Freitag, 26. Dezember 2025
Inside Propaganda: Konfuzius-Institut
Mit Beispiel: Nanjing im Spätsommer 2025
Bisher habe ich vermehrt von außen über chinesische Propaganda geschrieben. Einen direkten Einblick erhielt ich ein Jahr lang 2025 als Redakteurin der deutschen Seite des bilingualen Magazins vom Konfuzius-Institut Leipzig. Abgesehen davon, dass ich ein mich finanziell unterstützendes Projekt brauchte – und außerdem das Leipziger Team wirklich sehr nett ist –, habe ich die Teilnahme an dieser Arbeit mir gegenüber durch die Innensicht in die chinesische Propagandamaschinerie gerechtfertigt. Jede·r geht immerzu Kompromisse ein, dennoch bleibt selbst bei dieser Interessantes versprechenden Begründung ein Nachgeschmack, wenn man sich Unabhängigkeit auf die Fahne schreibt.

Zuvor habe ich gelegentliche Zusammenarbeiten mit Konfuzius-Instituten dann angenommen, wenn sie nur mich persönlich betreffen und keine chinesischen Künstler·innen involvieren. Zwar konnte ich selbst auch aus dem Land geworfen bzw. kann mir inzwischen der Zutritt verweigert werden, ich wollte und will jedoch niemand anderen für weder den jeweiligen Moment noch mögliche Zukünfte vor Ort in China gefährden – schließlich handelt es sich bei den Instituten um außenpolitische Vertretungen der Volksrepublik, die dem Ministerium für Bildung der Zentralregierung unterstellt sind und als Instrument der Softpower verstanden und eingesetzt werden.

Deshalb arbeitete ich dieses Jahr für das Leipziger Magazin auch eher unter dem Radar – ich tauche nicht namentlich als Redakteurin auf, sondern nur im Lektorat, und eigene Beiträge habe ich meist unter Pseudonym geschrieben bzw. laufen die kleinteiligen Empfehlungen, alle möglichen Erläuterungen und die Editorials sowieso ohne Namensnennung. Bevor ich für 2026 wieder ein neues Projekt mit neuen Finanzspritzen benötige, ging es für die einmal im Jahr erscheinende Ortsausgabe des Magazins mit der gesamten fünfköpfigen Leipziger Redaktion nach Nanjing. Die Reise soll unten als weiteres Beispiel dienen und wird um meine eigenen Interessengebiete ergänzt.

In diesem Blogpost möchte ich meine Erfahrungen teilen – wie immer natürlich aus meiner persönlichen Sicht. Ich verzichte auf konkrete Personenangaben, zum einen, weil dieser Text nicht mit den Beteiligten abgesprochen ist; vor allem aber beziehe ich mich entgegen meiner sonstigen Überzeugung auf „die deutsche“ und „die chinesische“ Seite, weil ich von beiden sehr unterschiedliche Positionen wahrgenommen habe. Bei Bedarf sei auf die Impressen verwiesen.

Zunächst gehe ich auf die Struktur der Institute und ihrer Magazine ein und erläutere sie. Es folgen anhand von Beispielen chinesische Sensibilitäten bezüglich Wort und Bild. Zu Anfang meiner Tätigkeit habe ich eine Textdatei mit Skurrilitäten angelegt, der diese Beispiele entstammen. Im Anschluss findet sich die Reise nach Nanjing im Herbst 2025, zu der hier gesprungen werden kann.

Aufgrund der Verzögerungen aus China bei der Nanjing-Ausgabe ist der Stand dieses Blogposts vom: 6.2.2026.



Bildschirmfoto: Alle seit 2014 herausgegebenen Ausgaben des deutschsprachigen Magazins des Konfuzius-Instituts finden sich online auf der Verlagsplattform Issuu, s. hier.


Zur Struktur der Konfuzius-Institute und ihrer Magazine

Für eine erste Einordnung vorab dieser Auszug aus meiner Diss (2022: S. 44, 53f):

„Mit dem 11. Fünfjahresplan der Regierung ([der KPCh,] 2006–2010) wurde ‚Softpower‘ als ‚sanfte Macht‘ eingeführt und die Kulturindustrie offiziell als Wirtschaftszweig hervorgehoben.“

„Außenpolitisch sind für die Umsetzung dieser [der chinesischen] Softpower das Hanban und seine Konfuzius-Institute prominente Vertretungen: Das in der Kurzform als Hanban 汉办 bekannte, 1987 als außenpolitische Kulturinstitution gegründete Büro der Führungsgruppe zur internationalen Verbreitung der chinesischen Sprache der VRCh 中华人民共和国国家汉语国际推广领导小组办公室 untersteht dem Ministerium für Bildung der Zentralregierung.[Fußnote 176] Mit Beginn der Regierungszeit von Hu Jintao 2002 erhielt das Hanban den Auftrag, Sprachförderinstitutionen im Ausland nach dem Vorbild etwa des deutschen Goethe-Instituts oder des spanischen Instituto Cervantes zu errichten. 2004 wurde in Seoul das erste Konfuzius-Institut 孔子学院 eröffnet, 2018 waren in über 150 Ländern über 500 Institute gegründet. Da die Institute dem Hanban unterstehen, müssen Veranstaltungen und Personalauswahl vom Hanban genehmigt sein und also in Übereinstimmung mit den Vorstellungen der Volksrepublik stehen. Dass die Institute inhaltlich Einfluss auf Veranstaltungen ihrer Partneruniversitäten nehmen würden, ist seit Beginn das Hauptbedenken besonders aus dem Westen.“

„[Fußnote 176:] Hanban wurde ab 2020 umbenannt in Center for Language Education and Cooperation (CLEC) 教育部中外语言交流合作中心, kurz: 语言合作中心. […]“

Seither ist die Gemengelage etwas undurchsichtiger: Ab 2020 wurden Aufsicht, Verwaltung und Betrieb von CLEC auf die neugegründete Stiftung namens Chinese International Education Foundation (CIEF) 中国国际中文教育基金会 übertragen. Diese in Beijing ansässige Stiftung bezeichnet sich selbst als „gemeinnützige Organisation“ (慈善组织, s. hier) und ist, wie verpflichtet, als solche registriert beim Ministerium für zivile Angelegenheiten (民政部) der Zentralregierung, das unter anderem für Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zuständig ist. Da NGOs in China im westlichen Verständnis von „Nichtstaatlichkeit“ so gut wie nicht mehr existieren, handelt es sich also um einen der typischen chinesischen Sonderfälle einer „staatlich angegliederten NGO“ (官办非政府组织). Die CIEF fungiert seither als Herausgeberin der Magazine, in den Impressen wird jedoch weiterhin das Ministerium für Bildung als übergeordnete Leitungsinstanz genannt (主管:中华人民共和国教育部;主办:中国国际中文教育基金会).

In dem Bericht der Friedrich-Ebert-Stiftung von Andrea Frenzel: Deutsch-chinesische Kooperationen in Bildung und Kultur (Juni 2025, S. 27f), heißt es, dass „die [Konfuzius-]Institute seit 2020 unter der Rubrik ‚Politische Einflussnahme‘ in den Verfassungsschutzberichten erwähnt“ würden (mit Dank für den Hinweis an Benjamin).

Im Jahr 2024 feierte das Konfuzius-Institut sein 20jähriges Bestehen seit seiner Gründung, 15 Jahre Magazin sowie 10 Jahre des deutschsprachigen Magazins. Dafür erschien eine Jubiläumsausgabe (5-2024) – aus dieser stammt der Großteil der folgenden, hier teils ergänzten oder erläuterten Selbstangaben (Statistik: S. 6–9):
  • Aktuelle Zahlen: Stand Juni 2024 existieren weltweit 495 Konfuzius-Institute, davon 49 sogenannte Modell-Konfuzius-Institute (die seit 2015 verstärkte Unterstützung erhalten), und dazu 763 sogenannte Konfuzius-Klassenzimmer (geförderte Projekte an Schulen, in deren Rahmen das Konfuzius-Institut Lehrkräfte sowie Lehrmaterialien stellt und die Schulen bei Kulturveranstaltungen unterstützt) mit über 1500 chinesischen und ausländischen Kooperationspartnern an über 3900 ausländischen Institutionen, jährlich mit weit über einer Million registrierten Teilnehmer·innen an Sprachprogrammen; der weitaus größte Anteil fällt dabei auf Europa: 183 Institute, davon 21 Modell-Institute, und 332 Klassenzimmer
  • Gründung der ersten Konfuzius-Institute im deutschsprachigen Raum: Berlin im April 2006, Nürnberg-Erlangen im Mai 2006
  • Anzahl der Konfuzius-Institute im deutschsprachigen Raum: 19 in Deutschland, dazu 2 in Österreich (in Wien und Graz) und 1 in der Schweiz (in Genf, mit Verwaltungssprache Französisch, aber einziges Institut in der Schweiz)
  • Konfuzius-Institute im deutschsprachigen Raum nach Gründungsjahr: 2006: Berlin, Nürnberg-Erlangen, Düsseldorf, Wien; 2007: Hannover, Frankfurt am Main, Hamburg; 2008: Leipzig, Trier; 2009: Heidelberg, Freiburg, Duisburg-Essen; 2010: Graz; 2011: Erfurt, Genf; 2012: München; 2013: Bremen; 2014: Göttingen; 2015: Paderborn; 2016: Stralsund; 2017: Bonn, Ingolstadt
  • Die Zusammenarbeit verläuft in der Regel zwischen einer chinesischen und einer deutschen Universität; seit den Gründungen wurden einige dieser Kooperationsvereinbarungen verändert oder aufgelöst, etwa vonseiten der Universität Hamburg 2020
  • Gründung des ersten zweisprachigen Magazins: chinesisch-englisch im März 2009
  • Gründung der chinesisch-deutschen Ausgabe: 2014 in Leipzig

Insgesamt werden die bilingualen Magazine mit je sechs Ausgaben pro Jahr inzwischen in elf verschiedenen Sprachen herausgegeben (zusammen mit dem chinesischen Text die Sprachen: Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Deutsch, Italienisch, Portugiesisch, Arabisch, Thai, Koreanisch und Japanisch). Die Redaktion sitzt in Shanghai an der Shanghai International Studies University, kurz: SISU 上外. Für die deutschsprachige Ausgabe unterhält Leipzig als einziges Institut eine eigene Redaktion und Grafik vor Ort – Inhalte und Absprachen verfolgen das Modell 50% in Leipzig, 50% in Shanghai. Zumindest war dies die bisherige Rahmenbedingung, unter der auch ich in die Redaktion eingeführt wurde.

Bislang wurde die 50:50-Rahmung nicht offiziell revidiert, aber im Laufe dieses einen Jahres änderte sich einiges – was zu regelmäßigem Gesprächsstoff inklusive Überlegungen des Umgangs damit auf Leipziger Seite führte. Einmal hieß es von chinesischer Seite: 50:50 bedeute nicht, wir, also Leipzig, dürften 50% allein entscheiden. Das ist ein valider Punkt, denn man würde sich etwas vormachen, wenn man nicht bedenkt, dass die Schlussentscheidung aus China kommt – zunächst aus Shanghai, aber diese sind ebenfalls nur Mittler und müssen sich im letzten Schritt die Abnahme von der Stiftung aus Beijing einholen. Inzwischen wird von dort nichts mehr einfach nur durchgewinkt, sondern alles genauestens, wirklich Wort für Wort auf KP-Treue geprüft. Zur 50:50er Regelung hieß es ein weiteres Mal aus Shanghai erstaunlich direkt: „Ihr habt keine Macht, unsere Artikel abzusagen, ihr könnt Vorschläge machen.“ Darauf folgte die Ansage, dass in Zukunft weniger Artikel beauftragt werden sollten. Im Endeffekt ist es auch eine Geldfrage, schließlich kostet es weniger, aus dem Pool der anderen zehn Sprachausgaben von bereits veröffentlichen Beiträgen zu schöpfen. Besonders die Ausrichtung auf verschiedene Zielgruppen unterliegt solchen Ansätzen naturgemäß. Doch letztlich scheint es SISU vor allem um die Mehrarbeit zu gehen, die der Redaktion durch den deutschen Sonderweg aufgebürdet wird. Deswegen lautet das Zauberwort zum Verhalten von SISU: yìyán 一言, zentralistisch (wörtlich: ein Wort, yī yán; gemeint ist aber, im Sinne von yìyántáng 一言堂: autoritär); und yìyán 异言, der gleichklingende Einwand, wird nicht gewährt. Dies lässt sich auch geopolitisch als Erhöhung der Eskalationsstufe verstehen: Denn so sieht die harscher werdende Erbarmungslosigkeit unter Xi Jinping aus.

Wenn es zu Gründungsbeginn des Magazins im Jahr 2014 bereits die landesweit normierten Zensurvorgaben offensichtlich unerwünschter Themen gegeben hatte (keine Politik, kein Sex, keine Gewalt – also definitiv ohne Tian’anmen, Tibet, Taiwan usw.), so soll anfangs noch relativ frei agiert worden sein können. Das kann ich für die Kunstszene bestätigen, aber was einst schon nicht mehr lange anhielt, wird nun noch einmal strikter angewendet.

Doch auch heute bleibt die Willkür als Instrument der Verunsicherung der beste Pfeiler von Zensur: „Ob mit damals gelegentlicher oder jetzt regelmäßiger Kontrolle, so existiert laut inoffiziellen Angaben bis heute kein eindeutiger Regelapparat. Es bleibt und soll damit wohl unklar bleiben, wie weit man tatsächlich gehen kann, und wie geschult die Zensor·innen sind, um subtile Andeutungen zu verstehen. Zur staatlichen Zensur (国家审查) kommt also die Selbstzensur (自我监控), die als ‚Schere im Kopf‘ ein funktionstüchtiges, indirektes Instrument ist.“ „‚[G]uided by ideology and by a belief system‘ (Brown 2018: S. 10), versteht sich die KPCh nicht nur als politische Partei, sie will Identität schaffen, kulturell und moralisch.“ (Erneut aus meiner Diss, 2022: 53.) „Trotz erheblicher Veränderungen gilt die Willkür der Zensur unter Xi Jinping weiterhin, gerade weil sich die Zuständigkeiten in großem Ausmaß zentralisiert haben. Da die Machtbefugnisse enger geworden sind, warten einzelne Entscheidungsträger·innen lieber ab (vgl. Shi und Rudolf 2014: 7). Dazu kommen beinahe jährliche Veränderungen, durch die die Strukturen entsprechend diffuser, ineinander verwobener erscheinen.“ (Ebd.: 57.)

Der Grundgedanke der deutschen Ausgabe dieses Heftes ist ehrenhaft und für sich genommen unbedingt unterstützenswert: Es ging Leipzig wohl einmal darum, einer deutschen Leser·innenschaft mit Chinainteresse die selbstverständlich vorhandenen anderen Facetten dieses großen, diversen Landes vorzustellen – als Gegenentwurf zur sonst häufig angstbehafteten Presse über China seitens der deutschen Medienlandschaft. Um ein hiesiges Publikum anzusprechen, wurde auch das Layout nach Deutschland verlegt. Chinesische Softpower funktioniert in China erschreckend gut und mag laut einer Einzelaussage auch in Lateinamerika gelingen, wirkt hierzulande aber immer verschrobener – das Leipziger Magazin war phasen- und facettenweise der Versuch eines Gegenbeispiels. Allerdings ist die Überlegung nicht abwegig, dass China diese Wirkung inzwischen gleichgültig ist – doch so angebracht das eigene Selbstbewusstsein national und global sein mag, so sehr läuft es der Gefahr der Egozentrik entgegen.

Hinzu kommt ein mondäner chinesischer Schreibstil, der bereits über zahlreiche Dynastien bis heute zelebriert wird und sich in monumentalen Satzstrukturen und kunstvoll konstruierten Lobpreisungen prächtigster Pracht äußert (vgl. die Dissertation von Teng Yuning, 2024: S. 13, noch unveröffentlicht, sowie von Wu Hung, 1996: Monumentality in Early Chinese Art and Architecture). Dabei ging und geht es nicht zwangsläufig um Indoktrination, sondern betrifft wohlmöglich das Phänomen der Andeutung zwischen den Zeilen, steht also im Gegensatz zu dem auf gut Deutsch direkten Kritisieren. Außer Acht gelassen wird dabei von chinesischer Seite, dass Texte, die ausschließlich etwas bejubeln oder detailverliebt übertrieben emphatisch sind, zumindest für eine informierte deutsche Leser·innenschaft zu PR-Texten werden und damit unglaubwürdig.

Ein amüsantes Beispiel erwünschter Sinisierung (der sogenannten Chinamethode 中国式) ist das Editorial zur Ausgabe „Züge“ (2-2025, S. 1), in dem mein Aufhänger von SISU als zu negativ empfunden wurde und mehrere Redaktionsschleifen benötigte, um Kritik an Deutschland bei gleichzeitigem Lob für China zu ermöglichen – dahingestellt, ob das Augenzwinkern hier überhaupt verstanden wurde: „Ein Thema, bei dem man sich in Deutschland ungewöhnlich einig ist, ist die Unzuverlässigkeit der Deutschen Bahn. Mittlerweile hört man aus der Bevölkerung immer einmal wieder die Überlegung, chinesische Ingenieur:innen und Planer:innen einzuladen, um sich den unzähligen Baustellen hierzulande anzunehmen.“

Katharinas Erfahrung aus ihrer Zeit bei China Daily, in Übersetzungen gerade nicht zu sehr in den blumig verklausulierten chinesischen Stil einzugreifen, um ihn als Propaganda kenntlich zu erhalten, finde ich allerdings schlüssig: Dies trumpft den Anspruch einer interkulturellen Übersetzung, also dass ein Text in der neuen Sprache funktionieren soll. Eine sehr parteikonforme Schreibe kann übrigens gut als „Büromief“ bezeichnet werden (der Dank für diese passende Bezeichnung gilt Eva).

Man könnte so schöne Arbeit mit einem deutsch-chinesischsprachigen Magazin über China leisten, mit eben jener tatsächlich interkulturellen Übertragung und im gemeinsamen Austausch. Fürs deutsche Publikum und für die chinesische Diaspora, mit einer deutschen und daneben einer chinesischen Perspektive auf China, in einem Miteinander. Im Austausch von Bildern, Gedanken, Vorstellungen zu allen möglichen Themen – als Kulturaustausch. Die Kosten lägen für einen dem Leipziger Magazin ähnlichen Umfang bei etwa 30 000 Euro pro Jahr: Hat zufällig jemand Interesse?

Die zahlreichen Anfragen an die SISU-Seite, sich in besagten Austausch zu begeben, blieben entweder unbeantwortet oder liefen, wenn Videogespräche von chinesischer Seite gewünscht wurden, ausschließlich auf Ansagen hinaus – und schon ging es direkter zu als erwartet. Dann saß man zwei Damen gegenüber, die zwei Stunden lang auf einen einredeten, was wie auszusehen habe – s. o. zum 50:50, wenn es leider nur darum ging, welche Artikel von SISU hineinmüssen, was von uns hinaus oder anders, es ging nicht ein einziges Mal, und damit zurück zur Indirektheit: Es ging nie konkret um greifbare Parameter.


Mit Beispielen aus dem Alltag:

Sensibilitäten in Wort und Bild

Sensible Worte (敏感词)

SISU: „Löschen Sie alle sensiblen Ausdrücke wie ‚Corona’ innerhalb des Textes. Der Inhalt entspricht nicht den Veröffentlichungsrichtlinien, Autor·innen wird zur Vorsicht geraten.“ (删去行文中有关“疫情”等的敏感词。内容不符合出版政策,请作者谨慎。)

Wenn anfangs noch Bezeichnungen wie „Kulturrevolution“ oder „Corona“ als Zeiteinheiten verwendet werden konnten, etwa in „nach der Kulturrevolution“ oder „vor Corona“, so durfte es schließlich nur mehr „nach 1976“ oder „vor 2020“ heißen. Die Jahreszahl 1989 darf wiederum gar nicht mehr auftauchen, dazu unten ein Beispiel. Und dieser Wandel fand im Laufe des Jahres 2025 statt!

Nebenbei bemerkt wird im medialen und alltäglichen chinesischen Sprachgebrauch für Corona nahezu ausschließlich von „yiqing 疫情“, Epidemie, gesprochen, kaum je von „da liuxing 大流行“, Pandemie. Der eigentliche Fachbegriff für COVID-19 wird selbst in seiner Kurzform „xinguan 新冠“ (von 新型冠状病毒(感染)) nur selten verwendet. Damit hat sich die abgeschwächte Bezeichnung seit 2020 bis heute durchgesetzt, und es ist davon auszugehen, dass dies staatlich gewollt war und entsprechend unterstützt wurde. Das nächste Level kompletter Tilgung verfolgt die Shanghaier Redaktion, möglicherweise in vorauseilendem Gehorsam.

Dass jemand im Gefängnis saß, auch wenn er oder sie unter Deng Xiaoping rehabilitiert wurde: Geht nicht. Dass ethnische Gruppen nostalgisch verklärt dargestellt werden: Geht nur als singularisiert personifizierte „romantische Sehnsucht nach dem einfachen Leben“ (beide 6-2024, veröffentlich im Januar 2025). In einem Songtext wurde in einer übersetzten Zeile, „Warum ich ziellos umherziehe“ (为什么流浪), das „ziellos“ gestrichen; das ist nicht falsch, war es zuvor aber auch nicht, und es hinterlässt bei mir den Eindruck, dass Ziellosigkeit unerwünscht ist.

Weder die Bezeichnung „Darsteller eines Rotgardisten“ war möglich, und eine Änderung in „Revolutionsdarsteller“ erforderlich (6-2024), noch die Nennung des „Weißen Terrors“ in Taiwan (3-2025). In der ersten Korrekturschleife wurde uns zunächst der „Weiße Terror“ gestrichen (geändert in: zu Zeiten großen Aufruhrs), was ich insofern nicht recht verstand, weil „Weißer Terror“ in Taiwan die Gewalt- und Willkürherrschaft der Guomindang unter Chiang Kai-shek beschreibt, also aus kommunistischer Sicht die Konterrevolution; ich vermute: Negativität allgemein unerwünscht. Später brauchten wir uns auch nicht mehr freuen, wenigstens das „in“ Taiwan als Markierung eines eigenes Landes hineingeschleust zu haben statt der Festlandssicht des „auf“ Taiwan als ihm zugehörig, denn der Abschnitt wurde ersatzlos gestrichen. Er sollte in die kurzen Steckbriefe zur Vorstellung verschiedener Videospiele, die ich aus einem Textwust zusammengeschrieben hatte. Da er rausflog, darf er hier hinein:

„Detention 返校“
„The horrors of high school have just begun …“, heißt es auf der offiziellen Website. Das Spiel behandelt die traumatischen Erlebnisse während der politischen Repression zur Zeit des „Weißen Terrors“ in Taiwan. In der Rolle der Schülerin Fang Ruixin (方芮欣) begibt man sich in die stilisierte Horrorversion ihrer Schule, in der Realität und Geisterwelt ineinanderfließen. Mit der dichten Atmosphäre, der unaufdringlichen Erzählweise und dem politischen Subtext wurde „Detention“ international dafür gefeiert, wie Spiele zur Aufarbeitung von Geschichte und persönlichen Erlebnissen beitragen können.
Survival-Horror-Adventure; Entwicklung: Red Candle Games (赤燭股份), Taiwan; Erstveröffentlichung: 2017, Bezahlspiel; detentiongame.com

Das ebenfalls in Taiwan entwickelte Spiel „Reversed Front 逆統戰“ (ganzer Titel: „Reversed Front: Dear Revolutionaries 逆統戰:致地與海的革命者“) schaffte es nicht einmal durch die erste Runde. Es erschien 2020 als Brettspiel, im April 2025 als Videospiel und fabuliert historische Was wäre Wenns.


Bildschirmfoto: Im Heft „Spielen“ erschienen (3-2025, S. 21): „Genshin Impact 原神“, 2020; „Black Myth: Wukong 黑神话:悟空“, 2024; „Honor of Kings 王者荣耀“, 2024; und „Chinese Paladin 7 仙剑奇侠传七“, 2021.

Positiv ist bei diesem Beitrag über die Gamingindustrie in China hervorzuheben, dass gegen SISUs Bedenken, die Tragödie des „Brandes von Lanjisu“ von 2002 und der Wildwuchs Anfang der Nullerjahre würden zu negativ klingen, die Argumente überwogen – dies sei bereits über zwanzig Jahre her, seither habe sich viel getan, mit Schutzmaßnahmen für Jugendliche usw. sei nun seit Jahren alles unter Kontrolle –, und die „Schattenseiten der Gamingkultur“ wurden schwarz auf weiß gedruckt (s. ebd., S. 20).

Gendern: Im Chinesischen wird in der Regel sowohl offiziell, aber auch sonst kaum je gegendert – womit offiziell bestimmt d’accord geht. Nur vereinzelte Gruppen pflegen die Variante, die weiblich, männlich und divers allesamt „ta“ ausgesprochenen Pronomen in Umschrift wiederzugeben (und schreiben: ta; statt: 她, 他 oder 它; auch möglich ist, neutral 它 zu schreiben). Das Schöne am ta ist, dass im Sprechen alle gemeint sein können, da de facto aber generisch männlich gedacht wird, erschwert dies eine Veränderung des Denkens umso mehr. Obwohl die Sprachhoheit des Magazins im Deutschen in Leipzig liegen sollte, war die SISU-Redaktion zunächst strikt gegen meine Einführung des Genderns. Da ich diese Veränderung ebenfalls erst mit Rückkehr 2018 richtig wahrgenommen hatte, war ich milde gestimmt oder habe mich so empfunden und entsprechend sämtliche mir erdenklichen Begründungen geliefert, inklusive der, dass man selbst als Ausländerin in China so einiges aus der Heimat einfach nicht mitbekommt. Nur ganz am Ende, aber immerhin, wurde mir nicht mehr jedes „:innen“ wieder gestrichen, und bereits nach einem Dreivierteljahr schien es zumindest zu den weiblichen Übersetzerinnen in China durchgedrungen. Dazu sei erwähnt, dass ich tatsächlich nur ein einziges Mal mit einer der deutschsprechenden Redakteur·innen in China in unmittelbarem Kontakt stand, ansonsten haben wir nur in den Worddokumenten die sehr höflichen, wenn auch entpersonalisierten, Kommentare der jeweils anderen gelesen; die Kommunikation lief darüber hinaus stets über Bande über die beiden Damen ohne Deutschkenntnisse der SISU-Redationsleitung.

Ein kurzer Schlenker, da wir gerade beim Gendern sind: Gelegentlich hört man von ehrlich bestürzten, meist älteren Herren, dass sie sich bei einer im generischen Femininum gehaltenen Stellenausschreibung ausgeschlossen fühlten oder, häufiger, dass sie sich darüber echauffieren, wenn eine Frau an ihrer statt eine Stelle erhält. Well, willkommen in der ewig währenden Welt der Frauen, in der generisch maskulin der Standard ist. Und damit ist nicht einmal die nächste Runde eröffnet, die in dem kleinen Sternchen, Doppelpunkt oder sonstigen Zeichen steckt, wenn nicht nur die bereits privilegierte weiße Frau mitbenannt wird, sondern auch die queere POC. Wir gendern keine zehn Jahre in etwas breiterem Umfeld und der weiße Mann und seine ihm getreuen Kolleginnen schlagen verzweifelt um sich. Niemand sagt, dass Frauen die besseren Menschen sind (Weidel und Le Pen nur als die offensichtlichsten Pfeifen). Es geht um Gleichstellung, um Existenzberechtigung. Die heutigen sozialen Standards haben sich zumindest schon ein wenig geändert. Aber gerade weil all die Trumps die Bühnen bevölkern, muss man dagegenhalten. Auf die Frage eines Kollegen, ob ich mich nicht gleichbehandelt fühle, wurde meine Gegenfrage nicht beantwortet: Gefühlt gewiss, aber wollen wir unseren Stundensatz vergleichen? Heißt, als Kulturarbeitende muss ich mich manchmal freuen, überhaupt bezahlt zu werden, und verdiene immer schlechter als ein Handwerker oder eine Handwerkerin – Standard im Handwerk: 80 Euro pro Stunde (und ja, auch als Freiberuflerin habe ich Ausgaben). Aber zurück zum Magazin …

Dialektik der Dialekte: Dazu kommt die für die Konfuzius-Institute wichtige Sprachvermittlung mit Beiträgen zum Chinesischlernen und Erfahrungsberichten für Lehrkräfte für Chinesisch als Fremdsprache. Das finde ich nicht nur in Anbetracht der Zielgruppe legitim, sondern prinzipiell auch persönlich interessant. Die Erfahrungsberichte fallen leider meist und, wie mir scheinen will, eher übertrieben emotional aus; die Rubriken zum Chinesischlernen sind immer mal wieder gut, waren aber sehr viel besser, als Verena sie noch geschrieben hat. Spannend wurde es, als wir für die Nanjingausgabe einen Beitrag zur lokalen Mundart vorschlugen: abgelehnt. Ich habe Chines·innen bislang stets ihr fangyan, ihre Dialekte, zelebrierend erlebt (oder über die anderer spottend), doch die offizielle Homogenisierung greift allem Anschein nach auch hier durch. Immerhin warf SISU uns diese kurze Notiz nicht raus (6-2025, S. 33): „Nanjing sagt ‚Hallo‘: Das ‚Du‘ der chinesischen Begrüßung von ‚Hast du schon gegessen?‘ wird in Nanjing ‚Ā‘ ausgesprochen: ‚Ā chīguò la? 阿吃过了?‘“ Dass unser Titel „Spiele“ nicht „玩儿“ (trotz Lexikalisierung), sondern nur „玩“ heißen durfte, finde ich weiterhin in Ordnung, sehe dies nun aber auch unter einem anderen Licht.

Daneben werden Klischees wie Panda gleich China zum Überdruss gern gepflegt. Dass „China“ als Held dargestellt wird, ist ebenfalls oft zu beobachten, so retten ein armer Mann oder eine ganze Gemeinde Tiere und Traditionen, gewinnen sportlich, bauen oder produzieren. Entsprechend gilt dann „dieses im Namen der Liebe durchgeführte Projekt 这场以爱为名的城砖回收项目“ als „strahlendes Beispiel 闪亮品牌“ (6-2025) usw. Weiterhin ist sehr beliebt, Langnasen für China-Lobhuldigungen hinzuzuziehen (Schlagwort: Chinafreund·innen). Nicht bedacht wird, dass sie, wenn so sehr auf die Spitze getrieben, das letzte Fünkchen Glaubwürdigkeit entbehren. Richtig unangenehm wird es aber stets, wenn Stereotypen ethnischer Gruppen gehuldigt wird und „Minderheiten“ (offiziell wird nicht von shaoshu minzu 少数民族 abgewichen, aber spannenderweise wurde einmal „Miao-Minderheit“ in „Miao-Nationalität“, 苗族, geändert, 4-2025, S. 61), wenn diese Gruppen zur Touribespaßung in traditionellen Kostümen tanzend, reitend usw. in Fotoaufnahmen grinsen müssen. Besonders ungemütlich ist mir, dass dies mutmaßlich in Gedankenlosigkeit geschieht oder/und ernstgenommen wird. Das gilt auch für all die vermeintliche Traditionen ausschlachtenden SISU-Beiträge, die nur mehr Werbekampagnen über irgendwelche Spektakel in der Xten Stadt sind, die inzwischen immersiv erlebt werden kann. Christine dazu berechtigterweise: Dann könne man gleich zu Hause bleiben und es sich online anschauen. Im Magazin selbst wirkt zu vieles für mich wie in einer Tourismusbroschüre plus Künstliche Intelligenz. Auch der zugegebenermaßen recht platte Witz, dass KI statt für Konfuzius-Institut für DeepSeek steht, sagt mehr über die eigene Hilflosigkeit aus.

Bei den chinesischen Texten handelt es sich in der Regel um Deskriptionen, die sich häufig in Details verlieren, ohne auf Inhalte einzugehen. Es heißt nicht selten, besondere Orte seien voll „tiefer Bedeutung“ und „einzigartig“, doch wo ihr Sinn liegt, bleibt unerwähnt. Bei all dem chinesischen Selbstbewusstsein finde ich interessant und gähne doch, dass in den SISU-Texten weiterhin häufig angeführte „Beweise“ genannt werden, was man nicht alles schon Tausende von Jahren zuvor erfunden habe. Dagegen kann ich die ständige Komparatistik gegen die dominante Westperspektive noch verstehen, leider hinkt sie zu oft (Chang’e = Diana, Kuafu = Prometheus) und entspricht ebenfalls nicht dem Selbstverständnis einer großartigen Nation. Es gibt so viel wunderbare Komplexität, die ausgeschöpft werden könnte. Ich bin immer dafür, sein Gegenüber als mündig zu begreifen und es nicht nur mit Seichtigkeit zu umspülen.

Ich habe noch viele weitere Beispiele, etwa in Bezug auf Phrasendreschereien. So könnte der inflationär verwendeten Satzkonstruktion von „nicht nur X, sondern auch Y“ durch ein gelegentliches „sowohl … als auch“ die unnötige negative Konnotation genommen werden, vor allem, weil doch alles Happiness rufen soll. Und konsequenterweise soll es außerdem fortan ausschließlich „chinesisch-deutsch 中德“ heißen, China also immer an erster Stelle stehen und damit die Wahrheit in der Hand behalten. Die aktuell großangelegte offizielle chinesische Strategie des wenming hujian 文明互鉴, des gegenseitigen Nutzens kulturellen Wissens (Übersetzung von Eva), meint eigentlich, andere Kulturen von China lernen zu lassen (der Dank für diesen Hinweis gilt Yuning). Es war wirklich ein langes Jahr.



Bildschirmfoto: Magazin des Konfuzius-Instituts, Ausgabe: Mythen (5-2025, S. 8f).

Ein prägnantes Zensurbeispiel liefert ein Beitrag zum Shanhaijing, dem Klassiker der Berge und Meere, im Heft mit dem Schwerpunkt „Mythen“ (5-2025, S. 8–14). Im Abschnitt über das Werk in der Gegenwartskunst (S. 13f) wussten wir natürlich von Anfang an, dass uns die Streichung der Namen von Gao Xingjian und Ai Weiwei bevorstand, wollten uns die Schere aber nicht selbst ansetzen. Es ging um „das Theaterstück ‚Aus dem Buch der Berge und der Meere‘ (山海经传, 1989) von Gao Xingjian 高行健 und die Adaption als Rockmusical unter der Regie von Liang Zhimin 梁志民 (2013)“ sowie um die „Ausstellung von Ai Weiwei 艾未未 mit Figuren aus dem Shanhaijing in Riesengröße, die im Jahr 2016 in Paris, im Kaufhaus Le Bon Marché stattfand“.

Die Kommentare von SISU baten dann um das Entfernen von Verweisen auf „umstrittene Persönlichkeiten“ (争议人物). Nach zahlreichen Korrekturschleifen zwischen Leipzig und Shanghai landeten wir bei diesen Versionen – für die man wissen muss, worum es geht, um die Leerstellen selbst ergänzen zu können:
  • „2013 adaptierte der Regisseur Liang Zhimin 梁志民 das Shanhaijing als Rockmusical, basierend auf dem Theaterstück ‚Aus dem Buch der Berge und der Meere‘ (山海经传 Shānhǎijīng zhuàn).“ → Um nicht den gesamten Nebensatz wie von SISU vorgesehen kürzen zu müssen und damit ganz auf den Zusammenhang zu verzichten (dass das Musical auf dem Theaterstück basiert), einigten wir uns schließlich, zusätzlich zum Autorennamen 1989 zu streichen.
  • „2016 fand in Paris, im Kaufhaus Le Bon Marché, eine große Ausstellung mit Figuren aus dem Shanhaijing in Riesengröße statt.“

Übrigens passt man sich natürlich dem Arbeitgeber an und schlägt für das Thema Mythen keinen Beitrag über moderne Mythen vor, die die KP erzählt, für den man Stephan Thome zu gern angefragt hätte.

Den alten Mythenkosmos aus China auferstehen zu lassen, war für mich unter anderem deshalb interessant, weil man über den Umweg alter Vorstellungen stets die Gegenwart verhandeln kann. Allerdings war ich doch erstaunt, wie offen manchmal selbst in SISU-Texten vom Kampf gegen Unterdrückung und für Gerechtigkeit zu lesen war, von fast anarchischer Rebellion bei Konflikten mit der Obrigkeit, von individuellem Potential und eigenen Prinzipien, von Moralkodizes, die Gesetzlosigkeit rechtfertigten (besonders bei Nezha, Sun Wukong, Wuxia, 4- und 5-2025).

In der Ausgabe zu Nanjing wurde es noch einmal politisch interessant:

Die in der internationalen Wissenschaft verwendete Bezeichnung „Zweiter Sino-Japanischer Krieg (1937–45)“, auf Chinesisch: 第二次中日战争, wird in China „侵华战争“ genannt, also: Krieg der Invasion gegen China. SISU merkte an, dass in China für den Zeitraum 1937–45 inzwischen offiziell ausschließlich die Bezeichnung „抗日战争“, Widerstandskrieg gegen Japan, gilt. Im Deutschen mussten wir schreiben – Anführungszeichen ausgeschlossen: Widerstandskrieg des chinesischen Volkes gegen die japanische Aggression. Außerdem währte dieser Krieg anstelle von acht Jahren mittlerweile offiziell 14 Jahre, von 1931 bis 1945. Dazu hieß es: „Gemäß der offiziellen chinesischen Standarisierung begann der Widerstandskrieg gegen Japan nicht mit dem ‚Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke‘ im Jahr 1937 (Anmerkung: kein achtjähriger Krieg), sondern mit dem ‚Mukden-Zwischenfall‘ im Jahr 1931; es handelt sich entsprechend um einen vierzehnjährigen Widerstandskrieg. Die veraltete Formulierung sollte hier nicht verwendet werden.“ (根据中国官方的规范,抗日战争并非从1937年“卢沟桥事变”始(注:不是八年抗战),而是从1931年的“九一八事变”开始,即14年抗战。此处不应采用旧说法。) Der „Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke“ bzw. die Schlacht ebenda meint das Feuergefecht am 7.7.1937 zwischen der japanischen Armee und der Guomindang an der Luoguo Brücke im Westen Beijings am 5. Ring, das den Zweiten Sino-Japanischen Krieg auslöste und damit den Beginn des 2. Weltkrieges in Ostasien. Der „Mukden-Zwischenfall“ (chinesisch: „Zwischenfall am 18. September 九一八事变“) meint den Sprengstoffanschlag der japanischen Armee am 18.9.1931 auf eine Bahnlinie als Vorwand, um in die Mandschurei einzufallen. Wir haben die Jahresdaten rausgelassen und uns ansonsten gefügt. (S. „Nanjing“, 6-2025, S. 11f.)

Dass wir außerdem den staatlichen Status (国立), also den Verweis auf Taiwan, im chinesischen Namen der Academia Sinica (国立中央研究院) streichen mussten, fällt kaum noch ins Gewicht. Von SISU hieß es dazu: „Obwohl hier Ereignisse aus dem Jahr 1928 erörtert werden, berührt die Bezeichnung ‚Staatliches Zentrales Forschungsinstitut [= Academia Sinica]‘ heute die Taiwanfrage; vor allem angesichts der derzeit relativ angespannten Lage auf beiden Seiten der Taiwanstraße wird dazu geraten, bei der Verwendung Vorsicht walten zu lassen.“ (尽管此处论及1928年时事,但“国立中央研究院”一词在今日涉及台湾问题,尤其在当前两岸局势相对严峻之时,建议慎重处理。) (S. „Nanjing“, 6-2025, S. 80.)

Bemerkenswert ist neben den neu aufgestellten historischen Fakten auch, dass höflich geraten wird, mit Vorsicht vorzugehen (建议慎重处理), es sich aber offensichtlich um eine nicht verhandelbare Vorgabe handelt. Wenn wir Nachfragen für alternative Formulierungen stellten, kam als Antwort stets nur: „Xinku le 辛苦了“, wörtlich: Ihr habt es mühsam; gemeint ist: Beißt halt die Zähne zusammen. Oder in der phonetischen Übertragung von Till: Schinken Cola.


Sensible Bilder (敏感图片)

Bilder dürfen wiederum nicht zu düster sein, sondern sollen möglichst freundlich strahlen, niedlich sein bis lieblich, gern kindlich und bunt. Selbst die kolorierte Schattenspielerei aus dem Shanhaijing durfte nur innen im Mythen-Heft erscheinen (s. Bildschirmfoto oben) und musste auf dem Cover der Plastikfigur von Nezha weichen:


Bildschirmfotos: Geplantes Cover (links, Quelle: VCG) und die finale Wahl aus Shanghai (rechts, Quelle: 699pic.com), Magazin des Konfuzius-Instituts, Ausgabe: Mythen (5-2025). Merkwürdigerweise kam das finale Cover hierzulande gut an, also liegt es vielleicht – auch – an mir.

Ein weiteres schönes Beispiel: In der Ausgabe mit dem Themenschwerpunkt „Spielen“ durfte für einen Beitrag über „Wangbars“, Internetbars, der 2010er Jahre nicht dieses Bild verwendet werden (3-2025, S. 18):


Quelle: www.alamy.com, © Olli Geibel, 2010, Image ID: DH2WDC.

Die Haare seien zu lang, hieß es, und die Klamotten zu ungepflegt, die Boys wohl einfach zu schlumpfig. Statt der zunächst – und zwar ernsthaft – geforderten weißen Hemden waren schließlich die einheitlichen Schuluniformen der Jugendlichen in Ordnung, dazu konzentrierte Blicke, kein Herumgehänge, einheitliche Heißgetränke statt Energydrinks:


Quelle: © laif/Imaginechina/Zhejiang Daily.

Und auch für diese Ausgabe war das geplante Cover zu dunkel:


Bildschirmfotos: Geplantes Cover (links, Quelle: picture alliance/dpa/HPIC/Xiang Weijie) und die finale Wahl aus Shanghai (rechts, Quelle: Thomas Rötting, Szene in Guangzhou), Magazin des Konfuzius-Instituts, Ausgabe: Spielen (3-2025).

Weitere Devisen für Coverbilder lauten: leicht verständlich, unmittelbar zugänglich, unmissverständlich und möglichst mit Menschen. So wurde dem Vorschlag mit einem Ausschnitt aus Qiu Shihuas Werk, für dessen scheinbar monochrome Malerei man sich ein paar Minuten Zeit nehmen muss, bevor sich einem die Landschaften eröffnen, mit rigoroser Ablehnung begegnet (s. f.). Um den Artikel dazu im Heft zu behalten (s. „Wald“, 4-2025, S. 22–27), prasselten Tiraden von Kunstbanausentum auf mich ein. Fehlende Geduld wurde leider im Anschluss von deutscher Seite bestätigt, und des Meisters Konfuzius und meine Zielgruppe unterscheiden sich wohl mehr, als mir lieb ist. Im Folgenden hieß es von SISU: Weniger Kunst. Ist das noch Geschmacksache?


Bildschirmfotos: Geplantes Cover (links, Quelle: Galerie Urs Meile: Qiu Shihua: untitled, 2003 (Qiu Sh56286), Ausschnitt) und die finale Wahl aus Shanghai (rechts, Quelle: René Mattes), Magazin des Konfuzius-Instituts, Ausgabe: Wald (4-2025).

Außerdem ist der Einsatz von KI-generierten Bildern in China, sagen wir mal: offener. Noch kann man sie häufig erkennen, muss aber teils jetzt schon sehr genau hinsehen.

Vielleicht hängt der Vorzug der Nutzung von KI-Gesichtern auch damit zusammen, dass SISU inzwischen Erwähnungen aller Personen ablehnt, die ein bestimmtes Projekt vorantreiben. Dasselbe gilt für Institutionen. Fotos und Aussagen von Menschen sollen weiterhin unbedingt die Seiten füllen, aber es dürfen nur noch „einfache Leute“ sein, laobaixing 老百姓. Ein Generalsekretär des Nanjinger Schutzvereins für Schweinswale und Wasserleben könnte morgen oder in einem Jahr in Ungnade fallen und SISU scheint diese Verantwortung nicht übernehmen zu wollen, ihm heute ein paar Zeilen zu widmen.


Schwammige Nicht-Aussagen ist man aus dem offiziellen China gewohnt, damit kann man umgehen, obwohl die Übertreibungen nichts Gutes verheißen. Was mich wirklich gestört hat, war der Umgang miteinander. Damit meine ich nicht das Hierarchieverständnis des Top-down, das kennt jede·r, die·der einmal unter chinesischer Leitung gearbeitet hat, und schaltet von Individualität auf nickende Kollektivität (wobei ich letztere als Gegenmodell per se gar nicht schlecht finde, vor allem zur um sich greifenden Singularität).

Zur Machtausübung ein letztes Zitat aus meiner Diss (S. 35): „Mit der obersten Prämisse des ‚Machterhalt[s …] der Parteiherrschaft‘ (Breslin 2003: 154) bedeutet das in einem autoritären System offensichtlich einen Top-down-Ansatz. In China wird Top-down allerdings häufig mit der Möglichkeit einer ‚Entscheidungsautonomie‘ oder auch ‚Verhandlungsstruktur‘ (Schubert 2016: 176) innerhalb der einzelnen hierarchischen Ebenen implementiert: Die Richtlinien werden von oben zunächst teils vage formuliert und bieten damit unten Interpretationsoffenheit zum Ausprobieren, ob und wie etwas funktionieren könnte. Dies gilt natürlich immer mit der Option, von oben jederzeit Gegenmaßnahmen ergreifen zu können (vgl. Laclau 2000). Bis hinein in die Anfangszeiten Xi Jinpings heißt das: ‚the ongoing reorganization of culture was never clearly designed‘ (Kraus 2004: x).“

Im Umgang mit SISU störte mich insbesondere ihr fortwährendes Antreiben. Es will einen in ständiger Bereitschaft, ohne jemals zu erfahren, wann etwas von ihrer Seite kommt. Dokumente werden stets ins Jetzt gelegt und müssen im Sofort bearbeitet werden – wohingegen die aus Shanghai gesetzten Zeitpläne nie selbst eingehalten wurden. SISU verlangt in jeglicher Korrekturschleife, die Änderungen, die man mit einer Autorin oder Übersetzerin abspricht, im Wordmodus der Nachverfolgung als Spur sichtbar zu belassen – offiziell mit dem Argument, damit ursprüngliche Ansinnen der Übersetzerin nachvollziehen zu können; und mutmaßlich, um zu sehen, dass überhaupt gearbeitet wurde bzw. als Rechtfertigungsmaßnahme für das Shanghaier Lektorat (wobei von SISU selbst stets nur Reintext kam – und so habe ich es ebenfalls durchgezogen). Außerdem muss zu jedem einzelnen Text und jedweder Übersetzung ein sogenanntes Bewertungsformular (审稿单) mit Begründung dafür oder dagegen geliefert werden – immerhin konnte ich so bei jeder aus Shanghai stammenden Übersetzung beklagen, dass leider wieder nicht gegendert wurde bzw. gen Ende vereinzelt den Dank fürs Gendern aussprechen. Schlussendlich empfinde ich diese Spielchen als unangebracht maßregelnd. Man kommt sich wie ein ungezogenes Kind vor, das man an der kurzen Leine halten muss und das dann auch noch interne Gespräche mit seinen Mitspielerinnen verpetzen soll.

Aufgrund der zunehmenden Anforderungen geriet unser kleines Team in einen ziemlichen Strudel, weshalb SISU uns weitere Schleifen und Zeitverknappungen aufbürdete. Selbst jeder noch so kurze Absatz musste nun verschickt werden und durchlief nach unserer internen Bearbeitung seine drei Schleifen: das doppelte Hin und Zurück im Original sowie das erneute Hin und Zurück der Übersetzung, anstatt wie zuvor erst im Layout geprüft zu werden. Zu guter Letzt schien die Redaktionsleitung aus Shanghai nicht einmal ihrem eigenen Team zu vertrauen und wollte keinen Beitrag mehr ohne Übersetzung für eine Bewertung annehmen – so hält man das Budget aber nicht im Griff.

Organisationsstrukturen sind bei Kreativarbeiten häufig fluide und im Wandel begriffen, und neben denen in Leipzig gab es wohl auch bei SISU einige personelle Änderungen. Meist gehen diese mit neuen Prozeduren einher, die wiederum Möglichkeiten des Austestens beinhalten können. Leider wurde in diesem Fall jedoch nicht die Option des erneuten Verwerfens in Betracht gezogen – ein schönes Beispiel von Bürokratisierung. Was immer SISU eigentlich im Sinn hat, ob sich nun jemand beweisen will, ob es Machtspielerei ist oder Übernahmevorbereitungen sind oder ob noch etwas anderes dahintersteckt – das Problem mag intern liegen, aber solcherlei Seilschaften wirken sich auf das Gesamtgefüge aus. Man kann sich ein dickes Fell zulegen, man kann sich dem entziehen, indem man die zweifelhafte chinesische Taktik anwendend auf Ignoranz schaltet. Aber was bringt es der einen Seite, wenn die andere abstumpft? Irgendein·e jobsuchende·r Jungsinolog·in wird sich schon finden?

Für Maja 2024 zuvor und für mich 2025 hat die Zermürbungstaktik funktioniert: Byebye le. Habe ich schon gesagt, dass es ein langes Jahr war?


Vorher ging es aber noch für knapp zwei Wochen nach Nanjing.


Nanjing im Spätsommer 2025


Das entstandene Heft findet sich online mit dem Titel: Nanjing, Magazin des Konfuzius-Instituts (6-2025). Apropos Verzögerung: Das Heft sollte Anfang Dezember und ging schließlich Anfang Februar in den Druck.

Die Ortsausgabe Nanjing haben wir bestückt mit: Einführend einem Überblick als Stadtrundgang, geht es insgesamt um Geschichte und Gegenwart, Tradition und Moderne, Stadtentwicklung, Wirtschaft, Kunst und Kultur, Kulinarik, um besondere Projekte und dazu verschiedene Stimmen aus der Stadt (Personen, Orte und Begegnungen), und alles ist gespickt mit zahlreichen Fotos und zusätzlich einer von einem Designprofessor und seinen Student·innen der Universität Nanjing angefertigten Stadtkarte. Letztendlich kamen noch sechs Beiträge von SISU dazu.

Von mir sind die Beiträge zum Rabehaus und die Steckbriefe zu Kunst- und Kulturorten. Das Rabehaus enthält einige diffizile Punkte in Bezug auf den chinesischen Propagandaapparat, mehr dazu unten.

Zwischendurch mit ein paar Schlenkern, führen die folgenden Verlinkungen hierhin:



➤ Wie immer bitte ich die auf diesem Blog heruntergerechnete Qualität der Bilder in leider sehr kleine Auflösung zu bedenken.

Los gehts:



Wenn man mit einer chinesischen Fluggesellschaft unterwegs ist, kommt man in den Genuss einer schnelleren Verbindung und dem gleichzeitigen Unwohlsein dabei, über Russland zu fliegen.



Willkommen zurück in China, wo man gleich in der ersten Bahn auf kleine Taschenanhänger trifft, die zwischen niedlich und skurril changieren. Schon herzig, fragt sich das wieder zu lange in Deutschland weilende, gerührseligte Auge doch alsbald, ob es noch etwas anderes als Labubu und Konsorten gibt.









Es gibt natürlich auch anderes …



Interessant war etwa diese Freifläche nahe der Messehallen: Hier sollten Hochhäuser wie jene im Hintergrund entstehen. Die Baugruben waren bereits ausgehoben, aber da das Geld nicht mehr reichte, wurden sie überdeckelt. Nun darf man die Grünflächen wegen Einsturzgefahr nicht mehr betreten (mit Dank für diese Erklärung an Sudong).



Ebenfalls interessant ist der bemerkenswert gute Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Bikes. Leider stimme ich Benjamin zu, dass der überall verfügbare Billigstrom für Umwelt und Fitness nicht nur von Vorteil ist – sowohl in der gesamten Stadt als auch hier auf dem Campus der Nanda, der Universität Nanjing.




Jiangdao Zero Carbon Park 江岛零碳园区



Auf der Insel Jiangdao wird im Intelligence Cube Zero Carbon Park (江岛智立方零碳园区) CO2-Neutralität angestrebt, was auf die gesamte, nahe der Innenstadt Nanjings gelegene, 15km2 große Insel ausgeweitet werden soll. Es handelt sich um eine Kooperation zwischen Singapur und Nanjing, genannt: Singapore Nanjing Eco Hi-Tech Island 新加坡·南京生态科技岛.



Auch von diesen ehemals und teilweise weiterhin landwirtschaftlich genutzten Flächen mussten Menschen umgesiedelt werden; auch hier bezieht sich CO2-Neutralität zum Beispiel weder auf die Vermeidung von Flächenversiegelung noch auf den Bau der Gebäude und meint nur Facetten ihrer Nutzung; auch bestehen die präsentierten Ausstellungsobjekte größtenteils aus Plastik. Aber man bemüht sich, indem etwa den ehemaligen Bewohner·innen Vorzugsrechte gewährt werden – und der uns herumführende Entwickler sprach die Mängel offen an bzw., wie er es nannte, die noch zu erreichenden Ziele.








Sitzbänke an der „Green power axis“ (绿电轴线), auf denen man zum Beispiel das Handy laden kann – mit dem Hinweis zur Vorsicht, dass es heiß werden könne.


Schaltzentrale der „Smart Energy-Carbon Monitoring Platform“ (智慧能碳监控平台), ein für uns gestelltes Foto.


Der „Inselservice“ (洲岛服务).


Testversuche mit weiterer Servicerobotik.


Autonom fahrende Straßenreinigung.

In jedem Fall bietet die gut erreichbare Insel Möglichkeiten zur Naherholung, besonders im Feuchtbiotop Jiangtun 江豚:










Von dem rechten Kasten aus können Drohnenfotos beauftragt werden.




Der Straßenslogan besagt: „Tanzende Seifenblasen lassen Kinderherzen leuchten“ (泡泡飞扬 童心闪耀).










Die Kollegen Fotografen sind stets bereit, einen im Naturerlebnis festzuhalten.


Eines der letzten alten Häuser im Sorghumfeld vor der Skyline von Nanjing.




Die Fußgänger·innenbrücke „Das Auge Nanjings“ (南京眼).


Von dieser der nördliche Blick.


Und der südliche.


Deji Plaza 德基广场 und Deji Art Museum 德基艺术博物馆






Hier kann man sich die Klamotten bereits an der Werbesäule zusammenstellen.

Vor allem aber gibt es auf jeder der sieben, acht Etagen unterschiedliche Themen-Toiletten, die mit „Washroom 解忧所“ (Waschraum: Ort der Sorglosigkeit) überschrieben sind. Hier macht man erst Selfies, verzehrt dann mitgebrachte Snacks, lädt das Handy auf und streckt vom anstrengenden Konsumrausch die Beine aus – auf Toilette kann man auch gehen.





Außerdem bieten zahlreiche chinesische Shoppingmalls inzwischen Privatmuseen, hier das Deji Art Museum 德基艺术博物馆.



Auf dem Weg zum Museum sind aus der Corporate Collection von Deji, s. Onlinesammlung, etwa diese Arbeiten zu sehen:


Yoshitomo Nara 奈良美智: Not Everything But / Green House 然而并非一切 / 绿屋. 320x320x670cm, mixed media, 2009. S. URL.


Ebd., Blick hinein.


Refik Anadol: Quantum Memories Probability 量子记忆概率. Video with colour and sound, 16min. loop, 2021. S. URL.

Museumsshops dürfen hier natürlich nicht fehlen:


Dies ist nur das erste Drittel.










Und hier das hintere Drittel mit Plastik und Plüsch forever and ever. Das Ehepaar neben mir machte beim Anblick dieses Gangs ebenfalls ein Gesicht, als würden sie bei rasender Geschwindigkeit aus einem Autofenster gehalten.

Das Museum wirbt mit Gruppenausstellungen großer Namen, neben Picasso, Monet und Chagall mit Wu Guanzhong und Zao Wou-Ki (赵无极), und mit weiteren Sondershows.

Eine sehenswerte Dauerausstellung zeigt An Era in Jinling: A Digital Art Exhibition 金陵图数字艺术展. Es geht um die im Jahr 1794 angefertigte Hofkopie von Feng Nings 冯宁 „An Era in Jinling 宋院本金陵图“, 35x1050cm, einer Kopie des verlorenen Rollbilds über Nanjing aus der Song-Dynastie, mutmaßlich frühes 12. Jahrhundert. Fengs Werk ist hier digital nachgebaut und animiert auf einem Rundgang von 3,6x110m – mit seinen Hunderten Figuren in zahlreichen Straßenzügen und Alltagsszenen. Auf der Website heißt es, dass 400 Techniker·innen beteiligt gewesen sein sollen, davon kann ein europäisches Museum kaum träumen.


Detail.







Neben einem ausgestellten Fächer als tatsächlichem Original aus der Song-Zeit …


Bamboo Fibre Fan 宋 竹丝扇. 45,1x20cm, Song-Dynastie.

… ist eine Replik von Fengs Hofkopie ausgestellt:


Feng Ning 冯宁: An Era in Jinling (Replica) 清 仿宋院本金陵图(复制件). 35x1050cm, handscroll, ink and colour on paper, 1794.


Ebd., Detail.


Ebd., Detail.


Ebd., Detail.

Anhand derer man einzelne Szenen wunderbar vergleichen kann:













Dazu gibt es:


Die insgesamt 533 Figuren in Schaukästen, o. A.


Ebd., Detail.


Ebd., Detail.


Und als Pixelanimationen, Detail, o. A.


Ebd., Detail.


Sowie selbstverständlich diverse Möglichkeiten, sich in die Figuren hineinzeichnen zu lassen.


Vermutlich wurden auch die Poller außerhalb des Gebäudes von Deji gestaltet.



Im Eck, mitten in der Stadt auf einem Verkehrsknotenpunkt: Sun Yat-sen. Es blieb bei dieser Begegnung mit dem Gründungsvater des modernen China, denn ich habe sein Mausoleum und die Ming Gräber im Osten der Stadt ausgelassen.


Der Niushou Berg 牛首山
Link und s. das WeChat-Miniprogramm: #小程序://数智牛首/byC6v6h2jEq8sKf

Der im Süden Nanjings gelegene Niushou Berg bietet ebenfalls ein spannendes Ausflugsziel. Hier wird man buddhistisch überwältigt. Seit der Tang-Dynastie gilt der Ochsenkopfberg als buddhistische Stätte, doch der ursprüngliche Tempel wurde während der Taiping Rebellion in den 1850ern zerstört. Seit seiner Neueröffnung 2015 soll hier eine Reliquie aufbewahrt werden: das Splitterfragment des Schädelknochens von Shakyamuni Buddha, der als historischer Begründer der buddhistischen Lehre gilt. Die Anlage ist monumental, und völlig betört hat mich, dass hier nichts aus Plastik ist.


Der Usnisa Palace 佛顶宫 umfasst neun Ebenen, neben drei oberirdischen befindet sich der Großteil auf sechs unterirdischen Stockwerken.




Usnisa, auf Deutsch: Ushnisha, bezeichnet die rundliche Erhebung am Scheitel des Kopfes Buddhas und steht für Weisheit und Erleuchtung. In der Kunst wird sie häufig als Haardutt oben auf dem Kopf dargestellt und ähnelt damit dem Symbol einer Krone.




Diamond Sutra 《金刚经》经变图. O. A., mit QR-Code.

Wir erhielten vom Volksverband für Freundschaft mit dem Ausland des Stadtbezirks Jiangning 南京市江宁区人民对外友好协会 eine besondere Führung durch Spezialgänge:






Genuine or Fake Buddhist 真假信徒. O. A., mit QR-Code.


Samantabhadra Bodhisattva of Universal Benevolence 普贤拉萨. O. A., mit QR-Code.


Great Usnisa Hall 舍利大殿.






Great Stupa of Usnisa 舍利大塔. 21,8m, tin bronze, gilded with copper carving, chiseling, padding thread weaving enamel, gemstone inlaying.


Chan State Scenery 禅境大观.


Sleeping Buddha 卧佛. O. A.


Grand Handwoven Tapestry: Buddhism’s Prosperity in Nanjing 金陵梵刹妙染. 3,45x28,8m, silk.


Ebd., Detail.


Ebd., Detail.


Illustration of the Lingshan Pageant 灵山胜会经变图. Detail, jade mural, o. A., mit QR-Code.


Ebd., Detail.


A Reed Cross the River by Bodhidharma 达摩一苇渡江. O. A.


Ebd., Detail.


Ebd., Detail.


Ebd., Detail.


Eine Tanzperformance darf nicht fehlen.




Zurück auf die Erde und hinein in die Stadt.




Das Rabehaus 拉贝故居
Link

Die Vorgeschichte: Im Hamburger Yu Garden – sowie zuvor in Berlin und darauf in Bremen und Kopenhagen – konzipierte die Universität Nanjing (Projektteam John-Rabe-Tagebuch und die Friedensstadt 拉贝日记与和平城市团队) zusammen mit dem Generalkonsulat der VR China in Hamburg sowie der Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Verständigung, GDCV, die Ausstellung Mein Nachbar: John Rabe 我的邻居约翰·拉贝, am 15.8.2025. Diese fand anlässlich des 80. Jahrestages des, wie es offiziell genannt wird, „Sieges des Widerstandskrieges des chinesischen Volkes gegen die japanische Aggression sowie des weltweiten antifaschistischen Krieges“ (中国人民抗日战争暨世界反法西斯战争胜利) statt. In der Ankündigung heißt es: „Seine Geschichte veranschaulicht das grenzüberschreitende Engagement zum Schutz von Menschenleben.“

Auf Bildtafeln konnte Rabes Leben nachvollzogen werden, seine Rettung von 250 000 Chines·innen in Nanjing im Winter 1937/38 beim Massaker von Nanjing durch die japanische Armee, seine Rückkehr nach Deutschland, wo er 1950 verarmt und krank und bald vergessen starb, und seine Wiederentdeckung seit Ende der 1990er Jahre durch seine Tagebücher.

Außerdem wurde unter anderem eine App entwickelt, die mit KI „alle Fragen über John Rabe“ auf Chinesisch, Englisch und Deutsch beantwortet. Wenn man dort wissen möchte, warum die chinesische Ausstellung in Deutschland gezeigt wurde, lautet die Antwort: Sie präsentiere eine „humanitäre Botschaft in einer globalisierten Welt“ und stehe in „einer Zeit weltweiter Krisen und Konflikte […] als universelle Mahnung zur Menschlichkeit und Solidarität“, um zu zeigen, „dass individuelles Handeln einen großen Unterschied machen kann“; darüber hinaus gehe es um „Bewusstseinsbildung und historische Aufklärung“, um „ein breiteres Publikum auf die Bedeutung von Friedensarbeit und internationalem Zusammenhalt aufmerksam“ zu machen und „das Nanjing-Massaker nicht in Vergessenheit geraten zu lassen“. Auf die Frage nach der Bedeutung von Rabes NSDAP-Mitgliedschaft folgt eine lange Antwort mit dem Resümee: „dass er trotz seiner politischen Zugehörigkeit stets den Mut hatte, das Richtige zu tun. Diese Ambivalenz macht seine Geschichte umso bemerkenswerter und zeigt, dass individuelle Menschlichkeit stärker sein kann als ideologische Bindungen.“

Ambivalenz scheint das Stichwort der Nanjinger Ausstellung und ihres Projektteams zu sein. Auf die Nachfrage an die KI, ob damit über Bande auch in China dazu animiert werde, eher das zu tun, was man menschlich für richtig halte, statt sich der Partei unterzuordnen, folgt allerdings eine Fehlermeldung (发生错误) mit „#inappropriate-content“ (mit diesem Link). Ich versuche es anders: Ob die deutsche Bevölkerung belehrt werden solle – „Nein“. Was Rabes Geschichte für China heute bedeute – von „moralischer Führung“ und „sozialer Verantwortung“ ging es bald um „kritische Reflexion über komplexe Geschichte“ und Chinas „rechtmäßige Abwehr westlicher Einmischung“ (hier wird ausgeführt: „Wenn der Westen versucht, sich in Chinas innere Angelegenheiten einzumischen – sei es durch Kritik an Menschenrechten, Taiwan oder Hongkong –, sieht China dies oft als Angriff 发生错误“, es folgt #inappropriate-content). Ob die eigene Geschichte in China kritisch reflektiert werden könne – hänge „von verschiedenen Faktoren ab“, so prägten „offizielle Narrative“ den „Fokus auf [die] Opferrolle“ gegenüber „der japanischen Armee“, die „kritische Reflexion [sei] begrenzt: Während die Rolle externer Akteure wie Rabe positiv dargestellt wird, bleibt die kritische Auseinandersetzung mit internen Faktoren – etwa der Rolle des Kuomintang-Regimes oder lokaler Verantwortlichkeiten während des Massakers – oft außen vor. Dies liegt daran, dass solche Diskussionen das offizielle Narrativ möglicherweise schwächen könnten.“ Und weiter: „Rabes Werte wie Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein ermöglichen es, über die Geschichte zu sprechen, ohne politische Spannungen zu schaffen. Da Rabe ein Ausländer war, kann seine Geschichte als ‚externer Spiegel‘ dienen, der es Chinesen ermöglicht, über ihre eigene Geschichte nachzudenken, ohne unmittelbar in nationale Identitätsfragen verwickelt zu sein.“

Schließlich wird mir allerdings gesagt, dass die Antworten angepasst würden, je nachdem, ob sie auf Deutsch oder Chinesisch gestellt werden oder von Deutschland oder China aus. Als Quellenmaterial soll chinesische und internationale Forschung genutzt werden. Ich spreche mit der KI noch ein wenig über Universalismus und kulturellen Relativismus in China, ernte immer wieder ein paar Fehlermeldungen, auf deren interne Filter sie selbst keinen direkten Zugriff zu haben behauptet (ChatGPT bestätigt, dass dies der Normalfall bei einer KI sei), und kann diese Auseinandersetzung nur empfehlen.

Das zweierlei Maß aber bleibt bestehen, da China sich der Einmischung in seine eigenen inneren Angelegenheiten von außen stets verwehrt und hier genau dies tut – auch wenn der Westen ob seiner Moralapostelei gegenüber Drittländern für tendenziöse wirtschaftliche Bereicherung berechtigt kritisiert werden muss. Der Beigeschmack kommt nicht auf, weil China Deutschland sagt, wie etwas moralisch zu bewerten ist – bzw. wird es doch ungemütlich bei der Aussage, dass auch unter Nazis gute Menschen sein könnten. Stattdessen mutet es verquer an, wenn sich chinesische Institutionen mit deutscher Geschichte beschäftigen, während in China die eigene zugleich dahin gebogen wird, wo man sie gerade zu brauchen meint – so zulässig dies für Chines·innen in China und in der Diaspora zur Auseinandersetzung mit sich selbst sein mag, könnte es auch einfach eine Ablenkung zur Beschäftigung sein. Problematisch bleibt darüber hinaus, dass die unbestreitbar unzureichende japanische Aufarbeitung hier erneut zementiert wird.



Bildschirmfoto: Magazin des Konfuzius-Instituts, Ausgabe: Nanjing (6-2025, S. 28–32).

Mehr zu Rabe und seinem Haus im verlinkten Beitrag. Dass Rabe in China als „lebender Buddha von Nanjing“ bezeichnet wurde und in Deutschland aus heutiger Sicht wegen seiner Verblendung gegenüber Hitler nicht ohne Widersprüche ist, durfte ich dort schreiben. Auch das Zitat von Erwin Wickert, dem ersten Herausgeber von Rabes Tagebüchern, Rabe und seine Vertrauten hätten „die Verbrechen [des Massakers von Nanjing] nicht dem japanischen Volk zur Last gelegt“ (Wickert 1997: S. 375), wurde nicht gestrichen.







Wu Weishan 吴为山: John Rabe 约翰·拉贝 (1882–1950). O. A.


O. A., 2016.


Für eine Bevölkerung von zehn Millionen Menschen hat Nanjing erstaunlich wenige Orte der Gegenwartskunst zu bieten. Die lokalen Betreiber·innen begründeten dies mit der Nähe zu Shanghai und Hangzhou, wohin sie häufig für Ausstellungen unterwegs seien. Die zeitgenössischen Räume sind weiter unten aufgenommen, und da sich diese aus dem historischen Kontext erschließen, halte ich mich im Folgenden zunächst an die Orte, die ich im Heft skizziert habe – s. dort für einen Überblick, aus dem hier gelegentlich ein paar Zeilen entlehnt sind:

Steckbriefe: Nanjinger Kunst- und Kulturorte
资料卡:南京文化艺术场所概览



Bildschirmfoto: Magazin des Konfuzius-Instituts, Ausgabe: Nanjing (6-2025, S. 42–45).


Librairie Avant-Garde 先锋书店
Link und s. WeChat-ID: 独立先锋

Nanjing wurde 2019 offiziell von der UNESCO der Titel „Literaturstadt“ (文学之都) verliehen, ist es aber bereits seit Jahrhunderten. Die Stadt selbst verweist gar auf 1800 Jahre Erzähltradition und über 10 000 Meisterwerke.


Literaturzentrum 文学客厅.

Empfehlenswert ist etwa das Literaturzentrum 文学客厅, in dem man Schriftsteller·innen begegnen und einer anschaulichen interaktiven Zeitleiste durch die Literatur folgen kann. Hier pflichte ich erneut Benjamin zu, dass chinesische Zeitstränge neben dem technischen Knowhow und verfügbaren Personal wohl auch deshalb häufiger angefertigt werden und zugänglicher sind, weil sie eine unkomplizierte, geradlinige Geschichte erzählen (sollen) – und entsprechend kaum Spielraum für Graubereiche benötigen.


Ebd., Ausschnitt zum „Traum der roten Kammer“ in Übersetzungen.


Ebd., Ausschnitt zur Auswahl von Schriftsteller·innen aus den 1980er bis 2000er Jahren.

Außerdem soll die Buchhandlung Puyue Books 朴阅书店 einen Besuch wert sein. Und zweimal im Jahr richtet die hiesige Kontaktstelle des Goethe-Instituts für je zwei Monate Schriftsteller·innenresidenzen zwischen den Universitäten Nanjing und Göttingen aus, bei Interesse geht es hier entlang.

Ein besonderes literaturaffines Schwergewicht ist jedoch die Buchhandlung Librairie Avant-Garde 先锋书店, deren Hauptsitz sich seit 2004 unterhalb des Wutaishan Stadions im ehemaligen Regierungsparkhaus auf knapp 4000m2 ausbreitet.


Das Wutaishan Stadion 五台山体育馆.


Rechts davon der Eingang zum ehemaligen Parkdeck und der heutigen Buchhandlung.

Am Eingang begrüßt einen:


Auguste Rodin (1840–1917): Le Penseur. 1880. Limited monumental edition by the Sayegh Gallery, 25 numbered bronze copies, caster: C. Valsuani, Paris, lost wax cast, 1998.






Ich lauschte dort dem Gespräch „The Teahouse under Socialism: The Decline and Renewal of Public Life in Chengdu, 1950–2000 | 城市公共生活命运与变迁“ mit dem Autor Wang Di 王笛 (*1956, Mitte) über sein neues Buch „茶馆2“ (Teahouse 2), am 27.9.2025.

Als Wang Di in den 1990ern in den USA studierte, habe es in der US-Forschung geheißen, es gebe keine öffentlichen Orte in China. Wangs erstes „Teahouse“ (茶馆:成都的公共生活和微观世界,1900–1950), 2010 erschienen, sei seine Antwort darauf gewesen. Im Unterschied zu heute seien die Teehäuser von damals, in der Zeit von 1900 bis 2000, die Wangs beide Bücher umfassen, quasi der öffentliche Raum gewesen oder als solcher genutzt worden. Hier habe man sich etwa die Zähne geputzt und heißes Wasser geholt, alles mögliche habe in Teehäusern passieren können. Entsprechend verwende Wang bei der Unterscheidung zwischen „public space 公共空间“ und „public sphere 公共领域“ lieber den der öffentlichen Sphäre, und die Teehäuser seien ein Lebensstil (生活方式) – sie beschrieben die Gesellschaft zwischen Mensch (人) und Ort (地方). Der heutige öffentliche Ort seien hingegen die WeChat-Gruppen (微信群). Und der Zustand, in dem wir uns derzeit befänden, sei keine gute Situation für eine gesunde Gesellschaft (健康社会). Dies liege vor allem daran, dass wir uns zu sehr auf die Regierung stützten (我们靠政府的), was man in dieser Ausschließlichkeit nicht tun sollte. Nach der gegenwärtigen Logik, so Wang weiter, müsse der Staat regeln, wie man Tee trinke, da es sich dabei um eine chinesische Tradition handle. Hingegen sei Kaffee immer schon problematisch gewesen, da er für Zukunft stehe (ich vermute, dass er hiermit Veränderung meint). Es sei einerlei, wie man allein bei sich zu Hause Tee trinke, entscheidend sei, wie dies draußen geschehe.

An dieser Stelle schlägt Wang einen Bogen zur Stadtentwicklung: In Nanjing sei die Lage etwas besser, während Chengdu zum Großteil abgerissen und nicht gut geschützt worden sei. Vergleichbar verhalte es sich mit den lokalen Dialekten, die zunehmend verschwänden – den Shanghaier Dialekt erwähnt er als Beispiel, der kaum noch gesprochen werde. In Nanjing fühle sich das Leben im Schutze der sechshundert Jahre alten Bauwerke schicksalhaft verbunden an (感觉有缘). Dies gelte nicht für die einzelne Person, sondern für das Volk, die Gruppe (人民、群体). In Städten wie Beijing sei ein solches Empfinden nicht mehr möglich. Lao Shes Teehaus oder ein ähnliches seiner Art finde man dort nicht mehr. Doch in Chengdu existiere diese Kultur noch. Vielleicht kann also ein „Teehaus 3“ folgen …

Dazu passend ein Public Viewing der Fußballliga der Provinz Jiangsu:


江苏超会赢 (Jiangsu Superliga) mit dem Motto: „人民的足球 纯粹的快乐“ (Fußball dem Volk [bringt] Freude in Reinheit).


Jiangning Seidenmanufakturmuseum 江宁织造博物馆
Link

Oh, du wunderbarer „Traum der roten Kammer“ (Honglou meng), literarischer Klassiker, von dem man in meiner Magistraarbeit (2006) nachlesen kann und dessen Autor Cao Xueqin aus Nanjing stammte. Bis zum Untergang seiner Familie lebte Cao zwischen feinsten Brokatstoffen in einer eindrucksvollen Residenz, deren Nachbau nahe dem ursprünglichen Standort dieses Museum bildet. Es wurde 2003 errichtet und bedarf wie auch die aus dieser Zeit stammende Ausstellung einer Überholung, bietet aber vielleicht gerade deshalb einen faszinierenden Einblick in vergangene Epochen mit dem von Cao beschriebenen Aufstieg und Niedergang – in Caos eigene sowie in die der Museumspraxis der Nullerjahre.

Bereits in der U-Bahnstation (Linie 2: Daxinggong 大行宫) trifft man auf die Zwölf Schönheiten 十二金钗, um die es in der inneren Geschichte des „Traums“ geht:


The Twelve Beauties of Jinling 金陵十二钗. 20x3.2m, 石材马赛克、汉白玉, o. J.


Ebd., Detail.


Besonders begeistert aber hat mich dieser Zugang zur U-Bahn mit seiner Abbildung zum „Garten der umfassenden Schau 大观园“, o. A.

Über Ausgang 2, Beiting xiang 碑亭巷, gelangt man hinten ans Gebäude:






Und wird von den Zwölf Schönen die Stufen hochgeleitet.




Ein versperrter Nebeneingang.


Haupteingang.


Modell des ehemaligen Anwesens der Familie Cao …


… und der heutigen Gestaltung.


Im Innengarten.








清 “江宁织造臣高晋”蓝色团龙云纹地柿蒂龙袍料(复制件) (Blaue Drachenrobe mit Wolkenmuster von „Gu Jin, dem kaiserlichen Textilkommissar der Manufaktur Jiangning“, Replik, Qing-Dynastie), Detail.


清光绪“两淮盐运使司盐运使” 石青小团龙织金缎 (Steinblauer Goldbrokat mit kleinen Runddrachenmotiven des „Salztransportkommissars des Amtes für den Salztransport der Region Lianghuai“, Qing-Dynastie, Regierungszeit Guangxu, 1875–1908), Detail.


康熙南巡盛典 (Große Zeremonie zur Inspektionsreise Kaiser Kangxis in den Süden), Detail.
Bildrolle im Videorondell – von Jahr 2003!


Webstuhl (durch die Decke).


Ebd., Detail.


Und als Infografik.

Weitere Stoffexponate, man verzeihe mir bitte die fehlenden Titel:










少年曹雪芹 (Cao Xueqin in seiner Kindheit). O. A.


《红楼梦》的早期抄本 (Frühe Manuskripte des „Traums der roten Kammer“).




O. A. Wenn das nicht mal Herr Cao Xueqin in der Darstellung des Herrn Wu Weishan ist.







Auf einer der oberen Dachterrassen begegnete ich einem Podcaster aus Guangzhou, der seit 2024 wöchentlich über den „Traum“ spricht, s. 安大哥 und 陈小姐: 一瓢红楼梦.

Im angeschlossenen Verkaufsshop von Wensli 万事利丝绸:


十二金钗的丝绸色谱 (Das seidige Farbspektrum der Zwölf Schönheiten).
Der Sessel links kann für 42 725 Yuan und der rechts für 29 560 Yuan erworben werden.











Es verabschiedet einen dieses Bild:


The Banquet at Jade Pool: China’s Earliest Recorded State Gift of Silk 《瑶池高会图》中国最早的国礼是丝绸. Detail, o. A.
Der Begleittext erzählt: „This represents the earliest documented account of diplomatic gift-giving in Chinese history. According to legend, King Mu of Zhou, the fifth ruler of the Western Zhou Dynasty [reg. 976–922 BC oder 956–918 v. Chr.], was deeply fascinated by the Queen Mother of the West, the goddess who presided over immortality. Driven by this reverence, he undertook an arduous journey to reach Jade Pool at Mount Kunlun, bringing with him one hundred bolts of exquisite brocade and three hundred bolts of plain silk as offerings. The Queen Mother of the West received the silk with both hands, demonstrating her appreciation of these precious gifts. This legendary encounter is recorded in ‚The Biography of Emperor Mu.‘“


Detail mit Xiwangmu, der Königinmutter des Westens.





Stadtmauermuseum 城墙博物馆
Link



Das Museum wurde 2022 umgebaut und komplett neu konzipiert und bietet ein wunderbares Beispiel dafür, wie Technik, Exponate und Infografiken ineinandergreifend präsentiert werden können.

In der Ausstellung der Mauersteine zeigte mir die uns herumführende Dame als erstes diesen Stein:


City wall brick with inscription of „Stone City“, Eastern Jin Dynasty [317–420] | 东晋 “石头”铭文城砖,藏:南京大学文化与自然遗产研究所;南京石头城遗址北垣出土,上有“石头”铭文。

Der aus Nanjing inspirierte Roman „Traum der roten Kammer“ (s. o. beim Seidenmanufakturmuseum) ist auch als „Geschichte des Steins“, Shitou ji, bekannt – und eben jener antike Stein soll sich also als beschrifteter Ziegel des Mauerwerks hier im Museum befinden. (An anderer Stelle bin ich übrigens einmal auf der Suche nach dem Stein zum Changbaishan gereist.)


Ebd. als Abdruck.


Lichuan Brick Kiln 黎川砖窑, o. A.
Erst 2017 entdeckt, wurden diese Öfen zum Brennen der Mauersteine verwendet.


Ebd.


南京城墙砖产地及运输水系图 (Karte der Ziegelproduktionsstätten und Transportwasserwege der Stadtmauer von Nanjing.)


Installationsansicht.



Alle Mauerziegel wurden mit den Namen derjenigen beschriftet, die sie gebrannt haben – damit man möglichen Pfusch nachvollziehen konnte. Vor Ort kann in einer Datenbank zum Beispiel nach dem eigenen Nachnamen gesucht werden, und man erhält die Nummern, wo Steine der Familie zu finden sind.

Die saubere und anschauliche Darstellung hat mir sehr gefallen:





Und auch heute funktionieren Nachbauten in Miniatur noch:



Dazu gibt es zahlreiche Szenen in Malerei und Fotografie:


Zhu Zhifan und Lu Shoubai 明 朱之蕃 陆寿柏:《金陵图咏》之《长干春游》 („Bildverse aus Jinling“ des „Frühlingsausflugs nach Changgan“). O. A., Ming-Dynastie.


Dies.:《金陵图咏》之《石城霁雪》 („Bildverse aus Jinling“ der „Steinstadt nach dem Schnee“). O. A.


Deer pendant, Ming Dynasty | 明 鹿牌, o. A.




(Links 左:) Dripping eave with phoenix patterns, Ming Dynasty | 明 凤纹滴水, o. A. (Rechts 右:) Glazed eaves tile with phoenix patterns, Ming Dynasty | 明 凤纹琉璃瓦当, o. A.


Hier finden sich 瓦当, Traufziegelkopf, und 滴水, Abtropfkante.


(Links 左:) Glazed brick with dragon patterns, Ming Dynasty | 明 龙纹琉璃砖, o. A. (Rechts 右:) Glazed brick with flying sheep patterns, Ming Dynasty | 明 飞羊纹琉璃砖, o. A.


Ebd., Detail des Drachenmusters.


O. A.

Installationsansichten:






Detail.


Auf dem Boden ist das erweiterte Stadtgebiet abgebildet.

Seit dem Neubau ist das Haus im Austausch mit Institutionen in Syrien, Italien und anderen und veranstaltet Workshops, Panels und Bildungsangebote. Aktuell lief als Sonderausstellung just Königstein: The Safest Fortress in Germany 国王岩:德国最险固的堡垒, 22.6.–9.1.2025:






The only entrance: the Medusa Gate at Königstein Fortress 通往堡垒的唯一道路:梅杜萨门, Detail, o. A.


Installationsansicht.

Mit kleinen Gucklöchern im Gemäuer:


Noble guests sitting at the table at Frederick’s Castle 弗里德里希堡里提供给贵族宾客的餐桌, o. A.


Commander’s flat around 1900 | 1900年左右的指挥官住宅, o. A.


In dieses Bild konnte man sich hineinstellen.




Im Anschluss beim Zhonghua Tor 中华门:














Mit Blick auf die Porzellanpagode 大报恩寺, heute aus Glas; s. u. dazu den von dort stammenden glasierten Torbogen der alten Porzellanpagode im Nanjing Museum.

Und mit anderen Aus- und Einblicken …




Gelegentlich sieht man noch Schriftzeichen in den Mauerziegeln.



















Up and down. Es handelt sich um die längste und breiteste noch erhaltene Stadtmauer weltweit, 25 ihrer inneren ursprünglich 35 Kilometer bestehen weiterhin. Besonders diese Mauer macht Nanjing einzigartig und im Vergleich zu zahlreichen anderen chinesischen Secondtier Cities unverwechselbar. Immer wieder geht man durch eines der 13 Tore in die Altstadt hinein oder aus ihr heraus.

Und unten geht es ins Getümmel.


Dieser Herr wollte unbedingt von mir fotografiert werden.


Nanjing Museum 南京博物院
Link




Auf dem Gelände zur Ankündigung der unten verlinkten VR-Show „Mapping the World“.

Dieses Museum ist nicht einfach ein bowuguan, ein Museumsgebäude, sondern ein bowuyuan, eine ganze Museumsanlage (mit bestem Dank für diesen Hinweis an Longtian). In sechs Hallen erstreckt sich die Ausstellungsfläche über sieben Hektar. Rauf und runter, hin und her geht es von der Steinzeit bis in die Moderne. Verwundert haben mich allerdings die fehlenden detaillierten Lagepläne, und auch die Servicekräfte konnten mir bei der Suche nach einem Buchladen nicht aushelfen – ich habe weitläufig gesucht, aber da ich nicht jeden einzelnen Winkel der Anlage gesehen habe, kann ich es bis heute eigentlich nicht glauben. Stattdessen gibt es an jeder Kurve einen der unzähligen Museumsshops mit größtenteils identischer Ware. Ich liebe Museumsshops, aber sie dürfen gern auch Bücher führen.


Einzige, sehr rudimentäre Orientierungsmöglichkeit.

Hinein in die wundervollen Exponate. Wir gehen chronologisch dynastisch vor, lassen die prähistorische Zeit mit ihren Skeletten aus und beginnen mit der Westlichen Zhou-Dynastie 西周 (ca. 1045–770 v. Chr.) bis kurz danach:


Bronze horse coronet, Western Zhou, unearthed from the tomb of Mapandun, Dantu District, Zhenjiang City | 西周 青铜马冠 镇江市丹徒区磨盘吨墓出土.


(Rechts 右:) Animal shaped bronze Gong, Western Zhou, unearthed from the tomb of Yandunshan, Dantu District, Zhenjiang City | 西周 青铜牺觥 镇江市丹徒区烟墩山墓出土.


Bronze Zun, Early Spring and Autumn Period, unearthed from the Yan City Site, Changzhou City | 春秋早期 青铜尊 常州市淹城遗址出土.

Dazwischen – Specimens room of Neolithic relics 新石器时代文物标本室 (ca. 7000–2000 v. Chr.):



Und erneut gen Han – Local culture of Wu and Yue 吴越争霸 (670–306 v. Chr.):


Hard pottery Ding, Early Warring States Period, unearthed from the Mound No. 1 of Hongshan, Xishan District, Wuxi City | 战国早期 硬陶兽面鼎 无锡市锡山区鸿山D1出土.

Aus den Qin- und Han-Dynastien 秦汉时代 (221 v. Chr. –220 n. Chr.):


Bronze lamp, Eastern Han, unearthed from Tushan, Xuzhou City | 东汉 铜雁足灯 徐州市土山出土.

Aus den Sechs Dynastien 六朝时代 (229–589):

Besonders faszinierend sind die Ziegelreliefs 砖印模画, solche hatte ich zuvor noch nirgends gesehen:


Pictorial brick with the design of „the God with Feather Leading Tiger“, Southern Dynasties; Detail | 南朝 羽人戏虎砖画.


Pictorial brick with the design of parade, Southern Dynasties; Detail | 南朝 鼓吹出行砖画.


Tile end with human mask design, Six Dynasties | 六朝 人面纹瓦当.
Aus dem Stadtmauermuseum, s. o., weiß ich nun endlich auch, dass es sich bei einem wadang 瓦当 um einen Traufziegelkopf handelt.


Soapstone pig sculpture, Six Dynasties, unearthed from Mufushan, Xishanqiao and Zhaoshihang, Nanjing City | 六朝 滑石猪 南京市幕府山、西善桥、赵世刚出土.


Soapspoon spoon model, Southern Dynasties, unearthed from Ganjiaxiang, Nanjing City | 南朝 滑石勺 南京市甘家巷出土.


Bronze Jiaodou, Western Jin (im Jahr 294), unearthed from the Shishi Commune, Jurong | 西晋 元康四年(294年) 铜鐎斗 句容市石狮公社出土.

Specimens room of the relics of the Six Dynasties 六朝文物标本室:





Aus den Dynastien der Sui bis Tang 隋唐时代 (581–907):


Tri-coloured pottery camel, Tang Dynasty | 唐 三彩骆驼.


Porcelain pot with green colour, Tang Dynasty | 唐 绿彩纹壶.


Painted pottery maid figurines, Tang Dynasty | 唐 彩绘陶女侍俑.


Pottery female figurines, Tang Dynasty | 唐 陶乐俑.


Green-glazed ewer with brown painted and applied design of a Hu figure, Tang Dynasty, unearthed from Saoguoshan, Yangzhou | 唐 青釉褐彩贴塑胡人纹执壶 扬州市扫垢山出土.


Pottery figurine with the design of fish body and a human head, Southern Tang, unearthed from the tomb of Li Jing, Jiangning District, Nanjing City | 南唐 人首鱼身陶俑 南京市江宁区李璟墓出土.


Ebd.


Pottery horse sculpture, Southern Tang, unearthed from the tomb of Li Jing, Jiangning District, Nanjing City | 南唐 陶马 南京市江宁区李璟墓出土.

Specimens room of the relics of Tang and Song Dynasties 唐宋文物标本室:



Aus den Dynastien der Song bis Yuan 宋元时代 (960–1368):


Porcelain pillow with white background, black floral designs and reserved panels of a child holding a lotus, Song Dynasty | 宋 白地黑花开光持莲童子纹瓷枕.


Celadon glazed porcelain covered jar with five tubes, Song Dynasty | 宋 青釉五管瓷盖罐.


(Links 左:) Celadon glazed porcelain incense burner with five legs, Song Dynasty | 宋 青釉五足瓷炉. (Rechts 右:) Bluish white porcelain incense burner, Song Dynasty | 宋 青白釉兽面足瓷炉.


Porcelain jar, Jun Yao, Yuan Dynasty | 元 钧窑瓷鸡心罐.

Aus den Dynastien der Ming bis Qing 明清时代 (1368–1911) – genannt „Flourishing Age of Jiangnan 盛世江南“:


Yellow glazed tile end with pattern of dragon, Early Ming Dynasty, unearthed from the ruins of the Ming Palace, Nanjing | 明早期 黄釉龙纹琉璃瓦当(一组) 南京明故宫遗址出土.


明代琉璃构件位置示意图 (Schaubild zur Positionierung von glasierten Ziegelkomponenten in der Ming-Dynastie).


Black pottery joint-angle roof ornament, Early Ming Dynasty, unearthed from the ruins of the Ming Palace, Nanjing | 明早期 黑陶合角吻 南京明故宫遗址出土.


Copper mirror, Ming Dynasty | 明 吕造神仙聚宝纹大铜镜.


Copper mirror in table screen style, Ming Dynasty | 明 饰人物纹座屏式铜镜.


Plate inlaid with mother of pearl, Qing Dynasty | 清 嵌螺钿人物纹小盘;左:指日高升,右:状元及第.


清 同治 绿地红莲花闪缎 (Grüner Hintergrund mit roter Lotusblume aus Atlasseide), Detail, 1386x77.5cm, während der Regierungszeit von Kaiser Tongzhi (1861–75).


清 绿色实地纱彩绣蟒袍 (Drachenrobe mit polychromer Seidenstickerei auf grünem, einfarbigem Grund), Detail, 139x198cm, Qing-Dynastie.


Ebd., Detail.


Dazu gab es zwischendurch weitere Galerien, einzelne Räume mit spezifischen Themen:


Fu Baoshi 傅抱石: 毛泽东《到韶山》诗意图 (Illustration zu Mao Zedongs Gedicht „Nach Shaoshan“). 88,1x116,3cm, 轴 纸本设色, 1960.


Su Tianzi 苏天赐 (1922–2006): O. A.


In einem weiteren Galerieraum Musterbeispiele vom Beginn der chinesischen Moderne, o. A.

Ein eigener Raum von Wu Weishan darf nicht fehlen, hier natürlich ebenfalls mit Laozi und Kongzi, siehe mehr zu Wu weiter unten:


Wu Weishan 吴为山: 李白(诗人)(Li Bo, Dichter). 青铜, 2012.


Ders.: 中国少女 (Chinesisches Mädchen). 汉白玉, 2000.
Eine der seltenen weiblichen Figuren bleibt auch hier namenlos.


Clay dramatic characters sculpture, Late Qing Dynasty | 清末 泥塑戏剧人物.


Zwischendurch mit wunderbaren Infografiken, hier: 清代“帖学”书法名家举要 (Ausgewählte bedeutende Meister der Kalligrafie der Qing-Dynastie in der Tradition der „Modellschriften“).


The Exhibition for the Disabled 博爱管.

Nebenbei, bo’ai 博爱, wörtlich: allumfassende Liebe, bedeutet Humanität, Nächstenliebe; für einen Menschen mit Behinderung kenne ich aus dem allgemeinen Sprachgebrauch sonst nur canjiren 残疾人, mit can als unvollständig. Nachdem ich über diesen Raum erstaunt war, erfreut mich noch mehr diese Bezeichnung. Es könnte sein, dass der Schriftzug relativ neu ist, die Objekte meist zum Fühlen und ihr Aufbau waren geschätzt aus den Nullerjahren:




Auch hier gab es, wie so häufig auf dieser Reise und am besten im Deji, ein Digitalrondell. Hier von Qiu Ying 明 仇英 (1498–1552): 南都繁会景物图卷 (Bildrolle des geschäftigen Lebens in Nanjing). O. A., Ming Dynasty.


Sehr skurril, aber folgerichtig, wird es im Untergeschoss, wo der Food Court dekorativ in die Republikzeit verlegt ist (民国馆) und Snacks, Getränke und Nippes von damals erstanden werden können. Ich kaufte ein schönes Paar Gläser.


Ebd.


Dazu war im Eck noch die Gallery of Intangible Heritage 非遗馆, deren Einführung damit beginnt, welch großen Wert Xi Jinping auf den Schutz immateriellen Kulturerbes legt, welche Reglementierungen dafür seit 2003 eingerichtet wurden (保护非物质文化遗产公约), was dies in welchen Stufen umfasst und um welche es geht: u. a. Holzschnitz-Neujahrsmalerei 桃花坞木版年画, Jadeschnitzerei 玉雕, Bambusschnitzerei 留青竹刻, Brokatstoffe aus der Song-Zeit 宋锦织造技术. Und auch hier kann vieles von den anwesenden Handwerker·innen erworben werden.


Wang Ruilin 王瑞林: 逐梦记——马 (Chronik der Nachverfolgung eines Traums: Pferd). 390x200x90cm, 铸铜彩绘, 2016.


Glazed arch of the Porcelain Tower of Nanjing 大报恩寺塔琉璃拱门, o. A.
Hierhin hatte ich von der Porzellanpagode oben beim Stadtmauermuseum verwiesen.


Dazwischen eine der gelegentlichen kleinen Lerninseln.


Oder Stationen für Audioguides.


Eine Sonderausstellung zeigt The Perspective of Likeness: Portrait Paintings of the Ming and Qing Dynasties Collected by the Nanjing Museum 如是观——南京博物院藏明清肖像画, seit August 2025:


明秦氏家藏玉延秋馆摹本:徐乾学肖像 (Porträt von Xu Qianxue, 1631–94). Detail, 64,5x25cm, 纸本设色, o. J.


清秦氏家藏玉延秋馆摹本:秦松龄肖像 (Porträt von Qin Songling, 1637–1714). Detail, 64,5x25cm, 纸本设色, o. J.


Yang Jin 杨晋 (1644–1728) und Wang Hui 王翚 (1632–1717): 沧浪濯足图卷 (Bildrolle des Füßewaschens im Fluss Canglang). Detail, 31,1x112cm, 绢本设色, o. J.


Yu Zhiding 禹之鼎 (1647–1709): 高士奇像 (Porträt von Gao Shiqi, 1645–1703). Detail, 50,3x86cm, 纸本设色, 1697.


Unsigniert 无款: 吴攘之先生七十岁后小像 (Porträt von Herrn Wu Rangzhi nach seinem siebzigsten Lebensjahr). Detail, 39,1x143,1cm, 纸本设色, o. J.


Unsigniert 无款: 三文敏像 (Porträts der drei Wenmin). Detail, 22,1x17,7, 绢本设色, o. J.


Unsigniert 无款: 钱世桢像 (Porträt von Qian Shizhen, 1561–1642). Detail, 142,1x76,7cm, 绢本设色, o. J.

Endlich eine Dame, immerhin eine fiktive:


Hu Junsheng 胡骏声: 小青像 (Porträt von Xiaoqing [Dienerin der Hauptfigur in Tang Xianzus 汤显祖, 1550–1616, Kunqu-Oper „Der Päonien-Pavillon 牡丹亭“]). 23,2x15cm, 纸本设色, o. J.


Unsigniert 无款: 罗应斗像 (Porträt von Luo Yingdou, 1558–1620). 45,4x26,4cm, 纸本设色, o. J.


Unsigniert 无款: 童养所像 (Porträt von Tong Yangsuo, ?). 45,4x26,4cm, 纸本设色, o. J.


Wu Chang 吴昶: 王显庸像 (Porträt von Wang Xianyong, 1651–1721). Detail, 116,2x54,7cm, 绢本设色, o. J.




Außerdem sah ich mir die VR-Show Mapping the World: The Kunyu wanguo quantu of Ming China 观天下·坤舆万国全图 (Vollständige Karte aller Länder der Welt zur Ming-Zeit) an, 10.7.–11.10.2025. Der 1,5-minütige Clip auf der Seite des Links gibt einen kleinen Einblick in diese sehr chinesisch bombastisch aufgezogene, nichtsdestoweniger beeindruckende Show, die in diesem Raum stattfand:






Und es lief die Sonderausstellung Crescent and Rose: Iranian Civilization through the Ages 新月与蔷薇——伊朗文明的千年经纬, 2.7.–16.11.2025:


盘羊形来通杯 陶 公元前3世纪 安息时期 (Steinbockförmiges Rhyton, Keramik, 3. Jh. v. Chr., Partherzeit).


虹彩八芒星形人物铭文砖 陶13世纪 伊利汗时期 (Fliese in Form eines achtzackigen Sterns mit Figuren und Inschrift im Iris-Muster, Keramik, 13. Jh., Ilkhaniden-Periode).


虹彩八芒星形动物纹砖 陶13世纪 伊利汗时期 (Fliese in Form eines achtzackigen Sterns mit Tiermotiv im Iris-Muster, Keramik, 13. Jh., Ilkhaniden-Periode).


花草纹丝绸 16世纪 萨法维时期 (Blumenmuster auf Seide, 16. Jh., Safawiden-Periode).


印染织品残片 17世纪 萨法维时期 (Fragment eines gefärbten und bedruckten Stoffs, 17. Jh., Safawiden-Periode).


印模 木18–19世纪 恺加时期 (Druckplatte, Holz, 18.–19. Jh., Qajar-Periode).


圆形彩纹人物细密画 (Miniaturmalerei mit Figuren auf farbigem Rundmusterbogen), o. A.


宫廷人物细密画 (Miniaturmalerei mit Figuren am Hof), o. A., 1930.





Zwischendurch …


Eingang der Universität Nanjing, Nanda, am Tor Guangzhou lu 广州路门.


Tor von innen.

Universitäten sind spätestens seit Corona meist nur noch auf Einladung zugänglich, wenn man dort nicht arbeitet oder studiert. Wir waren im südlichen Teil des Gulou Campus untergebracht (南京大学鼓楼校区南园), ganz in der Nähe des Rabehauses, und durften durch das Guangzhou lu Tor (广州路门) hinein. Aus dem dortigen Nordtor (vom Südteil) kamen wir auch hinaus, hinaus kommt man immer, aber um auf der anderen Straßenseite durch das Südtor des Gulou Campus zu gelangen, musste telefoniert werden.

Und deshalb sahen wir auch den dortigen Skulpturenpark von Wu Weishan 南大吴为山雕塑园.


Wu Weishan 吴为山: Buffalo 孺子牛. 180x550x80cm, Bronze, 2002.

An Wu Weishan 吴为山 (*1962) kommt man in Nanjing nicht vorbei. Oben haben wir bereits seine Rabeplastik und andere gesehen. In Deutschland kennt man seine überdimensionale Karl Marx Statue in Trier, in Beijing seinen riesigen Konfuzius.

In der Nanda kann man sich, nach Einlass am Unitor, seine Ausstellung „Professor Wu Weishan Sculpture Art Documents 吴为山教授雕塑艺术文献“ ansehen:


Links Kongzi, rechts Laozi.


Ebd., Konfuzius, Detail.


Ebd., Laozi, Detail.


Eine kleine Version von Wus „Harmony between Man and Nature – Laozi 天人合一——老子“.


Hier sind alle Plastiken ohne Angaben, man muss wissen, was man sieht. Die Baidu-Bildersuche und ich wissen es in diesem Fall leider nicht.


Lu Xun.


Szene vom Massaker in Nanjing, Detail.


Wu Weishan 吴为山: Harmony between Man and Nature – Laozi 天人合一——老子. 230x160x320cm, Bronze, 2016. Mit: QR-Code.
Es hat so sehr geschüttet, dass Finger und Kamera wohl leider zu durchnässt waren fürs Scharfstellen. Aber das merkt man bei der drastischen Komprimierung der Bilder auf diesem Blog vermutlich nicht.


Nun aber zur Gegenwartskunst:

G Museum 金鹰美术馆
Link und s. für die Ausstellungen WeChat-ID: 金鹰美术馆; und die Adresse vor Ort ist insofern wichtig, weil sie zum einen auf die Shopping Mall Golden Eagle World und zum anderen dort auf den 52. Stock verweist: 南京金鹰世界A座52F







Es lief Architectural Responses to Contemporary China 中国当代的建筑回应, kuratiert von Lu Andong 鲁安东, 7.9.–28.12.2025, unterteilt in drei Mottos von drei Architekturbüros:

Atelier Archmixing 阿科米星建筑设计事务所
„Change is a common sense 改变是一种常识“:


安龙森林公园东部码头小镇 (Hafengemeinde am östlichen Ufer des Anlong Waldparks), Hangzhou, 2013.


Ebd.

Atelier Deshaus, Shanghai 大舍在上海
„Sensitive Urbanity 敏感的都市性“:


Long Museum West Bund 龙美术馆西岸馆, Shanghai, 2014.


Modern Art Museum 艺仓美术馆, Shanghai, 2016.


Ebd., 1:250, brass, walnut, acrylic, 2016.

Atelier Li Xinggang 李兴钢工作室
„Integrated Geometry and Poetic Scenery 胜景几何“:


Hebei, Tangshan, 2015.


Ebd.


Yanqing Olympic Park 2062 | 延庆奥运2062.


Außerdem lief Love Unknown 爱的新知识, kuratiert von Shen Qilan 沈奇岚, mit Unterstützung von Pro Helvetia, 1.3.–20.11.2025 (verlängert). Eine spannende Ausstellung, von der Zusammenstellung, der Ausweitung des Themas und vor allem den zugehörigen Infotexten:




Stanley Fung 冯君蓝: (Links 左:) Understand Each Other 相知. 74x110cm, digital fine art print, 2015. Courtesy of the artist and M Art Center. (Rechts 右:) Know 认识. 110x74cm, digital fine art print, 2023. Courtesy of the artist and M Art Center.


Zhang Xiaogang 张晓刚: Paradise 天堂. 88x215x162cm, fiberglass reinforced plastic, silver signature pen, 2010 (revised in 2014). The collection of G Museum.


Ebd., Detail.


Luka Yuanyuan Yang 杨圆圆: Coby and Stephen Are in Love 相爱的柯比与史蒂芬. Filmstill, single-channel HD video, 30:41min., 2019. Courtesy of the artist.


Ebd., Filstill.


Bian Shaozhi 卞少之: Close to the Mid-Autumn 近中秋. 110x110cm, oil on marine plywood, 2023. The collection of G Museum.


Weiß mans oder nicht …


Zhang Xuerui 张雪瑞: 20241029 · Handwritten Letters | 20241029·手书. 38x29cm, acrylic on paper, cloth, pin, 2024. Courtesy of the artist.


Ebd., Detail.


Tao Aimin 陶艾民: Book of nvshu No. 4 | 女书卷四. 70x30x1,5cm, ink, paper, 2008. Courtesy of the artist.


Maleonn 马良: Have a sit [sic], I’ll tell you a story 请坐,我给你讲个故事. Dimensions variable, wooden stool, water-effect light, light-control sound installation, 5min., 2025. Courtesy of the artist.


Hu Xiaoyuan 胡晓媛: Wood-Purlin No. 10 | 木/檩 10. Detail, 160x125x4,3cm, wood, ink, raw silk, used grate, metallic nails, 2021. The collection of G Museum.


Chen Yujun 陈彧君: Familiy Politics No. 1-245878 | 家族政治 No. 1-245878. 166,5x141,8cm, silk, paper, acrylic paint, wood, paint, 2018–19. The collection of G Museum.


Yu Youhan 余友涵: The Wheel of Life 轮回图. 305x407,5cm, acrylic on paper, 2017. The collection of G Museum.


Su Yu-Xin 苏予昕: With or Without the Sun (Su’ao-Hualien Roadway) | 或旦或瞑(苏澳-花莲公路). 225x130x5,4cm, sand, coral pigments, ferric oxide, white sugar, crystal dust, sulfur, soil, red ore, tourmaline dust and div. hand-made pigments on board, 2021. The collection of G Museum.


Hu Yinping 胡尹萍: Hu Xiaofang 胡小芳. Detail, dimensions variable, 2015–present. Courtesy of the artist and Magician Space.


Liu Yi 刘毅: Morning and Dusk, and No More 无需经营的清晨与黄昏. Detail, filmstill, single-channel animation, 21:39min., 2022. Courtesy of the artist and ShanghArt.
Text: „We’ve finished all the food, what should we do next?“


Ebd., Detail, Abspann.
Text: „Morning and Dusk, and no more stems from the Artist in Residency Programme at Countryside Animafest Cyprus in Salamiou (Cyprus) in 2019.“


Yan Pei-Ming 严培明: Tête (Head) | 头. 207x155cm, oil on canvas, 1992. The collection of G Museum.


Wang Guangle 王光乐: 190331. 122x243cm, plaster on woodboard, 2019. The collection of G Museum.


Wang Evelyn Taocheng 王伊芙苓韬程: Morning Mist 晨雾. 185x185x2cm, China ink, graphite, colour gesso, colour pencil, pencil on linen canvas, 2023. The collection of G Museum.


Ebd., Detail.


Song Dong 宋冬: Father & Son Look into the Mirror 父子照镜子. Detail, filmstill, dimensions variable, video projection installation, 2001. Courtesy of the artist and Beijing Commune, Tan Zhuo 谭卓.
Text: „My father and I were looking at each other’s mirror images melting. When the mirror images burned completely, we were truly face to face.“


Ebd., Detail, filmstill.


Ursula Biemann: Acoustic Ocean 声海. Detail, filmstill, two channel video installation, 4K, 18min., 2018.


Chen Zhe 陈哲: Eternal Ephemera: Starlit Giant 偏善幻中来:巨人. 126x180cm, UV inkjet printed acrylic sheet in lightbox with wooden frame, 2023. Courtesy of the artist and White Space.


Li Weiyi 李维伊: Dream 梦. 200x257cm, gold-plated stainless steel, 2020. The collection of G Museum.


Chen Ke 陈可: Whirling 眩晕. 270x200x200cm, oil paint on aluminium sheet, 2023. Courtesy of the artist and Perrotin.


Im Shop konnte man dann das „Zhang Xiaogang Grey 张晓刚灰“ erwerben.










Es lohnt sich, selbst nur für Kaffee und Kuchen vor dieser Aussicht hierherzukommen.







Dazu ein paar lokale, kleine, aber feine Orte für zeitgenössische Kunst:







In der Toku Gallery 陶谷公园 lief von Fu Shuai 付帅: Negotiated Ecologies: Neon, Lakes, and Landfills 不断协商的生态:霓虹、湖泊与填埋场, 6.9.–12.10.2025:


褶皱 (Gefaltet – div. Nummern). Div. Größen, 木板综合材料, 2025.


褶皱 - 固定 #4411298 (Gefaltet – fixiert #4411298). 44,1x29,8x1cm, 木板综合材料, 2025.


旧木框 (Alter Holzrahmen). 52x71,5cm, 木板综合材料, 2018.










Interessantes Gebäude, es handelt sich um ein neues Kreativhub.


Die East Gallery 逸空间画廊 zeigte von Zhang Wei 张巍: Go for a Walk 散步去, 20.9.–16.11.2025:


(Links 左:) The Lake with Reflections of Buildings 有楼房倒影的湖面. 80x80cm, acrylic on canvas, 2023. (Mitte 中:) Quiet Studio 平静的工作室. 80x80cm, acrylic on canvas, 2022. (Rechts 右:) The Room with Paintings 有画的房间. 100x110, acrylic on canvas, 2024.


A Tidy Room 干净的房间. 100x110cm, acrylic on canvas, 2024.


Morning Begins at Noon 早晨从中午开始. Detail, 100x 10x10cm, acrylic on canvas, 2025.


Ebd., Detail.



Unten die East Gallery und oben, man muss es suchen, das Sixi Museum.




Im Sixi Museum 四禧美术馆 lief die Doppelausstellung von Qian Qian 钱倩 und Christian Quin Newell: The Light Burns the Reality 燃犀照境, kuratiert von Zheng Shu 郑姝, 12.8.–26.10.2025:


Qian Qian 钱倩: Neurological Subdomain 神经子城. 76x168cm, watercolour and mixed media on panel, 2025.


Christian Quin Newell: Vision 幻象. 160x120cm, oil on linen, 2025.


Ders.: The Mirror 镜子. 21x14,8cm, gouache, acrylic, ink, graphite on paper on panel, 2025.


Qian Qian 钱倩: Chiliocosm Daydreaming 大千世界梦游. 120x100cm, oil, acrylic and watercolour on canvas, 2025.


Dies.: Omnia Mutantur Nihil Interit 万物皆变,无物消亡. 120x100cm, oil, acrylic and watercolour on canvas, 2025.


Das Beiqiu Museum of Contemporary Art 北丘美术馆, BMCA, bietet regionaler Kunst und Kuration einen Anlaufpunkt. Es liegt auf dem dubiosen, weil etwas in die Jahre gekommenen Funpark namens Catherine Park 环亚凯瑟琳广场.







Aktuell lief die Gruppenshow Ding Liren: Drifting Encounters 丁立人:萍水相逢, kuratiert von Yang Tiange 杨天歌, 5.8.–26.10.2025:


Installationsansicht.


Ebd.


Liu Dongxu 刘冬旭: (Links 右:) Pavilion of the Graces 三女神之亭. 38x37x29cm, bronze, 2021. (Rechts 左:) Column of the Eye II | 眼之柱 II. 2x 27x27x147cm, bronze, 2023.


Ding Liren 丁立人: Scenery of Tiantaishan-3–4 | 天台胜景 -3–4. 80x80cm, oil on canvas, 2000.


Wu Shangcong 吴尚聪: Good Morning 早安. Temporary sculptures created from discarded wood during exhibition installation, 2025.


Ebd., Detail.


Ding Liren 丁立人: Sculpture Collection 雕塑收藏. Detail, o. A.


Ebd., Detail.
Leider ohne Angaben, woher diese Objekte stammen und warum sie wann gesammelt wurden.


Su Hua 苏华: Drifting Encounters 萍水相逢. 200x150cm, oil on canvas, 2025.


Lijiazhai („Record of Lijiazhai“ and „Lijiazhai: Coal Stove“) | 李家宅(“李家宅记”与“李家宅煤矿”). Detail, o. A.


Ebd., Detail.


Wu Shangcong 吴尚聪: Journey to the West Supplement 2 | 西游补2. Food colouring, IKEA Måla doodling paper, 2025.


Ding Liren 丁立人: Drifting Encounters 萍水相逢. Detail, collage on paper, o. A.

Außerdem lief als sogenanntes Tunnel Project 隧道工程, hinten in den Gängen, von Cheng Jialiang 成佳亮: Visions beyond the Void: Whispers from the Hollow 凭虚远眺:空穴来风, kuratiert von Wang Yanjun 王彦钧, 5.8.–26.10.2025:


Installationsansicht.


Cheng Jialiang 成佳亮: He Who Comes Late 晚来的人. Filmstill, dual-channel video with colour and sound, documentary, experimental, 20:15min., 2024.

Im Museumsshop dann:


Text: „BMCA 解压香肠 / Hey! Look at me! I am a hot dog!“, für 49 Yuan.


Und daneben in Anwendung mit weiteren Plastikzutaten präsentiert. Ich bin erstaunt, dass Kreationen dieser Art noch existieren.


Das Sifang Art Museum 四方当代美术馆 existiert seit 2023 leider nur noch als Architektur. Doch zumindest 2025 fand hier die auf Videokunst spezialisierte Nanjing Art Fair International 南京国际艺术季 statt.


Schon interessant, wenn man es einmal herunterbrechen möchte: Bei der Toku Gallery war die Kunst abstrakt, bei der East Gallery persönlich, auch beim G Museum ging es vordergründig um Persönliches, beim Sixi Museum habe ich noch die größte Energie bei Qian Qian verspürt, wenn auch hinter verspielt-nebulös, leicht parawissenschaftlichem Blick, Beiqiu wühlte etwas diffus in Erinnerungskisten.


Nanjing im Regen …




Inklusive Gulliüberfluss.


Der Rückspiegel ist kein Spiegel mehr, sondern eine große Rückkamera. Auf Nachfrage erzählte der Fahrer, es gebe eine weitere nach vorne und zwei innen jeweils für die vorderen und hinteren Sitze; diese seien vom Taxiunternehmen vorinstalliert. Ob auch Audio aufgenommen werde, war er sich nicht sicher, riet aber davon ab, über krumme Geschäfte zu sprechen.


Nicht vorenthalten möchte ich, dass unsere Dusche strahlte:






Übrigens hat uns niemand aus der Redaktion von SISU besucht und wir wurden auch auf Nachfrage nicht nach Shanghai eingeladen. Vielleicht sollte man in Nanjing tatsächlich vorsichtig sein – der Spruch, dass noch keine Ente die Stadt lebend verlassen habe (没有一只鸭子能活着离开南京!), gilt womöglich nicht nur kulinarisch.


Lektüreempfehlungen



Erwin Wickert (Hg., 2008 [1997]): John Rabe: Der gute Deutsche von Nanking. München: Pantheon.




Anne C. Voorhoeve (2013): Nanking Road. Jugendbuch. Ravensburg: Ravensburger.




Lin Hierse (2024): Das Verschwinden der Welt. Roman. München: Piper.




Henry Rosemont Jr. (1934–2017) und Roger T. Ames (2016): Confucian Role Ethics: A Moral Vision for the 21st Century? Göttingen: V&R. S. URL.


Maximilian Mayer und Frederik Schmitz (2025): The Digitalisation of Memory Practices in China: Contesting the Curating State. München: C.H. Beck. S. URL.


In Bezug auf Propagadamaschinerien ist bestimmt auch der Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse von 2025 interessant:

Irina Rastorgueva (2024): Pop-up-Propaganda: Epikrise der russischen Selbstvergiftung. Berlin: Matthes & Seitz.

Sowie diesbezüglich anhaltend aktuell von Victor Klemperer (1947): LTI: Notizbuch eines Philologen. Leipzig: Reclam. In chinesischer Übersetzung: [德] 维克多·克莱普勒:《第三帝国的语言》,印芝虹译,北京:商务印书馆,2013年 (mit Dank für diesen Hinweis an Eva).

Was jede·r einzelne tun kann: Folgt dem Aufruf von Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Rebellion: Digital Independence Day. In: 39C3, 56:48min., 27.12.2025. Einfacher erster Schritt: Bitte nutzt Signal statt WhatsApp.


Für die allgemeine Lage der Welt kann dank der Neuübersetzung der Parabel-Romanzyklus wiederentdeckt werden – beginnend mit dem Band von 1993, der schaurig aktuell in unserem Heute, in der Zeit von 2024 bis 2027 spielt:



Octavia E. Butler (2023 [1993]): Die Parabel vom Sämann (Original: The Parable of the Sower). Übersetzung: Dietlind Falk. Roman. München: Heyne.


Als abschließender Lichtblick sei diese Podcastfolge empfohlen:

Future Histories (S3 F56): Miriam Lang zu Systemalternativen jenseits des Entwicklungsparadigmas. 2h, 18.1.2026.



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Freitag, 9. Februar 2024
Happy Dragon 2024!

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Sonntag, 31. Dezember 2023
Newsletter: Ein Hoch auf 2024 | 新闻简报:升至2024年 | Newsletter: High into 2024
请往下翻查找中文。
Please scroll down for English.
 
 
Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen,
 
seit nunmehr sechs Jahren bin ich wieder in Deutschland und betreibe meine Kulturvermittlung jetzt von Hamburg aus. Meine letzte Rundmail ist eine Weile her, die Welt ist im Wandel, aber noch dreht sich unser Globus, mögen wir unsere Kulturen und Künste weiter zelebrieren.
 
Hier ein paar Highlights aus der Kulturgut Zentrale, die vielleicht das Interesse der einen oder des anderen dieser illustren Newsletter-Runde wecken:
 
Mein Rückkehrplan von China nach Deutschland ist vollbracht. Fünf Jahre lang durfte ich im Zuge einer Dissertation in ein Thema eintauchen. Das Ergebnis nennt sich „Experimentierfeld der Gegenwartskunst in China: Beijings Kunstviertel 798“. Eine Zusammenfassung, die gesamte Arbeit sowie ein Zeitstrang mit den wichtigsten Ereignissen von 1911 bis 2020 in Politik, Kultur und Kunsttendenzen finden sich hier.
 
Als Fan von Infografiken und zur Erkundung der neuen alten Heimat, habe ich eine Karte der Hamburger Kunstorte (in Arbeit) gebastelt. An Theater, Literatur, Film hat die Stadt einiges zu bieten, in der zeitgenössischen bildenden Kunst sah es mir bislang etwas mager aus. Sie tritt immer noch weit hinter Berlin, München, geschweige denn Beijing und Shanghai zurück, aber es sind doch sehr viel mehr Orte bei der Sondierung herausgekommen, als ich erwartet hatte. Es ist nicht alles Gold, was etwa in Pöseldorf glänzt, aber es gibt faszinierende Nischen zu entdecken.
 
Ebenfalls einiges zu entdecken gab es bei den „Deutsch-chinesischen Museumsgesprächen“, 2021–22, mit dem Goethe-Institut (China). Organisiert als Austausch zwischen Museen in China und Deutschland zu aktuellen Fragen der Museumszusammenarbeit, galten die Schwerpunkte Gegenwartskunst, Design und interkultureller Ko-Kuration. Das Programm, die teilnehmenden Institutionen und Kurator·innen finden sich mit vielen Referenzmaterialien in Text, Bild und Video online.
 
Ein Projekt, das ich aktuell als Übersetzerin begleiten darf, ist der Umbau des Figurentheaters und Museums Kolk 17 in Lübeck. In dessen Depot weilt ein wundersames Konvolut chinesischer Eisenstabfiguren aus Chaoshan, das im neuen Museum einen eigenen Raum erhalten soll. Die Eröffnung ist für März 2025 geplant, ein Termin, den man sich für die Offenbarung ungeahnter Welten unbedingt vormerken kann.
 
Diesen Herbst war ich nach vier langen Jahren endlich wieder in China. Eine Reise lohnt sich immer, am besten tritt man sie selbst an, vom Lehnstuhl aus geht es hier nach Beijing und hier nach Jingdezhen. Für 2024 steht Guangzhou auf dem Plan.
 
Da Hamburg ein Medienort mit zahlreichen Fotograf·innen ist, betreibe ich diese Profession jetzt vermehrt dokumentarisch für meinen Blog. Ich schreibe und konzeptioniere natürlich weiterhin, aber als neue Mission habe ich in den letzten Jahren das Korrektorat und Lektorat für mich entdeckt. Großes Vergnügen bereiten mir abschließender Feinschliff und in jeglicher Phase das Durchforsten von Gedankenblasen und Archivstrukturen.
 
Derweil baumelt eine imaginäre Diskokugel über meinem Schreibtisch: Am 1.1.2024 wird „Kulturgut 文化财富“ 15 Jahre alt.
 
Meldet euch und melden Sie sich gern, zum Beispiel wenn in Hamburg – jeder Nieselregen ist besonders auf seine ganz eigene Art.
 
Ich wünsche ein gutes, hoffentlich etwas weniger verhangenes, ein spannendes neues Jahr!
 
Herzlichste Grüße, Stefanie Thiedig.
 


Zeitstrang: 1911–2020 | 时间轴:1911–2020年 | Timeline: 1911–2020, 6.7.2023.

 
亲爱的朋友们和同事们:
 
在我回到德国的这六年多时间里,我在汉堡继续从事着文化交流的工作。相距上次给大家通信已有一段时间了,在此期间这个世界不断发生着各种变化,但我们的地球仍在持续运转,希望我们还愿来庆祝文化和艺术。
 
以下是一些来自文化财富中心的高光时刻,可能它们会引起此处这些显赫阅读者们的兴趣:
 
我已经完结从中国返回德国的计划。五年的时间我能沉浸在博士论文的一个课题中。结果叫“中国当代艺术的实验场:北京798艺术区”。论文摘要、全文以及从1911年到2020年在政治、文化和艺术趋势方面最重要事件的时间轴可在这里找到。
 
为了探索新老的家乡,作为一名信息图表爱好者的我绘制了一张汉堡艺术场馆的地图(还在制作中)。这座城市在戏剧、文学、电影方面有几个可圈可点之处,但当代美术至今仍略显匮乏。汉堡没法与柏林、慕尼黑相比,就更不用说北京和上海了,但探索的结果比我预想的要多得多。例如,在波塞多夫区(Pöseldorf),并非所有闪闪发光的都是金子,但也有令人着迷的地方值得发掘。
 
同样在与歌德学院(中国)共同组织2021–22年的“中德美术馆对话”项目之中,也有了许多新发现。作为中德两国美术馆之间就当前馆际层面合作问题的交流活动,其重点是在当代艺术、设计和跨文化联合策展方向的合作。该计划、参与机构和策展人可在网站上看到,并有大量文字、图片和视频参考资料。
 
目前我正在作为翻译参与的一个项目是位于吕贝克的Kolk 17木偶剧院和博物馆的翻新工程。在它的库房里有一批来自潮汕的中国铁枝傀儡,这些传奇式的收藏品将在新博物馆中拥有自己的空间。博物馆计划于2025年3月开馆,大家有机会一定要记住这个将为揭示一个难以想象的世界的日期。
 
今年秋天,在漫长的四年之后,我终于又回到了中国。旅行总是值得的,而且最好亲自去做,不过这边可以从靠椅到北京的时光,这边到景德镇的日子。广州已被放入了2024年的计划中。
 
因为汉堡是一个拥有众多摄影师的媒体中心,我现在越来越多地在博客上以纪实形式去从事这一职业。当然,我仍然继续写文本和概念,但近年来我发现校对和编辑(德文)是一项新的使命。我非常乐于在每个阶段对思维泡泡和档案结构进行相应的微调和筛选。
 
这时一个虚幻中的迪斯科球晃悠在我书桌上方:2024年1月1日,“Kulturgut文化财富”将满迎来15岁的生日。
 
请随时和我联系,比如在汉堡时——每场细雨都有其独特之处。
 
祝你和您新年快乐,希望会少些阴霾,多些精彩!
 
诚挚问候,由甲。
 

Hamburger Kunstorte | 汉堡艺术场馆的地图 | Hamburg’s Art Venues

 
Dear friends and colleagues,
 
It has been six years now that I am back in Germany running my cultural advisory from Hamburg. It has also been a while since my last newsletter, the world is changing, but may we, with our globe still turning, continue to celebrate our cultures and arts.
 
Here are a few highlights from the past years that may pique the interest of some of you in this illustrious group of newsletter readers:
 
My return plan from China to Germany is complete. I was allowed to immerse myself into one topic for five years in the course of a dissertation. The result is called “Experimental Field of Contemporary Art in China: Beijing’s 798 Art Zone”. An abstract, the complete work and a timeline with the most important events from 1911 to 2020 in politics, culture and art trends can be found here.
 
As a fan of infographics and to explore my new old home, I have started a map of Hamburg’s Art Venues (in progress). The city has a lot to offer in terms of theatre, literature and film, but contemporary fine arts have seemed a little remote for me so far. It still lags far behind Berlin, Munich, not to mention Beijing and Shanghai, but I did find a lot more places than I had expected. Not all that glitters in the district of Pöseldorf, for example, is gold, but there are some fascinating niches to discover.
 
There was also a lot to discover at the “Sino-German Museum Talks”, 2021–22, with the Goethe-Institut (China). Organised as an exchange between museums in China and Germany on current issues of museum cooperation, the focus was on contemporary art, design and intercultural co-curation. The programme, the participating institutions and curators can be found online as well as many reference materials in text, image and video.
 
One project in which I am currently participating as a translator is the renovation of the Kolk 17 puppet theatre and museum in Lübeck. In its depot is a wondrous collection of Chinese iron rod puppets from Chaoshan that will have its own room in the new museum. The opening is planned for March 2025, a date one definitely might take a mental note of to visit for the revelation of unexpected worlds.
 
This autumn, I was finally back in China after four long years. It is always worth a visit and best to do it yourself, but from the armchair, here it goes to Beijing, and here to Jingdezhen. Guangzhou is on the agenda for 2024.
 
As Hamburg is a media centre with numerous photographers, I am now increasingly practising this profession only as documentation for my blog. I still write and draft concepts, of course, but I have also discovered proofreading and editing (in German) as a new mission in recent years. I take great pleasure in fine-tuning and, at every stage of the process, sifting through thought bubbles and archival structures.
 
Meanwhile, an imaginary disco ball is dangling above my desk: on 1-1-2024, “Kulturgut 文化财富” will turn 15 years old.
 
Please do get in touch, for example when in Hamburg – here, every drizzle is special in its own way.
 
I wish you a happy, hopefully less foggy, an exciting new year!
 
All the very best, Stefanie Thiedig.


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Donnerstag, 22. Februar 2018
Publikation: 111 Orte in Beijing



Stefanie Thiedig und Xie Kaijin: 111 Orte in Peking, die man gesehen haben muss. Köln: Emons Verlag 2018.

Siehe Emons Verlag und Amazon.


Ein Reiseführer für Beijing – aber einer „für die Bewohner der Stadt“ und für „fortgeschrittene“ Touristen, „die schon öfter vor Ort waren und denen ein gängiger Reiseführer nicht mehr genügt“, mit „unbekannten, skurrilen Orten“, so der Auftrag aus Deutschland.

Da sich Beijing seit 2017 in einer enormen Umstrukturierungsphase befindet, ist es nicht die günstigste Zeit für einen Reiseführer kleiner, ungeläufiger Orte. Wir stecken hier gerade mitten in der Rekonstruktion der Altstadt und im Auf- und Umbau hin zur Megametropole JJJ, Jingjinji, der Zusammenlegung Beijings, Tianjins und Hebeis (nach dem Kfz-Kennzeichen Ji der ehemaligen Präfektur).

Meine Zusammenstellung bleibt also mehr eine Momentaufnahme, weshalb ich versucht habe, viele der Phänomene mit einzubeziehen, die mir während meiner über zehnjährigen Zeit hier untergekommen sind. So geht es etwa nebenbei auch um Smog, Propaganda, um die Nutzung öffentlichen Raums, um den Abriss in den Hutongs, um Hintertüren, Eigentumsverhältnisse, um Rausch und Vertrauen, um Hunde, Katzen und Tauben, um Tischtennis und Fußball, um Religion und Konsum, um Karaoke und immer wieder um Schnaps, gelegentlich auch um Geister. Es geht um Steine und Gartenbauvorstellungen, um Künstlerkommunen und um Xi Jinping und seine Sicherheitsphobie.

Natürlich gibt es von mir viel Kunst und Kultur, es geht viel um städteplanerische Maßnahmen, häufig mit alltäglichen Erfahrungen. Ich beziehe Straßenklatsch und Beijinger Besonderheiten mit ein. Aber es kommen auch bekannte Orte vor, die Verbotene Stadt, die Große Mauer, der Sommerpalast – selbstverständlich nicht in ihrer herkömmlichen Form, die findet man gut ohne mich, sondern stets mit abgelegenen Routen und geheimen Ecken. Dazu streue ich zum besseren Zurechtfinden immer wieder chinesische Begriffe ein.



Man hat in Deutschland weiterhin seine eigenen Vorstellungen von Beijing, von China. Es scheint weiterhin schwierig, China aus europäischer Sicht nachzuvollziehen, wenn man noch nie hier gewesen ist. Von jedem Chinabuchschreibenden hört man ein Lied davon singen. Ein Perspektivabgleich bleibt natürlich viel wert, man möchte schließlich im Drüben der Heimat verstanden werden. Insofern beugt man sich unter gelegentlichen Schauern dem einen oder anderen Bahnhof. Tatsächlich schwergefallen, und deshalb muss ich es hier erwähnen, ist mir das verlegerische Festhalten am veralteten Peking statt Beijing. Marketinggründe ließen jegliche Argumente im Sande versiegen.

In der 111er-Reihe des Verlages hat das Cover immer eine Grundfarbe und ein plastisches Piktogramm in der Mitte. Für Beijing war mein, wie ich nach wie vor finde großartiger Vorschlag: Gold die Farbe und ein Pekinese als Icon. Rot kann ich bei Chinabüchern nun wirklich nicht mehr sehen, und Goldgelb ist die Farbe des Herrschers und damit der Hauptstadt, des Machtzentrums Chinas. Gold auch als Farbe des Geldes, der chinesischen Wirtschaft und des sozialistischen Kapitalismus chinesischer Couleur. Um Rot kam ich herum, Gold ist eine Sonderfarbe, das Buch ist immerhin Gelb geworden. Der Pekinese findet innen seinen Platz, für außen, nun gut, ein roter Lampion.

Mit von der Partie ist Xie Kaijin, mit der ich im Laufe meiner Jahre hier in Beijing und weiterhin regelmäßig durch die Straßenschluchten der Stadt ziehe. In Beijing geboren und aufgewachsen, darüber hinaus durch ihre Zeit in Deutschland mit dortigem Blick versiert, trägt sie mit wunderbaren lokalen Geschichten und Einsichten bei.



Beijing bleibt schwer greifbar, man weiß besonders momentan nie, wie es hier morgen aussehen wird. Insofern hatte ich mir selbst und bereits zu Beginn dieser Arbeit 120 Orte vorgenommen. Neun zusätzliche Orte sind nun auch nicht viele, die unter die Abrisswalze gelangen durften. Aber obwohl diese neun teils nicht mehr als Orte lokalisierbar sind, so existieren sie auf jeden Fall weiterhin als Phänomene, manche gar inzwischen mit anderen Adressen. Deshalb sollen sie in meinem Blog weiterleben. Außerdem können sie als eigene Marketingmaßnahme gesehen werden und machen eventuell gar Lust auf mehr.

Hier sind sie nun, bei Interesse einfach runterscrollen oder per Klick zu ihnen springen:

(111)+9 weitere Orte in Beijing: Übersicht

112. Autokleidung
113. Beida und Qinghua
114. Dengshikou Schulgebiet
115. Fangjia hutong
116. Gemüse hinter Gittern
117. Glücksspiel
118. Massage
119. Soundevolution
120. WeChat Secretary


Darüber hinaus haben inzwischen ein paar Veränderungen stattgefunden und den Buchdruck überholt. Soweit es geht, werde ich diese und eventuelle andere anstehende Veränderungen hier im Blog aktuell zu halten versuchen – vielleicht übersehe ich auch etwas, oder vielleicht stößt die eine oder der andere auf Neues, Spannendes, ich freue mich natürlich über Anregungen.

So eröffnen bislang gerade im Buchort Nr. 19: Duan Qiruis Herrenhaus die ersten Nonprofit Spaces, so ist Xia Yanguo nicht mehr im Red Brick Museum, Buchort Nr. 81, sondern will noch vor dem chinesischen Neujahrsfest 2018 im Anwesen von Duan Qirui seine erste Ausstellung zeigen. Und endlich gibt es hier wieder ein Café.

So gibt es im Buchort Nr. 95: Eckturm beim Dongbianmen gleich zwei Veränderungen. Zum einen ist Brian Wallace mit seiner Red Gate Gallery inzwischen aus dem Wachturm aus- und ins 798 gezogen. Auch das dort erwähnte Teehaus auf den Mauern hat leider geschlossen. Dennoch bleibt es ein wundervoller, kaum besuchter, vermutlich weil recht zugiger Ort überhalb der Schnellstraßen am 2. Ring und der Gleistrasse zum Hauptbahnhof mit dem schönen Mauerpark über eineinhalb Kilometer vom Chongwenmen zum Dongbianmen.

So darf man ab diesem Jahr des Hundes (wang bellt er auf Chinesisch, und 旺旺 bedeutet Viel Glück) nur noch außerhalb des 5. Rings zu Neujahr Feuerwerk zündeln, definitiv also nicht mehr, wie angepriesen, im Buchort Nr. 99: Trommelturmplatz, der innerhalb des 2. Rings liegt. Das habe ich nun wirklich nicht kommen sehen – wohl auch deswegen aber blieb es diesen Winter über in der Hauptstadt blau.


Jeder erhält gerne Sternchen, ich auch: Wer mag, von dem würde ich mich sehr über ein paar Zeilen auf Amazon freuen.



Hier die Teaser:


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112. Ort in Beijing: Autokleidung








Der Autobekleidungsshop
Im Herzen Pink bleiben


Das Beijing früherer Zeiten ist nicht mehr. Hier ist alles im eifrigen Elan der letzten Jahre und mit dafür weiterhin vorhandenen Billigarbeitskräften erstaunlich sauber geworden. Noch rumpelt es im Süden, aber sonst ist es fast durchweg gestriegelt, und das längst über die inneren Stadtgrenzen hinaus. Auch das Autofahren zeitigt enorme Zivilisationssprünge. Die permanent plakatierte Aufforderung zur Kultivierung, einhergehend mit den Strafzetteln – beim Ampeln Überfahren, wilden Hupen, nicht Angeschnalltsein –, zeigen Wirkung. Das ist natürlich alles gut und richtig wichtig, und selbst wenn einen manchmal die nostalgische Wehmut überfällt, wollen wir nicht Schmutz und Rüpelhaftigkeit mit Lebendigkeit verwechseln. Aber zum Glück bleiben der Gesellschaft doch noch einige ganz eigene Marotten auf ihren Straßen erhalten.

In Sanlitun, vorm Arbeiterstadion, im 798, beim The Place und ähnlichen Gemengelagen, die ein temperamentvolles Showoff ermöglichen, hat man die besten Chancen, sie anzutreffen oder an einem vorbeidüsen zu sehen. Wer die Augen aufhält, sieht sie außerdem vor Wohnblocks oder im Stau neben sich. Autokleidung wird besonders gerne hochkarätigen Gefährten übergestülpt, kann aber auch sonst jeden für seinen vierrädrigen Liebling überfallen. Und Pink ist nicht nur für Mädels.

Ausdruck von selbstironischer Individualität oder von Protzerei, sieht man sie in allen Metalliclackfarben, in Gold, mit Strass bestückt, im Leopardenlook, mit süßen Teddys drauf oder grimmigen Comicfiguren. Natürlich gibt es im Innenleben ebenfalls einiges zu sehen. Wenn dieses nicht mit verspiegeltem Sichtschutz dem Außen entzogen ist – dem neugierigen Betrachter und der inzwischen weit fortgeschrittenen Brillanz der Gesichtserkennung von Überwachungskameras. Abhängig vom Modell des Autos, zahlt man bei diesem Bekleber zwischen 7 000 und 8 000 RMB.


Adresse Huizhong beili 411, Chaoyang District 朝阳区慧忠北里411号, Tel. 010/6483 0333 | ÖPNV U-Bahn 15, Station Anlilu, nordwestlicher Ausgang A, 600 Meter die Datun lu in den Westen, die Beichen donglu knapp 100 Meter hoch rechter Hand | Öffnungszeiten täglich 9–18 Uhr | Tipp Eine Straßenkreuzung weiter im Westen findet sich der Olympische Park 欧林匹克公园.


Zur Übersicht: 111+9



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113. Ort in Beijing: Beida und Qinghua






Zum Elitecampus
Der steinige Weg zur Freiheit an den Universitäten


Traditionell hatten Kinder in China über die Dynastien hinweg bis zum sechsten Lebensjahr alle Freiheiten der Welt, erst dann ging es los, vereinfacht gesagt, aber hart im Exzess, mit dem Auswendiglernen der konfuzianischen Lehren. Heute wird bereits der Mutterleib mit Sinfonien beschallt, und schon Kleinkinder sollen Englisch und Ballett lernen, mit Anstieg der eigenen Identitätsfindung auch Qin, Zither, und Kongfu. All diese Vorbereitungen für die Schullaufbahn bedeuten für die kinderarmen Familien, deren Zöglinge weiterhin im Wettbewerb mit Millionen ihrer Generation stehen, muss man sich natürlich leisten können, und einer der Hauptgründe für den Anstieg der Immobilienpreise ist der Einzugsbereich guter Schulen.

Besuchen darf die Schulen nur, wer einen Hukou besitzt, also die Registrierung eines permanenten Wohnsitzes und damit die durchschlagendste Regierungsmaßnahme gegen die Überfüllung der Städte. Das Schulsystem ist unerbittlich, es ist aufgeteilt in sechs Jahre Grundschule, drei Jahre Mittel- und drei Jahre Oberschule. Die Jüngsten haben es noch vergleichsweise beschaulich, mit Beginn der Mittelschule sieht man die Kinder kaum noch, denn dann sitzen sie bis spät in die Nacht über ihren Büchern und bereiten sich auf den Gaokao vor. Das ist die Eignungsprüfung am Ende der Oberschule, die über die Universitätsplatzierung entscheidet.

Hat man dies hinter sich und es gar an die renommiertesten Universitäten des Landes geschafft, die Beida oder Qinghua, ist einem der Abschluss in der Regel so gut wie sicher, und man kann endlich durchatmen. Zwar hat ein jeder auch ideologische Pflichtkurse zu absolvieren und das Studienpensum will bewältigt werden, man muss an MBA-Kursen teilnehmen oder die Eltern schicken einen ins Ausland, aber für viele ist dies die Zeit der größten Freiheit und eigenen Entdeckung. Nun kann man sich etwa auf Romanzen auf dem wunderschönen Campus mit seinen prachtvollen Parkanlagen einlassen.


Adresse Yiheyuan lu 5, Haidian District 海淀区颐和园路5号 北京大学 | ÖPNV Bus 332, 106, 124 und andere, Station Beijing daxue ximenzhan 北京大学西门站, vom Westtor 2 oder 3 der Beida gelangen Sie direkt in die prachtvollen Parkanlagen, durchstreifen Sie diese nordöstlich bis zum Nordtor 2 und gehen von dort über zum Campus der Qinghua | Tipp Gelegentlich lädt das »Stanford Center at Beijing University« im Nordosten der Beida zu Veranstaltungen ein, siehe Stanford Center. In der Qinghua kann man das 3D-Modell des Alten Sommerpalastes betrachten, siehe Beispielfotos des 3D-Modells.


Zur Übersicht: 111+9



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114. Ort in Beijing: Dengshikou Schulgebiet






Das Dengshikou Schulgebiet
Schul- und Wohnanzeigen


Die Überschrift hier lautet der abgedruckten Anzeige entsprechend »Dengshikou Schulgebiet«. Dengshikou, wörtlich: Schlund zum Laternenbasar, ist nur noch im Namen und in der Erinnerung an die in hiesigem Umkreis über und üppig hängenden und leuchtenden Laternen zum Laternenfest präsent. All die verruchten Assoziationen sind nur noch Legenden. Im Straßenviertel von Donghuamen gelegen, zieht sich die Einwohnergemeinschaft Dengshikou von der Ostseite der Verbotenen Stadt bis nördlich zum Kohlehügel und östlich zur Dongsi nandajie mit gleich vier erstklassigen Grundschulen im Einzugsgebiet.

In der »Shatan houjie«, heißt es weiter, das ist die Gasse im Schatten des Kohlehügels, steht »Privateigentum«, sichan als Abkürzung für sifang chan, zum Verkauf. Privatbesitz ist in China normalerweise auf 70 Jahre beschränkt, als vererbbares Eigentum aber gilt solches, das sich schon vor Gründung der Kommunistischen Partei 1949 und der damit einhergehenden Enteignung im Familienbesitz befand, das vor allem aber noch als dieses anerkannt ist. »Ein Raum im Nordkomplex« hört sich nicht viel an, ist aber mit seiner Südausrichtung der beste des ganzen Hofes, noch besser, dass dieser Nordraum, beifang, ein fangben, eine notarielle Beglaubigung, impliziert. »Einschließlich der Möglichkeit, bei Abriss teilzunehmen und die Stimme zu erheben«, also im Notfall kompensiert zu werden.

»Die Grundfläche von 18 Quadratmetern für 1 480 000 RMB«, das sind etwa 200 000 Euro. Ein Schnäppchen dafür, dass man mit diesem Eigentum für sich und seine Familie das Anrecht auf den Hukou, also den registriert permanenten Wohnsitz und damit auch auf das Schulrecht, erwirbt. »Für weitere qualitativ hochwertigen Käufe« ist eine Handynummer angegeben. Ein kleines Papier zur komplexen Wohnstruktur – oder auf Chinesisch: das Spiel mit der Angst und Wünsch-dir-was-Nummern an den Wänden.


Adresse Shatan houjie, Dengshikou, Dongcheng District 东城区灯市口沙滩后街 | ÖPNV U-Bahn 5 und 6, Station Dongsi, nordwestlicher Ausgang E, die Dongsi xidajie in die Wusi dajie übergehend entlang, die Shatan beijie hoch, die zweite Gasse ist die Shatan houjie | Tipp Die Shatan beijie weiter hoch, kommen Sie an den Zhizhu Tempel 智珠寺, in dem das TRB, Tempel Restaurant Beijing, residiert.


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115. Ort in Beijing: Fangjia hutong




Es war einmal …


… und ist nicht mehr.


Der Fangjia hutong
Was schert uns der Mob?


Es gibt Gassen, die für Touristen geschaffen sind – Paradebeispiele sind die Straße hinter dem Qianmen oder die Nanluo guxiang. Es gibt andere Gassen, die, ebenfalls mit staatlichen Geldern aufbereitet, von hippem Volk überlaufen werden, in denen es dann passablen, aber teuren Kaffee neben poshen Schnickschnack- und Klamottenläden gibt – so etwa der Wudaoying. Und es gibt Gassen, die von selbst gewachsen sind. Seit Jahren denkt man, hier könnte es ebenfalls bald losgehen mit der Hektik, aber der Fangjia hutong scheint seine innere Ruhe zu bewahren.

Sein Zentrum bildet das mit der Nummer 46 bestückte Areal um einen kleinen Kreativkomplex mit Theater, Restaurants und Cafés, ein paar wechselnden Designshops und Forschungseinrichtungen. Einst stand hier eine Werkfabrik, und der Hutong war zu einem Großteil mit Wohnheimen belegt, entsprechend der Industrielook. Auch existiert an Ort und Stelle ein riesiger unterirdischer Bunker, von 300 000 Arbeitern die gesamten 1950er Jahre hindurch gebaut – und von ihnen als »Große Mauer im Untergrund« benannt, ausgestattet mit Büros, Restaurant, Maschinenraum und selbst einem Fahrstuhlschacht. Mittlerweile ist der Bunker meist verbarrikadiert, bei Interesse bitte vor Ort anfragen.

Um die Nummer 46 haben sich viele kleine Läden angesiedelt. Es gehen die Gegensätze von schedderig bis geschniegelt ineinander auf. Gasse und Bewohner scheinen dem großen Geldverdienen gegenüber gleichgültig und treiben einfach, was ihnen gefällt. Der Hutong ist eng, seine Büdchen eins an das andere gedrückt, deren Grundflächen nur gelegentlich zehn, zwanzig Quadratmeter übersteigen. Beliebt sind »Zi’an: Prints and Graphics«, Nummer 30, mit schelmisch bearbeiteten Illustrationen und Papierwaren; »Hot Cat Club«, Nummer 46, zeigt Livemusik mit Open Mic und wirren Frisuren; »El Nido«, Nummer 59, bietet importiertes Bier und einen Hangout für Gassengucker.


Adresse Fangjia hutong 46, Dongcheng District 东城区方家胡同46号 | ÖPNV U-Bahn 5, Station Beixinqiao, nordwestlicher Ausgang A, die Yonghegong dajie etwa 200 Meter hoch und dann westlich in den Fangjia hutong, parallel südlich zur Guozijian | Öffnungszeiten tagsüber bis spät | Tipp Am Eingang zum Hutong finden sich viele kleine Restaurants, liebevoll zubereitet sind etwa die Jianbing, herzhafte Pfannkuchen, in der Yonghegong dajie.

Hier ist inzwischen so gut wie alles verbarrikadiert. Ins 46 kommt man noch hinein, von dort gibt es auch Zugang zum Hintereingang in den Hot Cat Club. Verstörung in Zerstörung finden Sie in Bildern unter: Im Abrisssommer 2017.


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116. Ort in Beijing: Gemüse hinter Gittern






Das Gemüse hinter Gittern
Chinakohl und Lauch für den Winter


Chinakohl und Lauch sind die Wintergemüse Beijings und Nordostchinas. Im Spätherbst werden sie meterhoch auf Fußwegen und vor Supermärkten zum Verkauf gestapelt, und als gäbe es kein Morgen, gehen sie weg wie frisch geschmiert. Sie zur Winterhortung auf Balkone zu sperren und in den Gitterumbau vor Fenster zu schichten, hat neben der naturgemäßen Kühlfunktion auch den Grund, dass hier keine Lagermöglichkeiten auf Dachböden oder in Kellern vorhanden sind – denn die gibt es bei keiner Wohnung, unten hausen die Dixias (das im Untergrund, dixia, wohnende Personal, das die meisten der gesamten Einrichtungen mit Mülltrennung, Technik und Pflege am Laufen hält), oben sind die Häuser flach. In einem Hofhaus hat man mehr Platz, aber auch hier wird vergittert und platzsparend nach außen gebunkert.

Die Vergitterungen sind mit Deng Xiaoping eingezogen. Seit seiner Öffnungspolitik Ende der 1970er Jahre öffnete sich der Markt und schlossen sich die Anwesen. Wo zuvor jeder gleich wenig besaß und Tore und Türen der Hutonghäuser unabgeschlossen blieben, haben viele nun Angst um ihr Hab und Gut. Also Gitter vor Fenster in Erdgeschossen bis in die oberen Stockwerke in mittlerweile allen Wohnungen und Wohnanlagen, Zaun und Stacheldraht drum herum. Man raunt sich Geschichten über böse Einbrüche zu, gar Mord und Totschlag, seid auf der Hut.

Wie überall, funktioniert auch hier das Schreckgespenst der Angst. Man muss sich abschotten, verbarrikadieren, sich einen Abstand verschaffen zur Ungewissheit, Unbestimmtheit der Zukunft, schnellem Wachstum, Willkür der Regierung, Menschenmassen, abhanden gekommenem Vertrauen, weil man seinen Nachbarn nicht mehr kennt. Dabei kennt man sich doch, und Beijing ist sicher wie kaum ein anderer Ort, das Gespenst bleibt ohne ernstzunehmende Realität. So können getrost Wandmitteilungen in den Gassen – für die Anwohner gedacht, für alle sichtbar aufgehängt – darauf hinweisen, dass hier tagsüber niemand zu Hause sei und Langfinger ein Leichtes hätten. Und der Kohlbraten duftet im Wind.


Adresse Gemüsemarkt Beixinqiao santiao 40, Ecke Jiangfang dongxiangkou, Dongcheng District 东城区北新桥三条40号/靠酱房东巷口 | ÖPNV U-Bahn 5, Station Beixinqiao, nordöstlicher Ausgang B, die Yonghegong dajie in den Norden bis in den Beixinqiao santiao, der Gasse etwa bis in die Mitte hinein folgen | Öffnungszeiten täglich 8–22 Uhr | Tipp Diese Gasse ist sommerabends einen perfekten Restaurantbummel wert, allerdings nichts für Vegetarier – und: Mittlerweile zugemauert, finden Sie die kleinen Restaurants nun hinter hohen Fenstern, aber immer noch, wenn noch vorhanden, wunderbar.

Dieser Gemüseladen ist mit vielen seiner Artgenossen inzwischen verbarrikadiert und nur mehr durch einen Hintereingang zugänglich, keiner weiß, wie lange noch. Mittlerweile öffnen und übernehmen hauptsächlich bezirkseigene, staatliche Gemüseläden – und die sind zumindest bislang leider alles andere als empfehlenswert.


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117. Ort in Beijing: Glücksspiel






Glücksspielstätten
Den Deckel lupfend

Glücksspiel und Prostitution sind illegal. Zumindest prinzipiell. Zumindest, denkt das Volk, wenn sich korrupte Kader damit ihre Höllenschlünde stopfen. Aber was an Ausschweifungen von denen da oben durchsickert, wünscht man sich auch unten im Kleinen. Etwa eine weiße Rose im Heim und eine rote Rose heimlich ‒ brav und wild, so ist man selbst oder vielleicht in seinen Träumen.

Diskussionen über die Emanzipation der Frau haben in China nie wirklich stattgefunden. Unter Mao waren auf einmal alle gleich, heute haben alle gleiche Ausbildungschancen, können auch alles machen, was sie wollen, aber es ist weiterhin eine sehr männlich geprägte Gesellschaft, zumindest öffentlich. Frauen agieren aus dem Hintergrund. Der Beijinger gilt gemeinhin als eher faul, ständig ein »Ach, yali da«, der Druck ist groß, auf den Lippen und »frag mal jemand anderen«. Die Beijingerin gilt als hart, hält die Zügel von zu Hause aus stramm in der Hand: Mann muss Geld nach Hause bringen, Frau führt streng das Haushaltsbuch.

Auch hier wird natürlich viel und heiß diskutiert, im Netz schwappen immer wieder öffentliche Diskurse hoch. Doch wenn es thematisch kritisch wird, kommt schnell der Deckel drauf, Hunderttausendschaften sitzen an der Löschung von Onlineinhalten. Dabei muss es gar nicht um Menschenrechte oder Umweltprobleme gehen, eine heikle Gradwanderung, noch ist sie einigermaßen im Griff. Statt Diskursen gibt es hier staatlich verordnete Kampagnen zum herrlich widersprüchlichen »Kampf für die Kultiviertheit«, wenming zhi zhan. Dann geht man gegen »soziale Übel« wie Glücksspiel und Prostitution vor, ratzfatz kommen Meldungen von 30 000 Verhaftungen. Spielt man halt daheim, stundenlang, die Sonnenblumenkernschalen flirren durch die Luft. Hier ist man gleich, das steht gar nicht zur Debatte, weggewischt die Klischees. Und: »Natürlich spielen wir um Geld.« Das Büchlein für den Spielstand liegt griffbereit.


Adresse unter Brücken (unter der Brücke zum MOMA etwa), in Parks wird meist Xiangqi, chinesisches Schach, gespielt, Majiang meist zu Hause oder auch in Spielbuden in Nancheng, der Südstadt | ÖPNV U-Bahn 2 und 13, Station Dongzhimen, dem 2. Ring nördlich in die Kurve folgen | Öffnungszeiten tagsüber draußen, nachts geht es drinnen weiter | Tipp Reisen Sie für legales Glücksspiel nach Macao – man könnte es Ventilpolitik nennen: im Großen verbieten und einen kleinen Ausweg schaffen.


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118. Ort in Beijing: Massage






Massageladen
Dubios oder einfach nur wohltuend


In China bezeichnet kaum jemand irgendjemand Unbekannten als kaopu, also als »verlässlich« – in Verneinung ist bu kaopu, »unzuverlässig«, eine der am häufigsten benutzten Redewendungen. Zu sehr ist man es gewohnt, dass jeder jeden abziehen will – man selbst natürlich ausgenommen. Das dem Yinyang entsprechende Prinzip, dass auf Wohlstand Verfall folgt, scheint den Menschen über Jahrtausende ins Blut übergegangen zu sein und steht im Gegensatz zum westlichen (Aber-)Glauben an stetige Aufwärtsentwicklung. Also lautet die Devise: Raffen, was und wo es nur geht, der Abstieg kommt früh genug. Xis Aufräumansinnen sind somit nicht ganz von der Hand zu weisen. Über die Art und Weise könnte man … aber reden möchte er ja nicht, da käme eventuell eine Debatte bei heraus, und wer sich da alles zu Wort melden würde. Wohl nicht nur zu Unrecht, sonst wären auch in China Flughäfen und Bahnhöfe jahrzehntelange Baustellen.

Kaopu? Versuchen Sie es, fragen Sie eine chinesische Kollegin, Ihren Sitznachbarn im Flugzeug, was von dem Vorschlag zu halten ist, einen Massageladen ohne Zertifizierung aufzusuchen. Vermutlich werden sich Augenbrauen zusammenziehen, Ihr Gesprächspartner rutscht ein Stück von Ihnen ab, dann wieder auf Sie zu, um Ihnen im Vertrauen anzuraten, in ein bekanntes, geprüftes Krankenhaus zu gehen. Etwa in das Dongzhimen Krankenhaus oder das in Wangjing oder Wudaokou, spezialisiert auf TCM, traditionelle chinesische Medizin. Zweifelsfrei gute Einrichtungen, bei denen man sich vorab allerdings auf ein langes bürokratisches Prozedere einlassen muss. Hier kann man hin, wenn man gerade einen Bandscheibenvorfall hinter sich hat.

Die kleinen roten Schummerläden, wo es »auch« Massagen gibt, kann man getrost als zwielichtig bezeichnen. Aber doch nicht die wunderbaren Blindenmasseure oder die wonnigen Wellnessoasen. Unkompliziert und herzlich geht es etwa im Jingtu hutong zu, man freut sich auf Sie.


Adresse Jingtu hutong 3, Dongcheng District 东城区净土胡同3号 京升中医推拿诊所, Tel. 010/6406 4792 | ÖPNV U-Bahn 2, Station Andingmen, nordwestlicher Ausgang A, auf die Innenseite des Rings gehen und westlich bis zur und hinein in die Beiluo guxiang, nach 500 Metern westlich in den Jingtu hutong | Öffnungszeiten tagsüber je nach Kundschaft | Tipp Die Beiluo guxiang und parallel dazu der Baochao hutong lassen sich wunderbar durchstreifen.


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119. Ort in Beijing: Soundevolution






Die Soundevolution
Taxifahrten 4x tuned


In China liegt der Geräuschpegel um ein paar Dezibel höher als selbst in den größten Städten Europas. Das kann man schon auf dem Hinflug feststellen. Der Lärm hat also nicht nur damit zu tun, dass das chinesische Volk so zahlreich ist, es ist auch in einem Flugzeug begrenzter Personenanzahl lauter als andere Nationen. Gar erhalten Reisende von ihren chinesischen Telefonanbietern SMS mit Hinweisen zum kulturspezifischen Verhaltenskodex des Ankunftslandes, meistens gehört die Empfehlung zur Kommunikation in gemäßigter Stimmlage dazu.

Das U-Bahnnetz wird weitläufig ausgebaut, verhält sich aber nicht überall vorteilhaft. Der Himmel über Beijing ist für den Flugverkehr gesperrt. Die Magnetschwebebusse für die Ringstraßen sehen bislang nur im Rendering gut aus, sonst werden sie als großer Murks ausgelacht. Den je nach Zählung 18 bis 25 Millionen Beijingern bleiben also nur die paar Straßen – und diese sind randvoll. Falls Sie nicht auf hochdiplomatischer Mission oder mit wichtigen chinesischen Kadern unterwegs sind, um in den Genuss zu kommen, dass für Sie der Verkehr gestoppt wird, dann vermeiden Sie wenigstens zum Berufsverkehr, in Bus, Bahn oder Auto unterwegs zu sein.

Taxifahren in Beijing ist dennoch großartig, allein schon, weil noch verhältnismäßig günstig. Besonders aber, da man in dem Mikrokosmos der Blechbüchsen die makromale Soundevolution am Leibe spüren kann: Links vom Fahrer ein Smartphone, das durchgehend die Aufenthalts- und gewünschten Ankunftsorte suchender Fahrgäste mitteilt. Rechts ein Smartphone und/ oder der Taxifunk, über das der Fahrer mit seinen Kollegen das Abendessen bespricht. Im Radio läuft meist das in Nordchina beliebte Sprechtheater mit viel Lachen und Meckern. Am hinteren Beifahrersitz dudelt Werbung aus dem Bildschirm. Es kann einen in den Wahnsinn treiben, einem aber auch Welten eröffnen oder der beste Lehrmeister für Gelassenheit sein.


Adresse Daumen raus oder besser per Taxi-App; falls Sie kein Chinesisch sprechen, werden schriftliche Angaben gerne gesehen | ÖPNV auch hier ist der Pegel hoch, aber die fahren eben nicht immer und nicht überall hin | Öffnungszeiten 24/7 | Tipp Der wunderbare Film »Beijing Taxi 北京出租车« von Wang Miao, 2010, nimmt einen mit auf poetische, noch allerdings analoge Touren durch die Stadt. Im Caochangdi gibt es an der Three Shadows Gallery vorbei hinten links einen Taxiübungsplatz noch mit alten Verkehrsampeln.


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120. Ort in Beijing: WeChat Secretary





WeChat Secretary
Mikro die Anmeldung, Makro die Auswirkung


Taxis ohne Fahrgäste ziehen an einem vorbei? Dann sind sie wohl bestellt, das Zauberwort: »Didi dache«; didi ist ein lautmalerischer Tropfenklang, dache bedeutet, ein Taxi rufen. Didi ist mittlerweile gar zu einem Verb aufgestiegen, ich didi mal. Dem Straßenhändler entfährt ein abstruses Grunzen beim Anblick eines Geldscheins? Selbst Kleingeld entlockt nur schiefes Grinsen, geht es nicht über »Alipay«? Im Supermarkt findet sich dieses oder jenes nicht? Nicht, dass die Läden leer sind, aber auf der Suche nach fünf Zentimeter länger oder breiter, nach der einen oder anderen Marke, wird man schnell an »Taobao« verwiesen. Fehlt nur die Frage, was man überhaupt in diesem Laden wolle.

Wer einen Fuß ins Reich der Mitte setzt und länger als nur eine Woche zu bleiben plant – obwohl, selbst dann –, wer also in diesem Land kommunizieren und agieren möchte, der kommt nicht um das als Nachrichtenplattform begonnene »WeChat« herum. Datenschutzbedenken bitte über Bord werfen, hier wird nicht nur mitgelesen, sondern die Daten werden bei Bedarf auch gerichtlich unter Bezugnahme auf Nachrichten und Kontaktkreise gegen einen verwendet. Aber das nur als Obacht am Rande, soll ja keinem der Spaß verdorben werden.

Vergleichsmöglichkeiten sind Uber für Didi, Paypal für Alipay, Ebay für Taobao, gibt es hier auch alles, hat sich aber nicht durchgesetzt. Und WeChat, chinesisch Weixin, Mikronachricht? Die Gegenüberstellung mit WhatsApp hinkt mächtig, zusätzlich ist es Facebook und integriert auch alle anderen Bühnen der chinesischen Onlinewelt. Aber ach, alles auf Chinesisch? Abhilfe bietet die Plattform WeSecretary. Denen kann man mit jeder noch so kleinen Trivialität, aber auch mit großen Problemen kommen. Sie suchen Putzpersonal, Babysitter, Anwälte, Übersetzer, organisieren Konzerttickets, Transporte und helfen bei der Einrichtung von Konten. WeChat müssten Sie sich allerdings selbst herunterladen.


Adresse im Play Store oder App Store: WeChat | Kontakt-ID We-Secretary, siehe auch wesecretary.com, 150 1101 6934 | Onlinezeiten Mo–Fr 9–18 Uhr, Sa 10–17 Uhr | Tipp Die Software WeChat selbst spricht sogar Deutsch, Polnisch, Farsi.


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Dies die Teaser für unsere Publikation
Stefanie Thiedig und Xie Kaijin: 111 Orte in Peking, die man gesehen haben muss. Köln: Emons Verlag 2018, siehe Emons Verlag und Amazon.



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Freitag, 6. Oktober 2017
60. Jubiläum des 798
Publikation: Geschichte des Staatlichen Kombinats 718


Anlässlich des 60. Jubiläums des 798 wurden wir von der das Gelände verwaltenden Sevenstar Group mit der deutschen Übersetzung ihrer 2015 erschienenen Publikation ?国营第七一八厂史(国营华北无线电器材联合厂),1952年?1964年? beauftragt.

Beijing Sevenstar Science & Technology Co., Ltd.: Geschichte des Staatlichen Kombinats 718. Staatliches Kombinat für Funktechnik Nordchina, 1952?1964. Beijing, Oktober 2017. ISBN: 9783000590252. Amazon.


Klappentext: Als die Idee für den Bau des Kombinats für Funktechnik Nordchina im Jahr 1951 entstand, war die Volksrepublik China gerade erst zwei Jahre alt. Mit ostdeutscher Beteiligung wurde das Kombinat 718 in nur fünf Jahren fertiggestellt und zum Aufbau eines ?Neuen China? nach sowjetischem Vorbild für Industrialisierung und Wirtschaftswachstum von großer Bedeutung. Die Produktion galt Bauteilen für Rundfunkgeräte und vor allem der Entwicklung von Hochfrequenztechnik zur Landesverteidigung und Automatisierung der Industrie. Die vorliegende Fabrikgeschichte erstreckt sich vom Beginn der Konstruktion 1952 bis zu ihrer Umstrukturierung im Jahr 1964. Von Veteranen dieser Zeit zusammengestellt, wird ein Blick auf die technischen Entwicklungen eröffnet, der im Hintergrund immer wieder die gewaltigen Umwälzungen und Kampagnen der frühen volksrepublikanischen Geschichte durchscheinen lässt.



Damalige und heutige Persönlichkeiten der Sevenstar Group.


Generaldirektor der Sevenstar Group Wang Yanling 王彦伶.


Im Zuge der Feierlichkeiten wurde die Ausstellung 创业家精神之路 (Der Weg aus dem Geist der Pioniere) eröffnet. Der vollständige voluminöse Titel lautet: 创业家精神之路??纪念国营第七一八厂落成暨开工六十周年展览 Commemoration Exhibition Marking the 60th Anniversary of State-Owned 718 Factory?s Inauguration and Operation.

?? Nachtrag vom 4.2.2018: Online per VR-Aufbereitung begehbar hier. ??

Zu sehen in der Art Factory 艺术工厂, 5.10.?31.10.2017.





Entstanden ist eine sehenswerte Ausstellung unter Bauhausdächern, mit vielen Fotos und Karten, historischen Devotionalien und Geräten sowie dem nachempfundenen Arbeitszimmer des langjährigen Direktors Luo Peilin.




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Montag, 3. Juli 2017
Exhibition of Beijing Hutong Photography
借壁:北京胡同影像联展


Der Titel 借壁儿, jiebir, wollte ein wunderbares Lokalkolorit sein, soll bedeuten „nebenan, beim Nachbarn“. 借, jie, heißt ausleihen und macht hier keinen Sinn, 接, jie, verbinden, erhalten, würde noch gehen, aber diese Versionen kommen alle von Nichtbeijingern, wie die Organisatoren es sind, und die wie auch ich nur Fetzen in Gassen aufschnappen. Richtig ist 隔壁儿, gebi, das erste Zeichen wird mit der Standardaussprache gé geschrieben, im Beijingdialekt aber jiè, also jiebir, ausgesprochen (von Kaijin). Aber das nur als kleine Mümmelei am Rande.



Es war mir eine Ehre, mit unter anderem Xu Yong 徐勇 und Wang Jian 王坚 ausstellen zu dürfen. Die Exhibition of Beijing Hutong Photography 借壁:北京胡同影像联展 fand statt im Beijing Museum of Visual Arts 北京视觉经典美术馆 und im wunderbar restaurierten 27 Yard 27院儿, 24.6.–2.7.2017.

Wenn auch bereits Vergangenheit, so lohnt sich ein Besuch der nicht weit voneinander entfernten Orte auch zu anderen Zeiten:

Beijing Museum of Visual Arts 北京视觉经典美术馆, Beijige santiao 32, Dongcheng District 东城区北极阁三条32号






27 Yard 27院儿, Neiwubu jie 27 内务部街27号






Dazu gab es einen Ausstellungskatalog, dort ein paar meiner Fotos und den folgenden kleinen Text.


In and Out 里出外进. Hutong Shops Series 胡同小铺系列, 2014.

Hutong Shops: Open Stages at Night

Old Beijing inside the former city walls, which is now the Second Ring Road, is divided into Dong-, Xi- and Nancheng, in the Eastern, Western and Southern Districts. I have been living in Dongcheng since years and often walk through the Hutongs, especially enjoying strolls at night. I particularly like the Hutong shops, which draw one towards them like moths to the flame, it feels like they are pulling you into their ban. They appear to me as miniature stages in their own atmosphere of warm light inside the darkness of the alleys.

In photographic wanderings through the three districts, I time and again realize how different Nancheng is from the two Northern districts. Residents in the South are more proletarian and rough, the gaming places are more frequent and massage places more obviously placed next to one-hour-hotels. But also Dongcheng and Xicheng differ from each other, Dongcheng was traditionally for business, Xicheng for administration: 东富西贵南贫北贱. During Qing Dynasty, scholars and a few chosen ones with good will towards the Manchus were allowed to work and stay in the two Northern districts, whereas most Beijingers had to move to the Southern part. Nowadays, the South is still inhabited mostly by laobeijingren, while many waidiren live in the Northern spheres, overly polite within their tiny shop worlds.

It would be exaggerated to use these photo scenarios for introducing the inner districts of Beijing, but it might be a glimpse. Hopefully not completely to be turned into history, considering the present reconstructions taking place again right now.

The picture called “Wampenmann” or “Belly Guy” is named after the guy on the right side, where he is hanging out with friends in front of the store for tobacco and liquor. I photograph rather slowly, taking quite some time for compilation and adjustment. I position myself mostly in the background of a scene, but do not hide, so usually people are aware of me and sometimes a situation evolves out of it. Here, the drunkard started mumbling into my direction, asking me if I was still not ready, here, I give you something to look at, buahaha. Welcome to Nancheng.

In contrast to this stands the small family I portrayed in Dongcheng. Grandfather and father are left and right with the grandmother and the child in the middle. Initially, father and son were sitting there, when I asked if I could take a picture. They were such modest and kind people and let me have all the time I needed, until I realized that someone was waiting next to me. It was the grandmother, who did not want to disturb. I asked her to please come inside the picture, and she stepped forward, placing the child in the centre, illuminated underneath the light. Therefore, this picture is called “Holy Family”.


Wampenmann 大腹大哥. Hutong Shops Series 胡同小铺系列, 2014.

胡同小铺:露天舞台夜景

北京旧城墙内,即现在的二环被分为东城、西城和南城。我已经在东城生活多年,经常经过胡同,尤其喜欢夜晚在胡同里漫步。我特别喜欢胡同里的小铺,它们会让你着迷,飞蛾扑火般扑过去。在小巷黑暗中,它们如微型舞台的灯光,有着温暖的气氛。

带着相机在三个区内溜达,我一次又一次地意识南城与东城西城之间的区别。南方的居民更为无产阶级和粗犷,棋牌室较多,按摩店显然靠近一小时旅馆。而且东城和西城也不同,东城是传统的商业区,西城则是多官邸:东富西贵南贫北贱。在清代,学者和少数亲满族人是可以工作和居住在城内北部地区,而大多数人不得不搬到南部。今天,在南城居住的人大多数仍然是老北京人,而许多外地人虽然住在北半球但却仅限于他们的小店世界。

用这些照片场景来介绍北京的内环城区是有些夸张,但可能算惊鸿一瞥。考虑到目前的重建工作再次发生,希望这一瞥不会完全变成历史。

照片“大腹大哥”得名于右边那个人,摄于一家烟酒店,当时他正和他的朋友们闲逛。我拍摄得相当慢,取景和调焦颇费了些时间。我把自己定位在一个场景的背景下,但不隐藏,所以通常人们意识到我有时所拍的内容自然演变出来的。在这张照片里,这个醉鬼嘟嘟囔囔地向我走来,问我是不是还没准备好了,来,我给你看点东西看看,哈儿哈儿哈儿。欢迎来到南城。

与此相反,我在东城描述了这个小家庭。祖父和父亲是左右祖母和孩子在中间。起初,当我问我是否可以拍照时,父亲和儿子坐在那里。他们非常谦逊和善良的,让我随意拍,后来我意识到有人在我旁边等着。那是奶奶,她不想打扰我。我请她进来,她走上前去,把孩子放在中间,在灯光正下方。因此,这幅画被称为为“神圣家庭”。

翻文:曲一箴


Holy Family 神圣家庭. Hutong Shops Series 胡同小铺系列, 2014.


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Sonntag, 2. Oktober 2016
In Nebula 入雾
Ausstellung zwischen Foto und Malerei 摄影与水墨联展



In den Nebel, in die Berge, in den Wald, in die Natur. Die Fotografien von Stefanie Thiedig wirken beinahe wie gemalt – und wollen in dieser Ausstellung mit den traditionellen chinesischen Landschaftsbildern von Zhu Jianzhong ins Gespräch treten.

入雾、进入山中、深入密林、浸入大自然。由甲的摄影看起来似以画笔描绘而成,在此次展览中,她的影像作品将与朱建忠的中国传统山水画进行对话。







Im westlichen Raumverständnis gibt es traditionell einen an Fluchtpunkten ausgerichteten Horizont, auch hier kann man hineingehen, aber meistens bewegen sich die Elemente auf einen zu. Die chinesische Landschaftsperspektive ist nicht linear, sondern multipel in Höhe, Tiefe und Weite. Zunächst lässt man den Blick auf der Suche nach einem Einstieg schweifen, um sich dann hineinzubegeben und dort zu wandeln. Man kann sich beliebig niederlassen, bei Gefallen eine Zeit verweilen und seinen Gedanken freien Lauf lassen.

在西方对空间理解的传统中,消失点位于地平线上,在这里也可以进入,但通常情况下,所有元素都指向观者。中国山水画的视角并不是线性的,而是讲究高远、深远和平远的多重视角。首先,用眼睛寻觅到一个入口,而后去到那里,开始漫步。可以随心所欲地停下来,逗留片刻,让思想自由驰骋。一切更关乎自身语境中空间连续性的观念。

Der Nebel in Zhu Jianzhongs Bildern scheint aus den Bäumen zu entstehen, während er bei Stefanie Thiedig den Bergen entstammt?

在朱建忠的绘画中,雾似乎从树木中衍生而出;而在由甲的影像中,雾却源自群山?





Kong, … kongfang: Die Leere, … leeres Haus, so wörtlich übersetzt. Bei Stefanie Thiedig sind es Gerüstskelette aus Beton, die als eine der wenigen menschlichen Andeutungen wiederkehren. Sie bilden das Pendeln zwischen dem Leben im Roten Staub und dem Eintauchen und Aufgesogen werden in die Nebelschwaden von waldiger Landschaft. Umgekehrt scheint Zhu Jianzhong ein Hin und Her nicht zu benötigen. Fragil wie die Bäume, leben seine Pagoden zeitlos in seinen Landschaften.

空房:在由甲的摄影作品中,钢筋混凝土结构,是少数反复出现的的人类迹象之一。这样便产生了在滚滚红尘中的世俗生活和森林渺渺雾气中的隐居生活之间的摇摆。反之,对于朱建忠来说,这种往复似乎并不需要。柔弱如树木,他的小塔却在他的山水中不朽。



Nachtlandschaften – es herrscht Uneinigkeit darüber, ob das Nichts, das Kong, schwarz oder weiß ist. Sowohl bei Zhu Jianzhong als auch bei Stefanie Thiedig kann es auch einmal blau sein. Generell aber überwiegen bei beiden die dunkleren Töne. Soweit gar, dass sie gelegentlich in die Nacht eintreten.

黑夜山川——虚无,空,应是黑色还是白色?关于此,人们各执己见。在朱建忠和由甲的作品中,它间或也可以是蓝色。但总体看来,两人都更倾向深色色调。偶尔,他们也会在作品中潜入黑夜。

Zhu Jianzhong 朱建忠: Hanshan Poetics 寒山诗意. Xuan paper 宣纸, 34x45cm, 2016.

Stefanie Thiedig 由甲: Fogged Village 雾村. Alu-Dibond framed 亚光相纸棕色木框, 27x40cm, 2014/ 2016.


Ort: Bücherei Hangzhou, Ausstellungshalle
Adresse: Jiefang donglu 58, Jianggan District, Hangzhou
Dauer: 1.–15.10.2016
Eröffnung: 1.10.2016, 16 Uhr
Veranstalter: Goethe-Institut (China), Bücherei Hangzhou

地点:杭州图书馆展厅
地址:杭州市江干区解放东路58号
展期:2016年10月1日至15日
开幕式:2016年10月1,16点
主办:北京德国文化中心·歌德学院(中国),杭州图书馆


Siehe auch 也看: 小长假在杭州看展:摄影水墨联展「入雾 」 | Ausstellung: In Nebula


Ausstellungsfotos 展厅图片: Bücherei Hangzhou 杭州图书馆
Text 文: Stefanie Thiedig 由甲
Übersetzung 中文译文: Wang Pan 王盼
Grafik 设计: Julia Hofmann 何悠丽



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Samstag, 5. März 2016
Stefanie Thiedig 由甲: While Waiting 在等待



Being in waiting is a condition that appears to be coming back to me. I am usually dismissing it through walking. And then I often take pictures. There are lots of waiting-ways. These pictures could not come out before. But now they are ready. No more waiting for an exhibition!

For the first time not just on my or your computer, but put into materiality. With this choice of pictures opening here, it is a walking into the color of green. Showing you them in winter … all color is gone outside right now, inside we have concrete walls and wooden furniture, not a bad surrounding for my Green Landscapes-walking, I think.

There is no message coming out, instead it is an invitation to come in. Please do come in and wonder around. If you would like to have some theoretical background, I wrote a few passages in our leaflet, also to be found here below – about Hanshan, landscape and void, about walking into them, about nebulae.

在等待中似乎是一种回归我自身的状态。我经常是通过漫步行走的方式去解除这种状态。同时在这个过程中进行拍摄。有很多种等待的方式。这些照片在此之前是不可能出来的。但现在他们多已经成行了。不再需要等待去做一个展览!

第一次不只是在我或你的电脑中去欣赏他们,而是以实物的形式将他们呈现出来。通过今晚所选出这些图片的展现,将带各位在潜入空茫的绿色中漫步行走。在冬天向你们去展现它们……现在外面全部的颜色都失去了色彩,而在里面我们周围这些水泥的墙壁和木制家具座椅,我认为在这样的环境中很适合我的绿色风景中漫步。

在这里没有信息要去向你表达传递,相反,这是一个要身临其境去感受的邀请。请大家都走进来去感受它。如果你想去了解一些背后的理论信息,我也在图册中写了相关的介绍。关于寒山、风景、以及空茫。关于去步入它们,关于蒙雾。
译文:解开缙


Photo exhibition
28-2–22-4-2016
At Zarah
Guloudongdajie No. 46, Dongcheng Beijing

摄影展览
2016年2月28日——4月22日
Zarah
北京东城鼓楼东大街46号, 010-8403 9807




图片 Photo: © Lui Chen 陈路


图片 Photo: © Lui Chen 陈路


While Waiting

Waiting for the wind
Waiting for your lover
Waiting for darkness
Waiting for content
To put into context
Waiting for time to deliver
Waiting to calm down

Walking for waiting
Cars passing by
Endless streams of things
Background noise
Blurring away in distance
Numbness inside
Awareness turned off

A flitter of light through the dust
Come along?
I don't want to
I want to keep walking
I don't want this woman to talk to me
Meaningless things
I want to be left alone
In my own meaninglessness
For it to happen?
I don't want it to anymore
I want to be left alone

Diving deep into the color of green
I am not waiting
Not passing time
I keep on walking
Into the color of green


I don't know what time I left
What time it is now
What time I will arrive
I walk straight ahead
Follow the highway
The sun stays in front of me
No need to worry about directions
I don't look back
I don't look up
Emptiness in my head
I don't care about
The monkey running wild

I am going to take a shower
Of course I will be back

1.1.2016, while walking in Beijing



Way to Hanshan 寒山道
Alu-Dibond 铝塑板, 100x67 cm, 2014



And a small guerilla action in the hutongs …


在等待

等待风
等待你的爱人
等待黑暗
等待内容
去进入语境中
等待时间发酵
等待平静

为了等待而走着
车辆驶过
琐事不停歇地涌来
背景中的噪音
消逝在远处
内心麻痹
意识被屏蔽

一束光线掠过尘埃
跟我走吗?
我不想
我想继续走着
我不想跟这个女人说话
无意义的事情
我想独自一人
在我自己的无意义里
等时间生效?
我不再期望了
我想独自一人

深深潜入绿色中
我不在等待
没有虚度时间
我继续走着
潜入绿色中


我不知道我离开的时间
现在是什么时刻
我何时会抵达
我径直朝前走
沿着高速公路
太阳总在我前方
不用担心方向
我不回头看
我不向上看
头脑空空
我不在乎
猴子肆意张狂

我要去冲个澡
当然我还会回来

2016年1月1日,在北京继续走着
译文:王盼



图片 Photo: © Lui Chen 陈路


图片 Photo: © Lui Chen 陈路


图片 Photo: © Lui Chen 陈路


图片 Photo: © Lui Chen 陈路


Hanshan 寒山

Hanshan, Cold Mountain, is an area in the valley of Tiantai mountains in Zhejiang province, after which an otherwise unknown hermit-poet named himself. He lived there in the 7th century in a cave, where he carved his verse into the rocks and the trees nearby. Hanshan was rediscovered through the translation of Gary Snyder as contribution to the Beat generation in the 1950s – and only found his way back to China in recent years via Japan. Hanshan’s ideals of Zen-Buddhist world comprehension and his vernacular ironic malapropism of social mechanisms do not make me want to live without any possessions in the mountains, but they allure me as a pendulum between my life in the Red Dust and the immersion in the waft of mist of forested landscapes.

寒山位于浙江省天台山的寒岩,一位本不知名的诗人遁世与此,并以此山为自己命名。隋末唐初,他居于洞穴中,将诗行刻在岩壁和树干上;二十世纪五十年代,通过加里·斯耐德的翻译,寒山诗受到“垮掉的一代”的推崇,被重新发现。在日本学者的推介下,近年来才再度在中国引起关注。他秉持理想的禅宗的世界观,以白话的表达方式讥讽社会体制。他的诗句并未让我放弃所有去追求山居生活,但着实令我神往——摇摆在滚滚红尘中的世俗生活和森林渺渺雾气中的隐居生活之间。

Hanshan, Kalter Berg, ist ein Ort im Tiantai-Gebirge der Provinz Zhejiang, nach dem sich ein sonst unbekannter Dichter-Einsiedler benannt hat. Dort lebte er im 7. Jahrhundert in einer Höhle und ritzte seine Verse ins Gestein und in die Bäume. Hanshan wurde durch die Übertragung von Gary Snyder als Beitrag zur Beat-Generation der 1950er Jahre wiederentdeckt – und fand erst in den letzten Jahren über Japan erneut seinen Weg nach China. Seine Ideale zen-buddhistischer Weltauffassung und umgangssprachlich ironischer Verballhornung gesellschaftlicher Mechanismen lassen mich nicht in den Bergen und ohne jeglichen Besitz leben wollen, aber sie ziehen mich an – in ein Pendeln zwischen meinem Leben im Roten Staub und dem Eintauchen in die Nebelschwaden von waldiger Landschaft.



Into the Void 空道
Alu-Dibond 铝塑板, 80x53 cm, 2015



Landscapes 风景

It takes time to get into a landscape, an arrival of one or ten days, a sinking in until one has found a way. The walk differs in the Chinese and Western comprehension of space. It is traditionally aligned with vanishing points on the horizon in the Western sense, which one may also walk into, but where the elements mostly move out of towards oneself. The perspective of Chinese landscapes is not linear, but multiple in height, depth and level. One first let’s the eyes wander in search for an entry, for then to get in and stroll around. One may at any order settle somewhere, rest a while where it pleases and lets the mind drift freely. It is more about perception of spatial continuum in it’s context.

若想真正抵达一片风景,需要花费时间,一段一天或者十天的旅程,被接纳,直到找到一条路。中国对于空间的理解异于西方。在西方传统中,消失点位于地平线上,在这里也可以进入,但通常情况下,所有元素都指向观者。中国山水画的视角并不是线性的,而是讲究高远、深远和平远的多重视角。首先,用眼睛寻觅到一个入口,而后去到那里,开始漫步。可以随心所欲地停下来,逗留片刻,让思想自由驰骋。一切更关乎自身语境中空间连续性的观念。

Es braucht Zeit, um in eine Landschaft hineinzugelangen, eine Anreise von einem oder zehn Tagen, ein Einlassen, bis man einen Weg gefunden hat. Diesen begeht man im chinesischen Raumverständnis anders als im westlichen. Im westlichen gibt es traditionell einen an Fluchtpunkten ausgerichteten Horizont, auch hier kann man hineingehen, aber meistens bewegen sich die Elemente auf einen zu. Die chinesische Landschaftsperspektive ist nicht linear, sondern multipel in Höhe, Tiefe und Weite. Zunächst lässt man den Blick auf der Suche nach einem Einstieg schweifen, um sich dann hineinzubegeben und dort zu wandeln. Man kann sich beliebig niederlassen, bei Gefallen eine Zeit verweilen und seinen Gedanken freien Lauf lassen. Es geht mehr um die Vorstellung des Raumkontinuums in seinem Kontext.



In Nebula 入雾
Alu-Dibond 铝塑板, 100x67 cm, 2014



Void 空

The context may then be forgotten when inside the landscape. One of the best assistants is the mist. Not as empty surface, rather as diffusion from the one here to the other. Kong, the void, serves as medium for this transition. With merging in it, the initial is set to let go, to get absorbed into it. Where to, what, how, asks rationality – and one again is outside. Between being and not being one dives in anew, though to focus through Kong on particular strings of the whole muddle around. Open in departure and applied as a search, nebula might lift up and the ideas whirling in the ether can be grasped. They could still appear as dwelling in a waiting position, but develop on closer inspection an independent existence.

身处风景中,就可以忘掉语境。最好的协助之一就是雾。雾并不就是空旷,而是从一个到另一个区域的过度。空,是服务于这种过度的媒介。随着进入,开始已定,心无旁骛,便可完全融入其中。去向哪里?什么?怎样?理智在质问——又重新置身其外了。重新沉浮在“有”和“无”之间,试图透过“空”,去将焦点投射到一团乱麻中的丝丝缕缕上。出路未知,在探寻中,眼前的云海层层散开,满空中飘浮的想法即会显现,伸手便可捕捉到。它们看似在静默地等待着,然而持续近观之,就会发现,却都独善其身地存在着。

In der Landschaft dann kann der Kontext vergessen werden. Einer der besten Gehilfen ist der Nebel. Nicht als leere Fläche, eher als Diffusion vom einen Hier zu einem anderen. Das Kong, die Leere, dient als Medium für diesen Übergang. Mit dem Hineinbegeben ist der Anfang getan, im Loslassen kann man sich hineinsaugen lassen. Wohin, was, wie, fragt die Ratio – und schon ist man wieder draußen. Zwischen Sein und Nichtsein tauche man erneut ein, um durch das Kong den Fokus auf einzelne Stränge des Gesamtwirrwarrs zu richten. Offen im Ausgang und als Suche angelegt, vermag sich der Nebel vielleicht zu lichten und die im Äther schwirrenden Ideen aufzugreifen. Noch mögen sie in Warteposition verfallen wirken und entwickeln doch bei längerem Hinsehen ein Eigenleben.















Never heard of the Red Dust, hongchen 红尘? It is the Chinese term for our worldly illusion, in which we find ourselves in everyday life.


译文:王盼
English edit: Lui Chen



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Montag, 31. August 2015
艺术反对艺术——第二回展:镜子 Art Against Art – Second Round: Mirror


时间:2015年9月10日到10月10日
9月10日对话:下午三点半,开幕式:下午五点
Time: 2015-9-10–10-10
9-10 talk: 3:30pm (in Chinese), opening: 5pm


地点:三远当代艺术中心,天津市和平区津湾广场3号楼1B-02
022-2321 9189(高铁火车站对面)
Place: Distance Gallery, Tianjin, Heping District,
Jinwan Square #3, 1B-02 (right across the train station)


六面镜子 Six mirrors:马轲 Ma Ke、朱贤巍 Zhu Xianwei、徐赫 Xu He、李飒 Li Sa、谷泉 Gu Quan、由甲 Stefanie Thiedig

我们讨论,我们争辩,我们反映或试图反映,但通常我们不得要领。我们互问,这个我们置身其中的2015中国当代艺术是什么。这里将会有艺术,还有画册。

We discuss, we fight, we reflect or try to, we mostly don't get to the point. We ask each other what this thing is, we are into, this Chinese contemporary art of 2015. There also will be art and a catalog.


---

Die 30 Fragen, die wir uns gestellt haben und die im Katalog zu finden sind, hier übernommen von 库艺术. Dazu ein Eröffnungsüberblick von Hi艺术.

Von der Galerie eine Zusammenfassung des Eröffnungsgespräches sowie ein Ausstellungsüberblick und mehr Eröffnungsbilder.


Die Ausstellung an sich drückt sich für mich vielleicht am besten in diesem Bild aus:



Es geht uns im fandui 反对, im Gegen, im Kunst versus Kunst, nicht vordergründig um die Gegenüberstellung der einzelnen Künstler- oder in meinem Fall Kunstpositionen. Wir haben uns bei dieser Ausstellung für den Spiegel als Leitmotiv entschieden, weil wir uns in den Perspektiven der anderen sehen wollten. Irgendwie ging es in teils merkwürdige Richtungen. Vermutlich braucht es einfach mehr Zeit, definitiv mehr Gespräche, vielleicht aber auch eine andere Art von Auseinandersetzung. Mal sehen, wie es weiterziehen wird, für jeden einzeln und für die Gruppe.

Ein wenig Spiegelung kommt aber doch zustande. Eigentlich natürlich eher im übertragenen Sinn gemeint und normalerweise macht mich schlechte Glasqualität rasend, aber man sucht, wo man kann …







Im Gesamtüberblick sieht es so aus:


Hereintretend wird man zunächst im Vorraum von Li Sas Spitzen aufgespießt, das gefällt mir.








Am Aufbauabend ein Rundgang durchs wunderschöne Tianjin.


Hier die Truppe, noch Xiao Ge 萧歌 mit dabei, Li Sa bereits weitergezogen.






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绘画相遇音乐 Painting meets Music


我们在每年的夏天都做一点好玩儿的、放松的、瓷器的事情。 这个夏天我们想用一个白天和一个晚上的时间把绘画和音乐联系在一块儿。我们将在Zarah展览艺术家的作品,日落时DJ们开始通译绘画到他们的音乐里。请与我们一起观看展览和倾听DJ们是怎么利用DJSet把这些绘画串联并用音乐与之对话!看看这个方式是否可以让音乐与绘画交流起来.....我们自己也很期待会是一种什么样的气氛状态.....“瓷器”一直在你身边!

In Beijing’s heat of the summer, we like to organize a little something playful and relaxing among friends. This summer, we will use one day and one night to try combining painting and DJing. We will exhibit paintings at Zarah all day and night, and at the beginning of dawn, the DJs will interpret them with their music. Join us in seeing and hearing and how to communicate this way …


时间: 2015年9月5日,音乐从晚上七点开始
Time: 2015-9-5, music starts at 7pm


地点: Zarah,北京市东城区鼓楼东大街46号,010-8403 9807
Place: Zarah, Beijing, Dongcheng District, Guloudong dajie #46



DJs: 黄维伟 Huang Weiwei、X.L.F、张林 Zhang Lin、liolio、伊万 1van Binary

艺术家 Artists: Ole Aselmann、陈恒 Chen Heng、慈宜书 Ci Yishu、丁炜 Ding Wei、Alice Dittmar、甘迪格 Gan Dige、葛辉 Ge Hui、何伟 He Wei、胡宗竹 Hu Zongzhu、家北 Jia Bei、李飒 Li Sa、李子沣 Li Zifeng、刘飞 Liu Fei、吕松 Lü Song、Lazar Lyutakov、马轲 Ma Ke、孟柏伸 Meng Baishen、Bianca Regl、Misha Stroj、孙蓉芳 Sun Rongfang、孙秀庭 Sun Xiuting、吴升知 Wu Shengzhi、席丹妮 Xi Danni、徐赫 Xu He、许惠 Xu Hui、杨欣嘉 Yang Xinjia、翟倞 Zhai Liang、张方白 Zhang Fangbai、张俊领 Zhang Junling、张新军 Zhang Xinjun、张颖 Zhang Ying、赵晶岱 Zhao Jingdai、赵龙平 Zhao Longping、朱贤巍 Zhu Xianwei


策展人 Curator: 由甲 Stefanie Thiedig
方案 Concept: 黄维伟与由甲 Huang Weiwei and Stefanie Thiedig

支持 Support: 卉儿 Huir、夏乐 Alex Signer
设计 Design: 小悠 Julia Hofmann


–––


图片 Photo: © 56


图片 Photo: © 56


图片 Photo: © Julia Hofmann 小悠


图片 Photo: © 56


图片 Photo: © 56


图片 Photo: © Julia Hofmann 小悠


DJ-Sets + 艺术 Art
艺术图 art photos: © 艺术家 artists


DJ: X.L.F


图片 Photo: © Lui Chen 陈路


马轲 Ma Ke: 思 Thinking; 40x50cm
音乐感:有点重金属摇滚的味道


孟柏伸 Meng Baishen: 秩序 Order; 铅笔画 pencil on quartz clock, 30x30cm, 2014


张颖 Zhang Ying: 157157——靠近你 157157 – Close to You; 22x15cm, 2015
音乐感:古典,人声


Alice Dittmar: 灰色 Grey; 30x40cm, 2009
音乐感: elektronisch, atmosphärisch, flächig, repetitiv, endlos, void


Ole Aselmann: Kuchen 蛋糕 Cake; 21x30cm
音乐感: Antony and the Johnsons


赵晶岱 Zhao Jingdai: 海边 Seaside; 布面丙烯 acryl on canvas, 30x20cm, 2014
音乐感:作品灵感来源于俄罗斯画家Nicholas de Stael的风景画;主要的感觉是海边层叠的蓝;运用皲裂的肌理效果 突出灌木带来的不规则感;乐感为蓝调Jazz


徐赫 Xu He; 别忘记自己的出身 Don’t Forget Your Own Background; 50x60cm, 2015
音乐感:西北音乐


孙蓉芳 Sun Rongfang: 被时间搅拌的记忆 Memories Mixed Up By Time; 综合媒介 mixed media, 40x40cm, 2013
音乐感: soul music

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DJ: liolio


图片 Photo: © Julia Hofmann 小悠


Misha Stroj: Heimkehr 经久归来 Return Home; 布面油画 oil on canvas, 40x50cm, 2015
音乐感:古代音乐,最好有动物在歌曲标题里


甘迪格 Gan Dige: 寺庙 Temple; 60x40cm, 2015
音乐感:我最喜欢的音乐家Sainkho Namtchylak还有Don Cherry


吕松 Lü Song: 破裂的城市之骨 Broken Bones of Cities; 40x30cm, 2015


许惠 Xu Hui: 哭泣 Crying; 布面丙烯 acrylic on canvas, 20x30cm, 2013
音乐感:音乐选哪首歌我没想过,可以请DJ朋友帮忙吗?


Lazar Lyutakov: 维他命D3——钙 Vitamin D3 – Calcium; 布上混合媒体 mixed media on canvas, 40x50 cm, 2015
音乐感:我自己做音乐,所以不好说……

--

DJ: 伊万 1van Binary


图片 Photo: © 56


家北 Jia Bei: 旅行 Travelling; 21x15cm, 2015
音乐感:艺术是理性的非理性,音乐尤其是!


张俊领 Zhang Junling: 无尽熵 Infinite Entropy; 40x30cm
音乐感:这是我在舞蹈排练现场听着即兴舞蹈的音乐,用双手追随舞者在舞台上舞动的轨迹,和舞者互动完成的作品,纪录了我对舞者舞蹈的纯下意识和潜意识的感觉,呵呵


慈宜书 Ci Yishu: 等着到家 Waiting Till Home; 30x30cm
音乐感:音乐的话应该是反复性很强,没有太多转折的音乐, repetitive and plain


赵龙平 Zhao Longping: 裂缝 Flawing; 18x25cm, 1998
音乐感:其实就是一种生活中的偶然性,我并没参与什么,最接近音乐的方向就是偶然音乐;当时发现从一台有故障的、老化了的复印机里,可以打印出很多抽象墨迹,并且因为故障,纸会被卷皱,我觉得很有意思,打印了一下午,就留了这一张效果最好的


胡宗竹 Hu Zongzhu: 冬天在北京 Winter in Beijing; 布面丙烯 acryl on canvas, 40x30cm
音乐感:我没有音乐感。都可以的,因为我平时不听音乐。


吴升知 Wu Shengzhi: 冰岛琐记船 Iceland’s Petty Boat; 纸本水彩 watercolor on paper, 29x29cm
音乐感:音乐sigur ros的all alright吧,在冰岛很喜欢的歌曲

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DJ: 张林 Zhang Lin


图片 Photo: © Lui Chen 陈路


丁炜 Ding Wei: 墙 Wall; 33x40cm, 2013
音乐感:好些年不听音乐了,让你朋友自由组合好吗?


李飒 Li Sa: 凌晨的肖像 Portrait Before Dawn; 27x39cm
音乐感: nirvana乐队


朱贤巍 Zhu Xianwei: 易水——钓 Yishui – Fishing; 布面油画 oil on canvas, 40x30cm, 2014
音乐感:古琴和Tom Waits和Paul Cerlan


孙秀庭 Sun Xiuting: 潜意识 The Subconscious; 41x30cm, 1994
音乐感:画时出现旋律感,可是作曲更难吧

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DJ: 黄维伟 Huang Weiwei


图片 Photo: © Julia Hofmann 小悠


翟倞 Zhai Liang: 认真听艺术家讲故事 The Earnest Story of an Artist; 35.5x45.5cm, 2015
音乐感:帕格尼尼 Niccolo Paganini, Michel Petrucciani 的歌曲《September Second》


张新军 Zhang Xinjun: 裁缝 Tailor; 45x50cm, 2015
音乐感:我去黑桥村的裁缝店,我请求裁缝使用废料来为我创作这件平面作品,并且了解他们熟悉的中文歌曲:60年代,曲风明亮,干脆。歌手包括:毛阿敏,邓丽君等……


何伟 He Wei: 流动的蓝色限制 Flow of Blue Limits; 25x25cm
音乐感:我喜欢trip hop


李子沣 Li Zifeng: 鸡先生和鸡小姐 Mister Cock and Miss Hen; 布面油画 oil on canvas, 45x55cm, 2012
音乐感:再一次在一次party上又遇见曾经熟悉的她。这幅画是根据一次深沉爱情故事的而画


陈恒 Chen Heng: 擦肩而过 Close, Not Quite There; 45x30cm, 2012
音乐感:节奏感算不算;唱歌跑调也算吧!


Bianca Regl: 金属灰 Metal Grey; 25x35cm, 2014


刘飞 Liu Fei: 红色的忧郁 Red Melancholia; 13x18cm
音乐感:作品应该和大提琴的音色有关,舒缓,阴郁,忧伤


杨欣嘉 Yang Xinjia: 红墙出杏 Apricot out of Red Wall; 纸本水彩 watercolor on paper, 14x20cm, 2015
音乐感:缓慢空洞乏味,偶尔有短暂的爆发,但不彻底很克制


席丹妮 Xi Danni: 烂草莓 Rotten Strawberries; 布面油画 oil on canvas, 40x30cm, 2013
音乐感:我喜欢节奏单调重复又有变化的音乐,古典的有拉维尔的波罗莱舞曲,现代的如坂本隆一的电子乐 Break with,都是在单一中有变化的音乐


葛辉 Ge Hui: 至此等待 Waiting Until Now; 纸本油画 oil on paper, 19x22cm, 2014
音乐感:我平时听的比较多的是古典音乐,工作时民谣和摇滚比较多,爵士少有


张方白 Zhang Fangbai: 墨鹰5号 Ink Eagle No. 5; 90x90cm
音乐感:巴赫




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