Montag, 3. Januar 2022
Toulouse 法国图卢兹


Zwischen den Jahren war ich in Toulouse. In Europa habe ich wahrlich noch einige interessante Orte nachzuholen, und in Südfrankreich war ich gar bislang noch in keiner Großstadt. Hier ist alles pastellfarben, selbst die Leute kommen mir zuckerwattiger vor, vielleicht waren sie aber auch nur wie ich in Urlaubslaune. Auf die Dauer würde mir die lokalkalorierte Sanftheit vermutlich zu Kopfe steigen, doch für eine Woche ist es sehr einlullend. Toulouse gilt wegen seiner Gebäude aus rosafarbenem Backstein als „la ville rose“, die rosafarbene Stadt. Auch viele der Neubauten greifen das Farbschema auf, besonders sehenswert sind aber die zahlreichen Altbauten, die schmalen Gässchen der Altstadt, die vielen Kirchen und häufig auf Rondellen und Plätzen und in Parkstreifen platzierten Skulpturen. Neben Rosa ist Pastellblau die Farbe, die die Stadt Ende der Renaissance ab Mitte des 15. Jahrhunderts zu Reichtum gebracht hat – viele der Fensterläden sind in diesem oder ähnlichem Blau bemalt.

In der Regionalsprache Okzitanisch auch Tolosa genannt, war die Stadt unter dem Namen Tolose eine wichtige gallische Stadt, datierbar auf um 100 v. Chr. Durchzogen ist sie von der Garonne und dem 1681 fertiggestellten Canal du Midi, der seit 1996 Weltkulturerbe ist. Auf beiden Wassern kann man die Bateaux Toulousains nehmen, die Toulouser Lastkähne, allerdings nicht im Winter. Dann soll man an ein paar der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbeischippern. Dazu kommt ein Seitenkanal der Garonne, besonders gut gefällt mir, dass die Kanäle die Stadt mit dem Mittelmeer und dem Atlantik verbinden. Zu beiden Meeren kommt man von hier aus auch so gut hin, dazu in die Pyrenäen, nach Andorra, auf den Jakobsweg und Charly machte uns darauf aufmerksam, dass auf der Autobahn gen Mittelmeer bereits Barcelona ausgeschildert steht. Toulouse pflegt unter anderem seit 1982 eine Städtepartnerschaft mit Chongqing. Davon war vor Ort nichts zu entdecken, ich werde die Augen offenhalten, wenn ich das nächstes Mal dort bin, ob dies in Chongqing anders gehandhabt wird.








Hôtel d‘Assézat.


Im Innenhof vom Hôtel d‘Assézat.


Ebd.


Französische Balkone, wie kann man sie nicht lieben.








Etwas schwer zu erkennen, aber hier ist vorne links eine Statue von Amor, der soeben seinen Pfeil abgeschossen hat. Geschätzt zwanzig Meter weiter steht hinten rechts eine Statue mit einem innig in sich selbst verschlungenen Liebespaar. Fand ich sehr charmant.


Statuen und riesige Bäume, manchmal kamen sie sogar zusammen, hier ein Jüngling mitten im Grün.


Und ein Kaki-Baum, der einen Beijing ersehnen lässt, hier leider unten nur als Mus.


Pont Neuf ist die älteste bis heute erhaltene Brücke über die Garonne, erbaut 1543–1632. Warum man damals allerdings neunzig Jahre an einer Brücke herumwerkelte, hat sich mir nicht erschlossen.
Links unten im Brückenbogen sitzt eine der über die Stadt verteilten roten Figuren von James Colomina, diese mit dem Namen: L'enfant au bonnet d'âne (Das Kind mit der Eselsmütze). O. J.


Von der Pont Neuf gen Norden links das Hôpital de la Grave aus dem 12. Jahrhundert mit anliegendem Hôtel-Dieu Saint-Jacques aus dem 14. Jahrhundert. Beide Gebäudekomplexe kümmern sich bis heute um die Versorgung und Betreuung von Bedürftigen, Pilger·innen und ausgesetzten Neugeborenen.


Pont Neuf von der Sonnenseite …


… und von dort die Stadtsilhouette den Grünstreifen entlang.








Hausboote am Canal du Midi.

Zwischendurch ein paar Kirchblicke:


Cathédrale Saint-Étienne.


Ebd.


Basilika Saint-Sernin, ein romanischer Bau, 11.–12. Jahrhundert, seit 1998 Welterbe.


Ebd. an einer Außenfassade. Vielleicht ist mir der biblische Kontext entgangen, andererseits würde es mich auch sehr erfreuen, Feldarbeit sakralisiert zu verstehen.


Aus der Rue des Arts mit Blick auf das Musée des Augustins.

Selbst Graffiti und Loggia-Bepflanzungen halten sich an das Farbschema der Stadt:






An Museen wird einem online zunächst das Flugzeugmuseum angepriesen, ansonsten ist Airbus nicht übermäßig präsent. Dazu gibt es noch ein Wissenschaftsmuseum, ein Naturkundemuseum, einen Technologiepark und einige Spezialmuseen wie ein Maschinen-, ein Medizinmuseum, aber auch ein Museum der Resistance und allerlei historische Museen. Viele der letzten Kategorie sind in alten Gebäuden untergebracht, in ehemaligen romanischen Klöstern oder angegliedert in als Hotels umgewandelten Patrizierhäusern im Renaissancestil. Viele waren über die Feiertage geschlossen oder nutzen wahrscheinlich weiterhin die Coronazeit für Renovierungsarbeiten. In ein paar konnte ich hineinschauen:

Zunächst ging es ins Les Abattoirs. Dafür wandelt man über die dieses Mal nebelverhangene Pont Neuf und ein Stück weiter hinter das Krankenhaus Hôpital de la Grave.


Das Krankenhaus von der Pont Neuf aus.


Das hier ist, wenn mich nicht alles täuscht, das Hauptgebäude der Kunstakademie auf der östlichen Seite der Garonne an der Pont Neuf.


Zufahrtsstraße zum Hôpital de la Grave.


Im angrenzenden Park des Abattoirs mit der Pont Saint-Pierre im Hintergrund rechts.


Les Abattoirs – Toulouse Modern and Contemporary Art Centre

Les Abattoirs ist die wohl sehenswerteste Anlage für Gegenwartskunst in Toulouse, ein im Jahr 2000 eröffnetes Kunstzentrum auf 3000m2 in einem ehemaligen Schlachthof von 1831. Aktuell liefen vier Ausstellungen.

Die beste Ausstellung wurde im Untergeschoss gezeigt, La Dame à la Licorne: Medieval and So Contemporary, 30.10.2021–16.1.2022. Sechs spätmittelalterliche Wandteppiche wurden mit mir leider sprachlich unverständlichen Interpretationen präsentiert. „Die Dame und das Einhorn“ lautet der Titel, die unterschiedlichen Damen wurden klassifiziert in so etwas wie Berührung, Geschmack, Geruch, Gehör, Blick (Original: le toucher, le gôut, l‘odorat, l‘ouïe, la vue, mon seul désir). Dazu wurden zahlreiche der dargestellten Tiere und Pflanzen einzeln vorgestellt. Und dann ging es mit der Gegenwart los. Zunächst gab es einen Wandteppich in aktualisierter Anlehnung an die mittelalten, s. u. von Husky, und daraufhin traten alle möglichen Einhörner in die Hallen. Ich war beeindruckt, wie unverfroren spielerisch hier der teils wildeste Kitsch ausgepackt wurde – beim Großteil sah ich mich außerstande, ihn abzulichten. Außerdem fand ich interessant, und das gilt für alle besuchten Ausstellungen, dass zu den Künstler·innen stets die Geburtsdaten angegeben wurden, dafür selten die Größenangaben. Die Materialangaben musste ich weggelassen, mein Schulfranzösisch ist leider längst vergessen. Zurück zu den Damen.

Zunächst die Wandteppiche, da viel zu groß für meine Linse, jeweils als Detail, um 1500:












Suzanne Husky (*1975): La Noble Pastorale. Wandteppich (Edition 2 von 18), 202x243cm, 2017.


Maïder Fortuné (*1973): Licorne. Videostill, 2005.


Pablo Picasso (1881–1973): La dépouille du Minotaure en costume d‘Arlequin (Rideau de scène pour le 14 juillet de Romain Rolland Réalisé à Paris). Detail, 1936.
Malerei in Kollaboration mit Luis Fernandez nach einem Gouache von Picasso, o. J.


Southway Studio, Bella Hunt & Ddc: Henri II – Roi Sorcier. 65x35x21cm, 2021.


Im Erdgeschoss lief La Déconniatrie: Art, Exile and Psychiatry around François Tosquelles, 14.10.2021–6.3.2022. Mit Dekoniatrie, Geburtshilfe, sind Werke der Art Brut gemeint, als deren Ausgangspunkt die Ansätze des katalanischen Psychiaters François Tosquelles (1912–1994) mit den Arbeiten seiner Patient·innen dargestellt wurden.


Antonin Artaud (1896–1948): La Révolution des anges sortis des limbes. 1946.


Léon Schwarz-Abrys (1905–1990) (alle drei): Sans titre. Ca. 1940.


Gyula Halász, dit Brassaï (1899–1984): Graffiti, La Magie, „Démon“, Belleville, Paris. 1955.


Jean Dubuffet (1901–1985): Pisseur en face I. 1961.


Im Obergeschoss wurden präsentiert:

Mezzanine Sud: Prix des Amis des Abattoirs“, 16.12.2020–9.5.2021 (verlängert).


Anna Solal (*1988): Tournesol. 2019.


Naomi Maury (*1991): The Song of a Phantom Limb. 2021.


Maxim Sanchez (*1992): Grolem. 2021.

„Artiste / Artisan? Nouvelle présentation de la collection Daniel Cordier“ (1920–2020), ohne Zeitangabe.


Katinka Bock (*1976): Sechs Prozent flüchtige Bestandteile – Ensemble 2. 2007.


Yolande Fièvre (1907–1982): Plan d‘une vieille cité pour rêver. 1960.


Louise Nevelson (1899–1988): Sans titre. 1959.


Artist unknown, France: Gouttières en imitation de tige de bambou. 19. Jahrhundert.


Daniel Dewar (*1976) und Grégory Gicquel (*1975): Legs. Videostill, 2009.


Musée des Augustins

Ein Großteil der hiesigen Ausstellungsfläche ist wegen Renovierung bis 2023 geschlossen. Es handelt sich um ein altes Augustinerkloster im gotischen Baustil, 14.–15. Jahrhundert, das 1793 als Museum eröffnete. Die aktuell nicht zugängliche Sammlung besteht aus Werken aus dem Mittelalter, historischen Architekturfragmenten sowie Gemälden und Skulpturen, 17.–20. Jahrhundert von Delacroix und anderen.





Um den Innenhof war eine Reihe von Wasserspeiern aufgestellt. Wikipedia sagt, dass die französische Bezeichnung „Gargouille“ lautet und lautmalerisch mit deutsch Gurgeln verwandt ist. Für mich waren es bislang Dämonen, die den Teufel von Kirchen abwehren sollen, und ich war sehr begeistert, sie von nahem sehen zu dürfen.







Dazu und hauptsächlich lief Théodule Ribot (1823–1891): A Delightful Darkness, 16.10.2021–10.1.2022.

Es ging um Ribot, seine Einflüsse und Zeitgenossen. Zur Unterscheidung der Werke wurden Ribots Arbeiten auf schwarzem Hintergrund präsentiert, die anderen auf blauem. Dazu gab es die Ausstellungsschilder von Arbeiten aus dem 17. und 18. Jahrhundert in Grün, die von Ribots Zeitgenossen in Rosa – so dezent wie hilfreich. Die Unterteilung verlief in Kategorien wie Küche, Porträts, Musiker·innen, Landschaft, Gemarterte (torturer) und Intellektuelle. Der dargestellte Realismus verlief meist ohne viel und auf dunklem Hintergrund. Die gelegentlich fotografische Unschärfe ist meine Schuld, pardon – allerdings war ich fasziniert von den malerischen Unschärfen in den Bildern mit den Asterisken (s. u. *), die dadurch etwas Cinematisches aufweisen.


Théodule Ribot: Autoportrait. Oil on canvas, ca. 1887–1890.


Théodule Ribot: Un gigot. Oil on canvas, o. J.


Théodule Ribot: Nature morte à la citrouille et aux prunes, cerises et figues avec pot. Oil on canvas, estimated 1850s.
Es soll in Korrespondenz mit dem Folgenden gestanden haben:


Eugène Boudin (1824–1898): Nature morte au potiron. Oil on canvas, o. J.


Joseph Bail (1862–1921): Marmiton portant des rougets. Oil on cardboard, 1887.


Théodule Ribot: Le Mitron. Oil on canvas, o. J.


Joseph Bail: Les Joueurs de cartes. Oil on canvas, 1897.


Ebd., Detail.


Théodule Ribot: Portrait de la mère de l‘artiste. Oil on canvas, o. J.


Théodule Ribot: La Charbonnière. Oil on canvas, 1880.


Théodule Ribot: Le Flûteur, dit La Recette. Oil on canvas, 1865.


Théodule Ribot: Les Empiriques. Oil on canvas, o. J.
(*, die Figur hinten rechts ist im Gegensatz zu den vorderen beiden unscharf, fast schon leicht verwischt gemalt.)


Alfred Philippe Roll (1846–1919): Tête de mineur. Oil on canvas, 1880.


Théodule Ribot: La Comptabilité. Oil on canvas, o. J.


Théodule Ribot: Paysage. Oil on canvas, o. J.


Gustave Courbet (1819–1877): Paysage aux lavandières. Oil on canvas, o. J.


Théodule Ribot: La Chorale. Oil on canvas, o. J.
(*, die Figur vorne rechts ist scharf gemalt, die beiden im Hintergrund sind auffällig unscharf.)


Théodule Ribot: Le Bon Samaritain. Oil on canvas, 1870.


Théodule Ribot: Trois vieux juifs. Oil on canvas, 1880.


Théodule Ribot: Les Philosophes. Oil on canvas, 1869.
(*, auch hier sind die beiden Figuren im Hintergrund, rechts im Bild, leicht unscharf gemalt, wobei die ganz rechte Figur auch in skeptischer Mimik begriffen sein könnten.)


Théodule Ribot: Héraclite. Oil on canvas, o. J.

In derselben Halle ist ein kleiner Teil der Museumssammlung zu sehen:


François Lucas (1736–1813) (Skulptur in der Mitte vorne): Jean Charles Ledesmé, baron of Saint-Élix (1721–1806). 1762.


Marx Arcis (1652–1739) (Figuren vorne, v. l. n. r., alle: after 1691(?)):
Saint Simon Stock. Elijah. Elisha. Agabus.




Galerie Le Château d‘Eau

Die staatlich unterstützte Kunstgalerie mit Schwerpunkt Fotografie befindet sich in einem ehemaligen Wasserturm aus dem 19. Jahrhundert, eröffnet 1974. In den angrenzenden Räumen scheint sich mir, zumindest auf den schnellen Blick, eine gutsortierte Bibliothek über Fotografie zu befinden. Die Website der Galerie ist abgelaufen, es werden wohl vermehrt Facebook und Instagram genutzt, hier der Wiki-Link (fr.).

Aktuell läuft: Nicholas Nixon: Une infime distance, 3.11.2021–16.1.2022.


The Brown Sisters. 1975–2021.
Dieses sind die letzten drei Bilder von 2019 bis 2021. Das Bild von 2020 musste wegen der Pandemie in vier Bildern, vermutlich sogar per Videoanruf geknipst werden.


Leider ohne Angabe, meine Schuld, sorry.


Außerdem haben wir einen Tagesausflug nach Narbonne ans Mittelmeer gemacht.




Als Lenticularis, linsenförmig, werden diese Wolkenformationen bezeichnet.


Hier wurde man gleich mit mehreren Wirbellinsen beglückt.




Und bis in ein grandioses Sonnenuntergangsszenario hinein.










Um nicht allzu himmlisch-harmonisch zu enden: Charlys Kinder machten mich gleich zu Beginn meiner Ankunft eindringlich darauf aufmerksam, bitte nicht ständig nur die Häuserfassaden hochzublicken. Denn obwohl überall Kottütchen hängen, nehmen es die Toulouser·innen scheinbar nicht so genau mit der Entsorgung beim Gassigehen. Die pastellene Lieblichkeit hat also ihre Grenzen, was ich wiederum als gerechten Ausgleich empfinde.




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