Donnerstag, 5. Oktober 2017
60. Jubiläum des 798
Publikation: Geschichte des Staatlichen Kombinats 718


Anlässlich des 60. Jubiläums des 798 wurden wir von der das Gelände verwaltenden Sevenstar Group mit der deutschen Übersetzung ihrer 2015 erschienenen Publikation „国营第七一八厂史(国营华北无线电器材联合厂),1952年–1964年“ beauftragt.

Beijing Sevenstar Huadian Science and Technology Enterprise: Geschichte des Staatlichen Kombinats 718. Staatliches Kombinat für Funktechnik Nordchina, 1952–1964. Beijing 2017.


Klappentext: Als die Idee für den Bau des Kombinats für Funktechnik Nordchina im Jahr 1951 entstand, war die Volksrepublik China gerade erst zwei Jahre alt. Mit ostdeutscher Beteiligung wurde das Kombinat 718 in nur fünf Jahren fertiggestellt und zum Aufbau eines „Neuen Chinas“ nach sowjetischem Vorbild für Industrialisierung und Wirtschaftswachstum von großer Bedeutung. Die Produktion galt Bauteilen für Rundfunkgeräte und vor allem der Entwicklung von Hochfrequenztechnik zur Landesverteidigung und Automatisierung der Industrie. Die vorliegende Fabrikgeschichte erstreckt sich vom Beginn der Konstruktion 1952 bis zu ihrer Umstrukturierung im Jahr 1964. Von Veteranen dieser Zeit zusammengestellt, wird ein Blick auf die technischen Entwicklungen eröffnet, der im Hintergrund immer wieder die gewaltigen Umwälzungen und Kampagnen der frühen volksrepublikanischen Geschichte durchscheinen lässt.

Das Buch kann bislang über mich bezogen werden, weitere Distributionswege sind in Arbeit.



Damalige und heutige Persönlichkeiten der Sevenstar Group.


Generaldirektor der Sevenstar Group Wang Yanling 王彦伶.


Im Zuge der Feierlichkeiten wurde die Ausstellung 创业家精神之路 (Der Weg aus dem Geist der Pioniere) eröffnet. Der vollständige voluminöse Titel lautet: 创业家精神之路——纪念国营第七一八厂落成暨开工六十周年展览 Commemoration Exhibition Marking the 60th Anniversary of State-Owned 718 Factory’s Inauguration and Operation.

Zu sehen in der Art Factory 艺术工厂, 5.10.–31.10.2017.





Entstanden ist eine sehenswerte Ausstellung unter Bauhausdächern, mit vielen Fotos und Karten, historischen Devotionalien und Geräten sowie dem nachempfundenen Arbeitszimmer des langjährigen Direktors Luo Peilin.




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Dienstag, 4. Juli 2017
Exhibition of Beijing Hutong Photography
借壁:北京胡同影像联展


Der Titel 借壁儿, jiebir, wollte ein wunderbares Lokalkolorit sein, soll bedeuten „nebenan, beim Nachbarn“. 借, jie, heißt ausleihen und macht hier keinen Sinn, 接, jie, verbinden, erhalten, würde noch gehen, aber diese Versionen kommen alle von Nichtbeijingern, wie die Organisatoren es sind, und die wie auch ich nur Fetzen in Gassen aufschnappen. Richtig ist 隔壁儿, gebi, das erste Zeichen wird mit der Standardaussprache gé geschrieben, im Beijingdialekt aber jiè, also jiebir, ausgesprochen (von Kaijin). Aber das nur als kleine Mümmelei am Rande.



Es war mir eine Ehre, mit unter anderem Xu Yong 徐勇 und Wang Jian 王坚 ausstellen zu dürfen. Die Exhibition of Beijing Hutong Photography 借壁:北京胡同影像联展 fand statt im Beijing Museum of Visual Arts 北京视觉经典美术馆 und im wunderbar restaurierten 27 Yard 27院儿, 24.6.–2.7.2017.

Wenn auch bereits Vergangenheit, so lohnt sich ein Besuch der nicht weit voneinander entfernten Orte auch zu anderen Zeiten:

Beijing Museum of Visual Arts 北京视觉经典美术馆, Beijige santiao 32, Dongcheng District 东城区北极阁三条32号






27 Yard 27院儿, Neiwubu jie 27 内务部街27号






Dazu gab es einen Ausstellungskatalog, dort ein paar meiner Fotos und den folgenden kleinen Text.


In and Out 里出外进. Hutong Shops Series 胡同小铺系列, 2014.

Hutong Shops: Open Stages at Night

Old Beijing inside the former city walls, which is now the Second Ring Road, is divided into Dong-, Xi- and Nancheng, in the Eastern, Western and Southern Districts. I have been living in Dongcheng since years and often walk through the Hutongs, especially enjoying strolls at night. I particularly like the Hutong shops, which draw one towards them like moths to the flame, it feels like they are pulling you into their ban. They appear to me as miniature stages in their own atmosphere of warm light inside the darkness of the alleys.

In photographic wanderings through the three districts, I time and again realize how different Nancheng is from the two Northern districts. Residents in the South are more proletarian and rough, the gaming places are more frequent and massage places more obviously placed next to one-hour-hotels. But also Dongcheng and Xicheng differ from each other, Dongcheng was traditionally for business, Xicheng for administration: 东富西贵南贫北贱. During Qing Dynasty, scholars and a few chosen ones with good will towards the Manchus were allowed to work and stay in the two Northern districts, whereas most Beijingers had to move to the Southern part. Nowadays, the South is still inhabited mostly by laobeijingren, while many waidiren live in the Northern spheres, overly polite within their tiny shop worlds.

It would be exaggerated to use these photo scenarios for introducing the inner districts of Beijing, but it might be a glimpse. Hopefully not completely to be turned into history, considering the present reconstructions taking place again right now.

The picture called “Wampenmann” or “Belly Guy” is named after the guy on the right side, where he is hanging out with friends in front of the store for tobacco and liquor. I photograph rather slowly, taking quite some time for compilation and adjustment. I position myself mostly in the background of a scene, but do not hide, so usually people are aware of me and sometimes a situation evolves out of it. Here, the drunkard started mumbling into my direction, asking me if I was still not ready, here, I give you something to look at, buahaha. Welcome to Nancheng.

In contrast to this stands the small family I portrayed in Dongcheng. Grandfather and father are left and right with the grandmother and the child in the middle. Initially, father and son were sitting there, when I asked if I could take a picture. They were such modest and kind people and let me have all the time I needed, until I realized that someone was waiting next to me. It was the grandmother, who did not want to disturb. I asked her to please come inside the picture, and she stepped forward, placing the child in the centre, illuminated underneath the light. Therefore, this picture is called “Holy Family”.


Wampenmann 大腹大哥. Hutong Shops Series 胡同小铺系列, 2014.

胡同小铺:露天舞台夜景

北京旧城墙内,即现在的二环被分为东城、西城和南城。我已经在东城生活多年,经常经过胡同,尤其喜欢夜晚在胡同里漫步。我特别喜欢胡同里的小铺,它们会让你着迷,飞蛾扑火般扑过去。在小巷黑暗中,它们如微型舞台的灯光,有着温暖的气氛。

带着相机在三个区内溜达,我一次又一次地意识南城与东城西城之间的区别。南方的居民更为无产阶级和粗犷,棋牌室较多,按摩店显然靠近一小时旅馆。而且东城和西城也不同,东城是传统的商业区,西城则是多官邸:东富西贵南贫北贱。在清代,学者和少数亲满族人是可以工作和居住在城内北部地区,而大多数人不得不搬到南部。今天,在南城居住的人大多数仍然是老北京人,而许多外地人虽然住在北半球但却仅限于他们的小店世界。

用这些照片场景来介绍北京的内环城区是有些夸张,但可能算惊鸿一瞥。考虑到目前的重建工作再次发生,希望这一瞥不会完全变成历史。

照片“大腹大哥”得名于右边那个人,摄于一家烟酒店,当时他正和他的朋友们闲逛。我拍摄得相当慢,取景和调焦颇费了些时间。我把自己定位在一个场景的背景下,但不隐藏,所以通常人们意识到我有时所拍的内容自然演变出来的。在这张照片里,这个醉鬼嘟嘟囔囔地向我走来,问我是不是还没准备好了,来,我给你看点东西看看,哈儿哈儿哈儿。欢迎来到南城。

与此相反,我在东城描述了这个小家庭。祖父和父亲是左右祖母和孩子在中间。起初,当我问我是否可以拍照时,父亲和儿子坐在那里。他们非常谦逊和善良的,让我随意拍,后来我意识到有人在我旁边等着。那是奶奶,她不想打扰我。我请她进来,她走上前去,把孩子放在中间,在灯光正下方。因此,这幅画被称为为“神圣家庭”。

翻文:曲一箴


Holy Family 神圣家庭. Hutong Shops Series 胡同小铺系列, 2014.


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Sonntag, 2. Oktober 2016
In Nebula 入雾
Ausstellung zwischen Foto und Malerei 摄影与水墨联展



In den Nebel, in die Berge, in den Wald, in die Natur. Die Fotografien von Stefanie Thiedig wirken beinahe wie gemalt – und wollen in dieser Ausstellung mit den traditionellen chinesischen Landschaftsbildern von Zhu Jianzhong ins Gespräch treten.

入雾、进入山中、深入密林、浸入大自然。由甲的摄影看起来似以画笔描绘而成,在此次展览中,她的影像作品将与朱建忠的中国传统山水画进行对话。







Im westlichen Raumverständnis gibt es traditionell einen an Fluchtpunkten ausgerichteten Horizont, auch hier kann man hineingehen, aber meistens bewegen sich die Elemente auf einen zu. Die chinesische Landschaftsperspektive ist nicht linear, sondern multipel in Höhe, Tiefe und Weite. Zunächst lässt man den Blick auf der Suche nach einem Einstieg schweifen, um sich dann hineinzubegeben und dort zu wandeln. Man kann sich beliebig niederlassen, bei Gefallen eine Zeit verweilen und seinen Gedanken freien Lauf lassen.

在西方对空间理解的传统中,消失点位于地平线上,在这里也可以进入,但通常情况下,所有元素都指向观者。中国山水画的视角并不是线性的,而是讲究高远、深远和平远的多重视角。首先,用眼睛寻觅到一个入口,而后去到那里,开始漫步。可以随心所欲地停下来,逗留片刻,让思想自由驰骋。一切更关乎自身语境中空间连续性的观念。

Der Nebel in Zhu Jianzhongs Bildern scheint aus den Bäumen zu entstehen, während er bei Stefanie Thiedig den Bergen entstammt?

在朱建忠的绘画中,雾似乎从树木中衍生而出;而在由甲的影像中,雾却源自群山?





Kong, … kongfang: Die Leere, … leeres Haus, so wörtlich übersetzt. Bei Stefanie Thiedig sind es Gerüstskelette aus Beton, die als eine der wenigen menschlichen Andeutungen wiederkehren. Sie bilden das Pendeln zwischen dem Leben im Roten Staub und dem Eintauchen und Aufgesogen werden in die Nebelschwaden von waldiger Landschaft. Umgekehrt scheint Zhu Jianzhong ein Hin und Her nicht zu benötigen. Fragil wie die Bäume, leben seine Pagoden zeitlos in seinen Landschaften.

空房:在由甲的摄影作品中,钢筋混凝土结构,是少数反复出现的的人类迹象之一。这样便产生了在滚滚红尘中的世俗生活和森林渺渺雾气中的隐居生活之间的摇摆。反之,对于朱建忠来说,这种往复似乎并不需要。柔弱如树木,他的小塔却在他的山水中不朽。



Nachtlandschaften – es herrscht Uneinigkeit darüber, ob das Nichts, das Kong, schwarz oder weiß ist. Sowohl bei Zhu Jianzhong als auch bei Stefanie Thiedig kann es auch einmal blau sein. Generell aber überwiegen bei beiden die dunkleren Töne. Soweit gar, dass sie gelegentlich in die Nacht eintreten.

黑夜山川——虚无,空,应是黑色还是白色?关于此,人们各执己见。在朱建忠和由甲的作品中,它间或也可以是蓝色。但总体看来,两人都更倾向深色色调。偶尔,他们也会在作品中潜入黑夜。

Zhu Jianzhong 朱建忠: Hanshan Poetics 寒山诗意. Xuan paper 宣纸, 34x45cm, 2016.

Stefanie Thiedig 由甲: Fogged Village 雾村. Alu-Dibond framed 亚光相纸棕色木框, 27x40cm, 2014/ 2016.


Ort: Bücherei Hangzhou, Ausstellungshalle
Adresse: Jiefang donglu 58, Jianggan District, Hangzhou
Dauer: 1.–15.10.2016
Eröffnung: 1.10.2016, 16 Uhr
Veranstalter: Goethe-Institut (China), Bücherei Hangzhou

地点:杭州图书馆展厅
地址:杭州市江干区解放东路58号
展期:2016年10月1日至15日
开幕式:2016年10月1,16点
主办:北京德国文化中心·歌德学院(中国),杭州图书馆


Siehe auch 也看: 小长假在杭州看展:摄影水墨联展「入雾 」 | Ausstellung: In Nebula


Ausstellungsfotos 展厅图片: Bücherei Hangzhou 杭州图书馆
Text 文: Stefanie Thiedig 由甲
Übersetzung 中文译文: Wang Pan 王盼
Grafik 设计: Julia Hofmann 何悠丽



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Samstag, 5. März 2016
Stefanie Thiedig 由甲: While Waiting 在等待



Being in waiting is a condition that appears to be coming back to me. I am usually dismissing it through walking. And then I often take pictures. There are lots of waiting-ways. These pictures could not come out before. But now they are ready. No more waiting for an exhibition!

For the first time not just on my or your computer, but put into materiality. With this choice of pictures opening here, it is a walking into the color of green. Showing you them in winter … all color is gone outside right now, inside we have concrete walls and wooden furniture, not a bad surrounding for my Green Landscapes-walking, I think.

There is no message coming out, instead it is an invitation to come in. Please do come in and wonder around. If you would like to have some theoretical background, I wrote a few passages in our leaflet, also to be found here below – about Hanshan, landscape and void, about walking into them, about nebulae.

在等待中似乎是一种回归我自身的状态。我经常是通过漫步行走的方式去解除这种状态。同时在这个过程中进行拍摄。有很多种等待的方式。这些照片在此之前是不可能出来的。但现在他们多已经成行了。不再需要等待去做一个展览!

第一次不只是在我或你的电脑中去欣赏他们,而是以实物的形式将他们呈现出来。通过今晚所选出这些图片的展现,将带各位在潜入空茫的绿色中漫步行走。在冬天向你们去展现它们……现在外面全部的颜色都失去了色彩,而在里面我们周围这些水泥的墙壁和木制家具座椅,我认为在这样的环境中很适合我的绿色风景中漫步。

在这里没有信息要去向你表达传递,相反,这是一个要身临其境去感受的邀请。请大家都走进来去感受它。如果你想去了解一些背后的理论信息,我也在图册中写了相关的介绍。关于寒山、风景、以及空茫。关于去步入它们,关于蒙雾。
译文:解开缙


Photo exhibition
28-2–22-4-2016
At Zarah
Guloudongdajie No. 46, Dongcheng Beijing

摄影展览
2016年2月28日——4月22日
Zarah
北京东城鼓楼东大街46号, 010-8403 9807




图片 Photo: © Lui Chen 陈路


图片 Photo: © Lui Chen 陈路


While Waiting

Waiting for the wind
Waiting for your lover
Waiting for darkness
Waiting for content
To put into context
Waiting for time to deliver
Waiting to calm down

Walking for waiting
Cars passing by
Endless streams of things
Background noise
Blurring away in distance
Numbness inside
Awareness turned off

A flitter of light through the dust
Come along?
I don't want to
I want to keep walking
I don't want this woman to talk to me
Meaningless things
I want to be left alone
In my own meaninglessness
For it to happen?
I don't want it to anymore
I want to be left alone

Diving deep into the color of green
I am not waiting
Not passing time
I keep on walking
Into the color of green


I don't know what time I left
What time it is now
What time I will arrive
I walk straight ahead
Follow the highway
The sun stays in front of me
No need to worry about directions
I don't look back
I don't look up
Emptiness in my head
I don't care about
The monkey running wild

I am going to take a shower
Of course I will be back

1.1.2016, while walking in Beijing



Way to Hanshan 寒山道
Alu-Dibond 铝塑板, 100x67 cm, 2014



And a small guerilla action in the hutongs …


在等待

等待风
等待你的爱人
等待黑暗
等待内容
去进入语境中
等待时间发酵
等待平静

为了等待而走着
车辆驶过
琐事不停歇地涌来
背景中的噪音
消逝在远处
内心麻痹
意识被屏蔽

一束光线掠过尘埃
跟我走吗?
我不想
我想继续走着
我不想跟这个女人说话
无意义的事情
我想独自一人
在我自己的无意义里
等时间生效?
我不再期望了
我想独自一人

深深潜入绿色中
我不在等待
没有虚度时间
我继续走着
潜入绿色中


我不知道我离开的时间
现在是什么时刻
我何时会抵达
我径直朝前走
沿着高速公路
太阳总在我前方
不用担心方向
我不回头看
我不向上看
头脑空空
我不在乎
猴子肆意张狂

我要去冲个澡
当然我还会回来

2016年1月1日,在北京继续走着
译文:王盼



图片 Photo: © Lui Chen 陈路


图片 Photo: © Lui Chen 陈路


图片 Photo: © Lui Chen 陈路


图片 Photo: © Lui Chen 陈路


Hanshan 寒山

Hanshan, Cold Mountain, is an area in the valley of Tiantai mountains in Zhejiang province, after which an otherwise unknown hermit-poet named himself. He lived there in the 7th century in a cave, where he carved his verse into the rocks and the trees nearby. Hanshan was rediscovered through the translation of Gary Snyder as contribution to the Beat generation in the 1950s – and only found his way back to China in recent years via Japan. Hanshan’s ideals of Zen-Buddhist world comprehension and his vernacular ironic malapropism of social mechanisms do not make me want to live without any possessions in the mountains, but they allure me as a pendulum between my life in the Red Dust and the immersion in the waft of mist of forested landscapes.

寒山位于浙江省天台山的寒岩,一位本不知名的诗人遁世与此,并以此山为自己命名。隋末唐初,他居于洞穴中,将诗行刻在岩壁和树干上;二十世纪五十年代,通过加里·斯耐德的翻译,寒山诗受到“垮掉的一代”的推崇,被重新发现。在日本学者的推介下,近年来才再度在中国引起关注。他秉持理想的禅宗的世界观,以白话的表达方式讥讽社会体制。他的诗句并未让我放弃所有去追求山居生活,但着实令我神往——摇摆在滚滚红尘中的世俗生活和森林渺渺雾气中的隐居生活之间。

Hanshan, Kalter Berg, ist ein Ort im Tiantai-Gebirge der Provinz Zhejiang, nach dem sich ein sonst unbekannter Dichter-Einsiedler benannt hat. Dort lebte er im 7. Jahrhundert in einer Höhle und ritzte seine Verse ins Gestein und in die Bäume. Hanshan wurde durch die Übertragung von Gary Snyder als Beitrag zur Beat-Generation der 1950er Jahre wiederentdeckt – und fand erst in den letzten Jahren über Japan erneut seinen Weg nach China. Seine Ideale zen-buddhistischer Weltauffassung und umgangssprachlich ironischer Verballhornung gesellschaftlicher Mechanismen lassen mich nicht in den Bergen und ohne jeglichen Besitz leben wollen, aber sie ziehen mich an – in ein Pendeln zwischen meinem Leben im Roten Staub und dem Eintauchen in die Nebelschwaden von waldiger Landschaft.



Into the Void 空道
Alu-Dibond 铝塑板, 80x53 cm, 2015



Landscapes 风景

It takes time to get into a landscape, an arrival of one or ten days, a sinking in until one has found a way. The walk differs in the Chinese and Western comprehension of space. It is traditionally aligned with vanishing points on the horizon in the Western sense, which one may also walk into, but where the elements mostly move out of towards oneself. The perspective of Chinese landscapes is not linear, but multiple in height, depth and level. One first let’s the eyes wander in search for an entry, for then to get in and stroll around. One may at any order settle somewhere, rest a while where it pleases and lets the mind drift freely. It is more about perception of spatial continuum in it’s context.

若想真正抵达一片风景,需要花费时间,一段一天或者十天的旅程,被接纳,直到找到一条路。中国对于空间的理解异于西方。在西方传统中,消失点位于地平线上,在这里也可以进入,但通常情况下,所有元素都指向观者。中国山水画的视角并不是线性的,而是讲究高远、深远和平远的多重视角。首先,用眼睛寻觅到一个入口,而后去到那里,开始漫步。可以随心所欲地停下来,逗留片刻,让思想自由驰骋。一切更关乎自身语境中空间连续性的观念。

Es braucht Zeit, um in eine Landschaft hineinzugelangen, eine Anreise von einem oder zehn Tagen, ein Einlassen, bis man einen Weg gefunden hat. Diesen begeht man im chinesischen Raumverständnis anders als im westlichen. Im westlichen gibt es traditionell einen an Fluchtpunkten ausgerichteten Horizont, auch hier kann man hineingehen, aber meistens bewegen sich die Elemente auf einen zu. Die chinesische Landschaftsperspektive ist nicht linear, sondern multipel in Höhe, Tiefe und Weite. Zunächst lässt man den Blick auf der Suche nach einem Einstieg schweifen, um sich dann hineinzubegeben und dort zu wandeln. Man kann sich beliebig niederlassen, bei Gefallen eine Zeit verweilen und seinen Gedanken freien Lauf lassen. Es geht mehr um die Vorstellung des Raumkontinuums in seinem Kontext.



In Nebula 入雾
Alu-Dibond 铝塑板, 100x67 cm, 2014



Void 空

The context may then be forgotten when inside the landscape. One of the best assistants is the mist. Not as empty surface, rather as diffusion from the one here to the other. Kong, the void, serves as medium for this transition. With merging in it, the initial is set to let go, to get absorbed into it. Where to, what, how, asks rationality – and one again is outside. Between being and not being one dives in anew, though to focus through Kong on particular strings of the whole muddle around. Open in departure and applied as a search, nebula might lift up and the ideas whirling in the ether can be grasped. They could still appear as dwelling in a waiting position, but develop on closer inspection an independent existence.

身处风景中,就可以忘掉语境。最好的协助之一就是雾。雾并不就是空旷,而是从一个到另一个区域的过度。空,是服务于这种过度的媒介。随着进入,开始已定,心无旁骛,便可完全融入其中。去向哪里?什么?怎样?理智在质问——又重新置身其外了。重新沉浮在“有”和“无”之间,试图透过“空”,去将焦点投射到一团乱麻中的丝丝缕缕上。出路未知,在探寻中,眼前的云海层层散开,满空中飘浮的想法即会显现,伸手便可捕捉到。它们看似在静默地等待着,然而持续近观之,就会发现,却都独善其身地存在着。

In der Landschaft dann kann der Kontext vergessen werden. Einer der besten Gehilfen ist der Nebel. Nicht als leere Fläche, eher als Diffusion vom einen Hier zu einem anderen. Das Kong, die Leere, dient als Medium für diesen Übergang. Mit dem Hineinbegeben ist der Anfang getan, im Loslassen kann man sich hineinsaugen lassen. Wohin, was, wie, fragt die Ratio – und schon ist man wieder draußen. Zwischen Sein und Nichtsein tauche man erneut ein, um durch das Kong den Fokus auf einzelne Stränge des Gesamtwirrwarrs zu richten. Offen im Ausgang und als Suche angelegt, vermag sich der Nebel vielleicht zu lichten und die im Äther schwirrenden Ideen aufzugreifen. Noch mögen sie in Warteposition verfallen wirken und entwickeln doch bei längerem Hinsehen ein Eigenleben.















Never heard of the Red Dust, hongchen 红尘? It is the Chinese term for our worldly illusion, in which we find ourselves in everyday life.


译文:王盼
English edit: Lui Chen



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Montag, 31. August 2015
艺术反对艺术——第二回展:镜子 Art Against Art – Second Round: Mirror


时间:2015年9月10日到10月10日
9月10日对话:下午三点半,开幕式:下午五点
Time: 2015-9-10–10-10
9-10 talk: 3:30pm (in Chinese), opening: 5pm


地点:三远当代艺术中心,天津市和平区津湾广场3号楼1B-02
022-2321 9189(高铁火车站对面)
Place: Distance Gallery, Tianjin, Heping District,
Jinwan Square #3, 1B-02 (right across the train station)


六面镜子 Six mirrors:马轲 Ma Ke、朱贤巍 Zhu Xianwei、徐赫 Xu He、李飒 Li Sa、谷泉 Gu Quan、由甲 Stefanie Thiedig

我们讨论,我们争辩,我们反映或试图反映,但通常我们不得要领。我们互问,这个我们置身其中的2015中国当代艺术是什么。这里将会有艺术,还有画册。

We discuss, we fight, we reflect or try to, we mostly don't get to the point. We ask each other what this thing is, we are into, this Chinese contemporary art of 2015. There also will be art and a catalog.


---

Die 30 Fragen, die wir uns gestellt haben und die im Katalog zu finden sind, hier übernommen von 库艺术. Dazu ein Eröffnungsüberblick von Hi艺术.

Von der Galerie eine Zusammenfassung des Eröffnungsgespräches sowie ein Ausstellungsüberblick und mehr Eröffnungsbilder.


Die Ausstellung an sich drückt sich für mich vielleicht am besten in diesem Bild aus:



Es geht uns im fandui 反对, im Gegen, im Kunst versus Kunst, nicht vordergründig um die Gegenüberstellung der einzelnen Künstler- oder in meinem Fall Kunstpositionen. Wir haben uns bei dieser Ausstellung für den Spiegel als Leitmotiv entschieden, weil wir uns in den Perspektiven der anderen sehen wollten. Irgendwie ging es in teils merkwürdige Richtungen. Vermutlich braucht es einfach mehr Zeit, definitiv mehr Gespräche, vielleicht aber auch eine andere Art von Auseinandersetzung. Mal sehen, wie es weiterziehen wird, für jeden einzeln und für die Gruppe.

Ein wenig Spiegelung kommt aber doch zustande. Eigentlich natürlich eher im übertragenen Sinn gemeint und normalerweise macht mich schlechte Glasqualität rasend, aber man sucht, wo man kann …







Im Gesamtüberblick sieht es so aus:


Hereintretend wird man zunächst im Vorraum von Li Sas Spitzen aufgespießt, das gefällt mir.








Am Aufbauabend ein Rundgang durchs wunderschöne Tianjin.


Hier die Truppe, noch Xiao Ge 萧歌 mit dabei, Li Sa bereits weitergezogen.






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绘画相遇音乐 Painting meets Music


我们在每年的夏天都做一点好玩儿的、放松的、瓷器的事情。 这个夏天我们想用一个白天和一个晚上的时间把绘画和音乐联系在一块儿。我们将在Zarah展览艺术家的作品,日落时DJ们开始通译绘画到他们的音乐里。请与我们一起观看展览和倾听DJ们是怎么利用DJSet把这些绘画串联并用音乐与之对话!看看这个方式是否可以让音乐与绘画交流起来.....我们自己也很期待会是一种什么样的气氛状态.....“瓷器”一直在你身边!

In Beijing’s heat of the summer, we like to organize a little something playful and relaxing among friends. This summer, we will use one day and one night to try combining painting and DJing. We will exhibit paintings at Zarah all day and night, and at the beginning of dawn, the DJs will interpret them with their music. Join us in seeing and hearing and how to communicate this way …


时间: 2015年9月5日,音乐从晚上七点开始
Time: 2015-9-5, music starts at 7pm


地点: Zarah,北京市东城区鼓楼东大街46号,010-8403 9807
Place: Zarah, Beijing, Dongcheng District, Guloudong dajie #46



DJs: 黄维伟 Huang Weiwei、X.L.F、张林 Zhang Lin、liolio、伊万 1van Binary

艺术家 Artists: Ole Aselmann、陈恒 Chen Heng、慈宜书 Ci Yishu、丁炜 Ding Wei、Alice Dittmar、甘迪格 Gan Dige、葛辉 Ge Hui、何伟 He Wei、胡宗竹 Hu Zongzhu、家北 Jia Bei、李飒 Li Sa、李子沣 Li Zifeng、刘飞 Liu Fei、吕松 Lü Song、Lazar Lyutakov、马轲 Ma Ke、孟柏伸 Meng Baishen、Bianca Regl、Misha Stroj、孙蓉芳 Sun Rongfang、孙秀庭 Sun Xiuting、吴升知 Wu Shengzhi、席丹妮 Xi Danni、徐赫 Xu He、许惠 Xu Hui、杨欣嘉 Yang Xinjia、翟倞 Zhai Liang、张方白 Zhang Fangbai、张俊领 Zhang Junling、张新军 Zhang Xinjun、张颖 Zhang Ying、赵晶岱 Zhao Jingdai、赵龙平 Zhao Longping、朱贤巍 Zhu Xianwei


策展人 Curator: 由甲 Stefanie Thiedig
方案 Concept: 黄维伟与由甲 Huang Weiwei and Stefanie Thiedig

支持 Support: 卉儿 Huir、夏乐 Alex Signer
设计 Design: 小悠 Julia Hofmann


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图片 Photo: © 56


图片 Photo: © 56


图片 Photo: © Julia Hofmann 小悠


图片 Photo: © 56


图片 Photo: © 56


图片 Photo: © Julia Hofmann 小悠


DJ-Sets + 艺术 Art
艺术图 art photos: © 艺术家 artists


DJ: X.L.F


图片 Photo: © Lui Chen 陈路


马轲 Ma Ke: 思 Thinking; 40x50cm
音乐感:有点重金属摇滚的味道


孟柏伸 Meng Baishen: 秩序 Order; 铅笔画 pencil on quartz clock, 30x30cm, 2014


张颖 Zhang Ying: 157157——靠近你 157157 – Close to You; 22x15cm, 2015
音乐感:古典,人声


Alice Dittmar: 灰色 Grey; 30x40cm, 2009
音乐感: elektronisch, atmosphärisch, flächig, repetitiv, endlos, void


Ole Aselmann: Kuchen 蛋糕 Cake; 21x30cm
音乐感: Antony and the Johnsons


赵晶岱 Zhao Jingdai: 海边 Seaside; 布面丙烯 acryl on canvas, 30x20cm, 2014
音乐感:作品灵感来源于俄罗斯画家Nicholas de Stael的风景画;主要的感觉是海边层叠的蓝;运用皲裂的肌理效果 突出灌木带来的不规则感;乐感为蓝调Jazz


徐赫 Xu He; 别忘记自己的出身 Don’t Forget Your Own Background; 50x60cm, 2015
音乐感:西北音乐


孙蓉芳 Sun Rongfang: 被时间搅拌的记忆 Memories Mixed Up By Time; 综合媒介 mixed media, 40x40cm, 2013
音乐感: soul music

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DJ: liolio


图片 Photo: © Julia Hofmann 小悠


Misha Stroj: Heimkehr 经久归来 Return Home; 布面油画 oil on canvas, 40x50cm, 2015
音乐感:古代音乐,最好有动物在歌曲标题里


甘迪格 Gan Dige: 寺庙 Temple; 60x40cm, 2015
音乐感:我最喜欢的音乐家Sainkho Namtchylak还有Don Cherry


吕松 Lü Song: 破裂的城市之骨 Broken Bones of Cities; 40x30cm, 2015


许惠 Xu Hui: 哭泣 Crying; 布面丙烯 acrylic on canvas, 20x30cm, 2013
音乐感:音乐选哪首歌我没想过,可以请DJ朋友帮忙吗?


Lazar Lyutakov: 维他命D3——钙 Vitamin D3 – Calcium; 布上混合媒体 mixed media on canvas, 40x50 cm, 2015
音乐感:我自己做音乐,所以不好说……

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DJ: 伊万 1van Binary


图片 Photo: © 56


家北 Jia Bei: 旅行 Travelling; 21x15cm, 2015
音乐感:艺术是理性的非理性,音乐尤其是!


张俊领 Zhang Junling: 无尽熵 Infinite Entropy; 40x30cm
音乐感:这是我在舞蹈排练现场听着即兴舞蹈的音乐,用双手追随舞者在舞台上舞动的轨迹,和舞者互动完成的作品,纪录了我对舞者舞蹈的纯下意识和潜意识的感觉,呵呵


慈宜书 Ci Yishu: 等着到家 Waiting Till Home; 30x30cm
音乐感:音乐的话应该是反复性很强,没有太多转折的音乐, repetitive and plain


赵龙平 Zhao Longping: 裂缝 Flawing; 18x25cm, 1998
音乐感:其实就是一种生活中的偶然性,我并没参与什么,最接近音乐的方向就是偶然音乐;当时发现从一台有故障的、老化了的复印机里,可以打印出很多抽象墨迹,并且因为故障,纸会被卷皱,我觉得很有意思,打印了一下午,就留了这一张效果最好的


胡宗竹 Hu Zongzhu: 冬天在北京 Winter in Beijing; 布面丙烯 acryl on canvas, 40x30cm
音乐感:我没有音乐感。都可以的,因为我平时不听音乐。


吴升知 Wu Shengzhi: 冰岛琐记船 Iceland’s Petty Boat; 纸本水彩 watercolor on paper, 29x29cm
音乐感:音乐sigur ros的all alright吧,在冰岛很喜欢的歌曲

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DJ: 张林 Zhang Lin


图片 Photo: © Lui Chen 陈路


丁炜 Ding Wei: 墙 Wall; 33x40cm, 2013
音乐感:好些年不听音乐了,让你朋友自由组合好吗?


李飒 Li Sa: 凌晨的肖像 Portrait Before Dawn; 27x39cm
音乐感: nirvana乐队


朱贤巍 Zhu Xianwei: 易水——钓 Yishui – Fishing; 布面油画 oil on canvas, 40x30cm, 2014
音乐感:古琴和Tom Waits和Paul Cerlan


孙秀庭 Sun Xiuting: 潜意识 The Subconscious; 41x30cm, 1994
音乐感:画时出现旋律感,可是作曲更难吧

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DJ: 黄维伟 Huang Weiwei


图片 Photo: © Julia Hofmann 小悠


翟倞 Zhai Liang: 认真听艺术家讲故事 The Earnest Story of an Artist; 35.5x45.5cm, 2015
音乐感:帕格尼尼 Niccolo Paganini, Michel Petrucciani 的歌曲《September Second》


张新军 Zhang Xinjun: 裁缝 Tailor; 45x50cm, 2015
音乐感:我去黑桥村的裁缝店,我请求裁缝使用废料来为我创作这件平面作品,并且了解他们熟悉的中文歌曲:60年代,曲风明亮,干脆。歌手包括:毛阿敏,邓丽君等……


何伟 He Wei: 流动的蓝色限制 Flow of Blue Limits; 25x25cm
音乐感:我喜欢trip hop


李子沣 Li Zifeng: 鸡先生和鸡小姐 Mister Cock and Miss Hen; 布面油画 oil on canvas, 45x55cm, 2012
音乐感:再一次在一次party上又遇见曾经熟悉的她。这幅画是根据一次深沉爱情故事的而画


陈恒 Chen Heng: 擦肩而过 Close, Not Quite There; 45x30cm, 2012
音乐感:节奏感算不算;唱歌跑调也算吧!


Bianca Regl: 金属灰 Metal Grey; 25x35cm, 2014


刘飞 Liu Fei: 红色的忧郁 Red Melancholia; 13x18cm
音乐感:作品应该和大提琴的音色有关,舒缓,阴郁,忧伤


杨欣嘉 Yang Xinjia: 红墙出杏 Apricot out of Red Wall; 纸本水彩 watercolor on paper, 14x20cm, 2015
音乐感:缓慢空洞乏味,偶尔有短暂的爆发,但不彻底很克制


席丹妮 Xi Danni: 烂草莓 Rotten Strawberries; 布面油画 oil on canvas, 40x30cm, 2013
音乐感:我喜欢节奏单调重复又有变化的音乐,古典的有拉维尔的波罗莱舞曲,现代的如坂本隆一的电子乐 Break with,都是在单一中有变化的音乐


葛辉 Ge Hui: 至此等待 Waiting Until Now; 纸本油画 oil on paper, 19x22cm, 2014
音乐感:我平时听的比较多的是古典音乐,工作时民谣和摇滚比较多,爵士少有


张方白 Zhang Fangbai: 墨鹰5号 Ink Eagle No. 5; 90x90cm
音乐感:巴赫




感谢你们的支持!
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Donnerstag, 20. August 2015
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Landscaping Huantie

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Freitag, 9. Januar 2015
16-1 bis 3-3-2015 in Düsseldorf: Out of the Fence


Von Beijing aus geht es weiter nach Düsseldorf! 从北京到杜塞尔多夫!

Künstler 艺术家

Zhang Xinjun 张新军, *1983 Zhengzhou/ Henan 河南郑州
Zhai Liang 翟倞, *1983 Houma/ Shanxi 山西侯马
He Jian 何健, *1980 Beijing 北京

Kuratiert von Stefanie Thiedig 由甲策展

Zeit und Ort 时间与地点

16. Januar 2015 bis 3. März 2015
Eröffnung: 16-Jan-2015, 19:00
Galerie Philine Cremer
Ackerstraße 23, Düsseldorf

Wir freuen uns auf Sie und euch!

Und so sieht er aus: Der Zustand der Zaunhandhabung



Zhang Xinjun 张新军

Possibilismus: Es war einmal ein Gebäudeskelett am Ende der Stadt, seit Jahren halb fertig, vielleicht war der Investor abgesprungen, man wusste es nicht so recht. Ein riesiger Baustellenzaun verlief außen entlang des Betongerippes. Dort schlenderte eines schönen Tages Xinjun herum und entdeckte, ob durch Zufall oder angelockt ist nicht überliefert, ein Schlupfloch. Er sah sich um, keine Menschenseele war zu entdecken und so kroch er hinein. Eine ganz eigene Welt eröffnete sich ihm. Ein ganzes Volk lebte hier unter eigenen Bedingungen, nicht unähnlich von den unsrigen, aber komplett abgeschirmt und selbstverwaltet. Vögel zwitscherten, Mauergrün hatte sich seinen Platz erobert und führte ein unberührtes Eigenleben so wie das kleine Volk sich selbst auch nicht im Weg zu stehen schien. Wenn ihr wissen wollt, was Xinjun dort gesehen hat, kommt in seinen Kokon und vergesst nicht eure Fantasie einzuschalten.

可能性:从前,有一具建筑的骨骸,长年地立在在城市的尽头。也许是投资商携款而去,人们无从知晓。一张巨大的建筑工地铁丝网将这座水泥骨架包围。在一个晴朗的日子,新军漫步到此——出于偶然或是被吸引前来不详——发现了这个庇护所。四周空无一人,他闯进这片工地,一个奇特的世界展现在他面前。一个庞大的族群生活在这特殊的境况中,这里与我们的社会并非全然不同,只是完全自立自制。小鸟在这里歌唱、野草在墙上扎根,这里的一切如此不受外界干扰,就像这里的居民一样,一切任凭自己的愿望。如果想知道新军在那儿看到了什么,那么请到他做的“茧”里坐一会儿,同时,一定不要忘了打开想象力的开关。






Zhai Liang 翟倞

Possibilismus: Man dreht sich im Kreis. Du sollst, du musst, du darfst, du kannst. Wir befinden uns in einem Konglomerat aus Erwartungen und Anforderungen. Die Welt ist gemacht, geschaffen, vorgegeben die Bewegung in ihr, die persönliche Entwicklung angelegt nach bestimmtem Muster. Das Selbst klopft an, verlangt danach, sich strecken zu können. Es will den Rahmen nicht gleich sprengen, darum geht es nicht, soll dieser sich doch um sich selbst kümmern. Aber wenn es zu eng wird, braucht man ein Schlupfloch, einen Ausweg. Die Unendlichkeit entwickelt ein Eigenleben, schert sich nicht um die mahnenden Zeigefinger und sucht nach persönlicher Freude. Im Ausfallschritt rechts um oder links befindet sie sich zwischen den Zeilen, aufrecht untertauchend wirbelt sie herum, zum Greifen nah. Lass dich von ihr führen, nimm sie selbst in die Hand. Wer mag, kann folgen. Wer besseres zu tun hat, soll er doch.

可能性:人们不停地画着一个圈。你应该、你必须、你允许、你可以。我们徘徊在期待和诉求之间。世界被塑造、被创造,充满了预设的运动。某种特定的模式左右着个体的发展。“自我”请求并渴望得到伸展,但目的并不是要去打破现有的一切条条框框,实际上,这些规则只要管好自己就好。但是,当外界的束缚过于紧迫的时候,我们需要一个庇护所、一条出路。于无穷尽中衍生出一个独立的生命,它不在乎说教式的劝告,找寻着属于自己的乐趣。这些乐趣左闪右避地隐藏在字里行间,自顾自地旋转着,近在咫尺。接受她的带领,将她握在手心。只要愿意,就可以跟随。若实在无暇,则尽管去忙。








He Jian 何健

Possibilismus: Ist die Suche nach einem Ausweg möglicherweise ein Irrweg? Dort ist ein Schild zum Notausgang, ein Glück. Ist dort ein Schild, wird man sich seiner Not gewahr oder sie stellt sich gar dadurch ein. Man fängt nicht an, die Not zu suchen, sondern den Ausgang aus ihr heraus. Eine Tür, mit mächtigem Sog zieht sie einen an, flugs hindurch, das wäre geschafft, weiter geht es, dort entlang, da ist das nächste Schild. Wir durchmessen die Räume, vermessen sie mit jedem Schritt, vermessen gehen wir auf die nächste Tür zu. Auf. Hindurch. Trepp auf, Trepp ab, noch voller Tatendrang, die Tat im Blick, alles andere wird nebensächlich. Nicht greifbar die Bedrohung hinter einem, doch sitzt sie einem im Nacken, man spürt sie doch. Oder etwa nicht? Lassen wir uns fangen von diesem Miniaturdasein im vielleicht sogar selbstgestrickten Labyrinth, ohnmächtig, undurchschaubar? Fühlt sich kafkaesk an? Gehen Sie ruhig weiter, bitte immer weiter …

可能性:对于出路的探寻过程是否可能反而误入歧途?那里有一个标明紧急出口的指示牌,多么幸运。这块指示牌能否使人意识到面临的困境?还是根本无所觉察?人们通常不会刻意寻找困境,而是突破困境的出口。具有强大吸力的一扇门,吸引着人们,穿过它,向前走,循着某种力量的指引,走到另一个牌子前。我们用每一个步伐测量着自身所在的空间,一边测量一边走到下一扇门前。往上攀爬,穿过去。上楼梯,下楼梯,仍然行动力满满,使命感驱使我们一路向前,目光坚定,其他的一切都不再重要。来自身后的威胁并不明确,但犹如芒刺在背,令人感受真切。或者不是这样?人们把自己囚禁在亲手编织的迷宫里,一个小小的模型里,无能为力,难以自拔?卡夫卡式的绝望?接着走吧,不论如何,请继续往前……






Hintergrund

Sicherheitszäune in BJ haben 2014 massiv zugenommen. Ständig gibt es neue vor jedermanns Haustür. Man fragte sich schon, ob man ein Zootier ist. Ob man inner- oder außerhalb der Gatter steckt. Dies war der Anlass, sich dem Thema Zäune anzunehmen.

Dann habe ich recherchiert, zunächst in westlichen Medien …

… nachdem ich mich durch seitenweise Angebote hauptsächlich aus Polen und Tschechien gearbeitet hatte, durch Zaunarten und etliche Dekoseiten;
… ging es um Landbefriedung, Bedeutung und Herkunft;
… um die Dualität des Zaunes.

Nach deutschem Ansatz ging ich anfangs davon aus, dass man Zäune generell niederreißen müsse. Und dabei ging es mir nicht um politische Motivation. Das sollte ich deutlich sagen. Mir ging es um die Schranken im Kopf – die natürlich auch politisch sein können. Mir ging es aber hauptsächlich darum, wie in China mit traditionellen Werten und der gesellschaftlichen Unterordnung umgegangen wird.

Der Begriff Sicherheit kann natürlich für alles herangezogen werden. Gerade da allerdings kommt ein Unwohlsein auf.

Doch der Dualität der Begrenzung kann auch ich mich nicht entziehen – über Intimität der Privatsphäre usw. bis zur Einschränkung. Der Gegensatz der erklärten und unerklärten Welt, das Definieren des Lebens: Davon kann man sich nicht lösen.

Nun gut. Nach etlichen Zäunen in Westmedien ging mir auf, dass Befriedung in China traditionell mit Mauern einherging. Da wo Zäune für das Auge durchlässig und beweglich, und auch Hecken noch weich sind, lassen Mauern keine Verbindung zwischen Innen und Außen zu. Also haben wir in China zunächst einmal Mauern statt Zäune. Die chinesische Mauer wie die Berliner Mauer.

Und Mauern sind darüber hinaus in China auch noch ziemlich hoch und konfuzianisch hierarchisch angelegt. Nach meinem Verständnis existieren psychologische, soziale und ideologische Zäune. Das habe ich alles hier gepostet: Über Zäune und hulans 护栏 (die Zeilen hier sind eine kurze Zusammenfassung der dort seitenlangen Ausführungen).

Dann aber wurde mir klar, dass es sich nicht um Befriedung handelt. Bei Straßenzäunen geht es um Personenführung und Massensteuerung. Ein Phänomen, dass im Westen nur in Ausnahmefällen notwendig erscheint. In Malls, in U-Bahnen, bei Massenveranstaltungen. In Duisburg zur Loveparade etwa. Damit war ich bei Massenbewältigung, Massendynamik gelandet. Wenn man das googelt, kommt man erst auf Propaganda, Geheimdienste, Überwachungsstaat, Scifi, neue Weltordnung, globale Bewusstseinskontrolle, Hypnose, Nationalsozialismus …

Dann kam ich endlich auf Massenpsychologie (Gustave Le Bon, 1895, Freud, 1921) und hauptsächlich auf detaillierte Fallstudien. Wobei man schon sagen kann, dass im Westen subtiler massengelenkt wird als in China. In U-Bahnhöfen etwa mit Anzeigetafeln und Werbung.

Jeder, der einmal in China war, wird festgestellt haben, dass die Bevölkerungsdichte etwas konzentrierter ist als im Westen. Weiterhin mag es einem ein wenig unaufgeräumter vorgekommen sein. Das haben wohl auch unsere Chefs dort so gesehen. Und im Zuge der Kultivierungskampagnen der Bevölkerung, natürlich auch zu unserer Sicherheit im Straßenverkehr, wurden Zäune aufgestellt. Alles andere als subtil. Erst ein paar, dann immer mehr, in meiner kleinen Straßen innerhalb des 2. Rings teilweise auf bis zu 4 Ebenen. Für Fußgänger, Fahrradfahrer, Autos. Jedem sein eigener Zaun. Da wird sich jemand eine goldene Nase verdienen. Entsprechend auch die goldene Version auf der Chang’anjie.

Ok, keine Befriedungszäune, keine Befriedungsmauern, dafür Massenlenkung. Ich dachte weiterhin wunderbar, mit dieser Omnipräsenz muss auch umgegangen werden. Ob man da nicht irgendwie auf die Barrikaden steigen kann. Mit künstlerischem Ansatz.

Ich suchte mir drei Künstler, die mir sehr gefallen, und erzählte ihnen stundenlang und mit ausgearbeiteten Mindmaps, was dieses Themenfeld alles zu bieten hat. Die Jungs machten sich ans Werk. Und ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, was da vor sich ging.

Im Endeffekt könnte man sagen, dass dank dieser Ausstellung meine persönlichen Zäune im Verständnis über China einmal wieder umgestürzt wurden. Zwar predige ich Westlern gegenüber ständig, dass in China zwischen den Zeilen agiert wird. Aber ein Revoluzzerwunsch-Gen scheint auch weiterhin in mir zu schlummern.

Was wir hier sehen hat nichts mit Zäuneumschmeißen im westlichen Verständnis zu tun. Dennoch habe ich diese Art des Herangehens, nachdem es mir bewusst wurde, auch so auf den Straßen Beijings entdeckt. Dort nämlich sehen wir regelmäßig Dellen und Verrückungen, Umgehungen und Nichtbeachten. Autos stehen auf Fahrradwegen, so dass Fahrradfahrer die Autowege benutzen müssen. Genauso regelmäßig werden die Zäune wieder gerade gerückt und neu gestrichen. Es ist ein Hin und Her.

Auch wenn viel darüber diskutiert wird, sind Gesetze und Maßnahmen in Deutschland meist fest, es wird sich meist dran gehalten, Missachtung zieht Folgen und Strafen nach sich. Auch in China existieren Gesetze, mindestens so viele wie in Deutschland, gerne auch prozentual auf Landesfläche und Bevölkerungszahl umgerechnet. China ist mindestens so bürokratisch wie Deutschland.

Doch Einhaltung und Ausführung sind eine andere. Sagen wir mal etwas willkürlicher. Angewendet, wenn es halt passt. Von staatlicher Seite aus. Das weiß das Volk und hat seinen eigenen Umgang damit. Es wird mehr gemauschelt, Hintertüren sind beliebt …

Entsprechend agieren die Arbeiten, die wir hier sehen, innerhalb äußerer Begrenzungen. Zhang Xinjun hat sogar einen eigenen Kokon erarbeitet. Eine eigene Welt innerhalb der äußeren. Zhai Liang nimmt die Traditionen um Wahrsagerei und Welterklärungen auf die Schippe. Dazwischen sagt er 88, die chinesische Social Media-Abkürzung für baibai (Byebye). Respekt zollend wird der Hut gezogen, macht, was ihr wollt, aber ich bin dann mal raus. He Jian scheint, vielleicht durch sein Studium im Ausland, auf der Suche nach einem Ausweg, doch dieser würde bei ihm nur im freien Fall existieren. Deshalb schwirrt er weiter durch seine eigenen Räume.


Siehe im Zuge dieses Artikels auch 关于这个话题也看: Über Zäune und hulans 护栏 und Out of the Fence in Beijing

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Donnerstag, 27. November 2014
Out of the Fence – Connected in Parallel 护栏——并联



Beijing: Opening on Nov-30 and artist talk on Dec-7!
北京:开幕式是11月30日,论坛是12月7日!


Exhibition 展览: 30-Nov-2014–7-Dec-2014
Opening 开幕式: 30-Nov-2014, 16:00
Artist talk 艺术论坛: 7-Dez-2014, 16:00
@ Black Sesame Space 芝麻空间
Heizhima Hutong 13, Dongcheng District, Beijing (West of Nanluo guxiang)
北京市东城区黑芝麻胡同13号(南锣鼓巷往西走)

With support of 赞助北京:Goethe-Institut (China) 歌德学院(中国).


Out of the Fence 护栏

In order to order population, fences are showing up massively on the streets and sideways of Beijing. It appears almost lunatic. Lunacy of constructing of structuring of regulating. Navigating the masses. Are we inside or outside the zoo gates?

Representing an enclosure of a piece of land in the West, fences in China regulate the masses and guide the people. Crowd coping seems only necessary in exceptional cases in the West – it is the daily card in China. Are fences restraints, borders, barriers? Do they offer security or seclusion or confrontation, are they possibly conquerable? How do we live inside them?

北京的街头巷尾,无论是人行道上还是马路上,到处竖立着分离和引导人群用的护栏!护栏从功能上等同于警示。警示有很多种,有建筑工地的警示、秩序警示以及对人群的控制。我们身在何处,是在动物园的栅栏以内还是以外呢?

西方的区域秩序的维护到了中国变成了对人群的引导和控制。在西方,通常只用于特殊场合的一种对群众的控制,到了中国,变成了家常便饭。护栏、强制和界限意味着障碍吗?护栏、强制和界限会给我们带来安全吗、还是会导致隔绝甚至是反抗?人们可以克服护栏吗?我们怎么生活在充满护栏的一个世界里?

Connected in Parallel 并联

How do we find, create and use the personal space inside the given and limited aisles? Our three artists are guided by all kind of fences on their ways, but they are also connected by fences and at the same time divided – connected in parallel. Inside these fences, they have their personal on and off buttons, with which they can switch and witch how they like. In this exhibition they are showing us their own paths …

这里涉及到的问题是,在业已存在并标明的路径中创造属于个人的自由空间并让它为自己服务。三位参展艺术家分别走着自己的路,这些路被充满各种可能性的护栏引导着伸向远方,他们三人彼此由护栏联系在一起,却又同时处于分离的状态。在这些围栏的范围内,他们依靠自己的开关,主动地决定自己与外部世界建立或中止联系。


And this is how it looked 展览是这样:







Zhang Xinjun 张新军:



Zhai Liang 翟倞:





He Jian 何健:





Thank you guys! 谢谢你们仨!




We went to a bar after the opening to celebrate … and happened to stumble on this – fences everywhere:
我们开幕之后去了一个酒吧……而碰到这个——那里都有护栏:




Also view for this topic 关于这个话题也看: Über Zäune und hulans 护栏.

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Dienstag, 11. November 2014
Über Zäune und hulans 护栏


Allüberall vermehren sich in Beijing zur Ordnung der Bevölkerung massiv die Zäune und Gatter auf Bürgersteigen und Straßen. Es grenzt an Wahn. Bauwahn. Ordnungswahn. Lenkung der Massen. Sind wir Zoobesucher oder -insassen? Was in Deutschland Landbefriedung bedeutet, ist in China Personenführung und Massensteuerung. Eine Massenbewältigung, die im Westen nur in Ausnahmefällen notwendig erscheint, steht in China an der Tagesordnung.

Sind Zäune Zwänge, Grenzen, Barrieren? Bieten sie Sicherheit oder Einigelung oder Konfrontation, kann man sie gar überwinden? Wie leben wir in ihnen?


Zäune im Überblick

Eine gute Weile beschäftige ich mich jetzt mit Zäunen und Mauern und habe mich in Beijing, aber auch in Deutschland und in Warschau mit allen möglichen Leuten darüber unterhalten. Spannend, jeder hatte bislang etwas zum Thema beizutragen, Geschichten und Ansichten gingen in alle möglichen Richtungen – Zäune wurden zu Mauern wurden zu Balken im Kopf, aber blieben immer ambivalent: man braucht sie und will sie überwinden.

Ausgangspunkt waren diese Überhand nehmenden hulans 护栏, die Sicherheitszäune. Begonnen habe ich mit der Recherche in westlichen Medien, ich habe viel an Material zusammengesammelt, viel ist es auch hier geworden. Man vergebe mir die Masse, ihre Aufbewahrung hier dient mir als Archiv und möge vielleicht auch die eine oder den anderen interessieren. Es geht, grob strukturiert, ineinandergreifend angelegt, um:

– Zäune in Begrifflichkeit: Wörter und Herkunft
– Zaunarten
– Dualität des Zaunes
– Ordnung
– Zaungedanken des Peterlini
– Ein paar deutsche Redensarten zum Zaun
– 护栏: Hulancing als Massenlenkung
– Massendynamik im Westen
– Barrikadieren in China
– In China sind Zäune der Befriedung traditionell Mauern
– Stadtraum nach Hassenpflug
– Mauerreiter 骑墙
– Ausstellung in Beijing und Düsseldorf: Vom Zaun in Parallelschaltung
– Quellenauswahl

Die angegebenen Referenzen verweisen auf die Quellenauswahl unten. Ich verwende hauptsächlich deutsche Begrifflichkeiten, erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern verstehe dies als Überblick – gespickt mit Phänomenen aus dem chinesischen Alltag, für die man sich an den Fotos orientieren mag.


Zäune in Begrifflichkeit: Wörter und Herkunft

Zunächst einmal sind Zäune (fence, railing) eine Form der Einfriedung, der Eingrenzung eines Geländes. Hindernis, Barriere, Absperrung werden gelegentlich synonym verwendet, der Unterschied aber ist, dass ein Zaun im Gegensatz dazu eine klar definierte Grenzziehung markiert. Gatter und Pferch bezeichnen die Absperrung für Tiergehege. Das deutsche Wort Zaun (verwandt mit engl. town und niederdt. tuin für Garten/ Zaun) bezeichnet ursprünglich nicht das Hindernis selbst, sondern das von ihm umschlossene Gebiet, die Umzäunung. „Der Wortlaut Zaun ist seit dem Althochdeutschen erhalten geblieben. Etymologisch hat das Wort seinen Ursprung im Vorgermanischen und steht für fertigmachen, zubereiten, erhielt dann im Indogermanischen die Bedeutung Stadt, befestigte Stadt, im Germanischen die Bedeutung Einfriedung, umfriedeter Platz und im Althochdeutschen schließlich die Bedeutung Gehege, Verschanzung, Zaun, Umzäunung“ (WAV).

– englisch town mit derselben Sprachwurzel für Zaun als Stadt
– niederländisch tuin für Garten mit Zaun als Garten
– altsäschsisch gard für Zaun
– neuenglisch garden für Garten
– altenglisch geard für Umfriedung
– neuenglisch yard für die Maße des Feldes
– altnordisch Gerdhr für Zaun und Schutz, Hag für Zaun, Hege, Gehege
– im Hebräischen gerät man nicht aus dem Häuschen, sondern aus dem Zaun
– germanisch buan für wohnen, bauen, zugleich: sein, Dasein, schonendes Dasein
– lateinisch lex verwandt mit legare für binden, lesen, Lexis für Wort; Zaun ist Teilung, Verbindung, Gesetz, Wort
– lateinisch templus für Bezirk, stammt aus griechisch für schneiden, ableiten
– lateinisch struere für bauen
– lateinisch angustiae für Enge, heißt Angst
– griechisch phobos für Furcht
– germanisch tuna für Zaun, der eingehegte Platz

Definieren heißt scheiden, unterscheiden, heißt Grenzen ziehen, „um den einen Gedanken (abzugrenzen) von der Unendlichkeit des Ahnens“, „verlangt nach Ordnung, Genauigkeit, Logik, Strenge, Abstraktion“, die Schrift meißelte in Stein, was Gesetz war (Peterlini).

Das Ziehen von Grenzen zur Teilung dessen, was früher eins war, eine Erde, ein Land wurde geteilt, machte zu Teilen, Volk für Volk, Stadt für Stadt, Mensch und Umwelt/ Natur. Aus dem Verständnis einer Eingrenzung wurde die „Notwendigkeit der Abgrenzung, um einen eigenen Bereich definieren zu können, in welchem das eigene Recht herrscht“ (WAV). Zäune dienen der Kenntlichmachung von Besitzverhältnissen an Grund und Boden im öffentlichen Raum oder der Eingrenzung von Mensch und/ oder Tier oder Verwendung zum Verbergen von Blicken Unbefugter.




Hier muss ich an die hohen blauen, undurchlässigen Baustellenzäune bzw. die Sichtschutzmaßnahmen in China denken, die um jede aktive oder auch inaktive Baustelle im ganzen Land zu finden sind. Ein öffentliches Phänomen, das einen Westler gerade wegen seiner vorgeblichen Undurchdringlichkeit argwöhnisch macht, aber doch weniger unüberwindbar ist als es wirkt. Dies ist die Thematik von Innen und Außen, bei der ich mir ständig selbst widerspreche, wenn ich darüber nachdenke. Deshalb möchte ich hierfür zunächst gerne auf den Abschnitt unten über Hassenpflugs Stadtraumkodierung verweisen.


Hinterm Trommelturm durch einen Bauzaun geblickt.

Das Blau findet sich gerne auch in Weiterverwertung, etwa als Gartenlaube:



Hier abseits vom Schuss in der Beigaolu am Airport Express. Hinter der schedderigen Bauzaunreihe findet sich, wie in diesem Gebiet verbreitet, eine Baumschule. Warum es allerdings dieser riesigen, frisch warnend gestrichenen Betonbolzen bedarf, entzieht sich meiner Vorstellungskraft.






Zäune dienen der genauen Positionierung, sind Sichtbarmachung einer Linie. „Städte wuchsen nicht auf freiem Feld, sondern in einem Rahmen, den die zum Schutz angelegte Stadtmauer vorgab“ (Menzel). Der Zaun schafft ein Gebiet, eine Zone, gibt dem da drinnen einen „abgesonderten, besonderen, erhöhten Wert“ (Peterlini). Ein Zaun ist Gesetz, wird er ungebeten überschritten, bedeutet dies seit jeher Rechtsbruch.

Die Erschließung des amerikanischen Westens durch die Siedler verlief so, dass zuerst das eroberte Territorium umzäunt wurde, worauf man sich dort niederließ. Auch heute ist es Sitte, erst den Zaun aufzustellen, bevor mit dem Hausbau begonnen wird. „Das kann mitunter Jahre dauern, Hauptsache ist, das Revier ist markiert.“ Andere Völker wie die amerikanischen Ureinwohner verwenden Zäune nur zum Schutz, nicht zur Besitzergreifung. Siehe Menzel für diesen Abschnitt.




Es gibt Sitten (oder Unsitten), ganze Privatgrundstücke einzuzäunen, sehr deutsch, aber ursprünglich aus England stammend, angefangen hat es mit der Umzäunung von Weideland oder Gärten, dann kam irgendwann das gesamte Grundstück dazu. Im Beijinger Künstlerviertel Heiqiao wird dem gerade zu Frönen begonnen, was in Deutschland gemeinsam mit dem Gartenzwerg als kleinbürgerliche Spießigkeit bekannt ist – mit Rechthaberei, kleinkariertem Besitzdenken, dem Streit am Gartenzaun unter Nachbarn oder aber als Symbol für Gemütlichkeit und häusliche Idylle. Dieses Heiqiao-Phänomen wirkt auf mich äußerst skurril. Ich muss ein bisschen ausholen. Als das 798 zu kulturindustriell teuer wurde und auch Caochangdi mehr und mehr von renommierten Galerien besetzt, ging man noch ein Stückchen weiter nach draußen. Chinesischer Pragmatismus ist unübertrefflich, flugs waren ganze Ackerflächen von Einzelpersonen aufgekauft (gepachtet im deutschen Sinne, da Landeinnahme in China zeitlich begrenzt ist). Künstler brauchen hier Platz, Künstler bekommen 100 bis 300 Quadratmeterflächen, größtenteils aus Containern und anderem Billigstmaterial zusammengezimmert, weil man ja nie weiß, wann der Abriss droht, man weiterziehen und die ganze Investition neu angelegt werden muss. Viele Künstler produzieren hier nur und wohnen etwa im nahe gelegenen Wangjing, aber genauso viele können sich dies nicht leisten und leben in ihren Studios. Nun besteht das Viertel schon seine sieben, acht Jahre. Ob es der Aufwertung dient, um die Mietpreise alsbald anzuheben, dem Übertünchen, der Heimeligkeit, auf jeden Fall ging es von den Vermietern aus und Mitte diesen Jahres tauchten auf einmal Gartenzäune vor den Studios auf. Vermutlich fing einer an, die anderen zogen nach. Ok, hier werden viele Sitten, die in anderen Ländern als Unsitten verschrien sind, umfunktioniert, kulturelle Ummodellierungen finden statt, mit Übernahme nur einzelner Aspekte in einen ganz anderen Kontext verpflanzt. Künstler einmal niedlich interniert also.

Hier eine kleine Fotoserie als Exkurs. Um Sinn und Zweck geht es wohl nicht, aber die Frage stellt sich doch, wie dies hier nicht nur hingenommen, sondern teils auch aufgenommen wird. Ist doch ganz nett? Schafft auch im Außen ein wenig Privatsphäre? Am ehesten gilt wohl noch das Argument der Rankhilfe für Kletterpflanzen und Grün schmeichelt dem Auge oder muss für Fahrtwege gezähmt werden.





Was man zuvor kannte, waren die eingepferchten, zusätzlich angeketteten, doch nie zum Auslass gelassenen Hunde in ihren Zwingern. Gibt es weiterhin.





Nun, und das erschließt sich mir wirklich nicht, wurden zusätzlich Gestrüpp eingezäunt …



… und Fensterzeilen.



Manchen schien dies so gut zu gefallen, dass sie selbst Hand anlegten. Green Rasenstreifening.




Zaunarten

Ein Zaun ist aus Holz, Metall oder Kunststoff – aus Stein oder Beton ist es eine Mauer, der Unterschied des Zauns zur Mauer ist ihre Möglichkeit des Transports und die begrenzte Durchlässigkeit; aus lebendem Material ist es eine Hecke; Knicks sind die Windschutzhecken auf Wallanlagen in Norddeutschland; ein Zaun in geschlossenen Räumen ist ein Gitter.

Eine kleine Zaunlandschaft gefällig?

Es gibt Maschendrahtzäune (den sogenannten Diagonaldrahtgeflechtzaun), Stacheldrahtzäune, Flechtzäune oder Speltenzäune, Metallzäune (auch Gittermattenzaun), Holzzäune, Lattenzäune oder Staketenzäune, Jägerzäune, Schrankzäune oder Weidezäune, Palisadenzäune, Bohlenzäune, Bretterzäune, Ringzäune, Betonzäune (mit Pfosten als Doppel T-Träger und Platten), elektrische Weidezäune, Elektrozäune, Wildzäune, Ballfänger (Schutzmaßnahmen auf Sportplätzen), Bauzäune, Naturzäune, Industriezäune, Sicherheitszäune, Hochsicherheitszäune, Schmuckzäune, Handelszäune, Grenzzäune (zur Abgrenzung staatlicher Territorien).

Weiter gibt es Zaunpfähle und Zaunpfahlprobleme, Zaunreben, den Zaunkönig, es gibt Zäune, die als Werbeflächen umfunktioniert werden, und solche, die mit Warnhinweisen be- oder sogar überdeckt sind. Es gibt dekorativ umfunktionierte Zäune, etwa als Rankhilfen im Garten. Es gibt von Land zu Land unterschiedliche, die jeweilige Landschaft prägende Zauntypen und -formen, aber in allen Kulturen gibt es Zäune als „Schutz des Inneren und Durchlassen des Lebensnotwendigen“ (Peterlini). Es gibt das Wort Zaunkultur, es gibt ideologische Zäune, es gibt Zäune des nationalen Stolzes. In Deutschland gibt es natürlich Vorschriften zur Bezäunung und Umzäunung, die sogenannten Zaunanordnungen, es darf nicht einfach wild gezäunt werden, es gibt Mindesthöhen und Mindestabstände, auch maximale Öffnungen, es gibt Vorschriften zur Tiefe der Verankerung und der Art des Fundamentes, jede Art von Zaun hat ihre eigene Art von Vorschrift.


Dualität des Zaunes

Schutz, Geborgenheit, Bewahrung, Privatsphäre … oder … Hindernis, Einschränkung, Grenze, Überwindenmüssen.

Es gibt physische Zäune, Mauern, Grenzen, Hindernisse, Barrieren, Schranken, die in ihrer Intention und Nutzung einen funktionalen Pluralismus von sozial, ideologisch bis psychologisch verräumlichen:

Sozial schließt ein Familie, Gemeinschaft, Geborgenheit, Privatsphäre, Intimität, Sorglosigkeit, Sesshaftigkeit, Frieden, Recht, Heimat, mein/ unser/ wir, aber auch Vereinsamung, Verarmung, Erstickung, in sich gekehrt. Es schließt aus, was öffentlich ist, dein/ euer/ ihr, fremd.

Ideologisch umzäunt Sicherheit, Schutz, Bewahrung, Gesetz, Norm, Recht, Zivilisation, Gewinner, die erklärte Welt, Sinnstiftung, umfasst Besitzergreifung, Besitzdenken, Machtanspruch, Machtsymbolik, Erhabenheit, Gemeinschaftsethos. Es grenzt Gefahr aus, Wildnis, Verlierer, Dämonen, die unerklärte Welt, es sperrt sie aus, verbirgt sie, schottet sich gegen sie ab, verbarrikadiert sich. Bleibt die Frage nach der Gefahr, was suggeriert Gefahr? Ist es Einschüchterung zum Stillhalten? Ähnlich der Terrorgefahr?

Psychologisch in wohl mehr als leichter Überschneidung spricht man vom Grundbedürfnis nach Besitz, Eigentum, Alltag, Ordnung, Einteilung der Welt, der Lebensmuster, der Lebensform, der Lebensweise, Definierung, Positionierung, Orientierung, Idylle, Rang. Andererseits ist es auch ein Grundbedürfnis, über die Mauer schauen zu können, sie zu überschreiten, Grenzen zu testen, Neues zu erkunden, Horizonte zu erweitern, Denkmuster und Gesellschaftsmodelle zu überwinden, Perspektiven zu wechseln, zu hinterfragen.

Wo liegt der Bewusstseinsgrad der Existenz von Zäunen? Ihr Zwischenbereich liegt inmitten von Sondern, Absondern, Sinn und Verbinden, Abbinden, Wahn, ist Begrenzung, Abgrenzung, Einschränkung, Ordnung, Funktionalität, Abstand, geregelte Kontrolle, Chaosminimierung, Respekt und gnädiges Wegsehen oder die Einladung zur Partizipation. Wo ist der Graubereich zwischen Errichten und Bedeutungsarmut und auf der anderen Seite Niederreißen und Nichtbeachtung? Müssen Zäune automatisch unmündig machen? Oder mit ihrer Durchlässigkeit Ahnen, Hoffen, Glauben, Verheißung vorgaukeln?

Der Zaun im Traum steht meist für soziale Barrieren oder Klassenschranken, aber auch für das Bedürfnis nach Privatsphäre, Sicherheit, Geborgenheit. Er symbolisiert Grenzen, eine einschränkende Wirkung auf das Leben. Er kann auch für Schwierigkeiten stehen oder für selbst errichtete Hindernisse, mangelndes Selbstbewusstsein und Selbsteinschränkung (Traumdeutung).

Der Zaun symbolisiert das Überschreiten einer Grenze als Eintritt oder Wechsel in einen neuen Abschnitt, Lebensabschnitt. Überwindung ist verbunden mit zunächst einmal starker physischer, aber auch mit mentaler Anstrengung. Auf einen Zaun kann man draufklettern, man kann ihn übersteigen, durch ihn hindurchschlüpfen, vor ihm stehenbleiben, an ihm scheitern, hängenbleiben, sich verletzen, drüber wollen, aber nicht können, von ihm herunterfallen, mit ihm zusammenbrechen, ihn niedertreten, drüberspringen, man kann ihn aber auch selbst errichten. Ein Zaun bietet Schutz, aber verstellt auch den offenen Blick, weshalb man gelegentlich überprüfen sollte, ob er notwendig ist.

Dann beinhaltet ein Zaun immer auch an einem bestimmten Punkt einen Durchgang, ein Tor, ein Ende, durch das man, und nur hier, Einlass gewährt bekommt – oder auch nicht.

Zäune implizieren Trennung von hier und dort, Begrenzungen, Abgrenzung, Einteilung, Unterteilung, Einschränkung. Auf der anderen Seite die scheinbar immer wichtiger werdende Sicherheit, die Markierung einer Außengrenze als Schutzfunktion zur Erhaltung des inneren Friedens- und Rechtsraumes. Der Zaun als Schutzmechanismus. Der Zaun zur Abgrenzung von Nachbarn, zur Verdeutlichung des Eigentums, für die uneinblickbare Privatsphäre (bei hohen Heckenzäunen) gilt er auch als Warnung vor dem Eintreten in den Privatbereich. Das Signal des Zauns: bis hier hin und nicht weiter, hier meins, dort deins. Hier meine Heimeligkeit, Sesshaftigkeit, Versorgtheit, Sorglosigkeit. Es ist die Grenzzone zwischen innen und außen, privat und öffentlich, ich und du, mein und dein, wir und ihr, hier und dort, Anfang und Ende, der Zaun selbst ist beides.

Der Doppelcharakter des Zaun ist genormt und individualisiert. Er bezeichnet ein Grundbedürfnis, Besitzanspruch, steht gar für Alltagskultur. Zaunkultur könne als „subtile Bewusstseinsstudie“ gelesen werden (zu Andries und Rehder). Und sie kann als Selbstbeschränkung verstanden werden. Der äußerer und der innerer Zaun als Grenzen des Innen und Außen, des Anderen, als symbolische Grenzen, auch als kultureller Zaun zwischen Ost und West und was immer sonst an Pluralitäten denkbar scheint.

Was für ein Gefühl vermitteln Zäune – von Sicherheit bis Einschränkung –, geht es ohne, wie kann man sie überwinden, verschwinden lassen? Besonders traditionelle Vorstellungen, Konzepte, Denkmuster, Ansätze – das ist so, das war immer so, das wird immer so bleiben – sollten regelmäßig, mit jeder neuen Generation wieder hinterfragt werden. Es heißt, es liege in der Natur des Menschen, Grenzen zu ziehen und Zäune zu errichten. Gerne wird hierzu Rousseau zitiert, ich schließe mich an: „Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: ‚Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört!’“ (hier aus Menzel).

Andries und Rehder sehen in ihren Zaunwelten die Geschichte des Zauns als Geschichte des Kapitalismus, Zäune seien unmittelbar mit der Entwicklung des Privateigentums und der Individualität verbunden, zu finden überall dort, wo Menschen ihren Besitz gegen andere abgrenzen mussten. Das Eigene wird eingeschnürt in sein Selbstsein, jede Norm, so Peterlini, „ist ein Zaun: Sie kann nicht verhindern, dass wir sie übertreten, aber sie weist uns daraufhin, dass wir übertreten – hinübertreten“. Der versteinerte Zaun, der Stacheldrahtzaun, der Zaun mit Selbstschussanlage will mehr, will zur Einhaltung der Grenze nötigen, „setzt nicht mehr darauf, dass der Mensch für sich bestimmt, was gut und was schlecht ist, sondern zwingt ihn (…,) er tötet, wer ihn überschreitet (…, er) warnt nicht (…), sondern ist der Dieb, der das Land stiehlt, der die Freiheit stiehlt, der das Leben stiehlt“ – zeitversetzt zieht er Strafe nach sich (Peterlini).

„Was scheidet das Gute vom Bösen derart, dass wir das eine vom anderen glauben absperren zu können?“, der Zaun ist die Konstruktion von da ist Gut, da Böse, er ist die Teilung, um uns leichter zurechtzufinden. „Je weniger wir vom Bösen wissen, desto rein böser ist es, desto mehr befestigen wir den Zaun, bewachen ihn, bewehren ihn mit Stacheldraht, bestellen ihn mit Todesschussanlagen. Je mehr wir vom Guten zu wissen glauben, desto undurchdringlicher ziehen wir unsere Zäune um das Gute herum, desto blinder werden wir, desto unempfindlicher für das, was außerhalb unseres vermeintlich Guten ist, für das Böse, das innerhalb unseres vermeintlich Guten steckt. Der Zaun im Kopf ist die Blendung, dass wir auf der richtigen Seite stehen, dass es eigentlich überhaupt nur unsere Seite gibt und ein böses Draußen.“ Deshalb, schreibt Peterlini, bauen wir Mauern.

Die Mauer als Übertreibung des Zauns bricht ein, wenn ihr Sinn übertrieben und durch Übertreibung in ihr Gegenteil verkehrt wird, sie schützt nicht mehr, sondern sperrt aus, bis sie selbst daran zugrunde geht.


Ordnung

Hans Karl Peterlinis Essay möchte ich gerne jedem zum Thema Zaun ans Herz legen. Wunderbare Sätze finden sich hier. Etwa: „Der Zaun strukturiert die Landschaft, strukturiert die Welt.“ Der Zaun dient dem Kategorisieren, der Einteilung der Welt und der Verständlichmachung. Im Zaun „steckt sein Sinn und sein Wahn, der Sinn des Schaffens durch Sondern und Verbinden, der Wahn des Absonderns und Abbindens“, ohne Wahn kein Fortschritt, „Die Geschichte der Menschheit ist ein Errichten und Niederreißen von Zäunen.“ Der Zaun kann als Lebensprinzip im Teilen, Überwinden und Verbinden gesehen werden: „Alles Leben ist ein Trennen, ein Abschiednehmen, ein Verlassen, ein Suchen, ein Versuchen, ein Finden und Verbinden“ (Stavros Mentzos nach Peterlini). „Der Zaun ist das Teilen. Das Teilen, Trennen, Scheiden, Sondern ist ein Schaffen des Lebens. Es bedarf seines Gegenstücks, der anderen Wirkung des Zauns: des Bindens, Verbindens, des Wiederverbindens, was getrennt worden war (…). Der Zaun ist Teil: Das Teil weiß um das Ganze, stützt es, schützt es, ist vom Ganzen getrennt und strebt zum Ganzen zurück. Der Zaun bedarf des Durchlasses, um Leben zu stiften und es am Leben zu halten. Erst wenn das Teil auf das Ganze vergisst, dessen Teil es ist, wenn es die Verbindung trennt zum Ganzen, wenn es die Suche aufgibt danach, wenn es nur noch teilen und nicht mehr Teil sein will, verkehrt sich der Sinn des Zauns vom Schaffen des Lebens zum Zerstören des Lebens.“ Und das „Teilen ohne Verbinden lässt uns vereinsamen, verarmen, ersticken“, wir „sehen den Zaun nicht, wenn wir ihn nicht sehen wollen, aber wenn wir ihn sehen wollen, sehen wir nur noch Zäune.“

Damit kann der Zaun zum Unsicherheitsfaktor werden: „Ist der Raum, den Zäune absondern, groß genug, wird der Zaun nicht als Begrenzung empfunden, lässt es sich leben darin. Je enger der Zaun sich zusammenzieht, desto enger wird es dem Leben darin“. Platon hierzu, immer noch nach Peterlini, hier paraphrasiert: vor dem Zaun müsse die Idee des Zauns vorhanden gewesen sein, vielleicht einfach als urmenschliches Bedürfnis, dass sich im Zaun manifestiert habe. Ordnung muss sein und Kontrolle an Aus- und Eingängen will entsprechend geregelt sein.


Zaungedanken des Peterlini

„Ist der Zaun ein Bedürfnis, dann ein irdisches. Erwächst aus der Erde, löst sich gen Himmel auf. Der letzte Zaun der Welt sind die Ausfransungen der Atmosphäre in das vermeintliche Nichts des Kosmos hinein. Dort endet die Welt und beginnt das Unfassbare, endet unsere Wohnanlage, beginnt die Straße ins Haltlose. Der letzte Zaun der Welt ist die Grenze zwischen dem greifbaren Etwas und dem ungreifbaren Nichts, eine dünner und dünner werdende Hülle aus wechselnden Arten von Luft, eine Membran, hinter deren verletzlicher Haut unser Leben schlägt.“

„Sie hatten den Zaun überschritten aus einem geschützten, aber zu eng, zu dünn gewordenen Leben in ein anderes, fremdes, das nun das ihre, das eigene werden sollte. Im Zaun und im Überschreiten des Zauns ist festgeschrieben der Menschheits-, der Lebensmythos.“ Der erste Zaun bzw. der vorläufig erste Zaun ist nach Peterlini „ein Membran“, er „hatte alle Eigenschaften, die einen Zaun ausmachen: Er musste durchlässig sein, denn Leben in der Zelle war nur möglich, wenn die Ursuppe, durch sie durchfloss (… eine Grenze bildete), denn Leben in der Zelle war nur möglich, wenn die Ursuppe draußen gehalten wurde. Mit diesem ersten Zaun entstand das Ich einer Zelle, die nicht mehr im Wir aufging, sondern ein Eigenes bildete, die nicht mehr ungeteilt, sondern ein abgesondertes, besonderes Teil des Ganzen war. Das durchlässige Teilen ist die Ureigenschaft des Zauns.“ Ist dies der Grundgedanke des aufgeklärten westlichen Individualismus?

„Der Zaun ist der uns sichtbare Teiler des Lebens, der das Leben schafft, indem er es sondert, indem er es bindet. Erst was geschieden ist durch den Zaun und ein Eigenes wurde, kann sich neu binden und ein Wir bilden. Wer den Zaun geschaffen hat, ob er sich selbst geschaffen hat, liegt hinter dem allerletzten Zaun der Menschheit, hinter dem Übergang vom Hier zum Dort, von dem wir nichts wissen. Der allerletzte Zaun der Menschheit sind die Grenzen unserer Sinne, unseres Denkens, unseres Lebens, ist der Tod, aber nicht nur der Tod: ist die Dunkelheit hinter unserer Erkenntnis. Wie jeder Zaun sondert er ab und lässt durch, unser Ahnen, unser Hoffen, unser Glauben. Das Wissen lässt er nicht durch, das Wissen sperrt er aus. Wer weiß, was drüben ist, wenn es ein Drüben gibt, wer kann es wissen, ob es ein Drüben gibt oder dass es keines gibt? Das Leben ist diesseits des Zaunes, ist gestiftet durch die Absonderung vom Jenseits.“


Nun zwischendurch …

Ein paar deutsche Redensarten zum Zaun

– da will ich nicht tot über dem Zaun hängen
– etwas/ einen Streit vom Zaun brechen
– Wink mit dem Zaunpfahl
– nicht mehr alle Latten im Zaun haben
– Zitteraal (wenn man an einen elektrischen Zaun pinkelt)
– die Zäune abreißen
– der Zaungast ist ein Zuschauer, der außerhalb des Zaunes eine meist kostenpflichtige öffentliche Veranstaltung betrachtet, ohne zu zahlen, dies kann auch ein Vogel sein, der sich auf den Gartenzaun setzt; im übertragenen Sinne handelt es sich um den Beobachter von Ereignissen ohne Einfluss oder aktive Teilnahme

Aus dem Chinesischen hat Eva dies hier beigesteuert: 寄人篱下, Abhängigkeit des eigenen Lebens von jemand anderem; wenn man ohne Mittel und ohne Zuhause auf andere angewiesen ist und darum nichts Anständiges zum Wohnen findet, sondern draußen vor dem Zaun übernachten muss.


护栏: Hulancing als Massenlenkung

Die chinesischen Zäune sind all dies eigentlich nicht, sondern das waren und sind immer Mauern gewesen und sind es, vor allem, was die symbolische Form angeht, weiterhin. Es sind Stadtmauern, Regierungsmauern, Verwaltungsmauern, Mauern in Hutongs um Siheyuans, durchhierarchisiert von oben nach unten – solange Konfuzius lebt und immer wiederbelebt wird. Zumindest sind es Sichtschutzzäune, die die Sicht nicht durchlassen, wie die oben beschriebenen Bauzäune.

Die chinesischen Straßenzäune haben eine andere Funktion, sie ordnen und lenken die Gesellschaft, die Masse der Gesellschaft. Es geht um das Freiraumlassen für den linken und das für den rechten Teil der jeweils einen oder anderen Seite, es geht um Chaosminimierung. Andererseits denke ich, es ist ein wichtiger Punkt, der nicht unterschätzt werden kann, dass hier jemand auf den Sicherheits-Angst-Zug aufgesprungen ist und damit richtig ordentlich Geld verdient. Oh, hier brauchen wir unbedingt noch eine weitere Reihe.

In meiner Straße existieren diese Biester teilweise in Viererreihe! Und das bei einer kleinen Verbindungstraße innerhalb des zweiten Rings als Begrenzung zwischen Fahrrad, Auto hoch, Auto runter, Fahrrad. 保护您和我和大家:安全第一!Zu Ihrer, meiner, unser aller Sicherheit: Sicherheit an erster Stelle. Wunderbar von den Amis übernommen.



Diese Zäune existieren in mannigfaltiger Ausführung. Es gibt niedrige und hohe. Im April 2014 kamen güldene Versionen hinzu. Diese verlaufen seitdem die komplette Chang’an jie entlang, in der Mitte vorbei am Maoporträt docken sie an ihren beiden Ende an den westlichen und östlichen 2. Ring. Herr Zaunproduzent wird sich die Hände gerieben haben, dumm ist er nicht. In ihrer Mitte sind die massiven Gestelle mit Kronenemblemen versehen, bei Regierungseinfahrten gibt es sie zum Verschieben, aufgestellt sind sie in drei Reihen, außerhalb der beiden Fahrtrichtungen und in ihrer Mitte. Dazu immer noch mal so zwischendurch, für jeden und für jede Eventualität ist etwas dabei. Seht euch die Herrlichkeit selbst an.















Kleiner Goldrausch.

Dann gibt es da natürlich noch die Lenkungsmaßnahmen vor allem an U-Bahnhöfen, an Bahnhöfen und Flughäfen, aber auch an, vor und teilweise gar in vielen anderen öffentlichen Einrichtungen. In unendlich erscheinenden Schleifen wird man durch Absperrungen geschleust. Nicht wie andernorts mit Flexibändern getrennt, die man bei wenig Ansturm öffnet, sind sie meist aus Stahl und, obwohl auch hier die Möglichkeit des öffnenden Durchlassens bestünde, eigentlich immer und anhaltend geschlossen. Das kann wiederum an der Lustlosigkeit unterbezahlter Arbeitskräfte liegen, vielleicht folgen sie jedoch auch Anweisungen. Ermüdungstaktik? Jemand nannte letztens den Südbahnhof Beijings als bestes Beispiel. In einem Atemzug mit dem neuen Terminal des Flughafens zu den Olympischen Spielen und aus einem Designguss entstanden, handelt es sich um ein riesiges Gebäude, es ist der größte Bahnhof Asiens, hier fahren die Schnellzüge gen Süden ab, es geht über einige Etagen mit enormen Freiflächen. Die Navigation verläuft, kommt man mit dem Auto an, über ein einspuriges Nadelöhr – es existieren zwei Spuren, was auch nicht viel ist, aber eine bleibt gesperrt –, regelmäßiges Warten im Stau ist vorprogrammiert. Anfangs dachte ich, das wäre architektonisch verplant worden, kommt ja nicht selten vor. Aber es geht so weiter. Wenn man aussteigt, sind höchstens zwei der vielen Eingangstüren geöffnet. Auch wenn man mit der U-Bahn ankommt, gibt es nur ein Türchen. Danach muss man sich wieder anstellen und durch ein weiteres Öhr, durch die in China auch an Bahnhöfen wie weltweit nur an Flughäfen üblichen Sicherheitskontrollen. Nach Ansicht des Bekannten, der mich hierauf aufmerksam machte, ist dies gewollt, damit ein möglichst kleckerweises Eintreten vonstatten geht und so möglichst viel unter Kontrolle bleibt. Nadelöhr und Slalomlauf zur Ermüdung, damit nicht andere Dummheiten heranreifen. Oder halt um Schnellschussattacken abzuhalten oder was auch immer in von Terrorpanik durchfluteten Gehirnen vor sich gehen mag. Ja, ich weiß, auch hier gab es Kunming, aber eben, wenn ich so etwas vorhabe, hält mich doch kein Zaun auf oder ich plane ihn ein, um ihn herum. Diese spezielle, Viehfarmen nicht unähnliche Gatterart scheint mir wirklich einer Kontrollparanoia zu entspringen. Die chinesische Regierung muss so viel braune Masse in ihrer Hose haben, die hervorzuquillen droht, wenn nicht Hunderte von Hebeln in Bewegung gesetzt werden.

Hier am Dongzhimen nur in kleiner, aber nicht weniger massiver Ausführung:




Ganz ergeben schleust dieser Mann seine Gepäckstücke eines nach dem anderen durch die Beschränkung.


Massendynamik im Westen

Beim Googeln nach Massensteuerung, Massenlenkung landet man in westlichen Quellen zunächst bei Politik, Propaganda, Geheimdiensten, Überwachungsstaat, Scifi, neuer Weltordnung, Zentralisierung, globaler Bewusstseinskontrolle, Hypnose, Nationalsozialismus. Suche weiter nach Massenpanik, nach Duisburg-Desaster und Loveparade und hier wären wir endlich bei der Psychologie der Massen, bei Egoismen lenken. Ansonsten wird im Westen Massenlenkung etwa bei Shopping Malls oder in U-Bahnhöfen über Werbeflächen und Anzeigetafeln gelöst – impliziter bis konsumorientierter, was das Ganze dezenter macht, aber auch nicht weniger Gehirn waschend.

– Gustave Le Bon (1841-1931), Begründer der „Massenpsychologie“: Psychologie der Massen.
– Sigmund Freud: Die Massenpsychologie und die Ich-Analyse. 1921.
– Thomas Brudermann: Massenpsychologie. Psychologische Ansteckung, Kollektive Dynamiken, Simulationsmodelle. Springer: Wien und New York 2010.

Massenphänomene sind wichtiger in der Soziologie und den Politikwissenschaften, und dort sind es meist auf Mikrophänomene bezogene Untersuchungen. Etwa von Norris R. Johnson: Panic at The Who Concert Stampede: An Empirical Assessment. In: Social Problems. Vol. 34, No. 4, 1987, S. 362–373. An anderer Stelle geht es um Organizational Behavior and Human Decision Processes. Der „wesentliche Grund für mob-ähnliche Phänomene in einem Prozess ‚psychischer Ansteckung’ pathologischen Verhaltens“: das Individuum agiere in einer Masse anders, „weniger vernunftgeleitet und verantwortlich in ihrem Handeln“ (siehe hier). Raffinesse kommt mal wieder von den Schweizern, hier gehts um Personenführung.

Die Schlagworte bei Wikipedia sind: Massenpsychologie, Gruppendynamik, Herdenverhalten, Schwarmverhalten, Kollektive Intelligenz.


Barrikadieren in China

Seit der Öffnungspolitik Deng Xiaopings Ende der 1970er Jahre öffnete sich der Markt und schlossen sich die Anwesen. Wo zuvor jeder gleich wenig besaß und Tore und Türen der Hutonghäuser nicht einmal abgeschlossen wurden, haben viele nun Angst um ihr Hab und Gut …

Angst und Sicherheitsbedürfnis entsprechen die Gitter vor Fenstern in Erdgeschossen bis zum ersten Stock in mittlerweile allen Wohnungen und Wohnanlagen Chinas – Beijings definitiv, man sieht sie aber auch landesweit überall. Man munkelt sich böse Einbrüche vor, gar Totschlag und Mord, seid auf der Hut. Dabei muss angemerkt werden, dass für jeden Ausländer, der einmal eine Weile in Beijing gelebt hat (Einheimische nehme ich nicht mit in diese Rechnung, denn Angst und Schrecken scheinen der meisten ständiger Begleiter), dass besonders die Hauptstadt einer der zumindest gefühlt sichersten Orte der Welt ist. Der Chinese sagt: Alle machen es. Sich Abschotten, Verbarrikadieren, zumindest irgendeine Art von Zaun aufstellen, um sich einen Abstand zu verschaffen aus Unsicherheit, Ungewissheit, schnellen Wachstums, Unbestimmtheit der Zukunft, Willkür der Regierung, Menschenmassen, abhanden gekommenem Vertrauen, weil man seinen Nachbarn nicht mehr kennt. Hört man die in den 1970er Jahren und noch die Anfang der 1980er Geborenen reden, waren die Türen zu den Hutonghäusern nie verschlossen, jeder hatte gleich wenig. Jetzt traut keiner mehr irgendwem über den Weg.

Reich umzäunt und vergittert dieses Wohnhaus. Auf dem Schild wird vor Einbrüchen gewarnt und ordentliches Verschließen von Fenstern und Türen empfohlen:



Hier in den Hutongs wird, mittlerweile verwittert, ich nehme an, von den Anwohnern selbst aufgehängt, ebenfalls auf die Gefahr der Langfingern hingewiesen, die erraten könnten, wann man schliefe, weshalb unbedingt auf Fenster und Türen geachtet werden müsse:



An anderer Stelle, die ich nicht mehr gefunden habe, die vielleicht auch nicht mehr existiert, hieß es auf einer Wandmitteilung von offizieller Seite, dass tagsüber keiner Zuhause sei, weshalb Diebe ein Leichtes hätten. Kann man dies anders als als Hinweise für Diebe verstehen? Wundervoll.

Ein paar Gittereien in den Hutongs:







Die Bewachung von Compounds mit Schranken oder Schiebezäunen sowie mit Sicherheitspersonal soll gleichzeitig abschrecken und Sicherheit suggerieren:



Zaunaufsteller sind entsprechend Einzelpersonen, eine Gemeinschaft (Institution, Verein, Gewerbe, Danwei, Immobilieninvestor) oder ein ausführendes Regierungsorgan.


In China sind Zäune der Befriedung traditionell Mauern

Der „Zaun ist öffentlich, grenzt ab, was sonst allgemein zugänglich wäre, regelt die Verbindung“, liest man bei Peterlini. Zäune der Befriedung im Westen sind jedoch traditionell Mauern in China. Da wo Zäune für das Auge durchlässig und auch Hecken noch weich sind, lassen Mauern keine Verbindung zu. Man kann sie plakatieren und behängen, aber das gilt öffentlich nur ihrem Außen und hat keinerlei Einfluss auf ihr Innen.





Hutonghäuser, Siheyuans, sind abgeriegelte Einheiten. Gelegentlich mit Windscharten oder kleinen Fenstern weit über Kopfhöhe ausgestattet, oben mit Sims gefestigt und mit Dachpfannen geschmückt, hinter der Tür noch einmal mit einer Stele versehen, dulden sie keinen Einblick.





Das hat Tradition und ist tief bis ins Miteinander verankert. Das Netzwerk und der Kreis, mit dem man sich umgibt, sind extrem nach innen ausgerichtet und hierarchisch strukturiert. Ganz nach Meister Kongs Devise von 君臣(仁)、父子(义)、夫妻(礼)、兄弟(智)、朋友(信)– vom Herrscher zum Untertan bzw. Beamten (beruhend auf Menschlichkeit), Vater zum Sohn (Gerechtigkeit), Ehemann zur Ehefrau (Riten), älterer zum jüngerer Bruder (Weisheit) und in Freundschaften (Vertrauen). Das schlägt sich auch heute noch aus auf Staat, Gesellschaft und Familie, auf Nachbarschaften, Danweis, Compounds, Bezirke, Dörfer in Städten, auf Hauptstadt, Sonderwirtschaftszonen, 1st, 2nd, 3rd Tier Städte, und viele weitere Entitäten mit weiteren Aufsplitterungen. Hassenpflug spricht von einem „hohen Verriegelungsgrad“ (S. 45), von China als „Barrieredichte zellularer Landschaft aus gegeneinander abgeschotteten Teilräumen“ (S. 57). Die Frage, wo sich das Subjekt befindet, der einzelne Mensch innerhalb dieses Konglomerates, wird gelegentlich mit individualistisch-westlich beantwortet. Eine Verkleinerung des menschlichen Körpers zum vermeintlichen oder unvermeintlichen Wohle aller.


Stadtraum nach Hassenpflug

Dieter Hassenpflugs Urbaner Code Chinas von 2009 wurde von deutschsprachigen Architekten in China sehr unter Vorbehalt zur Kenntnis genommen. Dennoch finde ich, dass man ihn gut lesen kann. Wie Anna es diesen Sommer sagte: es enthält für jemanden, der China bereits ein Weilchen kennt, nicht viel Neues, aber er bringt vieles sehr gut auf den Punkt. Vermutlich besonders für diejenigen, die sich nur gelegentlich mit Stadtplanung beschäftigen. Außerdem liegt es wohl in der Natur der Sache, dass Behauptungen, die in der Art einer Allgemeingültigkeit aufgestellt werden, immer auch gerne ein Ja, aber hervorrufen – habe ich beim Lesen auch empfunden, empfinde ich genauso beim Lesen meiner eigenen Gedankengebäude.

Hassenpflug wendet sich dem öffentlichen Raum in China zu und spricht vom Dualismus des offenen und geschlossenen Stadtraums (S. 32). Dies führt ein wenig vom Thema fort, aber der Zaun-Mauer-Stoff hat so wunderbar viele Fassetten, dass es doch wieder passt. Was nun hier folgt, sind meine Aufzeichnungen beim Lesen, ich entbinde mich größtenteils des Konjunktivs, liest sich besser und ich behaupte einfach mal aller Wissenschaftlichkeit zum Trotz mit – klar, auch ich unter Vorbehalt. Seitenzahlen finden sich in Klammern.

Schlafanzug und Wäscheleine nennt Hassenpflug die chinesische „Unbefangenheit“ mit dem, was im Westen als öffentlicher Raum bezeichnet wird. Es sei eine „sorglose Überschreitung jener Schwelle, die den privaten, intimen Raum von der offenen Stadtbühne trennt“. „Ohne viel Federlesens werden nahezu alle Wohnfunktionen in den städtischen Straßenraum hineinverlängert – wie auf dem Dorf. Der Gehsteig als Küche, Schlaf- und Wohnzimmer, als Ort selbstverständlicher ‚Intimisierung’“, der „Gehsteig (…) ist erst in Ansätzen ein Bürgersteig. Er ist ein proto-öffentlicher Raum“ (26). Öffentlicher Raum im westlichen Sinne ist in China nur formal öffentlich-rechtlicher Raum, in China wird dieser Raum nur als offener, undefinierter Raum verstanden, „der den Abstand zwischen den bedeutungsvollen Räumen mit Leere füllt“, dieser offene Raum wird durch Familie und Gemeinschaft (nicht Individuum und Gesellschaft) aufgewertet, wo er sonst „grau, leer, inhaltslos und nichtssagend“ bleibt, es handelt sich hier nicht um eine „Ungenauigkeit in der Bestimmung der Grenze zwischen privat und öffentlich“, sondern ist „Ausdruck der kulturellen Hegemonie des Familiären bzw. Gemeinschaftlichen“, die Wäscheleine auf dem Gehsteig ist „private Landnahme, durch welche bedeutungsarmer Raum temporär Bedeutung erhält“ (31), ist „Aneignung (…) zum Ort sozialer Handlungen“ (34).

Offener Raum ist interessant als machtsymbolischer (erhabener) oder wirtschaftlicher (kommerzieller) Raum, ansonsten hat er „keinen Respekt verdient“, weil er ungenutzt sozial irrelevant ist (34). Beide Typen, Macht und Wirtschaft, spiegeln den „Dualismus von zentralistisch verfasster Staatsautorität und liberalem Kapitalismus“ wider, es ist „autoritative bzw. kommerzielle Widmung“ als Sinnstiftung statt bloßer „Funktionalität, Bedeutungsarmut und Nichtbeachtung“ (36). Als machtsymbolischen Platz nennt Hassenpflug das Paradebeispiel Tian’anmen Platz: „groß, maßstabssprengend, erhaben. Er macht den menschlichen Körper klein“, er dient der „Massendemonstration“, „Massenornamentierung“, ist eine „Hypostasierung der Idee der Volksgemeinschaft und insofern ein Element der Verräumlichung einer „hypermoralischen Gesellschaft’“, sehr guter Punkt, wie ich finde (34), er denotiert „Zentralmacht“, ist „die Verräumlichung eines Machtanspruches“ (37). „(U)rbanes Ambiente“ wird durch „Citytainment“ geboten, durch Kommerz als „treibende Kraft der Platzgenerierung“ (35). Bei diesem Standpunkt bin ich mir nicht so sicher, vorstellbar ist es: in China gäbe es „keine Tradition des öffentlichen Raumes, daher auch keine Tradition des zivilgesellschaftlichen, öffentlichen Gesprächs“ (101).

Offen geschlossen

Offene Stadtteilparks, vor allem in älteren Stadtgebieten „sind durchgängig eingezäunt, abschließbar und in der Regel nur über die Entrichtung eines Eintrittsgeldes zu betreten“ (38). Offene Gemeindeplätze sind ein neues Phänomen, tauchen vor allem in Neubaugebieten auf – bzw. würde ich sagen in der Nähe von Neubaugebieten und, wie in Beijing, an den Kanälen mit den Trimmdichgeräten und erklärenden Tafeln usw. – sind „grundsätzlich offen zugänglich, nicht eingehegt und im Prinzip nicht-kommerziell“ (38). Daneben gibt es noch den Nachbarschaftsplatz/ -hof. hier findet „die allmähliche Herausbildung von öffentlichem Raum“ statt, signalisiert so „das Vordringen zivilgesellschaftlicher Elemente, d. h. die Stärkung von Gesellschaft und Individuum gegenüber Gemeinschaft und Familie“ (38). Ein geringes Interesse bestehe am Stadtbild (106), wobei ich sagen würde, dass sich dies schon wandelt.

In Europa geht es bürgerlich, demokratisch, zivilgesellschaftlich zu. In China, ich weiß nicht recht …, seien „Gemeinschaft und Gesellschaft noch unzureichend ausdifferenziert“ und befänden sich in „einem Stadium der Proto-Öffentlichkeit“ (39). Als Beispiel nennt Hassenpflug Gärten: in Europa seien, ein sehr spannendes Beispiel, französische vs. englische Garten dialektisch konzipiert als „Kampf, Streit, Gegensatz“, als Auseinandersetzung, in China geht es dem Yinyang-Prinzip folgend um Harmonisierung, aber immer exklusiv und introvers, Raum hat „nicht allein funktionellen Anforderungen zu genügen, er muss auch den Bedarf an Bedeutung und d. h.: an Bild- und Zeichenhaftigkeit befriedigen“, ist „Symbol und Chiffre einer Verheißung“. Der Westen ist „emotional oder rational, bildhaft oder funktional“, China „emotional, wo (…) rational“, „bildhaft, wo es um Funktionen geht“ (42-46). So funktioniere auch die „Symbiose zwischen streng orientierten Nachbarschaften und orientierungsfreien Geschäftszeilen (…, sie) ergänzen einander vielmehr auf harmonische Weise“ (92). Die Funktionalität entstehe aus „Gründen der Nahversorgung, des Emissionsschutzes und der Begrenzung der Wohnquartiere“ (106f). „Ihre Legitimität beziehen sie ausschließlich aus ihrer kommerziellen Funktion. Sie existieren (als) willkommenes Schmiermittel des Städtewachstums“, „aus dem Hinterland“ kommend, „können (sich die Dörfler, die Wanderarbeiter) das Leben in einer abgeschlossenen Nachbarschaft (hier ist nicht das Phänomen der Dörfer innerhalb der Städte gemeint, stattdessen die Compounds) nicht leisten“, sie erhalten „keinen zivilen Stadt-Status (den Hukou), sondern bleiben im Sprachgebrauch des offiziellen Meldesystems Landbewohner“. „Für die Dauer der chinesischen Gründerzeit werden sie eine Begleiterscheinung der Urbanisierung des Landes bleiben“ (104f).

„(H)oher Versiegelungsgrad“

Introversion, introvertiert, in sich gekehrt, nach innen orientiert, Hassenpflug benutzt das Adverb introvers. Beijings Aufbau folgt dem rechteckigen Grundriss mit Nord-Süd-Ausrichtung und sich im Zentrum kreuzender Zentralachse. Die Stadt ist spirituell positioniert und orientiert, im Osten: kaiserliche Ahnentempel, im Westen: Tempel für die Götter des Ackers und der Feldfrüchte. Historisch bis heute: Symbolik der Allgegenwart kaiserlicher/ staatlicher Gewalt „reflektiert (sie) die hypermoralisch verfasste (papaistische) chinesische Gesellschaft“ (84) – papaistisch ist von Hassenpflug selbst in Klammern gesetzt, großartig auf den Punkt gebracht. Es handelt sich um eine „Kompilation aus Achsialität, Linearität, Hierarchie, Erhabenheit, Vertikalität“ (113). Die Erschließungsstruktur ist rasterförmig, erinnert an den „grid“ in den USA, dort allerdings als „Zurückweisung jeglicher räumlicher Hierarchie Demokratie und Chancengleichheit konnotier(end)“, ist die Botschaft hier eine andere, hier „steht die Ikonographie der Macht im Vordergrund“ (111). „Die extraverse europäische Raumkultur ist der introversen chinesischen diametral entgegengesetzt“ (180). „Der Kaiser blieb Herr aller Räume“ (182).

Die Mauer – da ist sie! – ist in Europa „Symbol der städtischen Freiheit und des altbürgerlichen Stolzes“, verweist in China aber „auf die Herrschaft, ja Anwesenheit des Kaisers als einer allenfalls proto-bürgerlichen Institution“ (190). Da bin ich nun nicht ganz einer Meinung. Schlussendlich hatte zwar der Kaiser das Sagen so wie heute Xi Jinping, aber das „Abstandsgrün“, von dem er dann (ebd.) wie ich finde zu kurz spricht, darf vermutlich nicht unterschätzt werden. Dort tummeln sich nämlich all die anderen Interessen, denen auch entsprochen werden möchte.

Doch kann ich damit übereinstimmen, dass es zur Exklusion, Ausgrenzung, zu einer klaren Trennung von Innen und Außen kommt. Eine Stadt besteht aus Mauern, Zäunen, Toren, besteht „aus gegeneinander abgeschotteten Teilräumen“ (57). Einst wie heute sind Wohnsiedlungen nahezu durchgängig abgeschlossen, „Abriegelung (wird) immer schon mitgedacht“ (57). Bei Dörfer in der Stadt, Einheiten, Danweis, Compounds verweist er auf ihren „insularer Charakter“. Das innere „Erschließungssystem (ist) nicht Teil des städtischen Verkehrssystems“, sondern „sozial exklusiv organisiert“ durch Nachbarschaftskomitees (58). Doch bietet es auch „entriegelte Bereiche“, „allgemein zugängliche, offene Räume“, worin sich die „Interaktion der Wirtschaftssubjekte“ vollzieht. „Exklusiv ist das Wohnen, inklusiv der Handel“, es sind „die beiden bestimmenden Raumelemente der gegenwärtigen chinesischen Stadt, sozusagen ihr binärer Code“ (58f).

Stadt als Mauer und Markt

Einen guten Aspekt bringt er mit Auseinandernehmen des chinesischen Wortes für Stadt ein, chengshi 城市, verbindet Mauer, cheng, und Markt, shi, miteinander – seit der Song-Dynastie (960–1279). Die chinesische Stadt war historisch als kaiserliche Stadt hierarchisch geordnet, ein „zelluläres Gebilde aus Familien- und Nachbarschaftseinheiten mit (…) Zellmembran“, ein „auf konfuzianisch geprägter Familienmoral aufruhende(s, da ist es wieder:) ‚hypermoralische(s)’ System“. Die „Stufen im hierarchischen System von Familie – Nachbarschaft – Quartier – Bezirk“ wurden durch Mauern getrennt und nachts abgeschlossen, „je länger“ die Mauer, „je größer ihre Zahl“, desto bedeutender und höher ihr Rang (59). Dies im Gegensatz zur alten europäischen Stadt, die meist einen „eigenständigen Rechtsbezirk“ hatte (59).

Mit wachsender Größe und Bevölkerungsreichtum wuchsen die Schwierigkeiten, weshalb sich ein „gnädige(s) Wegsehen“ der Regierung herausgebildet hat. So war Beijing: Palaststadt mit innerer Verbotenen Stadt, Kaiserstadt, Hauptstadt, Südstadt, mit „neun Tore der dritten, ebenfalls konzentrisch um die Kaiserstadt gebauten und mit 12 m hohen Mauern gesicherten Hauptstadt“, die vierte, unfertig geblieben, galt als „Schnittstelle nach außen“, war aber genauso „selbstverständlich ummauert und bewacht“. Unter Mao wurden Stadtmauern „als Symbole der als feudalistisch inkriminierten Herrschaft des Kaisers weitgehend abgerissen“, „geblieben sind jedoch die abgeschlossenen Wohnsiedlungen“, zunächst als Danweis, darauf als Nachbarschaften der neuen Mittelklasse, all dies bietet „territoriale Zusammengehörigkeit“. „Es gibt vermutlich weltweit keine Großstadt mit vergleichbarer Barrieredichte wie im Lande der Verbotenen Stadt“. (Siehe für diesen Abschnitt S. 61.)

Wohnquartiere sind vollständig abgeriegelt durch Mauern, eiserne Zäune, Hecken, Videokameras, Infrarotmeldesystem, Wachpersonal, Wach- und Schilderhäuschen, allerdings mit gewisser „Gelassenheit im Umgang mit der Bewachung“ (62). Diese „Durchlässigkeit“ verweist auf die teils „symbolische Natur der Verriegelung“ (63). Historisch gewachsen sei dies „nicht nur akzeptiert, sondern als Lebensform geteilt“, historisch „in China selbstverständlich, darum unhinterfragt und insofern auch alternativlos“ (63). Hier weiß ich wieder nicht so recht, vieles kommt auch mir häufig als unhinterfragt und unreflektiert vor, so schreibe ich es oben von den Künstlern in Heiqiao, das kann einen manchmal in den Wahnsinn treiben, aber eigentlich kann ich es mir nicht vorstellen. Und man findet doch immer einmal wieder jemanden, der sich eine Erklärung abringt.

Introverse Räume, die Hofhäuser von der Kaiserzeit über die Danweis bei Mao bis zu den heutigen Compounds, denotieren Gemeinschaft, eine von einem „Gemeinschaftsethos bestimmte Lebensweise“ (67). „Sehr oft hat das Abschließen dabei weniger mit physischer Abwehr zu tun als vielmehr mit einem schichtenspezifischen Distinktionsverhalten. Beim Abschließen geht es vorrangig um Symbolik, um zeichenhafte, ikonische Abgrenzung“ (188) – das sehe ich anders, es herrscht viel Unsicherheit, die ich oben als Angst bezeichnet habe, und das Abschließen kann Sicherheit suggerieren.

„Image nach außen“ und „Identität nach innen“

„(G)ating (…) as ‚branding’“ (nach Wu Fulong, 2006; Hassenpflug:76).

Fassaden sind ein wichtiges Bauelement zur Bereicherung öffentlicher Räume in Europa, in China nicht in dieser Art präsent, sondern als Wirtschaftsfaktor mit Ladenzeilen oder Werbetafeln. Hassenpflug spricht von der Blockrandbebauung als „Spangen“, die eine „Mauer- bzw. Zaunfunktion für die dahinter liegende Nachbarschaft“ übernehmen (94). „Ein Wohnquartier, das sich hinter Einkaufszeilen verbirgt, wird nicht so stark als ‚gated’ wahrgenommen“, ist aufgrund des „Funktionalpluralismus (…) urbaner“ (95).

Hassenpflug verwendet als Kode den „soziologische(n) Dualismus von Gemeinschaft und Gesellschaft“ (178). Gemeinschaft „verweist auf direkte, unmittelbare menschliche Beziehungen“: auf „Verwandtschaft (‚Blut’), Freundschaft (‚Gefühl’), geteilte Ansichten (‚Interesse’), Ideologien (‚Überzeugungen’)“ (178). Gesellschaft verweist „auf vermittelte menschliche Beziehungen, auf sozial konstitutive Interaktionen von Individuen“, nicht Verwandter, Freund, Feind, sondern ausschließlich „Vertragspartner, Käufer, Verkäufer, Berufsspezialist“, seine Medien sind „Geld, Verträge, ausdifferenzierte Institutionen“, das „gesellschaftliche Individuum“ bezeichnet er als „Wirtschafts- oder Vertragssubjekt“ (178) – wobei er später dazu schon auch noch sagt, dass Verträge erst ihre Gültigkeit durch guanxi und Essen etc. erhalten (183).

Kleiner, längerer Exkurs. Beendet.


Mauerreiter 骑墙


Aus dem 汉语大词典, dem Großen chinesischen Wörterbuch von Luo Zhufeng 罗竹风.

Dann stieß ich auf das Phänomen des Mauerreitens. Qiqiang 骑墙, auf der Mauer reiten, ist im chinesischen Verständnis negativ besetzt, es steht für Unentschlossenheit, Schwarzweiß dagegen mag man, es gilt als klare Meinung, vermutlich weil hier alles so wahnsinnig kompliziert ist.

Es gibt die qiqiangpai 骑墙派, die Gruppe von Mauerreitern – perfekter Anhaltspunkt für mich zur Ergründung von Graubereichen mit einer Gruppe junger Wilder. Denn Kunst ist für mich eben dies: außerhalb der Konventionen das zu ergründen, was sonst noch möglich ist oder sein könnte. Naja, so war es zumindest gedacht. Aber die von mir erwählten Künstler waren nicht begeistert. Neinneinnein, du verstehst die Mauerreiter ganz falsch, das ist tatsächlich und in keiner Weise positiv besetzt in China. Die Argumente spiegeln die Bedeutung des Schwammigen, des sich Windens wider. Siehe auch hier und hier. Es entspreche der Redewendung 墙头草,随风倒, das Gras oben auf der Mauer, das mit dem Wind geht, ein Mauerreiter also als Person, die zu allem Ja sagt, sich nicht festlegt, keine deutliche Position bezieht. Doing. Aber nagut, ich will kein Umdefinieren von Begriffen erzwingen, scheinbar wäre es das gewesen, auch wenn ich nicht wirklich überzeugt bin.


Ein Mauerreiter 骑墙人.

Dieses Bild habe ich im Juli 2014 auf Weixin mit der Anmerkung gepostet, Mir gefällt es, wenn jemand bereit ist, auf die Mauer zu steigen. Auch hier erntete ich nicht sonderlich viel Beifall und konnte gerade einmal 5 Likes einsammeln, zwei aus dem Westen, dann je eines von einem Taxifahrer, einem Elektronikverkäufer und einer Eventlerin. Allerdings von keinem, der irgendetwas mit Kunst zu tun hat.

Mir schwebte so etwas in der Art vor, wie es Peterlini zu Hagazussa, der etymologischen Mutter der Hexe, der Urhexe geschrieben hat. Sie sei „ein geisterhaftes Wesen, das sich auf Zäunen und Hecken aufhält: die Zaunreiterin. Sie bewacht die Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis, erklärter Welt und unerklärter Welt, Enge und Furcht: Die Enge lässt uns Mauern bauen, die Furcht lässt uns über die Zäune steigen, um sie zu ergründen. Die Zaunreiterin führt uns hinüber, lebt da und lebt dort. Erst als wir vor ihr Angst bekamen, verbrannten wir sie: Wir vertrauten dem Zaun nicht, der uns hinübersehen ließ. Wer hinübersehen wollte, wurde verbrannt: die weisen Frauen, die wilden Frauen, die weisen Forscher, die wilden Forscher.“ Furcht und Enge würde ich andersherum fassen, nämlich dass man aus Furcht Mauern oder Zäune baut und aus dem Gefühl von Einengung das Bedürfnis verspürt, hinübersteigen zu wollen. Ich gehe nicht unbedingt davon aus, dass dies in Urzeiten anders gewesen sein muss, vor allem wenn man dann aus Angst vor den über den Zaun Blickenden, wie Peterlini schreibt, mit den Hexenverbrennungen begann. So oder so sind die Hexen faszinierend. Hexe ist laut Freitag im westgermanischen Sprachgebrauch die Ableitung des Althochdeutschen Wortes hag (Zaun, Hecke, Gehege), es sei der „Geist, der auf Grenzen sitzt“. Früher, wieder nach Freitag, häufig als auf Zaunlatten reitend dargestellt – das war mir neu, in meinem Kopf ritten sie bislang auf Reisigbesen.

Aber ich bin ja flexibel, behalte den Begriff des Mauerreiters im Hinterkopf, um ihn bei passenderer Gelegenheit wieder hervorzuholen – denn wundervoll klingt er für mich weiterhin –, ich gebe mich vorerst drei zu eins geschlagen und wir sind wieder beim Ausgang, beim chinesischen Straßenzaun angelangt.


Ausstellung in Beijing und Düsseldorf
Vom Zaun in Parallelschaltung 护栏——并联


Für diejenigen, die in Beijing leben, mag es an der Zeit sein, ein paar Parkourtricks zu lernen, vielleicht bei den Urban Monkeys Beijing. Wohlmöglich überlegt sich auch schon die eine oder der andere, sein Vehikel mit Lufttechnik zu pimpen, nur herrscht über Beijing leider striktes Flugverbot, vermutlich aus Sicherheitsgründen … Aber das sind nur die äußeren Barrieren. Im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang solle man in China bitte mit spätestens dreißig heiraten, Nachkommen zeugen, gute Arbeit bringt gutes Geld, bringt Haus und Hof, bitte dem Pfad folgen. Wers mag, nichts gegen einzuwenden. Das ist im Westen nicht unbedingt anders, mit meinen Mitte Dreißig werde ich in Deutschland inzwischen genauso eindringlich äußerlich bemitleidet (Zurückgebliebene, alte Jungfer) und innerlich beneidet (in China klingt dabei häufiger das Wort Freiheit mit, in Deutschland Mut, beide entgegen Gesellschaftszwang gemeint). Und wie lange halte ich noch durch, oder, will ich es nicht selbst doch auch, oder, kann man das Ganze nicht mit einem eigenen Modell, beidem gerecht werdend vereinbaren, nur, wer macht da mit und wie sähe dies in der Praxis aus? Hängt man einem nicht praktikablen Idealismus an? Wie schlängelt man sich zwischen außen und innen durch, um sich selbst treu zu bleiben? Wollen wir doch mal sehen, was möglich ist.

Es geht darum, den eigenen Freiraum innerhalb der vorgegebenen und abgegrenzten Pfade zu finden, zu schaffen und zu nutzen. Unsere drei Künstler werden in ihren Wegen, die sie beschreiten, genauso wie wir alle von jeglichen notwenigen bis irrationalen Zäunen geleitet, sie sind durch Zäune verbunden und gleichzeitig getrennt. Innerhalb dieser Zäune aber haben sie ihre persönlichen An- und Ausschalter, mit denen sie schalten und walten, wie sie möchten. In dieser Ausstellung zeigen sie uns ihre ganz eigenen Wege.

Künstler

Zhang Xinjun 张新军, *1983 Zhengzhou/ Henan 河南郑州
Zhai Liang 翟倞, *1983 Houma/ Shanxi 山西侯马
He Jian 何健, *1980 Beijing

Kuration

Stefanie Thiedig

Unterstützung in Beijing

Goethe-Institut (China)

Zeit und Ort

Beijing: 30-Nov-2014–7-Dez-2014
Eröffnung: 30-Nov-2014, 16:00
Künstlergespräch: 7-Dez-2014, 16:00 (und nach Vereinbarung)
Black Sesame Space 黑芝麻空间
Heizhima Hutong 13, Dongcheng District, Beijing
北京市东城区黑芝麻胡同13号

Düsseldorf: 16-Jan-2015–3-Mar-2015
Eröffnung: 16-Jan-2015, 19:00
Galerie Philine Cremer
Ackerstraße 23, Düsseldorf

Wir freuen uns auf euch!

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Quellenauswahl
Stand: November 2014

– Hans Karl Peterlini: Die unendliche Gegenwärtigkeit des Zauns. Essay. In: Der Zaun. Ein Text- und Fotodokument über die Geschichte des Zauns. Hg. von Durst Phototechnik. Innsbruck: Haymon 2005, Essay online hier.

– Sun Longji 孙隆基: Das ummauerte Ich. Die Tiefenstruktur der chinesischen Mentalität. Leipzig: Kiepenhauer 2003 (1994), Original: 中国文化的“深层结构“,香港:基建设1983.

– Dieter Hassenpflug: Der urbane Code Chinas. Basel und Berlin: Birkhäuser 2009.

– Mathias Menzel, SZ: Zäune, 21.5.2010, online hier.

– Nicole Andries und Majken Rehder: Zaunwelten: Zäune und Zeitzeugen, Geschichte der Alltagskultur der DDR. Michigan: Jonas-Verlag 2005, Rezension online hier.

– Magnus Mills: Die Herren der Zäune. Roman. Frankfurt: Suhrkamp 2000, Rezension online hier, „britische Arbeiterliteratur“, „Eine Parabel auf das ‚sich zum Zwangssystem formierende neoliberalistische Arbeitsleben’“.

– Traumdeutung: Zaun, o. J., online hier.

– Der Freitag: Die Sache mit den Hexen, 2012, online hier.

– Openstreetmap: Diskussion zu Grundstücksgrenzen/ Zäunen, 2012, online hier.

– Wikilinks zum Thema: Zaun, Mauer, Massenpsychologie, Massenlenkung und -steuerung, -dynamik

– Verwandte Themen: Landart, Stadtplanung, öffentlicher Raum, Zoo, Heimat, der/ die/ das Andere, Verhüllung und Verborgenes, Verpackung

Kunstprojekte

– Christo und Jeanne Claude: The running fence, 1972–76, online hier.

– Copa&Sordes, Basel: Cut the Fence, November 2013. Symbolische Dekonstruktion des Gefängniszauns gegenüber des Empfangszentrums Bässlergut in Basel, online hier.

– We Are Visual (WAV, Felix Jung und Marc Einsiedel): Zaun, November 2012. Ausstellung über brachliegende, aber abgesperrte Gebiete im öffentlichen Raum, in der Hamburger Galerie Melike Bilbir, online hier.


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