennt mich Weiwei, denn er ist doch, ja, wer nur?

Der edle Gönner. „Jaja: Jippieh, jippieh, yeah!“


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Montag, 28. Oktober 2019
Am Rooster Mountain in Henan

Ausstellungspräsentation 展览现场 (siehe die ersten 12 Bilder im Text): Stefanie Thiedig 由甲: At Rooster Mountain in Henan there is also Nebula, Serie 在河南鸡公山也有雾,系列. Print on paper (German Etching), 12x 40x60cm; pencil on rice paper, 40x180cm, 2019. 纸上印刷12x 40x60cm;宣纸上铅笔,40x180cm,2019年.

Die folgende Erzählung basiert auf dem mündlichen Bericht von Laowang oder auch Wangzong, dem Chef Wang, wie der Leiter des neuen Kunstviertels an dem Berg, um den es hier geht, von seiner Gefolgschaft genannt wird. Die Geschichte ist nicht nachgeprüft und die Daten können leicht durcheinandergeraten, die Namen vergessen worden sein. Anders gesagt enthält sie alles, was eine gute Legendenbildung ausmacht. Deshalb beginnt sie mit:

Es war einmal ein amerikanischer Missionar, der sich im Sommer 1904 aus der Hitze Hankous auf den Weg nach etwas Abkühlung machte. Hankou war damals eine beliebte Stadt für Handelsvertreter der westlichen Welt, die im Auftrag kolonial denkender Regierungen oder auf eigene Faust den heutigen Stadtteil von Wuhan im Herzen Chinas am Yangtse besiedelten. Pater Wallace, wollen wir ihn vorübergehend nennen, gelangte über knapp 200 Kilometer in den Norden. Dort kam er am Jigongshan an, dem Rooster Mountain, so bezeichnet nach seiner äußeren Form eines Hahns. Dort ragte dem Pater ein 200 Meter hoher Felsblock entgegen.





Laowang schiebt ein, dass Chinesen zum Zeitpunkt der ausgehenden Qing-Dynastie nicht wie Westler auf Bergen wohnten, sondern in ihren Tälern. Berge wurden von Gelehrtenmalern und Lustwandlern zum Frönen des Schöngeistes aufgesucht und schon einmal mit einer Pagode versehen. Zum Wildkräutersammeln und für das Vieh ging die einfache Bevölkerung hinauf, aber sie wurden außer von Emeriten nicht bewohnt.





Zu diesem Felsen nun wollte der Pater und es fand sich ein darüber die Stirn runzelnder Anwohner, der die Trampelpfade kannte. Was eine Bergkette, welch Vielfalt bei jeder neuen Biegung, was ein massiver, mächtiger, ja erhabener Felsen in seiner Mitte. Wenn da nicht der Herrgott persönlich am Werke war. Vor allem aber war es angenehm kühl, schattige Lichtungen und laue Lüftchen in seichtem Auf und Ab der Landschaft machten die Idylle perfekt. Wieder im Tale wurde der Geistliche zum Geschäftsmann und ließ jemanden mit Verwaltungsbefugnissen auftreiben, um ihm den Berg abzukaufen. So kam er für stattliche 400 Einheiten Silber in den Besitz von 2,8 Quadratkilometern. Darauf unterteilte Wallace den Sahnekuchenberg in 500 Parzellen und inserierte diese – zurück in Hankou – in der New York Times und der London Times. Im Handumdrehen waren alle Grundstücke verkauft und es begannen Amerikaner, Kanadier und Engländer, Holländer, Belgier und Franzosen, Spanier, Portugiesen, Deutsche, Dänen und Japaner ihre Villen zu bauen. Der eine oder andere Chinese war auch dabei. Das Wallace- und sein Pater-Dasein schlossen sich noch nie wirklich und auch hier nicht aus. Aus den ersten Einnahmen baute er eine Kirche und sein Gemeindehaus. Beide stehen heute noch, sowie daneben die Polizeistation und die Feuerwehr, die eine mit blauen, die andere mit roten Fensterrahmen. Insgesamt lebten bis Anfang der 1930er Jahre gut 3 000 Menschen hier. Was zunächst als Sommersitz angedacht gewesen sein mag, wurde bald eigenadministrativ genutzt. Es entstanden acht Schulen, von denen die amerikanische für 1 000 Kinder die größte war. Es gab eine Einkaufsstraße, Restaurants und Schönheitssalons. Ich stelle mir vor, dass hier hauptsächlich die wohlhabenden Damen mit Nachwuchs und Hausangestellten residierten.





Von den ehemals 500 Einheiten stehen heute noch 200. Ihre Bausubstanz ist großteils in ungewöhnlich gutem Zustand. Die Räume sind längst von Möbeln und persönlichem Habe geleert, viele Fenster entfernt. Nachdem man hier baute und einzog, trat ein Phänomen ein, dem man in China immer wieder im Verlauf der Geschichte und bis heute ausgesetzt ist: Man kann sich für ein paar Jahre, manchmal für ein paar kurze Jahrzehnte eine beschauliche Existenz aufbauen und muss dann aufgrund von äußeren Umständen weiterziehen. Vielfach handelt es sich heute um bauliche Maßnahmen, einen Staudamm, eine Bahntrasse, dann muss ein Künstlerdorf weichen, eine ganze Siedlung sich zerstreuen – das dazu häufig zu hörende meibanfa, da kann man nichts tun, wird also traditionell erduldet. Hier beendete spätestens der 2. Weltkrieg den Aufenthalt der Ausländer. Während des Bürgerkriegs zwischen den Kommunisten und der Guomindang verschanzten sich Sun Yat-sen und Chiang Kai-shek am Berg. Von letzterem kann man heute durch ein kleines Museum hinab in seinen damaligen Bunker steigen. Mit Gründung der Volksrepublik 1949 und Flucht der Nationalisten nach Taiwan wurde der gesamte Berg zum militärischen Sperrgebiet. Deshalb sind die Bauten überhaupt nur so gut erhalten und wurden auch während der Kulturrevolution nicht zerstört.





Einmal bin ich in eine restaurierte Ecke geraten, wo vielleicht zehn Villen wieder bewohnt, die Gärten gepflegt werden. Sonst sind heute ein paar wenige Spuren aus den 1990ern vorhanden, hier eine Stromleitung, dort ein Gebäude mit zu jener Zeit gerne verwendeten blauen Fenstern und weiteren ersten Ansätzen touristischer Umgestaltung. Aus den letzten Jahren stammen die Hauptstraßen, die Straßenschilder und gelegentlichen Infotafeln. Man spürt – und fürchtet – den neuerlichen Versuch der Touristifizierung. Doch abgesehen von den Hauptrouten, auf denen man ab und zu anderen Reisenden begegnet, abgesehen von den seltenen Einheimischen, die sich in dem einen oder anderen Haus eingerichtet haben, ist man hier meist alleine unterwegs.





Ich habe noch nie solch eine enorme Pflanzen- und vor allem Baumvielfalt auf so großer Fläche gesehen, von den Westlern damals um die jeweils eigenen heimischen Bestände erweitert und bis heute entsprechend integriert und vermehrt. Besonders gut betritt man diesen Ort im Nebel. Man betritt ihn respektvoll wie einen Friedhof – ohne Tote, aber doch mystisch mit einem Gefühl möglicher Geister. Vielleicht kommt man sich deswegen fast ein wenig voyeuristisch vor, als stöberte man in einer alten Gala-Ausgabe. Von den teils eng aneinander lehnenden Grundstücken geht es über alte Steintreppen verwinkelt und verwachsen gen Anwesen, jedes mit mehreren Zugängen der Hügellage entsprechend oder heimliche Stelldicheins gewährend. Man nähert sich behutsam, bildet sich den Anschein eines um die Ecke verschwindenden Kindes ein. Setzt sich auf eine Steinmauer, an einen vielleicht noch vorhandenen Steintisch im Garten, lässt die hier stattgefundenen Geschichten um sich herum entfalten, lässt sich hineinziehen. Bösartigen Geistern, wenn man an sie glauben mag, bin ich nicht begegnet. Ich bin mir sicher, dass auch dieser Ort nicht von Lug und Betrug verschont blieb, bestimmt nicht bei solch einer Gemeinschaft mit so viel Freizeit. Doch wirkt hier alles ungemein friedlich und freundlich, in diesem möglichen Schein lockt es einen regelrecht, sich in seine Untiefen zu begeben.





Die allesamt als Villen bezeichneten Gebäude reichen von einfachen Einfamilienhäusern bis zu stattlichen Herrenhäusern. Ihre Stilrichtungen entsprechen den damaligen Vorlieben und gut erkennbaren Eigenheiten der jeweiligen Heimat ihrer Bauherren. So verweilt ein deutsches Haus in seinem breiten, in sich ruhenden Platz- und Machtanspruch knapp vor dem Moment, in die Komik zu kippen. Die dänischen Häuser sind flach und dem Geschehen abgewandt, die japanischen mit schlicht eleganten Giebeln, die chinesischen mit wilden Hutkreationen …







Das Kunstviertel nun entstand aus dem Naturbedürfnis im Zuge der ständigen Abrissmaßnahmen von Künstlerkommunen in Beijing 2015. Der Kunstliebhaber Laowang saß mit einigen Künstlerfreunden zusammen, auf das ansteigende Lamento der Zeit folgte ein gedanklicher Streifzug durch die Weiten des Landes. Laowang, der aus Henan stammt, erinnerte sich an einen nie genutzten Bau in den Ausläufern des Rooster Mountains. Wie in vielen schönen Ecken Chinas, von verschiedenen Verwaltungsebenen seit den 2000er Jahren ausgehend, setzte man auch hier 2010 einen Vergnügungspark in die Landschaft, häufig ohne genaue Vorstellungen, dafür entsprechend der chinesischen Massenbewältigung auf 500 Personen ausgerichtet mit Unterkunft, Verpflegungs- und Gemeinschaftsräumen. Da der massige braune Block mit A, B, C und D Trakten keinem Nutzungsplan unterlag, freute man sich über Laowangs Anfrage. Zu einem guten Duzend kamen sie an, werkelten und luden bald zu einer Ausstellung ein. Die lokalen Verwalter waren begeistert und schlugen Laowang vor, hier ein Kunstviertel einzurichten. 2016 zog er her und restaurierte und renovierte die letzten drei Jahre. Schulklassen verbringen hier inzwischen ihre Zeichenreisen und Künstler werden zu Residenzen eingeladen.



Als Laowang Alexandra kennenlernte, gedieh der Plan eines internationalen Kunstfestes zur offiziellen Eröffnung des Ortes und auch als Hommage an Pater Wallace. Dieses wird nun mit einer großen Sause am 23.10.2019 gefeiert und ich freue mich sehr, daran teilnehmen zu dürfen.

Stefanie Thiedig, im Juni 2019.
Dieser Text ist auf Reispapier geschrieben zu den Drucken gehängt (siehe erstes Bild dieses Blogbeitrags).







So schön, so gut. Dann allerdings …


Eingesperrt im Kunstviertel Jigongshan

Wir sind doch nicht in Nordkorea. Und dennoch setzt die 70-Jahrfeier der VR China am 1.10.2019 und das wohl damit einhergehende Anziehen der Regierung auf allen Ebenen hier jedermann unter Strom. Natürlich ist die Situation ungewöhnlich: Wir sind in der Provinz, im südlichsten Henan, dreißig Kilometer von der nächsten größeren Stadt entfernt in einem neu eröffneten Kunstviertel, das einmal als Vergnügungsviertel geplant war und weiterhin vermutlich nicht nur der Bezirksebene untersteht. Man wusste hier mit Sicherheit nicht, worauf man sich einlässt als man zwanzig internationale Künstler zu sich einlud. Es ist etwas anderes als chinesische Uniklassen mit 20-Jährigen zu beherbergen, die Gefügigkeit gewohnt sind, um die man einen Zaun ziehen und dort halten kann. Ich wurde heute gefragt, wie ich die Geschehnisse in Hongkong einschätze. Vielleicht bin ich paranoid, auf mein Zögern kam „Wir sind hier unter uns“, die Schere im Kopf war alles andere als beruhigt. Im Prinzip sollen wir hier nicht mehr ohne Begleitung einer der Mitarbeiter vom Gelände.

Ich bin mit An- und Abreise 9 Tage hier. Viel zu lange für solch eine Situation. Ich habe einen Freund mitgebracht, der das erste Mal in China ist. Er ist Hobbyfilmer und ich bat ihn vor der Reise, keine militärischen Einrichtungen aufzunehmen, mit der Kamera keinem Polizisten direkt ins Gesicht zu zielen, solche Sachen. Nicht überall Zugang zu erhalten, klar, kenne ich. Aber damit, dass wir eingesperrt werden, hatte ich nicht gerechnet.

Seit Jahren propagiere ich das Mantra, Land und Leute von der Regierung zu trennen. So herzlich die Leute weiterhin sind, wird es doch gerade sehr schal und ich bin nur noch froh, wenn ich hier wieder weg bin.

Stefanie Thiedig, 21.10.2019.


Die Ausstellung war dennoch ein Erfolg. Und nachdem ich mich mit dem kleinen zweiten Text abreagiert und genügend Reisschnaps eingeflößt bekommen hatte, durfte ich am Eröffnungstag ins Örtchen fahren und für den Abend Feuerwerk holen, ich erstand eine 98-Schuss-Batterie für 150 Kuai.


Perspektivverzerrtes Foto von Hans Winkelmann.


Anny Wass (Plakat), Gert Resinger (Skulptur).


Frederik Foert.


Ebd.


Olga Georgieva in Zusammenarbeit mit Cui Guotai 崔国泰.


Gert Resinger (Skulptur), Elke Graalfs (Wandmalerei).


Gert Resinger (Skulptur), Xiao Wenjie 萧文杰 (Malerei).


Silvia Robin Ederer (Installation vorne), Olivier Hölz (Installation hinten).


Anny Wass.


Olga Vorobyova.

Dann ging es in den Abend hinein mit Sause und Tanz ums Lagerfeuer.
















Siehe auch: “毫不犹豫”,来自中国的灵感. In: U Can 优看, 27.10.2019.


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Samstag, 7. September 2019
Deutschland: Kunst im Sommer 2019
Zunächst, was ansteht. Der Sommer wird noch nicht ganz aufgegeben:



Fake Music Media bringt The Hormones auf Tour nach Deutschland. Am Freitag, 20.9.2019 sind sie mit dem Reeperbahn-Festival in Hamburg, 22:45 Uhr, Nochtspeicher, Bernhard-Nocht-Straße 69.


Auf zur Runde, was mir diesen Sommer unter die Augen gekommen ist – mit neu vor alt und Zwischendurchs, einiges läuft noch:

Berlin

Im Kulturforum läuft Micro Era: Media Art from China 微纪元。中国媒体艺术. Mit Cao Fei 曹斐, Fang Di 方迪, Lu Yang 陆扬 und Zhang Peili 张培力, 5.9.2019–26.1.2020.

Möge jede/r pilgern, wer die Chance hat, Cao Fei zu sehen (s. a. unten unter Düsseldorf); und Lu Yang ist ebenfalls groß, beider Werke kann man unbedingt mehrfach sehen:


Cao Fei: 11.11. Installation mit Filmstill von Einkanal Videoinstallation, 2018.


Ebd., Filmstill.


Ebd., Filmstill.


Lu Yang: Uterusman. Installation mit Filmstill von 3D-Animation, 2013.


Ebd.: LuYang Delusional Mandala. Filmstill von Einkanal Videoinstallation, 2015.


Ebd.: (hinten links 左后) LuYang Delusional Crime and Punishment. Einkanal Videoinstallation, 2016.
(Raum 场地) Power of Will – Final shooting. Installation, 2016.


Ebd.: Electromagnetic Brainology. Fünfkanal Videoinstallation, 2017.


Ebd.: Electromagnetic Brainology Brain Control Messenger. Filmstill aus Zweikanal Videoinstallation, 2017.


Oqbo zeigt paperfile #15. Brunnenstraße 63, 7.9.–5.10.2019.




Alice Dittmar: Blue Void. Repetitive Strichzeichnung auf Foto, 2018.




Migrant Bird Space zeigt Shi Zheng 施政: Embers 余烬. Koppenplatz 5, 3.9.–18.10.2019.


Shi Zheng 施政: Frosty Morning Bine. Filmstill aus Videoinstallation, 2019.
Foto von Lu Mei 卢玫.


Hamburg



Das Gängeviertel in Hamburg feierte seinen 10. Geburtstag, 22.–25.8.2019. Neben einer großen Party wurde das Hauptgebäude auf seinen drei, vier Stockwerken links und rechts mit ein paar Ausstellungen bespielt:


Mark Matthes: O. T. (Abriss). 2011.


Jana Schumacher: (v.l.n.r. 从左往右) Starship Sailing/ Moon; Starship Sailing/ Milkyway; Starship Sailing/ Sailing. 2018.


Marvin Kampermann: O. A.


Eric Anders: O. A.

Zur Aufnahme der Angaben in den beiden folgenden Räumen und der Projektion außen war ich leider schon zu trunken, bitte verzeiht:








Café im Obergeschoss.






Weiter unterwegs:


Die Holthoff-Mokross Galerie zeigt Inka Büttner: Schöne Tage mit Mama. Fischers Allee 70, Juni(?)–7.9.2019.


Ende Juni lief der Architektursommer im Kraftwerk Bille, 21.–30.6.2019. Das Billewerk ist ein kleines 798, das als Kohlekraftwerk der Hamburgischen Electricitäts-Werke 1901 ans Netz ging und seit ein paar Jahren mit noch folgenden Umbauten in Konversion steht; Bullerdeich 14a, S-Hammerbrook.


Josephin Böttger und Felix Kubin: Topia II. Video- und Sound-Environment zur epidemischen Expansion der urbanen Choreografie. 2019.


Caspar Hüter: Bruchland. Das menschliche Maß – Energie. Maps – Moving Arts Performances. Kesselhalle, 2019.


Ebd.


Dock 13: Holz-Dampf-Bauperformance. 2019.
Man beachte den frisierten Reiskocher in der Mitte unter dem Konstrukt.


Im ehemaligen Völkerkundemuseum Hamburg, nun umbenannt in MARKK, Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt, allerdings weiterhin in Sperrholzplatten kuratiert, läuft Von Wölfen und Menschen. 12.4.–13.10.2019.


Lucas Cranach d. Ältere (1472–1553): Werwolf. Um 1512.


Kawanabe Kyosai (1831–1889): Holzschnitt aus dem Band „Kyosai-Suiga“. Japan, 2. Hälfte des 20. Jh.


Ebd.

Ein paar Filmplakate:






Just sah ich der Tage erneut den Film von RZA: The Man with the Iron Fist. 2012. Dort glatt auch ein Wolfskopf, dem ich diesen Filmstill entnommen habe.


Berlin


Am Weißensee.


Strandbad am Weißensee.


Im Gropiusbau laufen:

Bani Abidi: They Died Laughing. 6.6.–22.9.2019. Großartig.


The Address. Filmstill, 2007.


Security Barriers, A to Z. 2008–18.


Ebd.


Ebd.


Locations in the Garden of Love. Videoinstallation, 2014.


Section Yellow: 1. The Distance from Here. Filmstill von Einkanal Videoinstallation, 2010.


Death at a 30 Degree Angle. Filmstill von Videoinstallation, 2012.


A Proposal for a Man in the Sea. Fotografien, 2012.


The Man Who … After Ilya Kabakov’s „The Man who flew into space from his apartment“. Hier: The man who could split a hair. 2016.


O. A. – sorry, mein Fehler.


Ebd.


Sowie die Gruppenausstellung: Garten der irdischen Freuden. 26.7.–1.12.2019.


Rashid Johnson: Antoine’s Organ. O. J.


Taro Shinoda: When I See You in Your Mirror. 2019.


Ebd.


Zheng Bo: Survival Manual II (Hand-copied 1945 „Taiwan’s Wild Edible Plants“). 2016


Korakrit Arunanondchai: 2012–2555. O. J.


Renato Leotta: Notte di San Lorenzo. 2019.


Heather Phillipson: Mesocosmic Indoor Overture. Detail, 2019.


Ebd., Detail.

Ich habe in Berlin ein neues Wort gelernt: AR, Augmented Reality, also Erweiterte Realität. Ihr gehört das in China natürlich längst weidlich genutzte Phänom, Herzchen, Smileys, flimmerndes Irgendwas über Bilder oder GIFs zu legen. Wort und kommerzielle Nutzung mit berlinerischer Freshness für Imagekampagnen gibt es von Commercialmuse.


Ebd., Detail.


Uriel Orlow: Theatrum Botanicum. 2015–18. Detail: Memory of Trees.


Ebd. Detail: Muthi.


Jumana Manna: The Water-Arm Series. Detail, 2019.


Lungiswa Gqunta: Lawn I. 2019.


Pipilotti Rist: Homo Sapiens Sapiens. Detail, 2005.
Die Videoinstallation an der Decke nur in Andeutung, da zu groß für meine Linse, darunter die verhangenen Seitenfenster.


Michael Hamburger: Tacita Dean. Filmstill, 2007.


Außerhalb der großen Bauten:


Alice Dittmar: Apartmentinstallation. 2019.


NordArt

Hamburg hat innerstädtisch viel Grün zu bieten, dazu kann man gut mal aufs Land fahren. Seit bald 25 Jahren läuft jeden Sommer die NordArt im Kunstwerk Carlshütte, Büdelsdorf (bei Rendsburg), 1.6.–13.10.2019.



Die Fotos sind mit Handy aufgenommen, die Qualität eine andere, möglicherweise kompatibler. Als internationale Ausstellungsreihe gibts die Länder zu den Künstlern. Hier meine Auswahl.

In den Hallen der Eisengießerei Carlshütte:
Es gibt den French Pavillon und das Sonderprojekt Mongolei: In der Welt Sein: Encountering Sublimity.


(Bild 画) Gan-Erdene Tsend, Mongolia: Father. Öl auf Leinwand, 2019.
(Vorne 前) Namuun Batmunkh, Mongolia: ARAG. Holz, Seil, Pferdemist etc., o. J.


Odmaa Uranchimeg, Mongolia: I’m Singing. Porzellan, 2016.


Gilles T. Lacombe, France: O, wind, when winter comes … Multimediainstallation, 2019.


Elise van der Linden, Netherlands: Shades of Silence. Filmstill von Videoinstallation, 2017.


Marko Kusmuk, Serbia: Cognition 3. Mischtechnik auf Leinwand, 2018.


Undine Bandelin, Germany: (V.o.l.n.u.r. 上左下右) Das Geheimnis; Der Anruf; Der letzte Tanz; Der Salon. Alle: Siebdruck und Mischtechnik auf Leinwand, 2016–19.


Gerrit Bekker, Germany: In meines Vaters Haus. Mischtechnik, 2017.


Bratislav Radovanović, Serbia: The Ingots (Die Barren). Öl auf Leinwand, Ausschnitt, 2017.


Gong-Goo, South Korea: Phantasmagoric. Digitale Collage auf Papier auf Aluminium, 2018.

Zum 500. Todestag 2019 von Leonardo da Vinci habe ich aus Venedig, Beijing und Hamburg hier gepostet 今年更多的达·芬奇从威尼斯、北京、汉堡: Kunstsommer 2019: Venedig ∣ 2019年艺术之夏:威尼斯双展, bitte: Strg+f da vinci.


Jenny Ymker, Netherlands: Tomorrow. Gobelin, 2018.


Liêu Nguyễn Hướng Dương, Vietnam: Sakura. Acryl auf Leinwand, 2017.


Eva Nielsen, France: Zamak II. Öl und Acryl auf Leinwand, 2018.


Lydie Jean-Dit-Pannell, France: Tout va bien, A Tribute to Wolf Vostell. Fotografien, 2004/ 2010.


Diana Righini, France: Drapeaux de dissidences. Polyester, Patchwork, Stickerei, 2015.


Hu Xiangdong, China: (V.l.n.r. 左右) Big Cauliflower; Big Radish. Öl auf Leinwand, 2016.


Xi Jianjun, China: Babylonian. Holz usw., 2017–18.


Zhang Zhaohui, China: You & Me. Edelstahl, 2009. Edition 6.
Man kennt die Arbeit aus dem 798 in Beijing. Auch hier soll sie schon etliche Jahre angebracht sein. Zwischen Shop und Zugang der Haupthallen.


In der Halle der Alten Meierei läuft das Sonderprojekt Norddeutsche Realisten:


André Krigar, Germany: Abendliche Straßenszene. Öl auf Leinwand, 2018.


Lars Möller, Germany: Wald. Diptychon, Öl auf Leinwand, 2007.


Im Skulpturenpark:


Liu Ruowang 刘若望, China: Original Sin. Bronze, 2011–13.


Jan Dostál, Czech Republic: Rounded. Stahl, 2016.


Mikhail Dronov, Russia: Swan Lake. Bronze, 2015.


Zdeněk Šmíd, Czech Republic: Upside Down. Anröchter Stein, 2005.


Leider nur mit halben Angaben. Die Schafherde scheint nicht das erste Jahr hier zu stehen, von Serben soll sie sein. Für mich die beste Arbeit der gesamten Sause.
Man beachte das Wolfsrudel im Hintergrund. Insofern mag gar das alienöse Weißgrün der Handyfotografie nach hinten links zwischen Schafen und am Baum vorbei in die Wölfe hineingehend gerechtfertigt sein. (S. zu Wölfen auch weiter unten, Völkerkundemuseum Hamburg.)


Das hier ist der Schäfer.


Und hier die gesamte Herde.


Liu Ruowang, China: Wolves Coming (Die Wölfe kommen). Stahlguss, 2008–10.

Von dieser nördlichen Seite der Schafe den leichten Abhang hinunter, geht es zu den Wölfen. Ich finde sie auf meinem Blog nicht, wundere mich, sie nicht draufgestellt zu haben. Sie standen 2010 im 798 auf dem Originality Square, Henning und Alice waren da, meine Eltern; es war zur Zeit der ersten Eliasson-Ausstellung in BJ im UCCA, die leider wie die meisten seiner Ausstellungen richtig gut war. Gut machen sich auch die Wölfe in Büdelsdorf.


Ebd.


Zdeněk Šmíd, Czech Republic: Wave. Edelstahl, 2018.
Von den Wölfen gen Ausgang.


Peter Lundberg, USA: Katla. Beton und Stahl, 2010.
Am Ein- und Ausgang.


Öffentliche Kunst in Hamburg

In Hamburg unterwegs, gibt es hier und dort ein paar Fundstücke zu entdecken, längst nicht erschöpfend, chronologisch:


Walter Dexel (1890–1973): Lichtplastik. 1926.
Vom Dammtordamm südlich des CinemaxX hinein im Gustav-Mahler-Park.


Ebd.


Paul Wunderlich (1927–2010): Sieben Würfel. 1962, aufgestellt 1992.
Alsterglacis/ Kennedybrücke, südliche Grünfläche zur Lombardsbrücke.


Ebd.


Sol LeWitt: Black Form. Dedicated to the Missing Jews. Betonguss, 1987/ 1989, restauriert 2013.
Platz der Republik vorm Altonaer Rathaus.


Stephan Huber und Raimund Kummer: Firmament. Ansicht C (von A, B und C), gußeiserne Sternskulpturen, 1994 (1991).
Hauptbahnhof-Nord U2 Richtung Niendorf Nord, unten vor den einzelnen Röhren links neben dem Fahrstuhl.


Lothar Fischer: Enigma-Variationen. 8 Figuren, 1996–97.
Aus dem Kontorhaus Meßberghof lieferte die Firma Tesch & Stabenow das Giftgas Zyklon B an die Konzentrationslager Auschwitz, Majdanek, Sachsenhausen, Ravensbrück, Stutthof und Neuengamme; Meßberg 1.


Ebd.


Ebd.


O. A.


Ebd., Detail.


Ebd., Detail.


Gloria Friedmann: Hier + Jetzt – den Opfern nationalsozialistischer Justiz in Hamburg. 1997.
Am Sievekingplatz 2 vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht. Am Panoramabild von Hamburg steht auf der rückseitigen Betonwand, sichtbar vom Gerichtsgebäude aus, groß die mahnende Jahreszahl 1933.


Christoph Schäfer und Cathy Skene, Anwohner und Planer: Park Fiction aka Gezi-Park Hamburg (2013). 2003–05.
Diese Treppe hoch von St. Pauli Fischmarkt, Buslinie 112, Station Hafentreppe.


Ebd., oben.


Hans Martin Ruwoldt (1891–1969): Kronenkranich. Bronze, 1967.
U-Hagenbecks Tierpark unten. Die Bronzeskulptur wurde 2007 komplementiert durch:


Ebd.
(Hinten oben 后上) Jochen Lempert (*1958): Die fünf Kontinente. Leuchtkästen, Lambdadrucke, Detail, 2007.
(Hinten unten 后下) Toshiya Kobayashi (*1959): Magnolia: Liebe zur Natur. Lambdadruck, Detail, 2007.

FOTO soll noch folgen.
Frank Raendchen: Steinerner Orientteppich. 2019.
Von U-Baumwall aus auf der Wilhelminenbrücke vor der Körber-Stiftung und von dieser im Zuge ihres Wettbewerbs „Kunst und Kultur in der HafenCity“ finanziert.

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Bislang nicht auf dem Blog gelandet, werden hier nun Düsseldorf und Köln im Zwischen den Jahren 2018/19 untergejubelt:

Düsseldorf

Denn das K21 Ständehaus zeigte Cao Fei. 6.10.2018–13.1.2019.

Leider ging es ab in den Keller. In der Kunsthalle in Hamburg wird auch der Keller für wechselnde Ausstellungen genutzt, ich finde das eher schade, wirkt abgestellt. Packt doch lieber Dauerwerke dort hin. Die zwei Kellerräume im K21 sind breit und flach, der erste mit großer Grundfläche, der zweite verwinkelt. Im ersten Hauptraum liefen fünf, sechs von Cao Feis Videoarbeiten mit kompletten Installationen – alle simultan mit Sound an, was verstörend gut war. In einer Ecke war als biografischer Hintergrund, resp. Respektbekundung Cao Feis Vater mit einer Auswahl seiner Werke vertreten – mit einigen Skulpturen und durch Interviews von Cao Fei.

Der Skulpteur Cao Chong’en 曹崇恩 (*1933, Guangzhou) ist in China recht bekannt mit seinen Bronzeskulpturen.


Cao Chong’en: Deng Xiao-ping. 100 Stück, Fiberglas, 2004.


Ebd.: Roof. Fiberglas, 2004.


Cao Fei: Interview with „Sun Yat-Sen“. Filmstill aus Einkanal Video, 2006.
Text: „袁世凯也好,李鸿章也好 [etwa: gute Leute:] Yuan Shikai, Li Hongzhang“

Zu Cao Feis Werken. Düster wars, ich habe nicht viel geschossen, Filmstills.


Utopia Factory. O. A.
In the Night Garden. Einkanal Videoinstallation, 2007/ 2018.

Dazu gab es ihr RMB City: A Second Life City Planning. 2007; und The Birth of RMB City. 2009. Die Animationen der Nullerjahre sind wirklich schon alt, aber sie wirken immer noch.


People’s Limbo. Filmstill aus Einkanal Videoinstallation, 2009.
Hier gibt es Laozi (Lao Tze), Marx, Mao und Lehman im Gespräch:


Ebd., Filmstill.
Text: „Marx: Mr. Lehman, you have finally come to find me.“


Ebd., Filmstill.
Text: „[Sequenz zuvor:] Lehman: In my 158-year long life, [hier:] freedom and economics have always bothered me.“
Laozi, Marx, Mao und Lehman zum Ende mit diesem Dialog: „Mao: New revolution, new Long March, perpetual exercise preserves youth forever. // Mao: Brother Lao Tze, in the end, is this a revolutionary era? // Marx: Brother Lao Tze, will the waves of history really wash over the stink of money? // Lehman: Brother Lao Tze, will starting a new company bring about new changes? // Mao/Marx/Lehman: What are we ultimately to do?“ Dann beginnen alle vier Taiji-Bewegungen, darauf: „Lao Tze: We are incapable of knowing what we live for or why we live, // but every thing, every being, must have its own worth. // In the midst of endless time, life forces come into their own. // Come, let us meditate and experience the Way. // [Outro:] To be in Limbo …“


Haze and Fog. Filmstil aus Einkanal HD-Video, 2013.


Ebd., Filmstill.


Ebd., Filmstill.


Ebd., Filmstill.

Dazu gab es vieles mehr, ich habe wenig geknipst und besonders die Auswahl des verwinkelten Raumes ist alles andere als repräsentativ:


Apocalypse Tomorrow – Surf in RMB City. Inkjetdruck auf Papier, 24-teilig, 2011.
Text: „Do Not Commit But Intelligent Mistakes“


In der Kunsthalle Düsseldorf lief Harald Szeemann: Museum der Obsessionen. // Großvater: Ein Pionier wie wir. 13.10.2018–20.1.2019.

Harald Szeemann (1933–2005) war jüngster Schweizer Museumsleiter in Bern (1961–69), erster unabhängiger Kurator (erste Show: Happening & Fluxus, 1970), Generalsekretär der documenta 5 (1972). Die einzelnen Ausstellungsstücke weiß ich leider nicht mehr zuzuordnen.


Text: „mit // von // durch // wegen // gegen // trotz“


Text: „a flur // suicide kit // by ben“




Live in Your Head. When Attitudes Become Form. 1969.
Text: (links 左) „When Attitudes Become Form – Kunsthalle Bern Datum“; (rechts 右) „Phillip Morris // When Attitudes … // … Become Form“




Text: „Maitag des Proletariats // Stammbaum des modernen Sozialismus.“ Die drei Stammsäulen sind am unteren Ende (v.l.n.r.): „Der utopische Sozialismus“, „Humanitäre Kritik der politischen Oekonomie.“ und „Arbeiter-Kommunismus und Klassenkämpfe.“; und laufen oben zusammen als (v.l.n.r.): „Karl Marx“, „Fr. Engels“ und „Ferd. Lassalle“.


Marcel Duchamp. O. A.




Junggesellenmaschinen. 1975.

Großvater: Ein Pionier wie wir:


Text: „Ascona, das deutsche Künstlerparadies am Lago Maggiore“, Stuttgarter Illustrierte – Das Bunte Blatt, 1932.


O. A.


Als eine der vielen Ausstellungen 2019 anlässlich des Jubiläumsjahres 100 Jahre bauhaus lief im NRW-Forum Düsseldorf Bauhaus und die Fotografie: Zum Neuen Sehen in der Gegenwartskunst. 7.12.2018–10.3.2019.


Kris Scholz: Marks and Traces. (V.l.n.r. 从左往右) Chongqing 7. 2018; Xi’an Academy of Fine Arts 2. 2013; Chongqing 5. 2018.


Subjektive CGI. 2015–16.


Ebd.


Eda Sarikaya: found footage. 2017; Fotografische Skulptur. 2018.


Köln

Im Wallraf Museum (das merkwürdigerweise nur seine aktuellen, keine vergangenen Shows online hat) lief die sehr gute Ausstellung Es war einmal in Amerika: 300 Jahre US-amerikanische Kunst zwischen 1650 und 1950. 23.11.2018–24.3.2019.

Leider durfte nicht fotografiert werden. Googles Bilder hier.

Der Linse erlaubt war Schatten im Blick? 28.9.2018–13.1.2019.


Sorry, o. A.


Rembrandt (1606–1669): Hl. Hieronymus in seiner Gelehrtenstube. 1642.


Rembrandt: Die Landschaft mit den drei Bäumen. 1643.


Jan Saenredam (1565–1607): Das Höhlengleichnis von Platon. O. J.



Die Galerie Karsten Greve zeigte Qiu Shihua: Impressions. 10.11.2018–5.1.2019.

In der Unterführung der Ebertplatzpassagen gibt es zwei kleine Offspaces (gezeigt von Martin):


Gold + Beton.


Im Labor lief: Jahresendausstellung 2018.


Ebd., o. A.


Das schmalste Haus von Köln: Radius House, 1997; am Eigelstein 115.


Scheinbar läuft in etlichen deutschen Städten das sogenannte „Illuminationsprogramm für Bahnunterführungen“, um 2013 mit 31 Unterführungen in 24 Städten von der Stiftung Lebendige Stadt.
Hier Beleuchtung der Gleisunterführung von Stahl und Glasbausteinen beim Kölner Hauptbahnhof in der Marzellenstraße.


Anonym: Der Balancer. 1990.
An der Hohenzollernbrücke.


Kristallin.






Absperrungen, Zäune. Mittlerweile sehen so Vorbereitungen für die anstehende Silvesternacht aus.


Der Weihnachtsbaum wurde während unseres Besuchs hinter der Domplatte gerade ab-, wird fast schon bald wieder aufgebaut.

Uns allen vorher aber noch ein gutes letztes Drittel 2019.


Vielleicht gar mit Berg?






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Mittwoch, 17. Juli 2019
Zum Zittern
Weiterhin soll die Zeit morgen und wieder Merkels Zittern thematisieren, 17.7.2019, Die Zeit, Nr. 30/2019, 18.7.2019.

Lest doch bitte alle Siri Hustvedt: Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2011.




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