Samstag, 28. März 2026
Kassel 2026: „The China Moment“

Eingang zum Kasseler Kunstverein links im Gebäude des Fridericianums.

Das documenta Institut präsentierte im Kasseler Kunstverein die sehr sehenswerte Ausstellung The China Moment 中国时刻, kuratiert von Su Wei 苏伟, Mi You 由宓 und Anna-Lisa Scherfose, 24.1.–22.3.2026.

Es handelt sich um eine Überblicksausstellung zeitgenössischer chinesischer Kunst seit der Öffnung Chinas unter Deng Xiaoping ab 1979 mit einzelnen Werken bis in die Gegenwart. Mit dem Fokus auf Individualismus ist sie als Forschungsausstellung angelegt. Eine weitere Überblicksausstellung? Aus der Perspektive der Kurator·innen scheint es sinnvoll, aktuell erneut auf die Hintergründe einzugehen, da Künstler·innen aus China seit Beginn der 2020er Jahre weniger auf dem Tableau westlicher Institutionen erschienen. Gründe seien eine vermehrte Tendenz zur Regionalisierung, gar Entkoppelung im Kulturkampf unter Trump und dessen global erfolgreichem Sog und der verweigerten Positionierung dazu im Sinne eines westlichen kunstkritischen Ansatzes innerhalb Chinas. Damit wird die Frage aufgeworfen, ob der „China Moment“ im Westen vorbei sei.

Besonders gefreut hat mich, dass es einige Werke gab, die ich noch nicht kannte, andere, die durch die Texte in ein anderes Licht gerückt wurden. Der Umfang war nicht erschlagend, selbst für die Videoarbeiten konnte man sich Zeit nehmen, und die sozialen, gesellschaftlichen und politischen Umstände der Zeiten wurden subtil eingeflochten, aber nicht als Angstszenarien dargestellt. Ob all dies von jemandem ohne Hintergrundkenntnisse verstanden werden konnte, war für mich schwer zu beurteilen (siehe bei Interesse an einem Hintergrund den Einführungsteil von fünfzig Seiten über die „Gegenwartskunst in China im historischen Kontext“, unterteilt in einen „kunsthistorischen Überblick“, in „Kunstmarkt“, „Kunstpolitik“ und die sogenannte „Rote Kunst“, in meiner Dissertation) – für mich war gerade dieser eingeflochtene Ansatz besonders spannend. Normalerweise denke ich bei Texten oder in Ausstellungen über den großen Zeitraum der zeitgenössischen chinesischen Kunst von Ende der 1970er bis heute häufig „Ja, aber …, man kann es auch anders sehen“, doch hier hat mir das Selbstverständnis imponiert.


Zhuang Hui 庄辉 (*1963): Longitude 109.88, Latitude 31.09. Detail, div. Größen, Schwarzweiß-Fotografien auf Papier, Video (Farbe), (hier im Bild:) Druck auf Vinylfolie, 1995–2008. Courtesy Zhuang Hui.


Datong Dazhang 大同大张 (1955–2000): (Links 左:) I Saw Death. 140x100cm, Druck auf Papier, 1998. (Rechts 右:) Things from 96. Mail Art 97, First Half of the Year. Div. Größen, Stift auf Papier, getackert, 1996–97. (Alle 全:) Courtesy Wen Pulin Archive of Chinese Avant-Garde Art.


Gu Dexin 顾德新 (*1962): 1998.11.07. Ausstellungsansicht aus dem Katalog „Corruptionists: Pig Brains“, 1998. 105x150cm, Druck auf Papier.


Wang Guangyi 王广义 (*1957): Study for Cold War Aesthetics. Div. Größen, Acryl und/ oder Filzstift auf Fotokopie, 2007. Courtesy Wang Guangyi.


Ders.: Study for Quarantine: All Food Is Potentially Poisonous. Div. Größen, Acryl und Filzstift auf Papier, 1996. Courtesy Wang Guangyi.


Zeng Xiaojun, Ai Weiwei, Xu Bing (Hgg.): Black Cover Book. Im Selbstverlag erschienen, 1994. Courtesy Andreas Schmid.


Kan Xuan 阚萱 (*1972): Ai! Filmstill, Einkanal-Video (Farbe, Ton), 1:22min., 1999. Courtesy Kan Xuan.


Jiang Jie 姜杰 (*1963): Long March – Xiao Shuxian 2002 – Nowadays. Detail, div. Größen, 24 Fotografien, 2002–25. Courtesy Jiang Jie.


Ebd., Detail.


Lin Yilin 林一林 (*1964): Safely Maneuvering Across Linhe Road. Filmstill, Einkanal-Video (Farbe, Ton), 90min., 1995. Courtesy Li Yilin.


New Measurement Group 新刻度小组 (aktiv 1989–96): Analysis I–V. Detail, je ca. 30x21cm, 1990–95. Courtesy Wang Luyan.


Einladung zur ersten Ausstellung der No Name Group 无名画会. 7,5x13,5cm, Druck auf Papier, 1979. Courtesy Wang Youshen.


Einladung zur Ausstellung dokumentarischer Fotografien zum Gedenken an Genosse Hu Yaobang. 15x18,5cm, Siebdruck auf Papier, 1989. Courtesy Wang Youshen.


Installationsansicht.


Chen Shaoxiong 陈绍雄 (1962–2016): 72.5 Hours of Electricity Consumption. Div. Größen, Tageslichtlampe, Glühbirne, Stromzähler, Holzrahmen, Regenmantel, 1992. Courtesy Taikang Insurance Group.


Ma Liuming 马六明 (*1969): Fen-ma Liuming. 148x100cm, Druck auf Papier, 1993. Courtesy Ma Liuming.


Hong Hao 洪浩 (*1965), Yan Lei 颜磊 (*1965): Snow Bull. 300x660cm, Öl auf Leinwand, 2009. Courtesy Hong Hao, Yan Lei.


Ebd., Detail.
Text: „Full Service / Spa Treatment // The Art Power List 100 of 2008, by Artreview // 01. Science (Damien Hirst) / 02. Larry Gagosian / 03. Kathy Halbreich / 04. Sir Nicholas Serota / 05. Iwan Wirth / 06. Jay Jopling / 07. David Zwirner / 08. Francois Pinault / 09. Jasper Johns / 10. Eli Broad // We are really better than anyone“.

Aus westlicher Perspektive wird die zeitgenössische chinesische Kunst der 1980er und 90er Jahre stets in Bezug auf die Akteur·innen aus dem Westen oder gar als von ihnen entdeckt dargestellt, von den Sammler·innen, Galerist·innen und anderen. Sehr erfrischend ist hier, im Westen, vermehrt die Sicht der chinesischen Künstler·innen selbst dargestellt zu sehen, u. a. mit folgenden Arbeiten:


Hong Hao 洪浩 (*1965), Yan Lei 颜磊 (*1965): Invitation Letter to documenta Kassel. (Hier im Bild:) 29,7x21,7cm, gedruckter Brief, (s. u.:) 11x22,1cm, gestempelter Briefumschlag, 1997. Courtesy Hong Hao, Yan Lei.


Ebd., Detail.
Anm., die documenta-Adresse lautet: „No. 16 Second quarter Gnakupuil, / Kassel, Germany“.


O. A.: Robert Rauschenbergs flüchtiger Blick. 95x130cm, Druck auf Papier, 1986. Courtesy Wang Luyan.
Anm.: Wang Luyan, einer der Gründer der New Measurement Group, geht im Vordergrund vorbei. Dazu Su Wei im Katalog (S. 115f): „Their [Wang’s and Rauschenberg’s] gazes seem to cross but never connect––a fitting metaphor for the complex, often misaligned relationship between Chinese artists and the Western-dominated global art system.“


Zhou Tiehai 周铁海 (*1966): Will/ We Must. Filmstill, Einkanal-35-mm-Film, übertragen auf digitales Video (schwarzweiß, stumm), 9:17min., 1996. Courtesy Zhou Tiehai, Collection of Yuz Foundation.
Text: „你们只有中药和巫术,没有艺术。 | Alles, was ihr habt, ist traditionelle chinesische Medizin und Hexerei. Aber keine Kunst.“


Ebd., Filmstill.
Text: „难道我们的艺术——是安慰你们的胃口吗? | Muss unsere Kunst euren Standards genügen?“


Ebd., Filmstill.
Weitere Textsnippets: „Dies ist ein Militärflughafen, auf dem heimlich Museumsdirektoren, Kritiker und Galeristen empfangen werden. // Um ihre Blockade gegen uns endgültig zu durchbrechen, müssen wir umgehend Maßnahmen ergreifen und unseren eigenen Flughafen bauen. // Genossen, wir sollten nicht vergessen, dass wir ohne unseren eigenen Flughafen nichts erreichen werden.“


Wu Wenguang 吴文光 (*1956): Diary: Snow, November 21, 1998. Filmstill, Video (Farbe, Ton), 14:29min., 1998. Courtesy Wu Wenguang.
Text: „不许你搞这个记实摄影! | Sie sollten dich keine Dokumentarfilme machen lassen!“


Ebd., Filmstill.


Ni Haifeng 倪海峰 (*1964): Of the Departure and the Arrival. Detail, div. Größen, glasiertes Porzellan, 2005. Courtesy Ni Haifeng, Galerie In Situ, Fabienne Leclerc.


Ebd., Detail.


O. A.: 13 Postkarten für die Ausstellung von Entwürfen für Innenarchitektur und Kunst (Boyuanhua [Firma für Interior Design]). Detail, je 15x10cm, Druck auf Papier, 1994. Courtesy Wang Youshen.


Beijing Youth Daily 北京青年报: 博缘华画廊 (Boyuanhua Gallery), 1994-3-18.


Xiao Lu 肖鲁 (*1962): 15 Gunshots…From 1989 to 2003. Detail, je 100x45x5cm, 15 Schwarzweiz-Digitaldrucke, gerahmt, Einschussloch, 2003. Courtesy Xiao Lu.


Ebd., Detail.


Ebd., Detail.


Han Lei 韩磊 (*1967): Luochuan, Shaanxi Province VI. Detail, je 30x45cm, Kunstdruck auf Papier, 1989. Courtesy Han Lei.


Wang Youshen 王友身 (*1964): Shining · Kassel. Detail, div. Größen, Fotografien, Glas, Licht, 1989–2026. Courtesy Wang Youshen.


Ebd., Detail.
Text: „会有能够把头低下的时候吗 好让日子继续过下去“, etwa: Wird es je einen Moment geben, in dem ich den Kopf senken und einfach weitermachen kann?


Figur eines Mädchens aus der Skulpturengruppe „Rent Collection Courtyard 收租院“. 30x15x30cm, Bronze, 2005. Courtesy documenta Archiv, Dauerleihgabe der Stadt Kassel.


Zheng Gougu 郑国谷 (*1970): Me and My Teacher. 180x270cm, Druck auf Papier, 1993. Courtesy Zheng Guogu, Vitamin Creative Space.


Wang Bing 王兵 (*1967): Man with No Name. Filmstill, Film 16/9 HD (Farbe, Ton), 99:52min., Edition von 6+2 AP, 2009. Courtesy Wang Bing, Galerie Chantal Crousel, Paris.


Living Dance Studio 生活舞蹈工作室: Dance with Farm Workers. Filmstill, Video (Farbe, Ton), 15:30min., 2001. Courtesy Wen Hui.


Erste Ausgabe der Zeitschrift „Scholar 学人“, Jiangsu Literature and Art Publishing House 1991. Courtesy Su Wei.


Sui Jianguo 隋建国 (*1956): Kill. 65x65x65cm, Kautschuk, Nägel, 1996. Courtesy Sui Jianguo.


Ebd., Detail.


Cao Fei 曹斐 (*1978), Ou Ning 欧宁 (*1969): Sanyuan li. Filmstill, Video (Schwarzweiß, Ton), 39:42min., 2003. Courtesy Cao Fei, Ou Ning.


Hiroshi Ohashi 大桥宏 (DA-M Theatre & Proto Theatre, Tokyo), Wang Molin 王默林 (Body Phase Studio, Taipei), Tong Sze Hong 汤时康 (Clash, Hongkong), Zhao Chuan 赵川 (Grass Stage, Shanghai): Lu Xun 2008. Filmstill, Video (Farbe, Ton), 79min., 2008. Courtesy Zhao Chuan.


Individual as Society | 一个人的社会 | Individuum als Gesellschaft. Detail, Projektdokumentation und Poster, 2018–24. Courtesy Man Yu, Individual as Society.


Zhao Yin’ou 赵银鸥 (*1972): (V. l. n. r. 左到右:) 2007.40.12.R. 2007.40.10.R. 2007.40.6.R. Je 100x70cm, Öl auf Leinwand, 2007. Courtesy Zhao Yin’ou.

Mit die beste Arbeit fand ich die Videoinstallation von Wang Tuo, möglicherweise auch deshalb, weil sie das aktuell für mich relevante Thema der Zensur bespricht: Sein „Verhör“ ist als Hommage an die Ausstellung „China/Avant-Garde“ von 1989 und die sogenannten Performances der „Sieben Sünden“ gemeint, als Erinnerung und Nachstellung des Zusammenspiels zwischen radikaler Kunst und Protest. Es behandelt den fiktiven Dialog zwischen dem Künstler und einem Zensurbeamten:


Wang Tuo 王拓 (*1984): The Second Interrogation. Filmstills, Videoinstallation, Part I–II, Zweikanal-/ Einkanal-Video (Farbe, Ton), 24:28min, 30min., 2022–23. Courtesy Wang Tuo.


Ebd., Filmstill.
Text: „Weil sich das ‚Problembewusstsein‘ verändert hat.“


Ebd., Filmstill.
Text: „über die Funktionsweise des Kunstbetriebs,“.


Ebd., Filmstill.
Text: „Der gesamte Kunstbetrieb ist mitschuldig,“.


Im ebenfalls sehr empfehlenswerten Ausstellungskatalog finden sich noch weitere Einordnungen und sieben zusätzliche Texte im Reader – aus dem Su Wei besonders den Text von Yang Guoqiang 杨国强 (2016) als weitere Lektüre vorschlägt: On Individualism in New Culture Movement (S. 155–67):


Mi You, Su Wei, Anna-Lisa Scherfose (Hgg.): The China Moment: Contextualizing Individualism in Chinese Contemporary Art. Ausst.Kat., 24.1.–22.3.2026, documenta Institut, im Kasseler Kunstverein. Berlin: Hatje Cantz 2026.



Der Durchgang von der documenta Halle runter zur Karlsaue war über die 25 oder so Meter abgesperrt und alle gingen kollektiv einfach drüber hinweg, so mag ichs.




Haus-Rucker-Co: Rahmenbau | Frame Building. documenta 6, 1977.


Beat Tonilio: Joseph Beuys wo bist Du? documenta fifteen, 2022.




Deutsches Tapetenmuseum (aktuell geschlossen).



Kommendes Jahr, 2027, findet bereits wieder die nächste documenta statt, die documenta 16. Dann werden wir uns gewiss wiedersehen, du merkwürdig interessante Stadt. Siehe für Kassel bis dahin gern auch: documenta fifteen, 2022 und documenta 13, 2012.


Tags für diesen Beitrag 这篇文章的标签: Ausstellung 展览, in Deutschland 德国, aus China 中国, Bücher 书籍

... link (0 Kommentare)   ... comment