Dienstag, 4. Oktober 2011
Artikel zur Ausstellung von Yves Netzhammer in Shanghai
Gerne würde ich irgendwann einmal meine Publikationen auf der einen Seite mit den finalen Versionen und diesen gegenüberstehend auf der anderen Seite mit den Vorabversionen inkl. Kommentarstrukturen veröffentlichen. Die Fragen, die im Prozess einer Publikation auftreten, scheinen mir äußerst spannend für das dt.-cn. Verständnis, Unverständnis und Missverständnis. Das aber nur am Rande, hier Referenz und Text, s. auch den Post vom 2.5.2011:


Stefanie Thiedig: Der Versuch, eine Universalsprache zu finden. In: Passagen, Nr. 56 (September 2011), Ortszeit: Shanghai. Zürich: Pro Helvetia. Auf Deutsch, English und Français bei Pro Helvetia.


Der Versuch, eine Universalsprache zu finden

Die Ausstellungsreihe Action and Video – CH/CN Art Now in Shanghai zeigt Videokunst aus der Schweiz und China und bietet den Kunstschaffenden beider Länder eine Plattform für den Dialog.

Von Stefanie Thiedig, Shanghai – Performance und Video, Form und Medium – das sind grosse Begriffe, um die es in der von April bis Dezember 2011 dauernden Ausstellungsreihe Action and Video – CH/CN Art Now in Shanghai geht. Auf der einen Seite stehen das Minsheng Art Museum und die dort ausstellenden chinesischen Künstler, auf der anderen Seite die von Pro Helvetia Shanghai eingeladenen Schweizer Kunstschaffenden, und dazwischen Li Zhenhua, der in Zürich und Beijing lebende Kurator und das Bindeglied der ganzen Show. Dazwischen steht aber auch die interkulturelle Verständigungsarbeit, die auf beiden Seiten viel Geduld erfordert und die Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen.


Kunststudenten aus Shanghai stellen die Werke unter Anleitung der Künstler fertig (Foto von Jin Jingyi 金静仪).

Kontraste und Parallelen

Retrospektiven chinesischer Gegenwartskunst haben seit Sommer 2010 in China Hochkonjunktur. Diesen September zeigte das Minsheng Art Museum einen grossen Überblick chinesischer Videokunst. Dem aktuellen Thema haben sich das neue Pro-Helvetia-Büro in Shanghai und der Kurator Li Zhenhua angeschlossen. Das Projekt Action and Video – CH/CN Art Now will mit der Gegenüberstellung zeitgenössischer Videokunst aus der Schweiz und China Kontraste und Parallelen aufzeigen und den Kunstschaffenden beider Länder eine Plattform für den Dialog bieten. Dabei treffen die Schweizer Künstler Yves Netzhammer, Bernd Schurer, Roman Signer, Yan Duyvendak und Marc Lee sowie der Kunsthistoriker Beat Wyss auf die chinesischen Künstler Liu Wei, Lu Jie, Aaajiao, Zhang Peili und Lu Chunsheng. Eröffnet wurde die Ausstellungsreihe am 19. April unter Anwesenheit des Schweizer Bundesrats Didier Burkhalter. Die erste Schau galt Yves Netzhammer in Begleitung des Computerkünstlers und Visual Artist Bernd Schurer – der ursprüngliche Titel Die Anordnungsweise zweier Gegenteile bei der Erzeugung ihres Berührungsmaximums wurde auf Englisch kurzerhand mit Nature Fear Entity übersetzt.

Schmetterlingseffekt

Die Ausstellungsreihe soll nicht als klassisches Anschauungsobjekt, sondern als Kommunikationsmittel dienen, mit dem der künstlerische Schaffensprozess im Entstehen greifbar wird. Deshalb haben die Projektverantwortlichen auch das Minsheng Art Museum und zahlreiche Shanghaier Kunststudenten mit eingebunden. Nachdem die ersten Wandzeichnungen gemalt, Rauminstallationen angebracht, Videos integriert und Klänge synchronisiert sind, und damit das Grundgerüst steht, wird die Ausstellung unter Anleitung der Künstler zusammen mit den Studenten fertiggestellt. Noch immer geht es in chinesischen Kunstschulen primär um Methoden und Produktionsvorgänge – das chinesische Bildungssystem lässt nicht viel anderes zu –, doch gerade auch über formale Aspekte können die Standpunkte der Künstler in der Gegenwartskunst erkannt werden. Li Zhenhua äussert mit Blick auf den an chinesischen Schulen vorherrschendem Drill: «Mit unserem Ansatz kann natürlich nicht das chinesische System verändert werden, aber wer weiss, vielleicht entsteht ein Schmetterlingseffekt.» Begleitende Workshops, Vorträge, Besuche von Schulen und Institutionen sollen dazu beitragen.

Lernen müssen auch die beiden Kulturen miteinander: «Obwohl ich schon eine ganze Weile mit Schweizer Künstlern zusammenarbeite, befinde ich mich in einem gewaltigen Lernprozess, was die unterschiedliche Arbeitsweise chinesischer und Schweizer Künstler angeht», so Li Zhenhua. Das chinesische mantrahaft verwendete «Manman lai» («immer mit der Ruhe») zielt ins Herz kultureller Missverständnisse, und Europäer können es oft nur schwer nachvollziehen. Dies auch deshalb, weil in China dann gleichzeitig vieles sehr schnell geplant und umgesetzt wird – man verständigte sich deshalb für die Ausstellungsreihe darauf, Work in Progress zu leisten.


In Szene gesetzte Sinneserfahrung: Yves Netzhammer bei der Arbeit (Foto von Jin Jingyi 金静仪).

Neues Pro-Helvetia-Büro in Shanghai

Da Netzhammers Werke nicht einfach und auf den ersten Blick verständlich sind, sind die Studenten mit Kommentaren sehr vorsichtig und nähern sich häufig über die Tierfiguren seinen Themen an. «Als Elemente ohne Kodierung und Bewertung sind Tiere ideale Emotionsträger und bieten Raum für Assoziationen», so Netzhammer. Die Beschäftigung mit Individuum, Kultur und Natur wirft bei Netzhammer existenzielle Fragen auf: Der Oberfläche ist nicht mehr zu trauen – sie öffnet den Blick für den psychologischen Raum darunter: auf unsere Ängste vor dem Ausbruch aus Konventionen, auf die Labilität unserer Weltsicht. Nicht alles ist für jeden lesbar, doch die in den Szenen dargestellten Sinneserfahrungen sind von einer starken und umfassenden Ausdruckskraft, die den Beteiligten beider Kulturen die Möglichkeit gibt, sich in einer Art Universalsprache zu finden.

Darauf hofft auch das neue, im Oktober 2010 offiziell eröffnete Liaison Office von Pro Helvetia in Shanghai. Seit 2008 wurden mit gegen siebzig künstlerischen Projekten Erfahrungen für einen Kulturaustausch zwischen China und der Schweiz gesammelt. Das Büro beschäftigt drei lokale Mitarbeiterinnen: Die Leiterin Sylvia Xu wird unterstützt von Cathy Fu in Shanghai und Eliza Wang in Beijing, die Pro Helvetia Shanghai mit der Hauptstadt verbindet. «Wir sind ein kleines und damit äusserst flexibles Büro, und die Strukturen sind nicht so hierarchisch wie in vielen anderen Ländervertretungen», so Xu. Der inhaltliche Schwerpunkt wird jedes Jahr neu gesetzt: Dieses Jahr ist es die Videokunst, im folgenden Jahr wird es Design und Architektur sein. Künstler werden allerdings selten direkt gefördert, stattdessen arbeitet Xu hauptsächlich mit chinesischen Institutionen zusammen, die einzelne Projekte finanziell und mit ihren Netzwerken unterstützen. Das Minsheng Art Museum, Partner des aktuellen Projekts, leistet diesbezüglich Pionierarbeit, denn es ist in China das erste und bislang einzige gänzlich von einer Bank finanzierte Museum für chinesische Gegenwartskunst. «Mittlerweile planen auch andere Banken die Gründung von Museen», so der Direktor Zhou Tiehai. «Das ist Neuland für uns in China – momentan beschäftigen wir uns noch mit fundamentalen Prozessen der Museumsarbeit und dem Aufbau von Sammlungen.»

Informationen über die aktuellen Ausstellungen und Anlässe zu Action and Video finden sich unter Pro Helvetia China.

Stefanie Thiedig (*1980) arbeitet als freiberufliche Kulturvermittlerin unter dem Namen Kulturgut in Beijing. Im September 2010 hat sie zusammen mit Katharina Schneider-Roos das Kompendium Chinas Kulturszene ab 2000 über die chinesische Kunstszene der Nullerjahre im Christoph Merian Verlag herausgegeben.

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Dienstag, 30. November 2010
"Kultur HEUTE" im Dt.-Cn. Kulturnetz
Und hier mein Artikel im Deutsch-Chinesischen Kulturnetz als Resümee, das ich aus dem Buch gezogen habe (Überschrift und viele Informationen sind angelehnt an den Artikel "Von der Subkultur zur Kulturindustrie: Die unabhängige Kunstszene" von Sabine Wang in unserem Buch S. 18-28) – 中文在这里:

2000-2010: Von der Subkultur zur Kulturindustrie

Im Mai 2010 fanden erstmals und dann gleich zwei bedeutende Retrospektiven der chinesischen Gegenwartskunst statt. Unter dem Motto Reshaping History präsentierten das Today Art Museum und die Arario Gallery in Peking chinesische Kunst von 2000 bis 2009, im neuen Mingsheng Art Museum in Shanghai ging es sogar um den Zeitraum von 1979 bis 2009 – dem Alter der zeitgenössischen Kunst in China.

Rückblick

Von 1950 bis zum Ende der Kulturrevolution 1976 gab es keine Verbindung zur Außenwelt in China. Die späten 1970er Jahre nach der Öffnung Chinas durch Deng Xiaopings Reformpolitik waren geprägt von künstlerischer Basisarbeit, woraufhin in den 1980ern eine Zeit großer gesellschaftlicher Offenheit folgte. Ausgehend von den Universitäten und mit der Forderung nach Veränderung verknüpft, wurde alles absorbiert, was nach der langen Isolation Chinas endlich wieder zur Verfügung stand, ein Kulturfieber brach aus – die New Wave. Mit dem Schock von 1989, dem harschen Zurechtweisen von offizieller Seite, kam es zu einem Rückfall in den Untergrund, es folgten sowohl eine äußere als auch eine innere Emigration in den 1990er Jahren. Doch auch hier ließ man sich nicht vollständig den Mund verbieten: Die ersten Künstlerkommunen, Beijing East Village und Yuanmingyuan, sowie Ausstellungen in Wohnungen von Freunden und Bekannten als sogenannte Appartement-Art waren damals interessante und experimentelle Orte für Malerei, Performancekunst, Lyrik, Musik und Theater in China. In den ersten Jahren des neuen Jahrtausends befreiten sich dann die Künstler aus der Isolation und begannen, Teil des Establishments zu werden. Die Bildende Kunst kann als das Paradebeispiel für den Wandel der zeitgenössischen Kunstszene von einer Subkultur der 1990er Jahre zur Kulturindustrie in den 2000ern bezeichnet werden – mit dem Künstlerviertel 798 als Inbegriff.

Markpunkt für die kreative Industrialisierung

Heute, im Jahre 2010, sind in den offiziellen Kanon chinesischer Kunst diejenigen Künstler aufgenommen, deren Ausstellungen Ende der 1990er noch durch die Zensurbehörde verboten oder geschlossen wurden. Die damaligen Outcasts wurden zu Pionieren, so manch ein Museumsleiter entstammt der früheren Untergrundszene, zeitgenössische Kunst – zunächst verboten, dann ignoriert – wird nun von der chinesischen Regierung als symbolisches Kapital erkannt. Insbesondere seit Aufstellung des aktuellen Fünf-Jahres-Plans (2006-2010) gilt Soft Power, die sanfte Macht, als neues Schlagwort der Kulturdiplomatie. Die chinesische Regierung hat erkannt, dass sie die Welt nicht ausschließlich mit ökonomischen Leistungen von sich einnehmen kann, was dem kulturellen Sektor einen enormen Aufschwung bescherte. Als ein Markstein für die Kommerzialisierung der Kunst gilt die offizielle Hervorhebung der Kreativindustrie als neuer Wirtschaftszweig im Jahre 2006. Im selben Jahr fand die chinesische Kunst international wirtschaftliche Anerkennung und ihr gelang der kommerzielle Durchbruch: Im Auktionshaus Sotheby’s in New York wurde die erste Auktion chinesischer Gegenwartskunst abgehalten und ein Werk aus der Reihe Bloodlines von Zhang Xiaogang (张晓刚) erzielte dabei die Rekordsumme von knapp einer Million US-Dollar. Euphorie breitete sich aus, der Hype zeitgenössischer chinesischer Kunst brach aus.

Kommerzialisierung und Institutionalisierung

Die Grenzen zwischen unabhängiger und offizieller Kunst begannen zu verschwimmen, seit Ende der 1990er Jahre ist es zu einer langsamen Annährung zwischen den Künstlern und den Vertretern des offiziellen China gekommen – was schließlich zur Kommerzialisierung, aber auch zur Institutionalisierung führte. Mittlerweile ist es nicht mehr unabdingbar, in einen Verband aufgenommen und damit Parteimitglied zu sein, um das Einkommen zu sichern. Die Gunst der Verbände ist nicht mehr die einzige Möglichkeit für Künstler, denn viele Unabhängige haben sich inzwischen mit den Begebenheiten des Marktes arrangiert – nun buhlen die Verbände bereits um Mitglieder und sind angewiesen auf gute Künstler, was Chancen auf eine relative Ausgeglichenheit versprechen lässt. Teilweise kommt es zu Lockerungen der Zensurbestimmungen – wobei die Willkür einzelner Entscheidungsträger weiterhin undurchsichtig bleibt – und unabhängige Produktionsfirmen unter anderem im Film- und Theaterbereich, im Verlagswesen und in der Architektur sind inzwischen erlaubt.

Kulturschaffende müssen sich neben künstlerischen und moralischen Fragen seit diesem Jahrtausend auch mit kommerziellen auseinandersetzen. Die Finanzierung von Kunst und Kultur, die sich nicht selbst trägt, ist zu einem brennenden Thema geworden, es werden dringend weitere Institutionen sowie Stiftungen und ein umfangreiches Kultursponsoring benötigt. Öffentliche Gelder sind knapp bemessen, hinzu kommt die Privatisierung zuvor staatlich subventionierter Einrichtungen, die nun ebenfalls als Konkurrenten auf den Markt treten. So ist es etwa für Theater- und Verlagshäuser wesentlich leichter, den Mainstream zu bedienen, was unabhängige Kunst häufig auf ein Nischendasein beschränkt. Ein Phänomen, das im Westen weidlich bekannt ist und durch Chinas Eintritt in die Marktwirtschaft besonders deutlich zum Vorschein kommt.

Der Weg ins neue Jahrzehnt

Die Nuller-Jahre waren eine rasante Zeit, geprägt von Kommerzialisierung und Globalisierung, von scheinbar uneingeschränkten Möglichkeiten. Die Zeit des kollektiven Gedankenaustausches und Arbeitens innerhalb von Gruppen war vorbei, die Wahrnehmung der chinesischen Künstler als Individuen in der internationalen Szene hatte begonnen – weg von der Verklärung exotischer Romantizismen. „In dem Bedürfnis, ihre Werke einem Publikum zu präsentieren, sind nun die Künstler dabei zu lernen, eine Balance zu schaffen, die ihrer Instrumentalisierung durch die chinesische Regierung standhält“, so Li Zhenhua (李振华), unabhängiger Kurator und Künstler.

Diskussionen der Art, ob der Beginn der Kommerzialisierung der Tod der Avantgarde war und wie Preisanstieg und Quantitätssprung das Schaffen der Künstler beeinflussen, werden nun abgelöst durch Fragen nach der Funktion von Kunst in China, nach dem chinesischen Selbstbewusstsein, den zu vermittelnden Werten und nicht zuletzt nach der Bildung des Publikums. Gefragt sind neben den Künstlern immer dringender auch die Intellektuellen des Landes, von denen allerdings erst verhalten etwas zu hören ist. Nun, zu Beginn der 2010er Jahre, scheint nach dem großen Hype der Vorreiter in der Bildenden Kunst mit internationaler künstlerischer und finanzieller Anerkennung, nach der Wirtschaftskrise, den Olympischen Spielen und auch einhergehend mit dem Jahr des Gedenkens 2009 eine Zeit des Reflektierens und der Selbstbesinnung angebrochen. Die Umsetzung bleibt mit Spannung zu erwarten.

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Donnerstag, 18. November 2010
LA PUBLICA –– The Booklaunch!
If you happen to be in Beijing: Please feel welcome to come to the Bookworm on Thursday, November 25th, 2010 at 7:30 pm to celebrate with us the booklaunch with panel discussion of

Katharina Schneider-Roos and Stefanie Thiedig (eds.): Culturescapes China: Chinas Kuturszene ab 2000 (China's Cultural Scene Since 2000). Basel: Christoph Merian 2010.



It has taken quite a while with quite some difficulties in between. Nevertheless, a nice product came out … And now, it is finally ready! The publication is printed and circulating.

The booklaunch has taken place in Basel and was a great success. To also round up our project here in Beijing and to celebrate our work, we are getting together with our illustrious circle of authors and all of you interested in the Chinese art scene.



The art scene in China and especially in Beijing is on the verge of a change. Culturescapes has gathered almost thirty authors taking a ten year's retrospective look at China's art scene. Chinese artists from different disciplines are described exclusively by authors who have been actively involved in the scene. Join us to hear about their work and experience in this vibrant art capital.

Focus

Our goal was to define the present by reviewing the past ten years and venture an outlook into future developments. The main focus lies on the subject of how artists deal with commemoration – because we saw a change of reflection after the hype and boom of the years between 2000 and 2008/9 after the Olympic Games and especially after the financial crisis. Artists are moving a step backwards for reflection no. We have been tracking the artist's ideas they had in 2009, the "year of remembrance" (Tian'anmen 20 years, PRCh 60 years, May-4th 90 years and so on).

Content

An overall introduction about the cultural industry provides the readers with background information and hopefully opens up new perspectives.

The main chapters are fine arts, film and photography, literature and theatre, music, and architecture – each written by around five authors controversially and complementarily visualising their own scope and experience of the past ten years. Each chapter includes a brief introduction with the necessary background of the specific discipline in China with the main focus in Beijing.

What we were looking for, on the one hand, was the development and reorganisation of the art scene with the most important happenings during this time, and, on the other hand, we aimed at grasping the personal an active involvement of the authors and artists and their own point of view – subjective and selective. We searched for analysis in form and content, illustrating this publication with pictorial sections for an additional visual understanding.

The participating authors and their input are:

Introduction

- Andrea Riemenschnitter about China's new cultural industry

Images (Fine Arts)

- Sabine Wang about the independent Chinese art scene
- Stefanie Thiedig interviewing the artist and curator Li Zhenhua
- Jasmin T. C. Kossenjans about prices of contemporary Chinese art
- Katharina Schneider-Roos interviewing the collector Uli Sigg
- Kim Karlsson about tradition in ascent in China

Pictures (Film and Photography)

- Katharina Schneider-Roos about the independent Chinese film
- Martin Brandes about Chinese film economy
- Lutz Reitemeier about "Tuya's Marriage"
- Shu Yang about performance photography
- Katharina Hesse's photographic reflections
- Stefanie Thiedig and Katharina Hesse about documentary photography and photo journalism

Dialogues (Literature and Theatre)

- Ingrid Fischer-Schreiber about Internet literature in China
- Patrizia van Daalen about Chinese publishing houses
- Martin Winter about Chinese literature
- Alison M. Friedman about modern dance in China
- Li Yinan about independent theatre in Beijing
- Cao Kefei and Christoph Lepschy about Chinese theatre and Europe
- Wu Wenguang about memory happening

Sounds (Music)

- Dorothea Adam about the alternative music scene in Beijing
- Yan Jun about electronic music in China
- Frank Kouwenhoven about traditional music in contemporary China

Spaces (Architecture)

- Barbara Münch about the contemporary architectural scene in China
- Barbara Münch interviewing the architect Zhu Pei



We are very much looking forward to seeing you next week on Thursday!

And, yes, I am really excited about it!!!

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Donnerstag, 1. Oktober 2009
Der 1. Oktober 2009, 60 Jahre VR China
Heute ist es also soweit, der Tag, auf den viele Mittelschüler hin trainiert haben, auf den die diesjährigen Bauphasen hinausliefen (die Linie 4 soll seit zwei Tagen eröffnet sein), an dem möglichst wenige Störenfriede die nationale Harmonie stören sollten.

Auf allen CCTV-Kanälen läuft dasselbe Bild mit derselben Tonspur, auf Beijing und Tianjin TV das Ganze noch einmal aus einer anderen Kamera:

Zu Beginn der Parade fahren zwei Limousinen aus entgegengesetzter Richtung auf der Chang’an jie vor – aus einer blickt vor vier Mikrofonen platziert die Büste Hu Jintaos, aus der anderen die Fang Fenghuis, laut Sina handelt es sich bei ihm um den „Beijing Military Zone commander and military parade commander“, hier ein Bild derselben Seite:



Zunächst geht es an den Panzern, Soldaten und etlichen anderen militärischen Aufstellungen vorbei. Neben all der bunten Farbe aus der Vogelperspektive auf dem Tian’anmen, herrschen auf diesen Bildern Grün, Schwarz und Blau vor. In der Mitte angekommen spricht Herr Kommandeur Fang einen kurzen Salut gen Hu, der wendet sich mit einem „Die VR lebe 10.000 Jahre“ an das an die Bildschirme verbannte Volk und an die salutierenden Soldaten – im Fernsehen hört man letztere antworten, unten auf der Straße oder von den Nachbarn ist nichts zu vernehmen, eigentlich ist hier fast alles leer, denn die meisten sitzen vor den Bildschirmen. Applaus dann von den Tribünen und das Militär beginnt zu paradieren. Zunächst zu Fuß, in der Nahaufnahme imposant – von Soldatinnen mit kurzen Röcken und hohen Stiefeln (die auch tagesschau.de gefallen haben), Soldaten mit Gewehren im kulturrevolutionären Anschlag (ernsthaft, eine Pose), blockweise marschieren die einzelnen, vielleicht 20 verschiedenen Einheiten von Ost nach West. Ist der Zoom jedoch herausgenommen, wirken diese Blöcke eher winzig, nur ein kleines Kästchen bildend, umgeben von all dem Bunt um sie herum. Dann wird aber wieder aufgefahren, die Panzer rollen in endloser Zahl und Funktion, den militärischen Abschluss bilden, wenn ich aus meinem Fenster blickend recht gezählt habe, 8x9, aber wahrscheinlich eher 9x9 Hubschrauber und darauf 5 Düsenjets mit blau-gelb-rot-gelb-blauen Farbtrassen.

Die Machtdemonstration ist beendet, die Spielereien mögen beginnen. Es folgt ein thematischer Karneval mit all den modernen Errungenschaften und Vielfältigkeiten Chinas, mit geschmückten Themenwagen, die große Plasmaschirme und etliche Promis transportieren, umgeben von lebenden, sich verändernden Massenbildern: Autos, Züge und Raumschiffe; alle Minderheiten vereint auf einem und dann für jede Provinz einen eigenen Wagen – besonders demonstrativ erwähnt werden neben Tibet und Xinjiang Taiwan und HK; Sporthuldigungen, Olympiabekundungen; Revolutions- und Revolutionsführerwagen, allerdings aus der nahen Vergangenheit mit Deng Xiaoping als Ältestem; auch ein paar Ausländer dürfen sich in einen eigenen Wagen setzen und dabei sein. Dies sind die Hauptthemen, es folgen hiervon viele kleine und große Wagen.

So ziehen sie auf der Chang’an jie von Ost nach West entlang, nördlich vor ihnen auf der Balustrade über dem Mao-Portrait am Tian’anmen blickt die teilweise nicht sonderlich mediengeschulte Herrschaft des Landes zu (gerade bohrt sich einer in der Nase, dann blickt einer auf die Uhr, ein anderer gähnt), die meisten halten sich aber gut, weshalb einzelne vielleicht besonders auffallen. Zu sehen sind die stattlichen älteren Herren, die das Volk sonst nur aus der Kongresshalle kennt. Auf der großen Freifläche des Platzes südlich der Parade verläuft ein riesiges menschliches Massenbild nördlich von der Chang’an jie bis zum südlichen Volkshelden-Denkmal und westlich von der Großen Halle des Volkes bis zum östlichen Revolutionsmuseum, das sich thematisch verändert.

Nach der freudigen Paradiererei strömen alle in die Verbotene Stadt. Ehrlich gesagt hatte ich von Zhang Yimos Performance mehr erwartet. Natürlich wurde alles gegeben, Tauben frei und Luftballons fliegen gelassen, militärische Zeichen gesetzt, politisch korrekt die Minderheiten beteiligt und politisch demonstrativ die Grenzen betont. Aber das Ganze wirkte, abgesehen davon, dass es langweilig war – zwar viel und viele bunte Farben, aber noch nichts nie Gesehenes –, es wirkte vor allem nur grob zusammenhängend und teilweise sogar unstrukturiert. Aber gut, es war eine politische Machtdemonstration, die ich mir jedoch nicht ganz so plump plakativ vorgestellt hätte. Außerdem hatte ich eigentlich mit einer ins Detail perfekt gedrillten Veranstaltung gerechnet und da schien der Apparat doch nicht alle komplett im Griff zu haben – wenigstens ein Lichtblick.

Auf BTV läuft nach einem kurzen Zusammenschnitt der Highlights der Promenade ... das Neuste von irgendeiner Handymesse – ich muss gleich mal sehen, ob ich mehr über das neue EQ2 herausfinde.

Während ich dies abtippe und schreibe, beginnt und endet unten auf der Straße ein kleiner Tumult zwischen einem Taxifahrer, einem Motorradfahrer und einem Polizisten. Als das Taxi schon längst weggefahren ist und das Motorrad ebenfalls angerollt wird, herrscht der Polizist immer noch in lauter Stimme um sich herum. Die Devise, heute Ruhe auf den Straßen zu wahren, versucht er mit aller Aufregung einzuhalten.

Der Tag steht in seiner Blüte – nachdem das Wetter für heute nach den vergangenen anhaltenden diesigen Tagen blau bemalt ist, zieht es mich nach draußen ... heute Abend folgt das Feuerwerk.

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Dienstag, 12. Mai 2009
Erdbeben vor einem Jahr.
Heute um 14:28 Uhr brach vor einem Jahr das Erdbeben in Sichuan aus. Heute ist damit einjähriger Gedenktag. Ich habe meine Arbeit unterbrochen und eine Schweigeminute eingelegt. Unten auf der Straße, unterhalb meines Fensters, ging das Leben seinen gewohnten Gang, nicht ein Auto hielt an, nicht ein Mensch blieb stehen, nicht eine von mir in reichlicher Zahl erwartete chinesische Fahne war zu sehen - das Beben hatte letztes Jahr eine enorme Welle an Solidarität ausgelöst und ich sah den Nationalgedanken schon wieder bedenkliche Richtungen annehmend. Nichts in diesem Jahr? Vielleicht sieht es in Firmenkomplexen anders aus, der Blick aus meinem Fenster wirkte auf mich verstörend desinteressiert.

Hier Zeilen von mir, die ich letztes Jahr zwei Tage nach dem Ereignis geschrieben habe:

"Es war heftig am Montag, den 12. Mai, gegen halb drei nachmittags, selbst wenn ich persönlich nur die Ausläufer in Peking miterlebt habe. Doch auch hier soll der Wert der Richterskala auf die Vier zugegangen sein. Es war mein erstes Erdbeben und ich bin auf kein weiteres erpicht. Im 25. Stock in einem Geschäftsgebäude am 3. Ring, wurde mir, und eben das hörte ich später aus aller Munde, auf einmal schwindelig. Die erste, wahrgenommene Schwingung, die dann ohne Unterhalt etwa zwei Minuten anhielt, bis wir über die Treppen im 5., 6. Stock angekommen waren - entweder waren wir zu nah am Boden und sie deshalb nicht mehr zu spüren oder die Wellen waren verebbt. Die Schwingung kann ich am ehesten mit dem Erfühlen einer Tonfrequenz beschreiben, die vereinnahmend ins menschliche Innere dringt. Das Ganze geschieht so schnell, dass man zunächst nicht weiß, wie einem geschieht, weil man schon mittendrin ist.

Jetzt heißt es in deutschen, (auch ich schere über einen Kamm und vermute) in westlichen Medien, die Bilder aus der Erdbebenregion seien für China erstaunlich offen, was immer wieder lobend erwähnt wird. Einerseits kann ich die ganzen Leichenbilder hier schon nicht mehr sehen. Da geht die Offenheit meiner Meinung nach zu weit. Andererseits werden Länder in harten Zeiten von außen wohl weniger hart in den Würgegriff genommen, teils auch aus Schuldgefühlen wegen vorheriger Fehleinschätzungen oder ebenso fataler Verallgemeinerungen - auf jeden Fall scheint die Balance im Meinungsbild über China durch das Beben wieder hergestellt, sowohl aus chinesischer als auch aus westlicher Sicht. Immer nur durch Schläge in den Nacken möglich - auf einer anderen Ebene, aber ähnlich vernichtend wie dieses Erdbeben."

Lange gehalten hat das Ganze nicht, wenn man die Entwicklungen während der olympischen Spiele sieht - natürlich war China nicht ganz unschuldig daran, gegönnt wurde es ihm jedoch nicht. Allerdings ist auch der "eine Traum der ganzen Welt" (One World, One Dream) wieder vorbei, jetzt stöhnt die Bevölkerung wegen der bevorstehenden 60.-Jahrfeier und ihren Regulierungsmaßnahmen - und scheint kaum Zeit zu finden, sich mit Katastrophen auseinanderzusetzen.

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Montag, 27. April 2009
Joyside im Yugong Yishan.
Die "Maybe Tonight"-Tour durch ganz China vor einem halben Jahr lebte am Freitag, den 24. April, nach sechs Monaten Pause noch einmal auf. Joyside 摇滚 füllte den Laden.



Wir kamen gegen Viertel nach zehn an, holten uns ein Bier und hörten mit den ersten Schlücken die ersten Klänge. Gutes Timing. Ein super Auftritt. Ok, die meisten Lieder waren ziemlich kurz und gerade dann, wenn man das Gefühl hatte, so konnte es noch einen Moment bleiben, hörten die drei wieder auf. Aber der Sound war gut und so die Stimmung. Wild am Abgehen der Schlagzeuger Guan Zheng 关铮, mit dicken Brillengläsern der eher in sich gekehrte Bassist Liu Hao 刘耗 und der mit hartem Xinjiang-Dialekt Sprüche klopfende und mit demselben Dialekt Englisch singende, das Publikum begeisternde Sänger Bian Yuan 边远 bildeten wirklich eine witzige Band. Nach vielleicht sieben Songs hieß es von Bian Yuan, was allerdings wegen der Rigorosität mit gleichzeitig verblüffender Leichtigkeit wiederum ziemlich locker war, nur kurz und knapp: 完了 - jetzt ist Schluss. Er drehte sich um, stöpselte seine Gitarre aus und ging hinten von der Bühne, seine beiden Kumpanen schraubten an dem anderen Equipment, nahmen es und waren ebenfalls bald verschwunden. Keine Forderung nach einer Zugabe kam auf, Charly und ich sahen uns fragend an, alle anderen schienen es mit Gelassenheit hinzunehmen.

Zack, Medienwechsel! Bald wurden dann eine Leinwand heruntergelassen und Mitschnitte von der Bandtour durch Deutschland und die Schweiz gezeigt, man merkte jetzt, wie viele Deutsche im Raum waren, bei Berlin ein Yeah! von der einen Seite, bei Hamburg ein Ach! von uns usw. Unverständlich blieb, warum die Tour von Hamburg nach Zürich und zurück nach Köln verlief, alle Strecken in einem durch, es wurde entsprechend viel in die Kamera gegähnt und nicht alle der fast durchgehenden Nahaufnahmen waren besonders vorteilhaft gefilmt. Zeit zu gehen, nach einer Stunde zog es uns wieder auf die Straße. Die 40 Kuai für die CD waren noch drin, die Jungs live aber definitiv besser als im Player zu Hause. Joyside haben, wenn auch nur sehr kurz, gerockt!

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Dienstag, 31. März 2009
听不懂
Die nördlichen Dialekte aus Dongbei, Hebei, Tianjin, auch der Inneren Mongolei mit Shandong-Einschlag waren noch einigermaßen verständlich, aber bei den Versionen aus dem südlichen Guangdong oder, besonders spannend, weil ich es noch nie gehört hatte, aus dem westlichen Qinghai konnte ich nicht mehr folgen – wäre es nicht ein und derselbe Text gewesen, hätte ich teils nur den unterschiedlichen Melodien lauschen können. Wie aufmunternd, dass es den hauptsächlich chinesischen Zuhörern ebenso ging. Eine wahrlich gelungene Veranstaltung des Goethe-Instituts (China) am Sonntag, den 29. März 2009, das Rezitationstreffen zum neuen Buch von Liu Zhenyun: "Eins zählt als Zehntausend". Zunächst wurde von einem Deutschen ein von „Lehrer Liu“ stammender Textabschnitt aus seinem neuen Werk auf Mandarin vorgetragen, wonach etwa fünf Dreier- bis Vierer-Gruppen den Text unter sich im Dialog aufteilend in der Mundart ihrer Provinz wiedergaben. Rezipienten und Zuhörer waren gleichermaßen begeistert.

Der zweite Teil bestand zunächst aus einem Vortrag von und anschließend aus einer Diskussion mit dem Schriftsteller Liu Zhenyun 刘震云 (1958 in Henan geboren), der ausführlich und ausholend, vollkommen frei und unglaublich lebendig sprach. Das Publikum war wie gebannt, es sollte die ganze Zeit Torte für jeden geben, aber die interessierte niemanden, jeder wollte noch eine Frage stellen, ein Mädchen stellte gleich zu Anfang ihrer Frage klar, dass noch zwei weitere folgen würden. Das Thema des kulturellen Reichtums, hier aufgegriffen durch die vielen und so unterschiedlichen Dialekte, fand großen Anklang und zeugt von dem Bedürfnis, das immer stärker in China zu spüren ist: Wer sind wir eigentlich, wo und was sind unsere Werte, Ursprünge, Vorstellungen, Eigenheiten?

29.3.9
Die Veranstaltung fand in der neuen Bibliothek des Goethe-Institutes (China) im Erdgeschoss des Haixing Gebäudes (海兴大厦), Zhongguancun, statt, die wirklich sehr schön geworden ist und nun häufige Veranstaltungen beherbergen soll. Ich bin gespannt auf mehr.

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Community in Transition.
Nehme ich die Abfindung, ziehe aus meinem 8 qm großen, wenig isolierten Hutong ohne sanitäre Anlagen aus und hinein in ein Hochhaus in die Vorstadt oder bleibe ich lieber weiterhin mit der Großfamilie und all den Bekannten im Trubel und Beisammensein der kleinen Gassen wohnen? Das ist ein wenig plakativ, aber keineswegs unehrlich gefragt – ein Ansatz, der in dem Dokumentarfilm „A hutong and it’s Community in Transformation“ von Falk Kagelmacher am Samstag, den 28. März 2009 thematisiert wurde. Der knapp 15-minütige Film, der allerdings in den letzten dreißig Sekunden aussetzte und dem Publikum nur noch den Abspann bescherte, bot keine städteplanerischen Lösungen, sondern war das Produkt des vor zwei Jahren von Kagelmacher initiierten Projektes „Community in Transition“ (CiT). Kagelmacher, als GTZ-Berater seit 2003 für das Planungsamt des chinesische Bauministeriums tätig, will ein Bewusstsein für die Hutong-Situation schaffen, für die Menschen, die in dem wilden Bauboom-Durcheinander weiterleben wollen.

Kagelmacher schwärmt von der Wohngemeinschaft der Hutongs und lässt Hutong-Kinder die Lebenssituation ihrer Wünsche malen – Villen, eigene Häuser mit viel Grün und Blau ... Auch wenn die Hutong-Gegenden modernisiert und entwickelt werden müssen, ist es für den Städtebauer wichtig, „das existierende soziale Netzwerk zu erkennen und damit zu arbeiten. Trotz aller Nachteile bieten inner-städtische Wohngebiete in Peking ein sicheres Lebensumfeld im menschlichen Maßstab und ein breites Angebot“, so steht es in seiner Broschüre. Als verplantes Beispiel nennt er CBD, das Businessgebiet bei Guomao, in dem nach Feierabend niemand mehr auf den Straßen zu finden ist, weil dort einfach niemand wohnt. Die Vorführung war aber auch insofern interessant, weil sie in dem Hutong von Frau Wang stattfand, deren Sohn und Tochter, seit langem in Deutschland arbeitend, extra für die Eröffnung des zur Vermietung hergerichteten Baus in Peking waren. Es ist ein schönes, liebevoll renoviertes Siheyuan in der Dong songshu hutong Nr. 17 im innersten Stadtkern nahe beim neuen Nationaltheater, dem Großen Ei (大鸡蛋). Es befindet sich in einer kleinen Gasse, in der viel gebaut wurde, denn nicht alle Alt-Pekinger wollen nach Tongzhou abgeschoben werden.

In Ermangelung von Fotos der Veranstaltung, hier eines vom Ei, über das der Taxifahrer auf dem Weg dorthin zunächst ausgiebig herzog, nach meiner Begeisterung aber meinte, dass es, zusammen mit der Großen Hose (dem CCTV Gebäude) und dem olympischen Vogelnest, doch auch interessante Aspekte aufweise. Diese Art der Bauweise wird von der Bevölkerung nicht zu unrecht skeptisch beäugt, als Statussymbole verschlingen sie Unmengen öffentlicher Gelder und walzen über einstige Wohnviertel. Aber auch die moderne Architektur stößt (neben der ganzen Abrisssache) auf Unverständnis und viele fragen sich nach typisch chinesischen Elementen – nicht so beim Nest, das fast uneingeschränkte Zustimmung erfährt. Außerdem sind diese Bauwerke, obwohl erst vor kurzem fertiggestellt, bereits im Verfall begriffen, sie rosten vor sich hin, man sieht Plastikeimer, um Regenwasser aufzufangen, auch gewartet werden sie kaum – wenig Substanz ist leider immer noch typisch für chinesische Gebäude, es geht um den imposanten Anblick.


Gegen 18 Uhr am 28. März 2009 mit Drachen am Himmel, hier als kleine schwarze Punkte sichtbar.

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Montag, 16. März 2009
Subkulturbrei.
Angekündigt als „Destination China“ der Punks, Schwulen, Rebellen, als „Hier bringen euch zwei freshe Typen die Underground-Realness ins Wohnzimmer“, stellten Zachary Mexico China Underground und James West Beijing Blur vor. Bücher, Filme, Reportagen über die Jugend und ihr heutiges Leben in China stehen weiterhin hoch im Kurs, verkaufen sich besonders gut im Westen, wo man das Flair des Illegalen schätzt (im Fall Chinas verstanden als Rebellion gegen das diktatorische Regime). Ich bin da etwas voreingenommen und gerne bereit, mir meine Meinung bestätigen zu lassen: Die Jungs haben bestimmt zufällig jemanden mit einer Gitarre kennengelernt, der zum überpräsenten Businessvolk konträr auf sie wirkte – ist zur Genüge bekannt, der Gedanke an Oberflächlichkeit nicht fern ...

Nicht wenige beanspruchen die Entdeckung einer Subkultur in China für sich, wer nicht alles Cui Jian entdeckt haben will, na gut, den verpasst, suche ich mir in dem Milliardenvolk halt einen anderen Freak. Es gibt wirklich so viel Spannendes hier – doch das Subkultur-Genre, das mit der Ambivalenz von Verruchtheit und politischem Anliegen spielt, wird einfach unglaublich plakativ malträtiert.

Mexico aus den USA, West aus Australien stellten sich vor: Nach einigen Jahren im Land, hätten sie in ihrer Heimat nichts über das von ihnen authentisch erlebte Reich der Mitte gefunden, keiner der Menschen, die sie kennengelernt hatten, war erwähnt. Als Schreiben über China ist die Bestandsaufnahme der beiden in deskriptiver Quasi-Tagebuchform definitiv legitim – extrem subjektiv, fast forward, willkürlich ins Blaue hinein, aufsaugend und wiedergebend, was gerade um einen herum passiert, nicht unbedingt repräsentativ, aber interessant, wenn sich der angenommene oder vorhandene Blickwinkel auf das andere einlässt, ohne blind zu folgen.

Sich der Klischees bewusst, sich ihrer bedienend, wollen beide über ihnen stehen, sind trotzdem mittendrin. Ich finde diesen Ansatz gar nicht mal schlimm, er hat durchaus seine Berechtigung – ich würde mir nur wünschen, dass man ehrlicher ist. Natürlich verkauft es sich nicht sonderlich, wenn man sagt, von etwas eigentlich kaum Ahnung zu haben, aber was spricht dagegen, Subjektivität in den Vordergrund zu stellen? Man muss einen Kosmos nicht erst Jahrzehnte bewohnen, um ihn mehr als nur intuitiv zu durchdringen, Zeit braucht es natürlich, aber das Belächeln eines einjährigen Aufenthalts ist auch zu einfach. Gerade James West machte einen recht offenen Eindruck, der nicht nur auf die eigene Sichtweise begrenzt schien. Bei Zachary Mexico war es schwer zu sagen, er brabbelte mehr, schien aber auch noch extrem verkatert vom Vorabend.

14.3.9
Literaturwochen im Bookworm am Samstag, 14. März 2009, 12:30-14:00 Uhr.

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Sonntag, 15. März 2009
Mo Yan im Bookworm.
Als „Big Breasts and Wide Hips – Howard Goldblatt and Mo Yan, with translation by Hao Wu“ war die heutige Veranstaltung anläßlich der Literaturwochen des Bookworm angekündigt. Obwohl ich vor beinahe Wochen zum Ticketkauf aufgebrochen war, befand ich mich hinter einem guten Dutzend anderer auf der Warteliste – Mo Yan wollten alle sehen. Wirklich intensiv habe ich ihn nie gelesen und kann mich eigentlich nur mit gemischten Gefühlen (interessante Narration, teils ziemlich überbordende Deskription) an Die Schnapsstadt erinnern, Das rote Kornfeld kenne ich allein aus der Verfilmung von Zhang Yimou, der angekündigte Titel riss mich nicht unbedingt vom Hocker. Aber man hat ja nicht jeden Tag die Möglichkeit, Mo Yan life zu erleben. Also erwarb ich Karten für die Veranstaltung davor (die ich ebenfalls sehen wollte, wenn auch aus anderen Gründen), heimste von Erin, Mitorganisatorin des Festivals, in der Pause einen Anwesenheitsmarker ein und kam tatsächlich noch in den Genuss zweier Karten.

14.3.9
So begeistert, wie Mo Yan und H. Goldblatt auf dem Foto wirken, schienen sie auch von meiner Bitte, sie ablichten zu dürfen – ob das noch am Jetlag lag, den beide aus Oklahoma mitbrachten, wo Mo Yan gerade den Newman-Preis für chin. Literatur entgegen genommen hatte, bleibt dahingestellt.

Am Sonntag, 15. März von 15-16:30 Uhr, begann Mo Yan (Jg. 1956 aus Gaomi, Shandong) mit der Bemerkung, dass Events wie diese immer von Ausländern ausgerichtet und bevölkert wären, wobei ich mir nicht sicher bin, ob Argwohn mitschwang oder reine Betrübnis. Als bloße Feststellung ist es kaum vorstellbar – bedauerlich war jedenfalls, dass nicht Englisch sprechenden Chinesen der Zugang wegen der Sprachbarriere verwehrt blieb.

Nach einiger Zeit der Einleitung, ausgiebiger Huldigung und einigen netten Anekdoten zwischen Howard Goldblatt und Mo Yan, ging es in der guten Stunde, die abgezogen von der Autogrammzeit real zur Verfügung stand, mit Hauptaugenmerk auf das neuste Werk Mo Yans, Der Überdruss (生死疲劳 Shengsi pilao, Engl. von H. Goldblatt als Life and Death are Wearing me out) von 2008, hintergründlich auch um Die Schnapsstadt (酒国 Jiuguo) von 1993 und Das verwünschte Sandelholz (檀香刑 Tanxian xing) von 2001. Um die Brüste und Hüften ging es nur sehr am Rande.

Der Überdruss umfasst die letzten 50 Jahre der Geschichte Chinas, die angelehnt an die mystische Fiktion im Liaozhai zhiyi von einer Person in verschiedenen Wiedergeburtsphasen durchlebt werden. Eigentlich, so Mo Yan, wollte er über den Menschen schreiben, landete aber alsbald bei den Tieren, die ihn schon in früher Kindheit begleitet hätten – als er für fünf Jahre wegen Aufmüpfigkeit von der Schule flog, seien Hühner und Schweine seine Kindheitsfreunden geworden. Hier ist jedoch kein Widerspruch zu finden, denn seine Tiere weisen eindeutig menschliche Züge auf. Den Roman in 43 Tagen geschrieben, weist er die Kritik von sich, dies könne aufgrund der kurzen Investition kein gutes Werk sein – schließlich kämen Figuren vor, die er bereits seit 43 Jahren kenne. Auch hat er als Schauplatz seine Heimat Shandong gewählt, mit der ihn alle seine Sinne, besonders aber der Klang der Sprache verbinden. So auch die Elemente der lokalen Oper, deren Grammatik und Umgangssprache er ebenfalls aufgenommen hat und mit denen er die einzelnen Charaktere ganz unterschiedlich auftreten lässt. Dabei fiel auf, dass Mo Yan fast Hochchinesisch sprach, aus Interviews kannte ich ihn bislang nur mit dem etwas gelispeltem Dialekt.

Interessant war die Frage, die Mo Yan, wie er erzählte, einmal von einem Franzosen in Bezug auf Das verwünschte Sandelholz gestellt wurde. Warum in modernen chinesischen Romanen wie in diesem um die berechtigte Frage nach der Verantwortung eines Henkers so außerordentlich häufig und detailliert Gewaltszenen geschildert sind. Da Mo Yan dies selbst aufgebracht hat, wunderte mich seine banale Antwort dann doch, in der er mit Lu Xun auf Schaulust zurückgriff, um schließlich alles auf den Punkt zu bringen, dass Damen gerne zusähen, schrieen und in Ohnmacht fielen, um am nächsten Tag wiederzukommen. Das war nicht das einzige Mal, dass ich während der Veranstaltung das Gefühl hatte, er wäre in einer anderen Zeit stehen geblieben – allerdings meines Erachtens in einer Zeit selbst 50 Jahre vor seiner eigenen.

Alles in allem eine nette Stunde mit einem doch sehr sympathischen Mo Yan.

14.3.9

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