Dienstag, 15. Juni 2021
Buchempfehlungen: China, Gegenwartskunst
Weiterhin bin ich etwas zaghaft öffentlich unterwegs. Um aber endlich wieder einmal etwas zu posten, stelle ich hier den Teil meiner Lockdown-Lektüre vor, der sich mit Gegenwartskunst in China beschäftigt. Es handelt sich um deutsch- oder englischsprachige Werke und um Übersetzungen. Dazu streife ich den einen oder anderen Randbereich. Die Reihenfolge ist alphabetisch nach Autor:innen geordnet, unterteilt in zunächst die Sachbücher und unten zusätzlich ein paar Romane.

Diese Liste ist natürlich längst nicht als erschöpfend, sondern als (relativ oder immer noch) aktuelle Auswahl zu begreifen.


Sachbücher: Kunst in China



Cheek, Timothy (2015): The Intellectual in Modern Chinese History. Cambridge: Cambridge UP.

Dem Alphabet folgend, beginnt diese Liste mit einem der Randbereiche für die Gegenwartskunst in China, mit den chronologisch beschriebenen Diskursen der Intellektuellen von 1895 bis 2015, von der Niederlage im Sino-japanischen Krieg bis zum Aufschwung im Zuge der Olympischen Spiele 2008 und ihren Nachklängen. Cheeks Inhaltsverzeichnis ist sehr aussagekräftig, weshalb ich es hier wiedergebe. In Zwanzigjahresschritten sind stets ein Umbruch und ein Motto genannt, die sich auf die politische Situation beziehen. Cheek beginnt mit China in den 1910er Jahren: „Reform: making China fit the world“, die 1930er nennt er: „Revolution: awakening New China“, die 1950er: „Rejuvenation: organizing China“, die 1970er: „Revolutionary revival: overthrowing the lords of nation-building“, die 1990er: „Reviving reform: correcting revolutionary errors“ und endet mit den 2010er Jahren: „Rejuvenation: securing the Chinese Dream“. Die Darstellung folgt den wichtigsten Protagonisten, ihren Ideen und Begrifflichkeiten sowie ihren Ansätzen und Aktionen auf Grundlage der politischen Lage.

Für den Anschluss an diese Abhandlung möchte ich gerne auf Minzners unten empfohlenes Werk „End of an Era“ verweisen.




Cheng, François (2004 [1991]): Fülle und Leere. Die Sprache der chinesischen Malerei (Original: Vide et plein. Le langage pictural chinois). Berlin: Merve.

Chengs „Fülle und Leere“ ist hier, genauso wie Lis „Path of Beauty“ und Zhus „Philosophie der chinesischen Kunst“, als Ergänzung zum Verständnis der Gegenwartskunst aufgenommen.

Bei Cheng geht es um den bis heute wichtigen traditionellen Begriff der Leere im Verhältnis von Mensch und Universum als Theorie in der chinesischen Philosophie und als praktische Anwendung in der Malerei. Nach einer Einführung von der Tang- bis zur Qing-Dynastie werden das grundlegende Konzept der Leere und die grundlegenden Begriffe der traditionellen chinesischen Malerei vorgestellt. Mit anschaulichen Bildbeispielen werden die verschiedenen Pinselführungen genauso beschrieben wie Form und Volumen, Verhältnis und Proportion und die drei Perspektiven der Malerei. Es folgt eine Zusammenfassung der Fachbegriffe der verschiedenen Ebenen: „Pinsel-Tusche“, „Dunkel-Hell“, „Berg-Wasser“, „Mensch-Himmel“ und „Die fünfte Dimension“, also die Leerheit (S. 126–132). Das letzte Viertel des kleinformatigen, 180 Seiten umfassenden Buches ist beispielhaft der Malerei von Shi Tao 石涛 (ca. 1641– ca. 1707) aus Wuzhou, Guangxi gewidmet.




Gladston, Paul (2016): Deconstructing Contemporary Chinese Art: Selected Critical Writings and Conversations, 2007–2014. Berlin und Heidelberg: Springer.

Ganz witzig finde ich, dass diese Ausgabe das Format meines alten Diercke Weltatlas hat, leider fällt dieses Buch im Gegensatz zum Diercke schnell auseinander. Es handelt sich um eine Ausgabe der „Chinese Contemporary Art Series“, von 2015 bis heute, der China Academy of Fine Arts (CAFA) in Beijing, in der der Australier Paul Gladston die stellvertretende Chefredaktion innehat. Nach Gladstons „Contemporary Chinese Art: A Critical History“, London: Reaktion Books 2014, sowie etlichen anderen Büchern und Artikeln aus seiner Feder, handelt es sich hier um eine Zusammenstellung verschiedener seiner Schriften, Gespräche und Ausstellungsbeschreibungen zwischen 2007 und 2014 und basiert insbesondere auf seinem Aufenthalt in China 2005–2010. Dargestellt wird die chinesische und internationale Entwicklung der Gegenwartskunst in China. Dies geschieht etwa unter Aspekten der Modernität und Tradition, der kuratorischen Praxis und der internationalen Problematik der Deterritorialisierung von Identitätsausstellungen, der Avantgardekunst, der kulturellen Übersetzbarkeit und des intellektuellen Dünkels, des Kults um Ai Weiwei – sehr zu empfehlen.




Harris, Jonathan (2017): The Global Contemporary Art World. Hoboken, NJ: Wiley.

Der Brite Jonathan Harris müsste etwa Jahrgang 1960 sein, er versteht sich als Autor, Kritiker und Historiker mit dem Fokus auf moderne und Gegenwartskunst und war an verschiedenen Universitäten tätig, zuletzt leitete er die Birmingham School of Art der Birmingham City University. Seit über dreißig Jahren ist Harris schreibend und unterrichtend, wie er sagt: „weltweit“ unterwegs. Genaue Zeitangaben macht er nicht, aber da er von 2011–15 an der Winchester School of Art der University of Southampton tätig war, muss es in diesem Zeitraum gewesen sein, dass er deren Partnerprogramm mit der Dalian Polytechnic University begleitete und in dem Zuge in China war (vgl. S. 130–32).

Sein „Global Contemporary Art World“ versteht Harris als dritten Teil „in my trilogy exploring the character, history and meaning of art made in the 20th and 21st centuries“ (S. 5), nach „Globalization and Contemporary Art“ von 2011 und „The Utopian Globalists: Artists of Worldwide Revolution, 1919–2009“ von 2013 (vgl. S. 5–7). Ähnlich ambitioniert, wie das Gesamtunterfangen klingt, ist auch diese Abhandlung. Nach einer Einleitung bespricht er in sechs Kapiteln die fünf Kunstwelten von Hongkong, Südkorea, Indien, China und Palästina. Es folgt ein Fazit als Abschlusskapitel. In dem Kapitel über China (S. 127–154) geht er auf das Bildungssystem und den, wie er es nennt, „Contemporary Chinese Art Marketed for Global Consumption“ ein. Stets ist er bemüht, die Hintergründe aufzuzeigen. Seine Vermittlung springt von einem zum anderen Großbereich und bleibt recht oberflächlich. Nicht ganz sicher bin ich mir, ob er die Verwendung chinesischer Namen einfach missversteht oder tatsächlich Ai Weiwei durch die Benennung von „Weiwei“ als seinen Buddy ansieht. Beides würde ich ihm nach der Lektüre zutrauen. Das Kapitel über Hongkong (S. 35–64) beschäftigt sich insbesondere mit dem Kunstmarkt und geht im Zuge des M+ Museums auch auf Privatmuseen vor allem in Shanghai ein (S. 48–50). Dieses Buch kann nur unter Vorbehalt empfohlen werden, ist aber als subjektive Einschätzung des Autors durchaus interessant. Sympathisch bleibt, dass Harris Utopien nachzujagen scheint.




Koch, Franziska (2016): Die „chinesische Avantgarde“ und das Dispositiv der Ausstellung. Konstruktionen chinesischer Gegenwartskunst im Spannungsfeld der Globalisierung. Bielefeld: transcript.

Dieses Buch umfasst 742 Seiten, es ist größer als die Standardgröße bei Transcript und recht eng bedruckt. Es handelt sich um die kunsthistorische Dissertation von Franziska Koch, die sie 2012 im Fachbereich Germanistik und Kunstwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg abgegeben hat. Es gab eine Druckkostenförderung, aber ich bin immer wieder begeistert, was für Nischenprodukte beim Transcript Verlag zu finden sind. Die ebenfalls dort publizierte Dissertation von Meng Schmidt-Yin (2019): „Private Museen für Gegenwartskunst in China: Museumsentwicklung in der chinesischen Kultur- und Gesellschaftstransformation“ kann man sich leider getrost schenken. Doch Kochs „Dispositiv der Ausstellung“ ist eine echte Perle.

Es handelt sich um eine Untersuchung von zwanzig Großausstellung zur chinesischen Gegenwartskunst von 1982 bis 2014, die außerhalb von China im Westen stattgefunden haben. Sie stellt die jeweiligen, wie sie sie nennt, Agenten vor, ihre Institutionen und Diskurse und setzt die Ausstellungen ins Verhältnis zur innerchinesischen Entwicklung. Sie macht kleine Fehler und ihr unterlaufen marginale Ungenauigkeiten, die man bemerkt, wenn man eine Sache selbst recherchiert hat. Aber im Großen und Ganzen ist dies ein fulminant gelungenes Nachschlagewerk relevanter Ausstellungen und ihrer, wie ich sie nenne, Akteure.




Kraus, Richard Curt (2004): The Party and the Arty in China: The New Politics of Culture. Lanham, Maryland: Rowman & Littlefield.

Seit Erscheinen dieses Bandes 2004 hat sich natürlich einiges verändert. Dieses Buch bleibt dennoch relevant für die direkte Verbindung von Kunst und Politik und für das Verhältnis zwischen Künstler:innen und der Politik. Richard Kraus ist inzwischen emeritierter Professor der Politikwissenschaften für Asienstudien der University of Oregon. Sein Fokus waren die vergleichenden Politikwissenschaften, chinesische Politik und Kulturpolitik.

Kraus beschreibt die Kulturpolitik in China in ihrem Wandel von der Zeit unter Mao als Staatskunst über die Reform- und Öffnungspolitik unter Deng Xiaoping hin zur Marktwirtschaft. Der Boom des Kunstmarktes hatte 2005/06 seinen ersten Höhepunkt, der mit der Weltwirtschaftskrise 2008 nicht wirklich einbrach – zwar zogen sich die Sammler aus dem Westen zurück, aber dafür betraten die chinesischen Sammler das Feld, alsbald danach auch das internationale. 2004 war Kraus diesem Phänomen bereits auf der Spur, es muss in der Luft gelegen haben, die Nullerjahre, so auch Karen Smith in „Art Unlimited?“ (s. unten Schultheis et al., S. 81), „the first decade of the 21st century was all about economics“. Kraus geht von drei Thesen aus: erstens der intellektuellen Liberalisierung durch Kommerzialisierung, die gleichzeitig Künstler:innen vor wachsende Herausforderungen stellte; zweitens dem Wandel zu einem gemischten System privater und öffentlicher Förderung – auf öffentlicher Ebene steht leider immer noch einiges aus –, wobei sein Punkt eher ist, dass Wirtschaftsreformen ernsthafte politische Reformen bedeuteten; und – mittlerweile relativiert – die westliche Anerkennung der Reformen in China, die – wobei, weiterhin vorhanden – in der Westperspektive durch eine Kombination aus „ignorance, ideological barriers, and foreign policy rivalry“ (S. vii) verschleiert betrachtet werde. Außerdem geht er Fragen der Ideologie, Propaganda und vor allem der Zensur nach. Sein ganzes Kapitel zur Nacktheit mutet etwas überholt an, ist als Hintergrund aber sinnvoll. Es bleibt ein Werk, das gut gealtert ist und in dem man weiterhin einiges nachschlagen kann.




Leduc, Marie (2018): Dissidence: The Rise of Chinese Contemporary Art in the West. Cambridge, Mass.: MIT.

„Dissidence“, Opposition und Widerspruch klingen als Übersetzung eher harmlos, Dissens von Dissident:innen, es handelt sich um einen Begriff, mit dem man in Bezug auf restriktive Systeme stets Aufmerksamkeit erwecken möchte und der deshalb diesem Beigeschmack nicht entrinnen kann. Noch schlimmer ist Dissidentenkunst, aber über Ai Weiwei sind wir ja auch hierzulande nach seinem Berlinaufenthalt glücklicherweise hinweg. Nicht, dass ich gegen Konfrontation wäre, beileibe nicht. Sie findet in China nur anders statt, auch, aber nicht immer so direkt-plakativ, dass man sie im Westen sofort versteht, traditionell sowieso eher zwischen den Zeilen. Marie Leduc spricht dieses Thema nicht so platt abwertend wie ich an, aber auch ihr geht es um die Sehnsucht des Westens nach politischer Provokation, die nach dem Tian‘anmen Massaker 1989 begann und sich daraufhin verstärkte. Dafür steht der Verweis des Emblems auf dem Cover, das von der „China/Avant-Garde“-Ausstellung 1989 in Beijing stammt, im Februar, als man sich noch frei wähnte und die Avantgarde war. Ab Juni 1989 wurde der Westen aufmerksam, in China selbst zog man sich vermehrt zurück. Zunächst fragt Leduc nach dem Wert des Dissens in der Kunst und stellt Künstler:innen vor, die als Dissident:innen bekannt wurden. Sie untersucht die Ausstellung „Magiciens de la Terre“ von 1989 im Centre Pompidou, einer frühen Ausstellung gegen die eurozentrische Perspektive mit Arbeiten von hundert zeitgenössischen Künstler:innen aus aller Welt – nagut, immer noch eher Künstlern, aus China waren Huang Yongping, Gu Dexin und Yang Jiechang dabei. Mit dem Vermächtnis auch dieser drei als der Avantgarde hinterfragt sie weitere Themen wie Kunst und Revolution (als Dissens), freie Meinungsäußerung und Gegenwartskunst im Zuge der Globalisierung. Ich bin des Themas ein wenig müde, es bleibt leider weiterhin notwendig, dafür gibt es zu wenige – jetzt möchte ich Direktheit – Primärstimmen aus China.




Li Zehou 李泽厚 (1994 [1981]): The Path of Beauty: A Study of Chinese Aesthetics (Original: 美的历程). Übersetzung: Gong Lizeng. Hongkong und New York: Oxford UP.
Li Zehou (1992): Der Weg des Schönen: Wesen und Geschichte der chinesischen Kultur und Ästhetik. Übersetzung: Karl-Heinz Pohl und Gudrun Wacker. Freiburg im Breisgau u. a.: Herder.

Es gibt wirklich hässliche Coverdesigns. Li Zehou trifft keine Schuld, alle chinesischen Versionen sind um Meilen angenehmer, so auch die deutsche Ausgabe von 1992 und das englische Hardcover von 1989. Nur noch antiquarisch und einigermaßen erschwinglich blieb mir dieses ehemalige Bibliotheksexemplar. Kann das irgendjemand ernst meinen, selbst Mitte der 1990er Jahre, selbst als akademische Publikation, vor allem aber bei einem Buch über Ästhetik? Wenigstens existiert kein Hinweis auf das Grafikbüro. Es handelt sich um ein Standardwerk, das nicht wegen des Covers, sondern seines Inhalts gekauft werden sollte. Man muss sich nur überwinden, es aufzuklappen, dann verschwindet die hellbraune Verstörung von selbst.

Wie oben Chengs „Fülle und Leere“ und unten Zhus „Philosophie“ habe ich Lis „Path“ als Hintergrund hier aufgenommen, der dabei hilft, durch die Tradition die Gegenwart einzuordnen. Es existieren etliche wunderbare Abhandlungen zur traditionellen chinesischen Malerei, allgemeine Sammelbände über Kunst in China, häufig in gewaltigen Schritten durch die einzelnen Kaiserreiche schreitend. Diese drei exemplarischen Werke ermöglichen einen Einblick in die Gedankenwelt des alten China und dessen künstlerische Herangehensweisen, die chinesischen Künstler:innen auch heute noch präsent sind.

Chronologisch aufgebaut, beginnt diese Abhandlung mit dem mythologischen Zeitalter der „Drachen und Phönixe“, der Bronzezeit und Prä-Qin bis zur Einigung des Landes unter dem ersten Kaiser. Stets kunsthistorisch, also mit historischen Hintergründen und sozialen Veränderungen, begibt Li sich dann in die Zeit, die er die „Romantik der Chu und Han“ nennt. Durch die Epochen wandernd, sortiert er unterschiedliche Stilrichtungen, bespricht buddhistische Einflüsse, die Hochphase der Tang, die Vorstellung von Rhythmus und wie damit umgegangen, darüber hinausgegangen wird, wie es zur wichtigen Phase der Landschaftsmalerei der Song kam. Kunst und Literatur als Künste zusammen betrachtend, schließt Li mit den Haupttrends in der Ming- und Qing-Dynastie, er endet mit dem Ende des Kaiserreiches mit den Einflüssen der Umgangssprache und reflektiert über die Kunst als Handwerk. Die nur gut 230 Seiten liefern eine empfehlenswerte Grundlage zum Verständnis von Kontext und Entwicklung der Künste.




McIntyre, Sophie (2018): Imagining Taiwan. The Role of Art in Taiwan‘s Quest for Identity (1987–2010). Leiden und Boston: Brill.

Selbst war ich noch nie auf Taiwan und habe keine Ahnung von dem Land. Eine Übersetzung für das Palastmuseum in Taipei war bislang mein einziger direkter Kontakt mit der abtrünnigen Insel aus meiner Festlandsperspektive. Letztens meinte eine Freundin, sie würde gerne hin, wenn das Reisen denn wieder möglich wird, solange Taiwan, so ergänzte sie quasi prä-nostalgisch, noch Taiwan sei. Die Australierin Sophie McIntyre kennt Taiwan. Sie ist Kuratorin und Dozentin an der Queensland University of Technology. „Imagining Taiwan“ basiert auf ihrer Dissertation, die sie, eine Jahresangabe ist nicht zu finden, an der Australian National University eingereicht hat. Die vorliegende Abhandlung habe sich über zwanzig Jahren hinweg entwickelt. Es geht um die Kunst taiwanesischer Künstler:innen, um Museumspolitik, Identität und Anerkennung, anhand von Fallstudien um die Dekonstruktion, die Erzählbarkeit, um die Identitätsbildung und Entmythologisierung des Begriffs und Verständnisses von Nation. Weiter geht es um den Aufstieg Chinas und die Notwendigkeit der Neuorientierung Taiwans, hier werden etwa die Biennalen in Taipei und Venedig gegenübergestellt. Das Buch hat beinahe das Format eines Ausstellungskataloges, es ist reich bebildert und man merkt ihm die Kuratorin an.




Minzner, Carl (2018): End of an Era: How China‘s Authoritarian Revival is Undermining Its Rise. New York: Oxford UP.

Auch dieses Werk bietet einen Hintergrund, in diesem Fall einen politisch-gesellschaftlichen. Mit dem titelgebenden Ende einer Ära ist die unter Deng Xiaoping begonnene Reformära gemeint, und da jedem Ende ein Anfang innewohnt, bezieht sich dieser gleichzeitig auf den Beginn der Neuen Ära von Xi Jinping. Der amerikanische Juraprofessor Carl Minzner ist auf chinesisches Recht und Governance in China spezialisiert und charakterisiert hier die Kernfaktoren im Wandel von Ende und Anfang. Diese beinhalten politische Stabilität, ideologische Öffnung und rasantes Wirtschaftswachstum. An der Oberfläche erscheine es, dass Chinas Führung sich einer tiefgreifenden Reform seit den 1990ern verweigert habe. Während um das Land und weltweit Aufruhr herrsche, erscheine China als stabil und in stetigem Aufschwung. Doch seit den letzten dreißig Jahren habe ein erstarrtes politisches System die fest verwurzelten Interessen innerhalb der KPCh und die systematisch unterentwickelten Regierungsinstitutionen angetrieben. Wirtschaftliche Spaltungen haben sich genauso vermehrt wie soziale Unruhen und ideologische Polarisierung. Der Umgang damit sei ein progressives Ausschlachten institutioneller Normen und Praktiken von Seiten der Führungsebene. Die technokratische Führung weiche dem, was Minzner Blackbox-Säuberungen nennt, und das kollektive Regieren falle zurück auf eine Ein-Personen-Herrschaft. Die Reformära der Öffnungen sei beendet, China mache dicht. Minzner betrachtet dies unter den Aspekten Gesellschaft und Wirtschaft, Politik, Religion und Ideologie sowie in vergleichender Perspektive insbesondere zu Taiwan und Südkorea. China stehe an einem gefährlichen Wendepunkt. Am Ende seines Buches spielt Minzner mögliche Zukunftsszenarien durch, den Untergang des liberalen Traums, die Weiterführung autoritärer Führung, die Verstärkung des Nationalpopulismus, eine Wiederbelebung des dynastischen Zirkels, einen Zusammenbruch des Regimes und verschiedene Möglichkeiten weltweiten Umgangs damit.




Phillips, Christopher und Wu Hung (Hgg.) (2018): Life and Dreams: Contemporary Chinese Photography and Media Art. New York und Göttingen: The Walther Collection und Steidl.

Vor mir liegt ein sehr schöner, dicker Bildband mit einer Zusammenstellung von knapp fünfzig Fotograf:innen. Es handelt sich insbesondere um bekannte Namen wie Cang Xin, Cao Fei, Hong Hao, Rong Rong, Song Dong, Sun Xun, Wang Gongxin, Yang Fudong, Zhang Dali, Zhang Peili, Zhou Tiehai, Zhuang Hui und vielen mehr. Jede/r Fotograf:in erhält meist drei, mal eins, mal fünf Bilder Platz, die Titel finden sich gesondert am Ende, wodurch keine Ablenkung von den Bildern entsteht. Wie es sich gehört, finden sich ebenfalls am Ende die Biografien der vorgestellten Künstler:innen. Ergänzt wird dieser Band mit einer Reihe von Essays, etwa von Wu Hung mit seinem Ruinenansatz, Rong Rong zur Avantgarde-Fotografie, Karen Smith über Aufklärung durch die Linse, Lu Yang zu neuen Medien und anderen. Es sind keine neuen Positionen zu erwarten, aber ein guter Überblick des Bekannten.




Pollack, Barbara (2018): Brand New Art from China: A Generation on the Rise. London und New York: I.B. Tauris.

Barbara Pollack, Journalistin (New York Times, ARTnews), Kunstkritikerin und Kuratorin (in China etwa im Yuz Museum und im Long Museum), schreibt neben anderen Themen seit gut fünfzehn Jahren über die Kunstszene in China. So verfasst sie seit Mitte der 2000er Artikel über Ai Weiwei – weshalb vermutlich ein Zitat von ihm ihr „Brand New Art“-Cover ziert. Davon sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen. Mit teils etwas rudimentären, aber anschaulichen Einschätzungen zur kulturellen, politischen und gelegentlich historischen Lage, vor allem aber mit vielen Beispielen von Künstler:innen ab der 1980-Generation basiert Pollacks Buch auf Gesprächen mit den Akteur:innen der Szene. Die thematische Unterteilung ist grob chronologisch und beschäftigt sich etwa mit Chineseness, Abstraktion, Post-Truth und Post-Internet Kunst und endet in New York. Ai kommt auch vor, der Fokus richtet sich aber auf die Generation von Cao Fei und jünger. Pollacks Darstellung bietet eine kurzweilige Momentaufnahme insbesondere der Metropolkunst in China der 2010er Jahre.




Schultheis, Franz, Erwin Single, Raphaela Köfeler und Thomas Mazzurana (2016): Art Unlimited? Dynamics and Paradoxes of a Globalizing Art World. Bielefeld: transcript.

Man ist doch immer wieder überrascht, wie viele Leute ohne jegliches Vorwissen in ein fremdes Land gehen, sich dort ein paar Monate oder ein Jahr aufhalten und dann ein Buch darüber schreiben. Häufig erschauern einen die getroffenen Aussagen, genauso häufig ist man erstaunt, wie viele der relevanten Kontakte ausfindig gemacht wurden. Vermutlich ist die Szene wirklich so klein, die leichte oder schwierige Zugänglichkeit mag eine Charakterfrage sein – oder berufsbedingt.

Die Autoren dieses Bandes sind alle Soziologen, die sich offensichtlich erstmals mit China beschäftigen. Es handelt sich um eine Sammlung von Interviews mit Kurator:innen, Galerist:innen, Sammler:innen und ähnlichen Akteuren, die 2013/14 im Zuge eines Studienprojektes der Universität St. Gallen geführt wurden. Es ist ganz lustig, wie immer wieder ähnliche Fragen gestellt werden. Offensichtlich sind die Autor:innen die gesamte Zeit dabei, das Phänomen zu verkraften, dass chinesische Sammler:innen, zumindest wenn sie gerade mit dem Sammeln beginnen, sich zunächst über die Auktionshäuser – und nicht wie im Westen primär über Galerien – dem Markt nähern. Auch sonst drehen sich viele Fragen um das Marktverständnis. Die Autor:innen scheinen ihren Hauptzugang über die Art Basel in Hongkong erhalten zu haben und von dort losgezogen zu sein. Lesenswert sind besonders die Interviews mit Karen Smith (damals Beijing, heute Xi‘an, vermutlich bald Shanghai), Robin Peckham (damals Hongkong), Colin Chinnery (Beijing) und Tobias Berger (damals Hongkong). Vor allem Meg Maggio (Beijing) und Gu Ling (damals Shanghai) setzen einiges an Westlerperspektive der Autor:innen zurecht, was sich ganz amüsant liest.

Um die bei Kraus oben bereits zitierte Stelle von Karen Smith aufzugreifen, hier ihre sehr schön prägnante Einordnung der jeweiligen Dekaden (S. 81): „The 80s was pervaded by a kind of freedom; the 1990s was very political. Suddenly, the first decade of the 21st century was all about economics. This second decade feels rather flat. Perhaps it is needed as a period to reflect and put everything in perspective. Out of that, some new, stronger contemporary cultural identity will emerge for the 2020s, which will be tied to what will happen in China as China‘s position in geopolitics becomes ever more clearly defined.“




Wang, Peggy (2020): The Future History of Contemporary Chinese Art. Minneapolis: University of Minnesota Press.

Der Ansatz von Peggy Wang ist ganz interessant. Hier geht es um die international renommierten Künstler:innen der 1950er/1960er-Generation Zhang Xiaogang, Wang Guangyi, Sui Jianguo, Zhang Peili und Lin Tianmiao. Auch hier geht es (wie oben bei Leduc) zunächst, da auf Englisch und entsprechend hauptsächlich für ein westliches Publikum geschrieben, nicht um, sondern gegen die westliche Suche nach Sozial- und Politikkritik bei Dissidenten. Diese ist in den besprochenen Kunstwerken auch vorhanden, aber natürlich steckt viel mehr dahinter. Als „Zukunftsgeschichte“ bezeichnet Wang ihre Neuinterpretationen in Form, Bedeutung und Möglichkeiten der Werke für sich und in Bezug auf die Kunstgeschichte in China und global. Sie legt die häufigen Fehllesungen dar, auch der Künstler:innen selbst, etwa in Bezug auf den Westen. Außerdem geht es gelegentlich um die Einflüsse, die diese fünf Künstler:innen auf andere genommen haben.




Welland, Sasha Su-Ling (2018): Experimental Beijing: Gender and Globalization in Chinese Contemporary Art. Durham und London: Duke UP.

Als ethnografische Feldarbeit beschreibt Sasha Welland ihre Untersuchung, die sie unter der Prämisse der Kommerzialisierung besonders von experimenteller Kunst vorgenommen und seit und auf die Olympischen Spiele 2008 zugehend wahrgenommen hat. Entsprechend lässt sie Stimmen von Künstler:innen, Kurator:innen, von offizieller Seite und von Stadtplaner:innen zu Wort kommen. Diese tarieren die soziale Rolle von Kunst aus und beschäftigen sich mit dem Aufbau neuer Kulturinstitutionen. Welland vertritt die These, dass Genderthemen ein verändertes Bewusstsein der Kunstgeschichte in China herbeiführen würden, die Globalisierung scheint als Dialog gemeint. Klar, für China nicht aber doch recht gewagt? Da mir genderspezifische Themen in China bislang nur eher am Rande untergekommen waren, lese ich natürlich gerne mehr davon. Vor allem ihre Einordnung von Begriffen und besonderen Pop-up-Phänomenen finde ich ganz interessant.

Zu dieser Druckversion hat Welland ein kleines digitales Kompendium geschaffen.




Wu, Weiping und Piper Rae Gaubatz (2013): The Chinese City. London und New York: Routledge.

Hier geht es nicht um Kunst, sondern um Stadtentwicklung in China – einem äußerst wichtigen, da lebensessentiellen Thema der chinesischen Gegenwart und damit in der Gegenwartskunst und deshalb eine passende Ergänzung in dieser Liste. Obwohl diese Abhandlung bereits ein wenig älter ist und etwa die Abrisswucht unter Xi Jinping insbesondere von 2017 in Beijing noch nicht miterleben musste (s. als Beispiele aus Beijing hier, hier oder hier), bietet sie reichlich Material zum strukturellen Verständnis chinesischer Städteplanung. Wu und Gaubatz liefern fundierte Hintergründe, nicht nur, aber auch an historischem Kontext und geografischer Kulisse. Mit zahlreichen Statistiken, meist von 1949 bis 2009, beleuchten sie das Urbanisierungsphänomen, die Entwicklung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformation, der Infrastruktur sowie der Land- und Hausreformen und -bedingungen. Sie hinterfragen den urbanen Lebensstandard unter zivilgesellschaftlichen Gesichtspunkten und die urbane Governance. Ich habe bereits die eher architektonische Sicht von Dieter Hassenpflug (2009): „Der urbane Code Chinas“, Basel und Berlin: Birkhäuser, mit Gewinn gelesen, es gibt auf diesem Gebiet natürlich zahlreiche Essays und für mich handelt es sich eher um ein Hobbythema, dennoch finde ich, dass Wu und Gaubatz hier ein bemerkenswertes Fundament bieten.




Xu Yong 徐勇 (2015): Negatives. Dortmund: Kettler.

Gerade jährte sich das Tian‘anmen Massaker am 4.6.2021 zum 32. Mal. Zum ersten Mal gab es dieses Jahr kein offenkundig öffentliches Mahnmal in Hongkong. Der Fotograf Xu Yong hatte 1989 etliche Filmrollen auf dem Platz des Himmlischen Friedens belichtet. Er ließ sie über zwanzig Jahre in den Tiefen seiner Schubladen ruhen. Auch für diese Publikation im Ausland von 2015 wählte er nicht den direkten Weg der Positiventwicklung, das Thema war und ist einfach noch viel zu heikel. Mit einer einfachen Einstellung lassen sich die Bilder auf dem Handy im Positiv betrachten, tatsächlich changieren aber die negative Fotoästhetik und der dadurch gewonnene Abstand auf ihrer ganz eigenen Skala von Schönheit und Grauen.




Zhu Zhirong 朱志荣 (2020 [2012, 1997]): Philosophie der chinesischen Kunst (Original: 中国艺术哲学). Übersetzung: Eva Lüdi Kong. Berlin: LIT.

Wie oben bereits geschrieben, habe ich diese Abhandlung genauso wie Chengs „Fülle und Leere“ und Lis „Path of Beauty“ mit aufgenommen, weil sich Gegenwarten durch Blicke auf Vergangenheiten und ihre Traditionen erhellen.

Man könnte sagen, dass es sich um die Neuauflage von Lis „Path of Beauty“ handelt. Hier erfolgt allerdings anstelle der chronologischen eine thematische Unterteilung. Diese ist sehr detailliert, was den großen Reiz des Buches ausmacht. Allein durch das ausschweifende Inhaltsverzeichnis erhält man einen guten Einblick in das Themenfeld der chinesischen Ästhetik und Gedankenwelt.

Die Einordnungen „zur energetischen Wirkung und geistigen Ausstrahlung“ seien von daoistischen und konfuzianischen Weltanschauungen durchdrungen, weshalb diese Abhandlung mit „Philosophie der chinesischen Kunst“ betitelt sei (S. i). Die Kunsttheorie des alten China wird mit ihren eigenen Kategorien dargestellt. Die fünf Kapitel („Das künstlerische Selbst“, „Kunst an sich“, „Besondere Eigenschaften“, „Geistiger Ausdruck“ und „Entwicklungsgeschichte“) sind in angenehme kleine Häppchen unterteilt. Nach der Herangehensweise, den schöpferischen Quellen, dem Umgang mit Ruhe, Erkennen und Vitalität, werden Bedeutung, Form, Struktur, Rhythmus, Bildgestalt, Resonanz und vieles mehr behandelt. Zhu geht auf das Verständnis von Zeit und Raum, Innen- und Außenwelt, Subjekt und Objekt ein, und es folgen immer wieder Abschnitte zu den grundlegenden Eigenschaften. Die zahlreichen Zitate der Dichter und Denker werden stets in Kontext gesetzt und bilden mit der poetischen Denkweise der Dichtkunst die Basis zu den Erklärungen und Einordnungen. Die Begriffe, Personen und Werke sind durchweg auch auf Chinesisch wiedergegeben, Eva Lüdi Kong lebe hoch. Leider muss dieses Buch ganz ohne Abbildungen auskommen.


Romane aus und über China

Ich behaupte immer, nie Krimis zu lesen, und auch Scifis machen bei mir normalerweise keine 4/5-Romanration aus. Hier gibt es von mir einen Krimi und vier Sciencefiction-Romane, alle fünf taugen genauso wunderbar als Lockdown- wie als sommerliche Urlaubslektüre.




Dath, Dietmar (2019): Neptunation. Frankfurt a. M.: Fischer Tor.

In diesem Scifi bricht ein deutsch-chinesisches Rettungsteam dreißig Jahre nach Ende des Kalten Krieges auf, um dem Signal einer damals von der Sowjetunion und der DDR entsendeten Mission nachzugehen.

Neben der marxistischen Grundeinstellung hat mich besonders gefreut, dass der Beijinger Künstler Wang Guangle hier einen kurzen Auftritt hat, S. 290f. Es geht bei der „schwebende[n], konvex elliptische[n] Form aus weißer Farbe“ um Wangs Arbeit, die er 2011 in der Beijing Commune im 798 ausgestellt hat (s. hier). Einerseits soll die Arbeit nicht interpretiert werden, „also bitte keine Kunstvorträge jetzt von Cordula, dass das irgendwie das Unbewusste der Macht oder die Dialektik der Arbeitsteilung oder so was darstellt“, andererseits erinnere diese Arbeit „uns nicht an das, was wir sind, sondern lässt uns vergessen, wo wir sind: im Weltraum, wo es nicht nur keine Kunst gibt, sondern nicht mal was zu essen“. Den einen oder anderen Dath kann man sich unbedingt gelegentlich gönnen.

Passenderweise lief kürzlich ebenda wieder eine Soloshow von Wang: „Wang Guangle 王光乐: Waves 波浪“, in: Beijing Commune 北京公社, 15.4.–28.5.2021.




French, Paul (2012 [2011]): Midnight in Peking. The Murder That Haunted the Last Days of Old China. London: Penguin.

Der Brite Paul French lebte um 2010 zehn Jahre in Shanghai, spricht Chinesisch (das muss leider immer noch gesagt werden) und schreibt als Journalist und Schriftsteller über Gesellschaft und Geschichte in China, mit Fokus auf das Ende des Kaiserreichs und die Republikzeit. „Midnight in Peking“ ist eine Dokufiktion über den unaufgeklärten Mord an der jungen Britin Pamela Werner im Jahr 1937 im Gesandschaftsviertel von Beijing. Es geht um das Leben der damaligen Expats, um Gesandte, Händler und andere Lebenskünstler, in Konfrontation mit der chinesischen Polizei zu Beginn der japanischen Invasion vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Mit, so Frenchs Erzähler, bislang unbekannten Dokumenten wird der Mord gar aufgedeckt ? Wie auch in seinen anderen Büchern, scheint French den Duktus der damaligen Zeit glaubwürdig zu beherrschen. Es ist ein Genuss, ihm durch die Hutongs und die Stadtmauern entlang zu folgen.

Berichten zufolge (Forbes 2012, 澎湃 2019) wird gelegentlich über eine Verfilmung von „Midnight in Peking“ spekuliert – ich würde mich sehr darüber freuen.




Lao She 老舍 (1985 [1933]): Die Stadt der Katzen (Original: 猫城记). Übersetzung: Volker Klöpsch. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Wer noch nichts von Lao She gelesen hat, dem sei besonders dieser Scifi empfohlen – oder auch Gesellschaftsroman, darüber streiten sich die Geister. Zumindest spielt er auf einem fernen Planeten mit Katzen als Bewohnern. Das Gesellschaftsbild ist so wunderbar auf Lao Shes Zeit übertragbar wie auf die heutige, aber das soll bei Scifis ja gelegentlich auch der Fall sein.




Liu, Cixin 刘慈欣 (2017 [2006]): Die drei Sonnen (Original: 三体). Übersetzung: Martina Hasse. München: Heyne.
Teil 1 der Trilogie.
Teil 2: Der dunkle Wald (2018 [Original: 黑暗森林, 2008]), Übersetzung: Karin Betz.
Teil 3: Jenseits der Zeit (2019 [Original: 死神永生, 2010]), Übersetzung: Karin Betz.

Liu Cixins Trilogie braucht kaum noch eine Vorstellung, so allgemein bekannt ist dieser Scifi. Der dritte Teil erschien mit einer leider immer holpriger werdenden Übersetzung auf Deutsch bereits vor Corona, ich habe ihn damals natürlich sofort gelesen. Der erste Teil bleibt der stärkste und, wenn man Cliffhängern widerstehen kann, besonders lesenswert. Andererseits sollte dazu unbedingt der zweite Teil gelesen werden, denn wer möchte schon die Theorie des dunklen Waldes in seinem Leben missen? Wer auf sich aufmerksam macht, wird angegriffen, bevor er/sie angreifen kann – gibt es in Lius Version natürlich um Seiten länger und Bildlängen grandioser.

Als Einschätzung aus sehr deutscher Perspektive sei die Podcastfolge von Kapitel Eins: Die drei Sonnen von 2018 empfohlen.




Robinson, Kim Stanley (2019 [2018]): Roter Mond (Original: Red Moon). München: Heyne.

Leider sollten Scifis (zumindest die von Heyne publizierten?) wohl im Original gelesen werden, kein Wunder, dass das Genre nicht als Hochliteratur bekannt ist. Aber wenn man sich durch den gruseligen Anfang gebissen hat, weil man wieder zu faul war, sich technischen Erklärungen auf Englisch, geschweige denn auf Chinesisch zu stellen, dann hat man sich an die Schreibe gewöhnt und kann über Hunderte von Seiten in fremde Welten abtauchen.

2048 hat China hier die Vorherrschaft in der Kolonisierung des Mondes übernommen, weshalb er der Rote Mond genannt wird. Vielleicht haben Xi Jinpings Taikonauten Robinson gelesen, bevor sie Anfang 2019 auf der Schattenseite unseres Trabanten landeten – dieser Plan war wahrscheinlich bereits vorher gereift, aber auch verkündet? Und was haben sie dort wirklich angestellt? Bei Robinson befindet sich auf der Schattenseite des Mondes etwa ein unterirdisches, einem traditionellen chinesischen Landschaftsgemälde nachempfundenes Gelände. Die Chinesen wissen hier einfach nicht mehr, wohin mit ihrem Geld. Ein Mord auf dem Mond verbindet einen alten chinesischen Dichter, der inzwischen nur noch Videoblogs publiziert, eine chinesische Kadertochter und einen amerikanischen Techy miteinander. Natürlich geht es auch hier letztendlich um die Rettung der Welt.

„Inzwischen waren die Generationen, die bis zur ersten um Mao zurückreichten und zu der Zhou Enlai, Deng Xiaoping und die anderen Acht Unsterblichen gehört hatten, eher eine nominelle Angelegenheit. Die Folgegenerationen wurden lediglich anhand der jeweiligen Generalsekretäre, der Parteikongresse und des gesetzlichen Rücktrittsalters durchnummeriert. Unterm Strich kam dabei heraus, dass heutzutage alle zehn bis zwanzig Jahre eine neue Führungsgeneration antrat. Im Prinzip handelte es sich um einen ziemlich konstruierten Begriff, aber trotzdem wurde er oft verwendet und kombinierte die chinesische Vorliebe für nummerierte Listen mit einem allgemeineren menschlichen Bedürfnis nach einer Periodisierung der Geschichte, in dem hoffnungslosen Versuch, den menschlichen Geschicken einen Sinn abzuringen, indem man eine Art Feng Shui mit der Zeit betrieb.“ (S. 182f.)

Im Prinzip erwarte ich eher, dass Xi bis 2048 durchregiert, dann wäre er 95 Jahre alt, das halte ich nicht für abwegig. Und ist eine generative Nummerierung spezifisch chinesisch? Andrew Batson ist in „How plausible is the China in Kim Stanley Robinson‘s *Red Moon*?“, 2.3.2019, nicht überzeugt von Robinsons China-Vision, die er mehr als heutige Version mit etlichen Fehlern liest. Ich mochte das Buch trotzdem und fand es gerade wegen der Zustandsbeschreibungen von China aus amerikanischer Sicht interessant.

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Aktuell werde ich gut unterhalten von Dana Spiottas (2008 [2006]): „Eat the Document“, Köln: KiWi, ohne China-Bezug.


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Mittwoch, 17. Juli 2019
Zum Zittern
Weiterhin soll die Zeit morgen und wieder Merkels Zittern thematisieren, 17.7.2019, Die Zeit, Nr. 30/2019, 18.7.2019.

Lest doch bitte alle Siri Hustvedt: Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2011.




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Dienstag, 4. Juni 2019
In Gedenken


30 Jahre nach Tiananmen – Wie politisch ist die chinesische Kunst?. Sabine Peschel: DW, 1.6.2019.

Political art in China 30 years after the Tiananmen Square protests. Sabine Peschel: DW, 2.6.2019.

30 years after the Tiananmen Square crackdown, dissidents in China and in exile speak to why the wounds still haven’t been healed. Lea Li: SCMP, Video, 3.6.2019.

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Freitag, 1. September 2017
Warum Beijing statt Peking


Peking ist die Umschrift von einem früheren Namen der Stadt, von Beiping, nördlicher Frieden, als die Ming- die Yuan-Dynastie ablöste (1368). Der erste Ming-Kaiser, Hongwu (1328–1398), verlegte damals seine Hauptstadt in den Süden nach Nanjing und änderte den Namen Dadu des vorherigen mongolischen Hauptsitzes in Beiping. 1408 ließ Kaiser Yongle (1360–1424) die Stadt so gut wie komplett neu erbauen, es entstanden etwa die Verbotene Stadt und die vier Tempelanlagen Himmelstempel, Erdtempel, Sonnen- und Mondtempel. 1421 zog er dann in seine neue Hauptstadt um und nannte sie Beijing, die nördliche Hauptstadt. Warum sich die bis heute nicht auszumerzende Transkription auf den alten Namen einer Zeit von gerade einmal 53 Jahren von damals vor knapp 500 Jahren bezieht, als sie nicht einmal Hauptstadt war, mag eine der historischen Mysterien im Schlund der Gezeiten bleiben. Durch Beiping wurde jedenfalls die auf Wade-Giles basierende Umschrift „Peking“ zum Ausgang der Qing-Dynastie vom Transkriptionssystem chinesischer Ortsnamen der chinesischen Post 1906 bewilligt und blieb, wohl da einmal offiziell festgehalten und so ins internationale Postwesen eingegangen, bis ins 20. Jahrhundert haften.

Das heute geläufige Transkriptionssystem Hanyu Pinyin, kurz Pinyin, wörtlich umgeschriebene Töne, also phonetische Umschrift, wurde 1982 registriert und gilt seitdem als internationaler Standard, in seiner zweiten Auflage mit ISO 7098:1991, zuletzt national 2012 revidiert (GB/T 16159-2012). Das System auf Basis des lateinischen Alphabets stammt von 1956 von Zhou Youguang und wurde 1957 genehmigt. Auch auf Taiwan gilt Pinyin seit 2009 als offizieller Standard – inwieweit es dort angenommen wird, ist fraglich, Taipei wird auf der Insel weiterhin nicht in Taibei umgeschrieben, wenn überhaupt, denn nach wie vor ist die Umschrift Bopomofo verbreitet (die nicht-lateinische, auf dem Festland 1921 eingeführte Umschrift Zhuyin).

Selbst innerhalb der Sinologie hat es eine gute Weile gedauert, bis sich die Umschrift Pinyin durchsetzte. Dass wir noch in den Nullenjahren des 21. Jahrhunderts mit dem angelsächsischen Transkriptionssystem Wade-Giles und mit den deutschen Systemen von Unger und Rüdenberg-Stange klassisches Chinesisch gelernt haben, liegt am Referenzapparat. So heißt es im Studium auch heute weiterhin, „Wade-Giles soll zumindest passiv beherrscht werden“, s. Universität Heidelberg, Institut für Sinologie. Wissenschaftlich gilt natürlich wie überall: Hauptsächlich einheitlich. Aber außer in Zitaten schreibt mittlerweile jeder in Pinyin um.

Im angloamerikanischen Raum spricht man Beijing längst nicht mehr in der romanisierten Version aus. Sprachen zu Romanisieren, ist der Versuch, sich ihnen mit seiner eigenen Sprache zu nähern – ehrenwert, aber oldschool und unnötig, wenn es eine offizielle Umschrift eines Landes gibt. Verwendet man dennoch die alte Fassung, bleibt ein kolonialer Beigeschmack übrig, weiter an Peking festhalten zu wollen. Deshalb möchte ich doch bitte dafür plädieren, Beijing statt Peking zu schreiben, zu sagen und zu denken – so wie bereits Guangzhou statt Kanton, Qingdao statt Tsingtao verwendet werden, Daoismus statt Taoismus, Konfuzius kann meinetwegen statt Kongzi in seinem alten Sud bleiben, bis er ehrlich reformiert wird. Auch PEK für den Flughafen wird nur noch von bzw. für Ausländern verwendet, in China heißt es BJS, Beijing shi, Beijing Stadt. Peking ist nicht nur die veraltete Version, sondern passt auch so gar nicht mehr zu dieser Stadt.

Und wer weiß, wie lange es Beijing überhaupt noch geben wird. Nach Xi Jinpings Verkündung von 2015 des städteplanerischen Großprojektes von Beijing hin zu Jingjinji, der Zusammenführung von Beijing, Tianjin und Hebei (nach dem Kfz-Kennzeichen Ji der ehemaligen Präfektur) zur Megametropolregion, kurz JJJ, bleibt hier seit Anfang 2017 kein Stein mehr auf dem anderen. Die Sehenswürdigkeiten dürfen bleiben, Touristen weiter kommen, ansonsten heißt es unter der Bevölkerung seither: Beijing soll verschwinden und nur noch Regierungssitz sein. Selbst die Vorzeigeuniversitäten Beida und Qinghua fangen fieberhaft an, sich um ihr Bleiberecht zu bemühen – wird schon, keiner glaubt an ihren Umzug, aber dass sie überhaupt aufjaulen müssen, alarmiert.

Gewähren wir der Stadt doch zumindest in ihren letzten Atemzügen noch ihren wirklichen Namen, bevor sie komplett zugemauert ist und ihre Bewohner zum Großteil vertrieben sind.




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Montag, 28. August 2017
BJ: Kunsträume im Abrisssommer 2017


Überschattet ist dieses Jahr jegliche Hauptstadtaktivität von dem Wüten der Abrissbirnen. Aus dem Künstlerviertel Heiqiao zogen die letzten im Februar fort, Anfang August sieht es hier nun so aus. Die Gassen sind gerade noch erkennbar, aber außer Schutt und Steinen wurde jegliche Individualität dem Boden gleichgemacht.





Heiqiao, was eine glorreiche Zeit, nach einem Besuch im 798 und in Caochangdi konnte man hier in den Studios bei Freunden vorbei und sehen, was es Neues gab. Nun werden die Künstler immer weiter in die Außenbezirke verdrängt, weit verstreut mit Anreisen über eine Stunde, nach Luomahu oder, wie der Blackbridge Offspace 黑桥Off空间 nach Liqiao. Doch man gibt nicht auf, die Eröffnung zeigt Ende Juli den Umbau der Räume:









Schön ist es geworden. Doch dann, einen Monat nach Eröffnung, ein halbes Jahr nach Einzug, drehte der Vermieter Wasser und Strom ab – und wieder muss erneut gesucht werden, erneut renoviert, umgezogen, wieder mehr Miete gezahlt.


In der Innenstadt sieht es überall wüst aus, hier von West nach Ost durch den Fangjia hutong.








Das hier war einmal eine Abendschule.


Der ehemalige Eingang vom Hot Cat Club.


Verriegelung eines Kiosks.


Behelfsmäßig noch ein Einstieg.


El Nino noch mit Tischen draußen, serviert wird durch das Fenster.


Mit Ansagen, gestempelt von der Dongcheng Regierung.


Wem das zu viel Text ist, der bekommt es daneben in einem Slogan in Weiß auf Rot: 坚决封堵开墙打洞 严厉打击违法建设 (Resolutes Verbarrikadieren, um die Mauern zu öffnen und den Vorschlaghammer zu schwingen, um die illegalen Konstruktionen mit einem Schlag abzureißen.) Die der Öffentlichkeit vorgesetzte Legitimation der „Aufräumaktion“ lautet, man entledige sich der „illegalen Konstruktionen“, das heißt all der Vorbauten, Lagerräumchen, der zusätzlichen Stockwerke, die tatsächlich meist selbst gezimmert sind. Doch nach welchen Stadtplänen vorgegangen wird, dem von 1949 etwa?, bleibt äußerst fraglich. Vor allem aber will die Zentralregierung bis 2020 die Bevölkerung Beijings auf 23 Millionen reduzieren. 40% der Ladenbesitzer sollen bereits aufgegeben haben und weggezogen sein (Straßenstand Ende August 2017).


Von all dem scheinbar unbeeindruckt und entsprechend beeindruckend, eröffnete Ende August ein neuer Space, Wyoming Project 怀俄明计划, zu finden Dongcheng District, Houyongkang hutong 12 北京市东城区后永康胡同12号. Für die erste Ausstellung warb man mit einem animierten Dildo, Chen Chenchen 陈陈陈: Possible Baby 可能宝宝, 20.8.–30.9.2017.


Neben einem Munitionsgürtel mit Minidildos gab es sonst hauptsächlich ein Ballerspiel, in dem man die Künstlerin aufsuchen und ermorden musste, dazu ein paar Fotografien und Malereien, auf dessen eventuell interessante Konzepte man aber wegen der wirren Optik doch keine rechte Lust hatte, sich einzulassen.


Eingang zum Space unter der blauweißen Markise. Nach der Eröffnung habe ich ihn trotz regelmäßigen Vorbeifahrens bislang allerdings nicht wieder geöffnet vorgefunden.


Ebenfalls Ende August eröffnete Lu Mei 卢玫 in Shunyi ihren Migrant Bird Space 候鸟空间 (aktuell VPN notwendig).








Derweil stellen sich Müllstationen außerhalb des 5. Rings auf, hier ein Beispiel aus dem Künstlerviertel Huantie. Man kann am Automaten per App kostenlos Sticker erhalten, für die momentane Testphase, wie es scheint, noch mit Personen bestückt, und seinen Müll mit diesen versehend zur Abholung einfach vor die Tür legen. Besonders freut mich, dass es endlich auch Schubladen für Batterien gibt. Es wirkt noch nicht ganz angenommen, aber mit vermutlich baldiger Verpflichtung und einhergehenden Bußgeldern kann man hier ja einiges erreichen.




Und der Abriss zieht sich weiter durch alle Ecken der Stadt.


Hier hinter dem Nationalmuseum. Noch gestützt von Eisenstangen, muss ihr einmal eine kleine Toilette angebaut gewesen sein.


Dazu sind überall in der Stadt Baustellen dieser Art für die Jingjinji-Schnellverbindungen zu sehen.


Im Jianchang hutong.


Detail. Alles geht grad grob und schnell, hier reicht für das ehemalige schmale Fenster eine Ziegelbreite.

Arrow Factory 箭厂空间 mauerte sich selbst zu und zeigt Yang Zhenzhong 杨振中: Fences 栅栏, 15.6.–30.8.2017 bzw. inzwischen verlängert bis … der Spuk vorbei ist?





Ums Eck dürfen die Tauben in der dritten Reihe zumindest momentan noch bleiben.


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Samstag, 19. August 2017
Changbaishan: An der Klippe unter Zwanzigtausend

„Der Traum der roten Kammer“, die erste Kapitelüberschrift in zwei Bildern: Zhen Shiyin begegnet dem Stein im Traum und Jia Yucun sehnt sich als armer Student nach einem Fräulein. Aus: Zengping butu Shitou ji 增评补图石头记 (Die Geschichte des Steins, mit erweitertem Kommentar und ergänzten Illustrationen). In zwei Bänden. Shanghai 1930, der nach ihrem frühesten Kommentator benannten Yao Xie-Ausgabe (姚燮本), S. 1f.

Während ein Gott auf der einen Seite der Erde Adam aus Staub erschuf und ihm sein Odem einhauchte, aus dessen Rippe Eva hervorholte und damit die Menschheit in Gang setzte, geht die chinesische Schöpfung der Menschen von Nüwa 女娲 aus. Sie knetete ihre Kinder aus Lehm und brannte sie dann in einem Ofen halbgar bis knusprig. Ein weiterer Mythos zwang sie zur Himmelsreparatur. Dieser taucht in unterschiedlichen Traditionslinien auf, meist jedoch mit folgenden Bestandteilen: Wegen eines Streits zwischen Gonggong 共工, dem Geist des Wassers, und Zhurong 祝融, dem Geist des Feuers, herrschten Kämpfe in allen Regionen der (chinesischen) Welt. Gonggong erwies sich als der Schwächere und rannte in seiner Verzweiflung mit seinem Schädel gegen den Berg Buzhou 不周山 im Nordwesten des Kunlun Gebirges, das sich zwischen Tibet und Xinjiang bis nach Qinghai zieht. Buzhou, als Berg eine der vier Himmelsstützen, war zusammengestürzt und der Himmel hing schief. Um Erde, Himmel, ihre Menschen und das Gleichgewicht zu retten, sammelte Nüwa bunte, teils fünf-, teils siebenfarbige Steine zusammen und flickte damit die Löcher der Himmelsdecke. Dazu hackte sie einer Riesenschildkröte ihre Pfoten ab, um sie als Pfeiler des Himmelsgewölbes an den vier Enden der Welt aufzurichten. Auch Schildkrötenstumpen scheinen unregelmäßig zu wachsen, jedenfalls wurde die südöstliche Säule niedriger als die anderen, weshalb die Flüsse Chinas alle gen Südosten fließen.

Vgl. etwa die „Kaiserliche Enzyklopädie der Ära Taiping“ (太平御览:卷七八皇王部,女娲氏), Beijing 1985, S. 365.

Diese Himmelsreparatur ist Ausgangspunkt in dem chinesischen Klassiker „Der Traum der roten Kammer“ (红楼梦) von Cao Xueqin 曹雪芹 (ca. 1715– ca. 1763), dessen einst mächtige und eng mit den herrschenden Mandschu verbündete Familie während interner Machtkämpfe zum Regierungswechsel von Kaiser Kangxi zu Yongzheng (1722–1723) ihre einflussreiche Position und den Großteil ihres Besitzes verlor. In seiner kompletten Form erschien der Roman erstmals 1792, herausgegeben, überarbeitet und ergänzt von Gao E 高鹗 (ca. 1740– ca. 1815). In seinem Inneren behandelt der Roman die Hofgeschichte mit Aufstieg und Fall, mit Intrigen, Lust und Schwulst, dem gesamten damaligen irdischen Dasein und Unsein im Leben einer begüterten und abstürzenden Großfamilie.

Die vollständigste und für literarischen Lesegenuss angenehmste Übersetzung stammt von David Hawkes und John Minford: The Story of the Stone. Übersetzung in fünf Bänden. Harmondsworth u. a.: Penguin 1973–1986.

Der „Traum der roten Kammer“ ist auch bekannt unter dem Namen „Die Geschichte des Steins“ (石头记), denn deren Hauptfigur Jia Baoyu 贾宝玉 wird mit einem Stein im Mund geboren. Genau dieser Stein soll während seines ewig langen Herumliegens eine geistige Natur entfaltet haben, sich jedoch dort oben auf dem Berg als dumm und nutzlos gegrämt haben. Nachdem Nüwa die Löcher in der Himmelsdecke gekittet hatte, wusste nämlich bislang niemand, so der Erzähler am Anfang der Rahmenhandlung, dass von der hier mit 36.501 genau angegebenen Anzahl der „einfältigen Steine“ (顽石) einer als unbrauchbar übrigblieb und zurückgelassen wurde. Dieser zusätzliche Stein ist es, der mittels der Autorität des Mythos das Grundelement der „Geschichte des Steins“ bildet und weshalb ich hier ein wenig aushole. 2006 stieß ich während meiner Magisterarbeit zu Illusions- und Wirklichkeitsvorstellungen des „Traums“ auf den Eintrag in einem chinesischem Reiseführer, dass Wanderer am Berg Changbai 长白山 in der Provinz Jilin die im Roman beschriebene „Klippe ohne Halt“ (无稽崖) und den „Gipfel grüner Rain“ (青埂峰) besichtigen können. Also genau den Ort, wo der Stein von einem vorbeischlendernden Buddhisten und dessen daoistischem Begleiter aufgelesen und damit in den Trubel irdischen Menschenlebens, hinein in die Geschichte und Illusion, gebracht wurde.

Nun kann man all dies natürlich als in späteren Zeiten bloßen Anreiz für Touristen herbeifabuliert verstehen – aber warum lesen wir Geschichten, wenn nicht als die Erweiterungen unserer Möglichkeiten, was sind Mythen anderes als Erklärungsversuche unserer Ursprünge? Der „Traum“ mag seine Entstehung in Nanjing haben, Gonggong im Nordwesten gegen den Berg gerammt sein, der Changbaishan sich an der heutigen Grenze zu Nordkorea befinden. Immerhin hat Nüwa alle vier Himmelsrichtungen abgestützt – der Einwand, dass es nach chinesischem Verständnis inklusive der Mitte fünf Himmelsrichtungen gibt, soll uns nicht beirren, denn wir wollen annehmen, dass auch die altmythische chinesische Schildkröte vier Läufe besaß. Eine dieser Stützen wird im Nordosten gelegen sein, warum nicht am mit 2.749 Metern höchsten Gipfel des höchsten Berges der Gegend, dem Vulkanberg im Gebirge des Changbai, des wörtlich Ewig Weißen Berges. Dessen Ostteil liegt in Nordkorea, Familie Kim nimmt sie als Ahnenstätte, Werner Herzog bescheinigt allen Vulkanen spirituellen Brauchtum im Umgang mit ihnen, s. Into the Inferno, 2016.

Wie all dem auch immer sein mag, seit ich im Jahre 2006 die Randnotiz des chinesischen Reiseführers gelesen hatte, wollte ich zum Changbaishan und nach Jia Baoyus Stein suchen. Wenngleich mit einer Selbstbelächelung ausgerüstet, vermutlich auf einen touristischen Schwindel hereinzufallen, so wollte ich doch sehen, wie hier Weltreparaturmythos und Literaturklassiker aufeinandertreffen könnten. Mit der Aussicht, einem endlichen Leben gegenüberzustehen, sind für meine aktuell bislang 37 gelebten Jahre gute zehn schon eine kleine Weile. Alles zu seiner rechten Zeit, aber da der Sog des Changbaishan nicht abschwächen wollte, machte ich mich in den vergangenen Tagen nach monatelanger, mich beinahe in den Irrsinn treibend vielen Arbeit schließlich auf den Weg.

Seit einigen Jahren fröne ich dieser Reiseart als 空一下自己, durch den Weg sich entleeren, ein wenig herunterkommen. Normalerweise ohne wirkliches Ziel, mit viel Zeit und der Zuversicht, auf dem Weg schon irgendwohin zu gelangen. Dieses Mal wird vorliegende Verschriftlichung die Aufgabe übernehmen müssen, bereits eintretend. Um es vorweg zu nehmen: Montag bin ich angereist, Dienstag war ich auf dem Changbai, Dienstagabend buchte ich mein Retourticket für Mittwoch.

Sowohl das Hin am Montag als auch das Zurück am Mittwoch waren gute Wege. In Zügen in China unterwegs, sollte man Ohrstöpsel bei sich haben, hatte ich. Besonders begeistert war ich, endlich einmal wieder vom Hauptbahnhof loszufahren, dieser ist nicht für Schnellzüge ausgelegt, etwa nach Shanghai und Tianjin fährt man vom Südbahnhof, etwa nach Wuhan vom Westbahnhof und muss dafür wie zum Flughafen zunächst raus aus der Stadt. Der Hauptbahnhof aber liegt in der Innenstadt nahe der Chang’anjie, er ist eines der zehn Gebäude, die zum 10. Jubiläum der Volksrepublik 1959 gebaut wurden, mit Türmchen von Zhou Enlai und Schriftzug von Mao Zedong. Vor allem aber mit Hinaus aus dem und dann wieder Hinein ins Stadtzentrum, und nicht von einem peripher staubigen Gelände aus, das überall sein könnte.

Hier die Verbindung: Vom Beijing zhan 北京站 geht einmal täglich um 7:08 Uhr der D21 nach Antu xi 安图西, mit Ankunft um 16:14 Uhr für 353 RMB über 1.343 km (das ist der Zug mit Endstation Hunchun 珲春, s. Fahrplan hier). Es gibt noch einen Bummelzug über knapp 24 Stunden, aber neun reichen auch.

Antu findet sich im Autonomen Bezirk Yanbian der Koreaner 延边朝鲜族自治州 und 150 km von der Nordseite des Changbaishan entfernt. Es gibt Buslinien nach Erdao Baihe 二道白河, der dem Berg mit 30 km Entfernung nächstgelegenen Stadt, eher einem Durchfahrtsörtchen – der begonnene Bau einer schnelleren Zugverbindung nach Baihe wurde aus verkehrstouristischen Pro-Antu-Gründen gestoppt. Der Bus von Antu über Baihe zum Changbaishan kostet 40 Kuai, ich lasse mich tatsächlich am liebsten von lokalen Fahrern, die meist in Trauben an Bahnhöfen herumlungern, mitschnacken und mir gerne allen möglichen Lokalklatsch erzählen. Eigentlich wollte ich in einer kleinen Absteige in der Nähe des Changbai unterkommen und dort über eine Woche hinweg verschiedenste Wege nach oben und am Berg entlang besteigen, um mich so langsam meiner Steinsuche zu nähern. Nun ist der Changbai ein komplettes Naturschutzgebiet mit auf der chinesischen Seite drei Eingängen, Nord, West und Süd. Solche Gebiete werden national verwaltet, mit festgelegten Eintrittspreisen bestückt und sonst nur noch mit vermutlich zertifizierten Führern begehbar. Ich wollte auf die Nordseite, soviel hatte ich dann doch vorher herausgefunden, dass ich von hier zum Wasserfall musste. Was willst du länger dort?, fragt mich Fahrer Liu, Ein Tag reicht vollkommen und du kommst sowieso nicht von den Wegen ab, da ist alles durchgeplant. Er sollte Recht behalten. Ich blieb erst einmal den späten Nachmittag in Antu und sagte ihm für den nächsten Morgen die Abfahrt für 75 Kuai zu. Er machte sich wieder auf, um sein Auto mit noch zwei, drei anderen Fahrgästen zu füllen.

Nach Dongbei, in den Nordosten Chinas, wollte ich auch, um der Sommerhitze der Hauptstadt zu entgehen. Durch Antu kommt man innerhalb von einer halben Stunde, es gibt zwei Hauptstraßen, eine wird Straße Nummer eins genannt, die andere die alte Straße, 一号路 und 老路. Dies sind nicht die offiziellen Namen, welche Straße der Kultiviertheit 文明街 und der Neun Drachen (oder auch Kowloon Straße?) 九龙街 lauten und auch nicht viel kreativer ausfallen. Umrundet von Autobahnen und innerhalb des Dreiecks eines Flusses gelegen, war es, wie mir von verschiedenen Seiten versichert wurde, bis vor zwei Wochen noch ein wirklich schönes Städtchen. Dann trat der Fluss über die Ufer, schwemmte Brücken mit sich weg und sogar zwei sehr junge Polizisten, die erst elf Tage später aufgefunden werden konnten.



Am 15.8. traten die Sanktionen gegen Nordkorea in Kraft, der Einfluss hier soll trotz Grenznähe gering sein. Man wurschtelt weiter wie bisher, es gibt keine Industrie – wofür man dankbar durchatmet –, Hauptaugenmerk sind Tourismus und Landwirtschaft, aktuell Blaubeeren, Physalis und Melonen, an Berghängen angebauter Ginseng. Dazu kann man gut koreanisch Essen gehen und ein Bibimbap kommt tatsächlich in einem Steintopf. Sprachbarrieren existieren abgesehen vom Versuch mit ein paar älteren Koreanern nicht und man muss nicht einmal auf das Beijinger R hinten an den Begriffen verzichten. Besonders auffällig aber ist, wie sauber es hier ist. Noch mehr, wie leer, nirgends ein kleines gelbes Fahrrad oder eine sonstige Mietradmarke, die sich in Beijing, Shanghai, Wuhan und, so dachte ich bislang, über das ganze Land seit Anfang 2017 rasant verteilt hatten.



Mein Hotel namens Goldenes Tor liegt an einem der Flussarme, dieser an einem Hügel, von dem man die Stadt gut in den Blick bekommt. Ich habe gerade noch das letzte der alten Viertel sehen können, bevor auch dieser Ort so gut wie bald jedem anderen des Landes ohne spezielle Sehenswürdigkeiten gleichen wird.



Die Bagger wüteten schon, die Anwohner werden zurück in die Berge geschickt. Noch ein paar Alte zählen umherschlurfend ihre letzten Stunden. Wie lange sie noch haben, wollte ich wissen, ein paar Monate, wenigstens Wochen? Als Antwort kam: Vermutlich bis nächstes Wochenende.







Die Dächer im koreanischen Stil wird es bald nur noch wie dieses hier in einem der Touristopps zu sehen geben:



Nächster Tag, 5:30 Uhr Abfahrt. Zweieinhalb bis drei Stunden Fahrt ließen reichlich Zeit, mir alles vorher ins Detail ankündigen zu lassen. Auch stehe ich nicht das erste Mal vor einem nationalen Naturschatz, doch übertraf dieses dann doch alles bislang Erlebte. Wir reihen uns in die Buskolonne am Eingang und Fahrer Liu schärft den drei hinten sitzenden Jungs erneut ein, unsere internationale Freundin ein wenig an die Hand zu nehmen. Protest wird ignoriert, ich denke mir, ihnen irgendwann Bescheid gebend mich zu verdrücken, hoffe ich doch noch immer auf einen Zweigweg.

Schließlich war es in Zhangye auch so, dass man sich ein Busticket holen, die kilometerlangen Wege aber auch selbst ablaufen konnte. Nicht so am Changbaishan, hier darf man außerhalb des touristischen Stroms keinen einzigen Schritt setzen, an jeder geschlossenen Weggabelung steht eine Lenkperson, die Straßen sind einzig für die Busse zugelassen. Das kann man schon auch verstehen. Täglich fallen hier besonders in der Sommersaison der Ferien zwanzigtausend Menschen ein, manchmal bis zu fünfzigtausend. Wenn diese alle ihre eigenen Wege einschlügen, wäre nach spätestens einer Saison alles plattgetrampelt. Also reiht man sich in die Schlangen und verbringt zwei Drittel der Zeit mit Warten. Je später der Tag, desto mehr Leute kauen an geruchsintensiven, groben Würsten herum, ob man will oder nicht, man findet sich mitten in einer neuerlichen Übung der Kontemplation und Gelassenheit.

Eintritt 门票: 125 RMB,
Busticket 大巴车车票: 85 RMB,
Kleinbus zum Himmelssee 天池交通车票: 80 RMB.

Mal 20.000 ergibt 5,8 Millionen an Umsatz pro Tag, mal 90 Tage Hauptsaison 522 Mille, nicht schlecht.

Ich wollte:

Zur Klippe ohne Halt 无稽崖
am Gipfel grüner Rain 青埂峰
des Berges der großen Einöde 大荒山.

Nun stehe ich hier und befinde mich:

An der Klippe unter Zwanzigtausend 两万中的崖
am Gipfel bunter Regenjacken 彩色雨衣峰
des Berges im großen Treiben 伟大红尘山.

Insofern macht man sich am besten aus der Not die Tugend zunutze, nicht auszublenden, was offensichtlich vorhanden ist. So wie sich Stromleitungen durch jede Landschaft ziehen und man diese nach einiger Überwindung als ästhetische Elemente einbinden kann. Gut, hier also kein Strom, da Naturschutzgebiet, dafür gelenkte Führung, treppauf, treppab.





Oder auch ganz plakativ, my dear fellow travellers:





Durch wilde Wälder geht es zunächst mit dem Bus in rasanter Geschwindigkeit über die eine asphaltierte Straße, immer weiter winden wir uns den Berg hinauf, dann links und rechts vorbei an rustikalen Birken, schließlich nur noch Sträuchern, bis auch diese in der luftigen Höhe verschwinden. Den hier lebenden Sibirischen Tiger sahen wir natürlich nur auf Fotos. Ausstieg, alle zehn Meter erneutes Anstehen, bis man sich vorgearbeitet hat zum Himmelssee 天池.



Sehr gut gefällt mir, dass der Himmelssee bei glücklicher Wolkenlage zu einer Unterwasserlandschaft wird. Dem soll hier eine kleine Serie gewidmet sein:











Zur Klippensuche: Am Himmelssee gibt es 16 Klippen, keine ist ausgeschildert und nur eine einzige Holztafel weist die Namen der Klippen auf.





Dazu unten die paar Zeilen, wie der Berg über die Zeiten hinweg hieß. Erstmals tauchte er hiernach im Klassiker der Berge und Meere 山海经 auf, wo er 不咸山, der nicht salzige Berg (?), genannt wird. Die ganze Passage lautet: 山海经:大荒北经: “大荒之中有山,名不咸,在肃慎之国”, in der großen Einöde gibt es einen Berg, sein Name lautet Buxian, er liegt im Land der Sushen (also der antiken Volksgruppe an der nordöstlichen Grenze Chinas). Changbaishan heißt der Berg seit der Jin-Dynastie (1125–1234). Ich frage hier ein paar der Aufpasser nach der Klippe aus dem „Traum“, keiner weiß irgendetwas, keiner zuvor in Antu, niemand auf dem Weg wusste bislang mit meinen Fragen auch nur das Geringste anzufangen. Dafür weiß ich, dass ich zum Wasserfall muss. Also wieder hinab, wieder anstehen, Busfahren, aussteigen, Treppen auf und ab.



Ich gehe in eine Touristeninformation. Zwar werden hier bloß Souvenirs und Snacks verkauft, aber ich sehe eine ältere Verkäuferin, die vor sich hinlächelnd unbelagert in einer Ecke sitzt. Eigentlich möchte ich sie nicht in ihren Gedanken stören, doch sie hat mich bereits wahrgenommen und winkt mich zu sich heran. Ein neuer Versuch, ob sie die Klippe ohne Halt kenne, die aus dem „Traum der roten Kammer“? Ich kann nicht anders als sie zu berühren, nachdem sie nickt. Da nimmt sie mich doch glatt an die Hand und führt mich aus der Stube: Du wirst nicht mehr hinkommen, es ist alles abgesperrt. Aber sieh dort oben, sie zeigt auf den entfernten Wasserfall und erzählt mir, wie sie selbst vor Jahren dort war und wie die Klippe aussieht. Oben findet sich hinter dem Wasserfall eine leichte Senke, an ihren beiden Seiten zum Abhang hin ragen zwei schwarze Spitzen wie Fingerzeige auf, das ist die Klippe ohne Halt.




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Sonntag, 16. Juli 2017
Beijing wird geschlossen


Nach dem Frühlingsfest diesen Jahres 2017 hatten sie angefangen. In meiner Straße im Nordosten innerhalb des 2. Rings blieben zunächst jede dritte der erst kürzlich (zur 70-Jahrfeier des „Sieges über den Antifaschismus“ im September 2015) neben anderen Vereinheitlichungen der Fassaden für alle angebrachten Ladentore aus Stahl auch tagsüber heruntergezogen. Darunter von mir frequentierte Läden wie der Copyshop von Laoyang, der Nussmann, ein Expressservice, ein Kiosk, ein Frischnudelladen, eine Eisenwarenhandlung. Im mich hauptsächlich ernährenden Gemüse- und Obstladen meinten sie letztens, sie wüssten nicht, ob oder wann es bei ihnen soweit sei.



In der Min’an jie und von dieser abgehend in der Dongzhimen beizhongjie finden sich im Umkreis von keinen hundert Metern drei kleine Supermärkte in den Erdgeschosswohnungen des Eckblocks. Ich nenne sie Russenläden, da sie der Kundschaft in unmittelbarer Nähe der Russischen Botschaft mit einer Palette russischer Waren aufwarten. Im von mir besonders häufig aufgesuchten, der vor Jahren meine bevorzugten Wein, Milch, Kaffee, Kippen ins Angebot geholt hat, sprechen sie gar russisch.



Sie packt mir die letzten sechs Weißweinflaschen in einen Karton. Heute machen sie zu. Alle drei auf einen Schlag. Vor fünf Tagen kam der Bescheid. Seit 24 Jahren ist Frau Wang hier vor Ort. Sie kennt meine Mutter, alle in meinem Gästezimmer Nächtigenden führe ich nach Anmeldung bei der lokalen Polizeistation hier her. Als ihr Kind sechs war, hat sie den Laden eröffnet, in ihm ihre Blütezeit zugebracht, wie sie sagt.



Im zweiten Laden haben sie bereits zu demontieren begonnen, im dritten heißt es, sie würden noch einen Monat durch die Hintertür verkaufen, hinten durch den Compound dreimal rechts erreichbar. Die anderen, längst weit weniger als Zweidrittel noch geöffneten Läden in der Beixiaojie des in diesem mittlerweile in den Juli gewanderten Jahres, werden nicht mehr lange ihr Geschäft weiterführen können, so Frau Wang. Dieses Jahr wird hier noch alles geschlossen. Nicht von der Stadtregierung, es ist die Zentrale, von der die Anweisungen kommen.

Zunächst entziehen sie den Ladeninhabern die Lebensgrundlage des geöffneten Ladens, und damit entziehen sie gleichzeitig den Anwohnern die Lebensgrundlage der Versorgung. Sie wollen uns aus der Stadt heraus, nach Tongzhou, besser noch Langfang oder sonst wo in Hebei, in all die Lebens-, Geschäfts-, Gesellschaftszentren, die sie gerade erschließen. Dies ist ihr Mittel.




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Samstag, 13. Februar 2016
2016: Happy Monkeyness! 祝大家猴年疯狂!






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Freitag, 22. Januar 2016
Dunkel im Licht


Nichts Neues, aber die Kombi ist nett. "Patriotismus, Innovation, Toleranz, Tugend." Diese Plakatansagen überschwappen seit Xi das Land, um sich in die Hirne zu arbeiten. Dahinter – daraus hervor – ein Sportler in sogenannter Bekleidung, einem übergezogenen Wegwerfdress, … fragt sich, wer Dunkel, was Licht. Wohl will Licht beides sein und kommt doch dem Dunkel sehr nah.


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Donnerstag, 10. Dezember 2015
Erste Reise in den Westen

Ein Modeladen in Zhangye.

Anm.: Dieser Text entstand in leichter Abwandlung als Teil einer kleinen Festschrift mit dem Titel „Menschenbilder“ zum 60. Geburtstag meines Sinologieprofessors, hier mit Bebilderung analog zum Streckenverlauf.

Die Route: Vom Militärflughafen im Süden Beijings ging es zunächst nach Lanzhou, von dort mit dem neuen Schnellzug nach Zhangye zu den Danxia Regenbogenbergen, dann mit dem Schnellzug nach Xining und weiter mit einem Brötchenbus ans südwestliche Ende des Qinghai-Sees nach Heimahe, dort schnell wieder weg, mit Brötchen und Privatpendlern, weiter in den Westen Qinghais nach Xiangride, dann in den Süden über Dari nach Jiuzhi. Dort hörte ich nach gut zehn Tagen auf der Straße von Zhagana, im Kreis Diebu im Süden Gansus an der Grenze zu Sichuan, wo ich acht Tage blieb, über Aba und Ruoergai in Nordsichuan mit Brötchen und verschiedenen Streckenbussen kommt man hin. Die Runde zurück nach Beijing schließt sich über Wudu in der Stadt Longnan in Gansu, mit Brötchen und Bus weiter nach Baoji in Shaanxi und von dort mit dem Schnellzug über Xi’an und einem Fingerschnippen von sieben Stunden zum Westbahnhof in die Hauptstadt, zurück in meine Beixiaojie.

Ich war großteils sehr einfach unterwegs und vor allem untergebracht, 23 Tage, über 6.000 km, davon dreitausend verkürzte mit Flug und Schnellzug, der Plan war durch Fotografieren und Schreiben, hauptsächlich durch den Weg 空一下自己 zu betreiben, ein wenig herunterzukommen. Ich war alleine, wenn auch in Zhagana erst wirklich auf abgelegenen Bergwegen und in Kiefernwäldern. Dem Kong versuche ich bisweilen nachzujagen, etwa ein Mal im Jahr gerne auf diese Art. Der Weg führt durch sehr viel roten Staub, von dem ich hier berichten möchte.









Immer sonst auf Reisen bin ich erstaunt, wie in Details hinein die Regierung (ist es die Partei?, ich kann die beiden nicht auseinander halten) präsent ist – mit ihren lokalen Ablegern, aber diese exakt in Einklang und im Blick. Ich war das erste Mal so weit im Westen. Besonders in autonomen Gebieten, in Minoritätenherden wie Qinghai und seinen Randgebieten, die nicht der provinzlinearen Einteilung folgen, mit von allen drei Seiten durchdrungenen, von tibetischen, muslimischen und mongolischen Völkern, mit verpflanzten Han-Chinesen zur Aufsicht, mit für China weit hinaus unbesiedelten Landstrichen, besonders hier kommt man mit vorgeprägten Erwartungshaltungen an. Besonders hier bin ich erstaunt über die gleiche Aufbruchseuphorie wie im Osten, vielleicht ist sie auch noch stärker, da der Osten ja prosperiert und sich langsam ausbalanciert, mal zu kippen droht, alles mögliche treibt. Nach spätestens jedem zweiten Minidörfchen gibt es den aktuellen Wertekanon in Gelb auf Rot, alles blitzend neu, unterzeichnet mit Deiner Partei. In regelmäßigen Abständen Großleinwände, das Gelb fast Gold, immer auf Rot, Sterne und Fahnen, gerne ein Feld im Hintergrund, je nach Agrar- oder Industrienutzung des jeweiligen Fleckchens, vorne links zwei freundliche Polizisten oder Militärs, rechts Vatermutterkind mit enthusiastischem Bereitschaftsblick, und gelegentlich seine Präsidentschaft in persona, väterlich weise, aber fordernd, doch Wir kriegen das schon hin, gemeinsam, folget mir herunterschauend, der Vergleich mit Mao mag von solchen Auftritten kommen, aber die Richtung, ha, wo wird die uns hinführen? Aufpoliert ist sie auf jeden Fall, und in jeder Ritze präsent. Tatsächlich imposant ist die Erneuerung der gesamten Infrastruktur, mit Autobahnen, Schnellzügen und Funknetzen, Strom ist vorhanden, Wasser scheint eher Privatsache, aber die weltabgeschiedenen Landstriche oder nur als Durchfahrtsorte genutzten Dörfer, zumindest die Kreise, 县, und Stadtzentren, 镇, werden angeschlossen und sind es bereits großteils.


Touristen und Guojia-Fotografen in Zhangye bei den Regenbogenbergen 张掖丹霞地貌.


















Binggou bei Zhangye 张掖冰沟.


Binggou bei Zhangye, ein wahnsinniges Naturschauspiel, ich konnte leider nur einen Ausschnitt ablichten. Der Mittagsblick nach oben eröffnete einen Regenbogenkreis einmal komplett um die Sonne herum.

Der han-chinesische Tourist, in Gruppen, in Privatautos, in Kolonien, in Bussen, immer noch niemals alleine, aber mittlerweile auch studentisch zu zweit oder dritt, ist auf Erkundungsreisen unterwegs, das eigene Land entdecken. Juli und August sind Ferienmonate und der chinesische Tourist wird zum soziologischen und anthropologischen Forscher, nimmt unter die Lupe, was da sonst noch los ist in seinem riesigen Land. Nicht nur Blätter und Landschaften werden prüfend auseinandergenommen, inspiziert und fotografiert, vornehmlich sind auch die urigen Einwohner von Interesse. Alles wird gefragt und kommentiert. Alleinsein findet man meistens, besonders an schönen und dann gleich zu Sehenswürdigkeiten umgestalteten Orten erst nach zwei Kilometern, wenn der Tourist nicht mehr laufen mag, oder nach fünf Kilometern, wenn das Pferd als moderne Back to the Roots-Trage dem Touristen ebenfalls langweilig oder auch ausreichend geworden ist. Durch diese Kilometer aber muss man hindurch, als Ausländer noch durch Hallos und Mach ein Foto mit mir – ich habe eine kleine Nebenfotoserie gestartet, wollte jemand ein Foto von sich mit mir knipsen, habe ich ebenfalls mein Handy hingehalten. Sehr ambivalent, das Ganze. Einerseits nett, dass Interesse bekundet wird, immer und auch nicht nur mit wissenschaftlichem Wohlwollen, man nie allein sein muss, stets jemand da ist, mit dem man anstoßen kann – ganz konträr zu Deutschland, wo ein Blick zu viel sein mag und Vereinsamung nicht unbedingt die beste Alternative darstellt. Aber diese ewig gleichen Fragen können enorm eintönig werden, vor allem, wenn man allein sein möchte. Wobei natürlich dieses Mit sich und der Natur im Einklang-Gesuche auch etwas perfide ist.


Heimahe 黑马河.


Xiangride 香日德.


Auf dem Weg von Xiangride nach Dari 从香日德到达日.
















Dari 达日.





Der Guojia-Fotograf, der Fotograf des Landes, so nenne ich ihn seit dieser Reise, der selbstverständlich ebenfalls in Gruppen auftritt und massenweise das Land durchpflügt, um es in seiner schönsten Schönheit abzulichten, ist ausgestattet mit hauptsächlich Canon (Leica ist für Liebhaber), mit fetten Zoomlinsen, tonnenschwerem Stativ, 100-Taschen-Westen, ganz in Kaki, robust, Wind und Wasser abweisend, in besten Wanderschuhen und was noch alles für Zubehör, er ist ernsthaft und berufsmäßig, ziemlich deplatziert übertrieben unterwegs. Nun knipste ich in der mit als Regenbogen beschriebenen, von verschiedenfarbigen Sedimentschichten durchzogenen Berglandschaft vor mich hin, erfreute mich gerade an einem bestimmten Ausschnitt, da raunzte mich jemand von der Seite an. Vernarbt, Mitte fünfzig, in Guojia-Fotografenkluft, schnodderte er mich in unverständlichem Englisch an, wollte das sehen, über was ich eben in mich hineingegrinst hatte. Er nahm mein Gerät und hielt es mit einem Gleichmut, dass ich befürchtete, es müsse jeden Moment den bunten Berg herunterschwinden. Er sah wegen der Blendung sowieso nicht viel, sah mich kurz an, wischte mir meine Kamera zurück und meinte verächtlich It’s just ok. Was für ein Glück, dass ich nicht den Glitzerpreis des chinesischen Fotografenverbandes gewinnen möchte. Immerhin gehen sie einem Betätigungsfeld nach, in dem man, wenn auch nicht unbedingt kreativ aktiv sein, so doch Blickwinkel austesten kann. Um dann schön die Sättigung in der Postproduktion hochzuziehen.

Es ist anstrengend, in China zu reisen. Ja, aber auch ungemein belohnend, mit ein wenig Zeit und, ich weiß nicht, ist es Abgeklärtheit oder entspannte Hinnahme?, vielleicht ein sich Einlassen und, wieder, immer weiter Hongloumeng-ähnlich, ein durch den Sud die Essenzen Zulassen?


Von Dari nach Jiuzhi 从达日到久治.




Jiuzhi 久治.




Zhagana 扎尕那.

Ich möchte von der hübschen tibetischen Frau schreiben, mit rissigen Händen, dass einen schon der Anblick schmerzte, Anfang zwanzig, aus einem anderen Dorfe vorgestellt, über die Gipfel dort, mit dem Pferd in vier Stunden erreichbar. Während ihr Schwiegervater mir vom Opiumrauchen erzählte, kocht, putzt, wäscht sie immerfort. Wir saßen in der Stube, ihr unglaublich attraktiver, warmherziger Mann bereitete Tee, die ganze Familie ein wahrer Augenschmaus, drei Jungs flitzten herum. Hier stellt die Ehefrau zuerst dem Gast, dann dem Schwiegervater, dann dem Ehemann das Essen auf den Tisch, nach Erhalt fängt jeder für sich an zu schmausen, während sie zwischen weiterem Kochen kleine Portionen ohne Fleisch und Gemüse, nur die reinen Nudeln mit ein bisschen Salz und Öl zu sich nimmt. Später meinte sie, dass sie gerne mit mir auf WeChat befreundet wäre, aber dass ihr Mann ihr diese Software zum Kontakterhalt mit ihrer Familie und ihren Freunden nicht erlaubte. Mich hatte er gleich am ersten Abend zu seinem Netzwerk hinzugefügt.


Zhagana 扎尕那 mit viel, viel dunklem Grün, weiten Flächen, nur etwa 2.500 Höhenmetern und wunderbar verlassenen Bergwegen.






















Zhagana besteht aus vier, hier drei sichtbaren Dörfern, die sich durch das Tal ziehen.







Weiter möchte ich von dem muslimischen Mann in Xiangride erzählen, vor dem ich so häufig gewarnt wurde – Achtung, gefährlich! – und der sagte, Harmonie, Frieden, das will ich doch auch nur, ich will doch auch nur mein Leben in Ruhe leben dürfen. Von dem Han-Chinesen, ebenfalls aus Xiangride, der mich nach Dari brachte und dabei in einem wilden Durcheinander von seinen Vorstellungen über Buddhismus und Zweisamkeit schwadronierte. Von dem tibetischen Geschwisterpaar, das mich einen Tag länger in Jiuzhi verweilen ließ, mit mir im Auto bei Nacht und weiter am nächsten Tag herumfuhr und die witzigsten Geschichten der Lokalpolizisten fabulierte. Von den Militärs, die mich in Baoji auf einem Berg aufgriffen und zu Polizei und Erklärung mit Fingerabdruck auf dreiseitigem Protokoll schleppten, nicht ein Sterbenswörtchen darüber verlauten lassend, was und überhaupt – die mich schön in die Realität zurückholten.



Die Wirklichkeit. Objektivität, auch viel Passivität, manchmal schlummernd bis zum rechten Zeitpunkt, oder auch nicht. Wirklichkeit als Möglichkeit. Meinetwegen im Sinne von Subjektivität, aber mehr noch als mögliche Machbarkeit. Parallelitäten im Ganzen, verwoben, mal übereinander hinwegrüpelnd, dann stolpernd, um sich schlagend, dies auch teils forcierend, aber im Allgemeinen doch eigene Freiräume sich suchend, dort einnistend, vielleicht gedeihend. Ich bin längst noch nicht fertig mit ihr, mit der Wirklichkeit der Illusion. Mit dem Westen Chinas habe ich gerade erst begonnen.

August 2015.


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