Montag, 28. August 2017
BJ: Kunsträume im Abrisssommer 2017


Überschattet ist dieses Jahr jegliche Hauptstadtaktivität von dem Wüten der Abrissbirnen. Aus dem Künstlerviertel Heiqiao zogen die letzten im Februar fort, Anfang August sieht es hier nun so aus. Die Gassen sind gerade noch erkennbar, aber außer Schutt und Steinen wurde jegliche Individualität dem Boden gleichgemacht.





Heiqiao, was eine glorreiche Zeit, nach einem Besuch im 798 und in Caochangdi konnte man hier in den Studios bei Freunden vorbei und sehen, was es Neues gab. Nun werden die Künstler immer weiter in die Außenbezirke verdrängt, weit verstreut mit Anreisen über eine Stunde, nach Luomahu oder, wie der Blackbridge Offspace 黑桥Off空间 nach Liqiao. Doch man gibt nicht auf, die Eröffnung zeigt Ende Juli den Umbau der Räume:









Schön ist es geworden. Doch dann, einen Monat nach Eröffnung, ein halbes Jahr nach Einzug, drehte der Vermieter Wasser und Strom ab – und wieder muss erneut gesucht werden, erneut renoviert, umgezogen, wieder mehr Miete gezahlt.


In der Innenstadt sieht es überall wüst aus, hier von West nach Ost durch den Fangjia hutong.








Das hier war einmal eine Abendschule.


Der ehemalige Eingang vom Hot Cat Club.


Verriegelung eines Kiosks.


Behelfsmäßig noch ein Einstieg.


El Nino noch mit Tischen draußen, serviert wird durch das Fenster.


Mit Ansagen, gestempelt von der Dongcheng Regierung.


Wem das zu viel Text ist, der bekommt es daneben in einem Slogan in Weiß auf Rot: 坚决封堵开墙打洞 严厉打击违法建设 (Resolutes Verbarrikadieren, um die Mauern zu öffnen und den Vorschlaghammer zu schwingen, um die illegalen Konstruktionen mit einem Schlag abzureißen.) Die der Öffentlichkeit vorgesetzte Legitimation der „Aufräumaktion“ lautet, man entledige sich der „illegalen Konstruktionen“, das heißt all der Vorbauten, Lagerräumchen, der zusätzlichen Stockwerke, die tatsächlich meist selbst gezimmert sind. Doch nach welchen Stadtplänen vorgegangen wird, dem von 1949 etwa?, bleibt äußerst fraglich. Vor allem aber will die Zentralregierung bis 2020 die Bevölkerung Beijings auf 23 Millionen reduzieren. 40% der Ladenbesitzer sollen bereits aufgegeben haben und weggezogen sein (Straßenstand Ende August 2017).


Von all dem scheinbar unbeeindruckt und entsprechend beeindruckend, eröffnete Ende August ein neuer Space, Wyoming Project 怀俄明计划, zu finden Dongcheng District, Houyongkang hutong 12 北京市东城区后永康胡同12号. Für die erste Ausstellung warb man mit einem animierten Dildo, Chen Chenchen 陈陈陈: Possible Baby 可能宝宝, 20.8.–30.9.2017.


Neben einem Munitionsgürtel mit Minidildos gab es sonst hauptsächlich ein Ballerspiel, in dem man die Künstlerin aufsuchen und ermorden musste, dazu ein paar Fotografien und Malereien, auf dessen eventuell interessante Konzepte man aber wegen der wirren Optik doch keine rechte Lust hatte, sich einzulassen.


Eingang zum Space unter der blauweißen Markise. Nach der Eröffnung habe ich ihn trotz regelmäßigen Vorbeifahrens bislang allerdings nicht wieder geöffnet vorgefunden.


Ebenfalls Ende August eröffnete Lu Mei 卢玫 in Shunyi ihren Migrant Bird Space 候鸟空间 (aktuell VPN notwendig).








Derweil stellen sich Müllstationen außerhalb des 5. Rings auf, hier ein Beispiel aus dem Künstlerviertel Huantie. Man kann am Automaten per App kostenlos Sticker erhalten, für die momentane Testphase, wie es scheint, noch mit Personen bestückt, und seinen Müll mit diesen versehend zur Abholung einfach vor die Tür legen. Besonders freut mich, dass es endlich auch Schubladen für Batterien gibt. Es wirkt noch nicht ganz angenommen, aber mit vermutlich baldiger Verpflichtung und einhergehenden Bußgeldern kann man hier ja einiges erreichen.




Und der Abriss zieht sich weiter durch alle Ecken der Stadt.


Hier hinter dem Nationalmuseum. Noch gestützt von Eisenstangen, muss ihr einmal eine kleine Toilette angebaut gewesen sein.


Dazu sind überall in der Stadt Baustellen dieser Art für die Jingjinji-Schnellverbindungen zu sehen.


Im Jianchang hutong.


Detail. Alles geht grad grob und schnell, hier reicht für das ehemalige schmale Fenster eine Ziegelbreite.

Arrow Factory 箭厂空间 mauerte sich selbst zu und zeigt Yang Zhenzhong 杨振中: Fences 栅栏, 15.6.–30.8.2017 bzw. inzwischen verlängert bis … der Spuk vorbei ist?





Ums Eck dürfen die Tauben in der dritten Reihe zumindest momentan noch bleiben.


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