Samstag, 11. Januar 2020
2020 KW2: Lebensthemen

Vorlagezeichnungen von „Tattoo-Jack“, Zeichnungen von Motiven, die sich zum Teil unter Warlichs Vorlagen finden. 1975, Reproduktion. Aus der Ausstellung: Tattoo Legenden: Christian Warlich auf St. Pauli. Im Museum für Hamburgische Geschichte, 27.11.2019–25.5.2020.

Diese Woche habe ich viele Bücher gekauft und aus der Bibliothek ausgeliehen und mir teils im Anschluss gekauft. Eines war die Sonderausgabe „Kunst in China“ der Zeitschrift Du nach einem Besuch der Redaktion in Shanghai 2010. Die Edition war nicht in der Bib vorhanden, und ich weiß nun auch, warum. Denn leider erwies sie sich nur als eine Art Werbebroschüre für Fritz Kaiser – einstigem Olympiateilnehmer, dann Bankier, Treuhänder, Formel-1-Unternehmer und was nicht alles, der sich als Philanthrop und Mäzen beschreiben lässt und der, ich hatte zuvor noch nicht von ihm gehört, Sammler chinesischer Gegenwartskunst seit 2003 ist – im Gegensatz zu Sigg scheint er es dem Netz nach weiterhin zu sein. Ob er immer noch zwischen all der Popart seiner ersten Wahnkäufe in seinen Anwesen sitzt? Zunächst aber einmal war Kaiser Erbe einer Liechtensteiner Beratungsfirma, aber gut, da muss man schon was draus machen können. Man will ihm auch zugute kommen lassen, dass er das Kitten von Steuerschlupflöchern in Liechtenstein förderte – wie weit auch immer das gediehen sein mag. Man weiß bei solchen Menschen nie, wie skrupellos sie oder ihre Vorfahren bei der ersten eigenen Geldanhäufung vorgingen, kommt aber doch nicht herum, ihre Umtriebigkeit zu bewundern.

Die tatsächlich nur vier kurzen Artikel in dem Blatt waren enttäuschend mau, einer ein kotauendes Interview mit Kaiser, einer ein staunender Text über Lorenz Helbling und durch diesen ein halber Einblick in die Geschichte der Gegenwartskunst in China, der dritte ein seichtes Bla zu Uli Sigg. Am Ende dann findet sich ein Essay, der nichts mit Kunst in China zu schaffen hat, aber wohl insofern als passend angesehen wurde, weil er sich mit dem Thema Verantwortung beschäftigt – was nur mache ich mit meinem ganzen Geld, mit meinem Leben, gar mit den Gütern, in die ich meine Lebenszeit und mein Geld investiert habe? Hach, aus einer einfachen, gediegen proletarischen Perspektive (so pseudo sie sein mag) lässt sich so wunderbar lästern.

Aber weder um Verantwortung noch um Investition soll es mir hier gehen, macht ihr mal, ich sähe schließlich auch gerne eine Straße nach mir benannt, wofür ich nun allerdings erst einmal etwas Bewegendes über meinen kleinen Dunstkreis hinaus leisten müsste. Insofern bleibe ich bei der Begrenzung meines leicht pochenden Neides mit meinem weiter vorhandenen Unwohlsein, Hinterfragen, ob dies denn mit rechten Dingen vonstatten geht.

Egal, denn: Komplett müßig war die Lektüre nicht, manchmal ist es bloß ein einziger Absatz, der einem ausreichen kann. Den möchte ich hier zitieren, es ist der erste in besagtem Essay:

„In jedem Leben gibt es gefühlte Themen, die einen ständig und ungefragt umtreiben. Die Vertrautheit mit ihnen ist eine tägliche Kraft und Bereicherung. Sobald wir jedoch darüber nachdenken, beginnt ihre existenzielle Bedeutung weh zu tun. Weil eine Hilflosigkeit fassbar wird, der eigenen, mehr oder weniger flüssig gelebten Wirklichkeit auch im Kopf gerecht zu werden – in Form von wichtigen Entscheidungen beispielsweise, die halbwegs bewusst zu treffen oder nachträglich zu bewältigen sind. Der Wunsch, souverän zu meistern und zu nutzen, was das volle Leben an Möglichkeiten eröffnet, kollidiert mit Erfahrungen persönlichen Unvermögens und Ungenügens.“
Martin Heller: Selbstverantwortungslosigkeit. In: Roy Spring und Oliver Prange (Hgg.): Kunst in China. Sonderedition. Zürich: Du Kulturmedien AG 2011, S. 62.

Erstaunlich ehrlich schreibt Heller viele Absätze später, dass es ihm bei diesen Zeilen eigentlich um die Trennung von seiner Frau vor zwei Jahren gehe. Auch wenn dies mein Klatsch- und Tratsch-Gen jauchzen ließ, war es dieser Absatz, der mich zum Nicken brachte – über das Phänomen der eigenen Lebensthemen, das er, wie ich finde, sehr gut auf den Punkt bringt.


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